AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2016

Petra Hinz und Co. Krankhafte Lügner

Jeder hat schon mal gelogen - aber wer erfindet gleich sein ganzes Leben neu, so wie die Politikerin Petra Hinz? Eine Forscherin ergründet das Wesen der schwerwiegenden Schwindelei und definiert das Profil des perfekten Hochstaplers. Von Frank Thadeusz


Hochstapler DiCaprio im Film "Catch Me If You Can" von 2002
Andrew Cooper / United Archive

Hochstapler DiCaprio im Film "Catch Me If You Can" von 2002

Das Bewerbungsgespräch war gut gelaufen, doch eine Frage sollte der Kandidat für die Stelle des Oberarztes der Psychiatrie noch beantworten. Wie denn der Titel seiner Promotion laute, wünschte der Vorsitzende der Auswahlkommission zu wissen. Die Antwort des Bewerbers kam prompt: "Über kognitiv induzierte Verzerrung mit einer stereotypen Urteilbildung" sei der Name des Werks - eine "Aneinanderreihung leerer Begriffe", wie der Bewerber deutlich später einräumte.

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Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

Eine sofortige Enttarnung des Hochstaplers wäre angesichts dieses Unfugs nur logisch gewesen. Stattdessen verkündete der Chef zufrieden: "Ach, Sie werden sich bestimmt bei uns wohlfühlen." Damit begann die bizarre Karriere des gelernten Postboten Gert Postel als Oberarzt in einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie in der sächsischen Gemeinde Zschadraß.

Noch immer gilt Postel als prominentestes Beispiel für jenen irritierenden Menschenschlag, der sich durch hanebüchene Schwindeleien Posten und Positionen ergaunert. Konkurrenz erwächst ihm nun durch die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz, die ebenfalls bedeutende Teile ihres Lebenslaufs erlogen hat.

Im Parlament dozierte die Sozialdemokratin über die Zukunft der Altersvorsorge und die Finanzprobleme von Städten und Gemeinden. Ihren professionellen Auftritt unterstrich sie durch einen scheinbar von Willensstärke geprägten Karriereweg ohne Brüche: Abitur, Jurastudium, erstes Staatsexamen, zweites Staatsexamen.

Doch unterdessen stellte sich heraus: Hinz hat nicht einmal das Abitur gemacht. Umso verwirrender, dass die inzwischen abgetauchte Politikerin mit ihrem erschwindelten Lebenslauf sogar prahlte. Einen tatsächlichen Experten wies sie etwa mit der forschen Bemerkung zurecht: "Wir haben doch beide das zweite Staatsexamen. Das müssten Sie doch besser wissen."

Petra Hinz: Ihren professionellen Auftritt unterstrich sie durch einen scheinbar von Willensstärke geprägten Karriereweg ohne Brüche: Abitur, Jurastudium, erstes Staatsexamen, zweites Staatsexamen.
DPA

Petra Hinz: Ihren professionellen Auftritt unterstrich sie durch einen scheinbar von Willensstärke geprägten Karriereweg ohne Brüche: Abitur, Jurastudium, erstes Staatsexamen, zweites Staatsexamen.

Warum sagte sie das? So offensiv? Sie musste doch Entdeckung fürchten! Wie kommt es überhaupt dazu, dass sich jemand in ein derart komplexes Fantasiegebilde verstrickt? Sich gar, wie auch Postel, in ein völlig neues Leben schwindelt? Geht das peu à peu, immer eine neue Schönfärberei, Mehrdeutigkeit, Täuschung obendrauf, bis der Berg aus Lügen sich nicht mehr ohne Aufsehen abtragen lässt? Und: Ist das pathologisch?

Eine, die Antworten geben kann, ist Sonja Veelen, Soziologin an der Philipps-Universität in Marburg. Sie beschäftigt sich mit dem bislang kaum ausgeleuchteten Feld der Hochstapelei; nur wenige Forscher haben sich ihm verschrieben. Veelen schrieb ein Buch zum Thema und befragte im Zuge der Recherche auch den professionellen Schwindler Postel. Ähnlich wie Hinz lief er zu dreister Hochform auf, wenn es um die Manipulation des eigenen Lebenslaufs ging.

Mit Anfang zwanzig bewarb sich Postel erfolgreich um die Stelle als stellvertretender Amtsarzt des Gesundheitsamts in Flensburg. Dies geschah, wohlweislich, nicht unter seinem Geburtsnamen; Postel verwendete den weit pompöser klingenden Alias "Dr. Dr. Clemens Bartholdy". Offenkundig durchschaute der Betrüger seine Opfer genau: "Vor allem fühlt man sich dann auch geehrt, dass man mit einem doppelt Promovierten Kaffee trinken darf", bemerkte Postel im Gespräch mit Veelen.

Dass etlichen Hochstaplern ihre Aufschneiderei mühelos gelingt, mag an einem simplen Trick liegen: "Viele Enttarnte berichten, dass sie ihre Rolle wirklich gelebt haben", sagt Soziologin Veelen. Es gehöre zur Strategie erfolgreich Täuschender, "an die eigene Lüge zu glauben".

Der Mangel an wissenschaftlich fundierten Kenntnissen über die skrupellosen Schwindler wurde lange Zeit durch Figuren aus Literatur und Film überdeckt. So avancierte der von Thomas Mann erdachte Hochstapler Felix Krull zu einem Liebling der Literaturgeschichte, angelegt als liebenswürdiger Nichtsnutz ohne Pflichtbewusstsein und Leistungswillen.

Als hoch kriminellen und äußerst charmanten Typen skizzierte auch Steven Spielberg den Betrüger Frank Abagnale in seinem Biopic "Catch Me If You Can" (2002). Trotz eines Millionenschadens durch gefälschte Schecks: Wer konnte dem Gauner böse sein, wenn er als eleganter Pan-Am-Pilot, umringt von Stewardessen, durchs Flughafengebäude stolzierte?

Den inneren Bauplan dieser Sorte Ganoven konnten Forscher noch immer nicht restlos enträtseln. Im "Handbuch der Forensischen Psychiatrie" - herausgegeben von Kapazitäten des Fachs wie Hans-Ludwig Kröber oder Norbert Leygraf - verweisen die Autoren bei der Suche nach Greifbarem gar auf eine Studie aus dem Jahr 1935. Damals hatte der 1987 verstorbene Psychiater Walter von Baeyer sich "zur Genealogie psychopathischer Schwindler und Lügner" ausgelassen.

Baeyer war im Zuge seiner Forschungen einer Gruppe von "abnormen Schwindlern" begegnet, denen er das Krankheitsbild der "Pseudologia phantastica" attestierte: der Neigung zum Lügen aus Geltungssucht und überbordender Fantasie. Der Wissenschaftler hatte ruhelose Persönlichkeiten beobachtet, die eine Neigung zu nächtlichem Aufschrecken und zum Bettnässen zeigten.

Die Betroffenen genießen gleichwohl bis heute das Privileg einer eher verniedlichenden Betrachtung - obwohl sie ihren Zeitgenossen schwerste Schäden zufügen und ausdauernd die Gerichte beschäftigen.

Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden etliche Fälle von Hochstapelei aktenkundig. In Berlin ist etwa der 48-jährige Dauerstudent Richard R. aufgefallen, weil er sich mit einem gefälschten Diplom bei der Senatsverwaltung für Bildung diverse Jobs als Lehrer verschafft hatte.

Vor dem Düsseldorfer Landgericht muss sich der 28-jährige Marc G. unter anderem wegen Betrugs und Titelmissbrauchs verantworten. Der Angeklagte hatte sich als Staatsanwalt "Tassilo von Hirsch" ausgegeben und war auch als Anlageberater "Baron von Rothschild" in Erscheinung getreten.

Ein besonders krasser Fall wird derzeit in Berlin verhandelt: Der Krankenpfleger Denny H. rückte als falscher Doktor Reisenden auf einem Aida-Kreuzfahrtschiff zu Leibe.

Klassischerweise seien es "prestigeträchtige Berufe, die Hochstapler anziehen", sagt Veelen. Unter denen von ihr untersuchten Fällen finden sich entsprechend Möchtegernpiloten, -ärzte und -anwälte. Auch die Politikerin Hinz passt ins Bild.

Das Profil des perfekten Hochstaplers definiert Veelen so: "Man muss in der Lage sein, sehr kontrolliert Mimik und Gestik zu steuern, muss auch in brenzligen Situationen Ruhe bewahren und immer in der Rolle bleiben." Hinz kann das. Ihre Mitarbeiter erlebten sie zwar als Leuteschinderin, doch nach außen verkörperte sie perfekt die Rolle der engagierten Volksvertreterin.

Dass die SPD-Frau aus Essen nach elf Jahren im Parlament überhaupt noch überführt wurde, passt eigentlich nicht ins übliche Muster einer Hochstaplerkarriere. "Vieles spricht dafür, dass die Enttarnung immer unwahrscheinlicher wird, je länger eine solche Täuschung anhält", sagt Veelen. Die größte Hürde sei der Eintritt in eine bestimmte Position - "wenn die erst mal genommen wurde, gibt es selten weitere Kontrollen".

Gelegentlich, wie im Fall Postel, fallen Hochstapler auf, weil sie von anderen schlicht erkannt werden. Hin und wieder bringen sich die Betrüger auch durch Maßlosigkeit selbst in Not; so wie der falsche Arzt Denny H., der bei der Berliner Ärztekammer einen neuen Ausweis beantragte, in den endlich sein Doktortitel eingetragen werden sollte.

Petra Hinz wurde durch die Recherche eines Essener Lokaljournalisten zu Fall gebracht. Über ihre derzeitige Gemütsverfassung ist nichts bekannt. Sollte sie jedoch mit ihrem Schicksal hadern, von dem Reporter aus der Heimat desavouiert worden zu sein, hilft ihr womöglich eine Erkenntnis der Wissenschaft. Auf lange Sicht jedenfalls.

Sonja Veelen ist nämlich - nach eingehender Betrachtung des Forschungsgegenstandes - überzeugt: "Aus der Lügenspirale der Hochstapelei gibt es eigentlich nur einen Ausweg. Die Enttarnung."

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Seite 1
doitwithsed 08.08.2016
1.
Immerhin hat die Affäre Hinz etwas Gutes gebracht: Die extreme Überrepräsentation von Akademikern im allgemeinen und Juristen im Besonderen im deutschen Bundestag, die so gar nicht dem Bevölkerungschnitt entspricht, ist nun etwas weniger drastisch. Der Anteil der Abgeordneten ohne Abitur dürfte nun auch prozentual enormen Zuwachs gewonnen haben und damit auch etwas repräsentativer geworden sein.
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