AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2017

Mutter-Tochter-Gespräch "Und jetzt verhält sich meine Tochter so spießig"

Marie Unverzagt ist 21 und wohnt bei ihrer Mutter Gerlinde. Die Tochter stellt Regeln auf (kein Sex in dieser Wohnung), freut sich über frische Wäsche und einen vollen Kühlschrank. Und die Mutter fragt sich: Warum zieht das Kind nicht aus?

Mutter, Tochter Unverzagt am Schloss Sanssouci
Werner Schuering/ DER SPIEGEL

Mutter, Tochter Unverzagt am Schloss Sanssouci

Ein Interview von


Marie Unverzagt, 21 Jahre alt, möchte Medizin studieren und absolviert zurzeit ein Pflegepraktikum, sie ist eines von vier Kindern der Sachbuchautorin Gerlinde Unverzagt, 56. In deren neuem Buch geht die alleinerziehende Mutter der Frage nach, warum junge Erwachsene wie Marie ihr Elternhaus nur zögerlich verlassen - und welche Rolle Mütter und Väter dabei spielen.

SPIEGEL: Marie, Sie sind 20 Monate lang allein um die Welt gereist - und dann zu Ihrer Mutter in die gemeinsame Berliner Wohnung zurückgekehrt. Fühlen Sie sich gar nicht erwachsen?

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Heft 11/2017
Erdogans Deutschland - Geschichte einer Spaltung

Marie Unverzagt: Gemeine Frage. Und die Antwort darauf ist nicht eindeutig. Ich merke jeden Tag mindestens einmal, dass es Zeit wäre zu gehen. Gleichzeitig möchte ich aber unbedingt noch bleiben: Die Welt da draußen ist natürlich weniger geborgen! Hier ist die Wäsche gewaschen und gebügelt, der Kühlschrank gefüllt, ich zahle nichts, all das ist verführerisch bequem. Und das Leben ist gemeinsam oft viel schöner, mein 18-jähriger Bruder lebt ja auch noch hier.

Gerlinde Unverzagt: Zwiegespalten bin ich auch. Wir hatten ja nie so ernsthafte Konflikte, dass mir der Gedanke an deinen Auszug wie eine Erleichterung vorkommen müsste. Und wir haben das Glück, viele Interessen zu teilen, mit niemandem sonst spaziere ich zum Beispiel so gern durch Schlösser. Und sosehr ich solche Momente genieße: Trotzdem befremdet mich die Gemeinsamkeit.

Tochter: Wieso denn das?

Mutter: Meine Freunde und ich waren viel mehr auf Distanz bedacht - zu unseren Eltern, zu deren Lebensstil. Ich wollte so schnell wie möglich zu Hause ausziehen. Ob das Leben dadurch unbequemer werden würde, stand nicht einmal als Frage im Raum. Und nun sehe ich dein Zimmer hier: ein bürgerlicher Mädchentraum mit Blumengirlande und verspieltem Eisenbett. Bei mir stapelten sich Apfelsinenkisten, die Matratze lag auf dem Boden, wir hatten das Haus besetzt, und dass es ein einziger Saustall war, störte mich nicht. Ich mochte meine Eltern letztlich gern, aber ich wollte ihrem Einfluss und ihren Kommentaren entkommen.

Tochter: Das Gefühl kenne ich - und es überfällt mich regelmäßig. Genau dann merke ich, dass es doch nicht ewig so weitergehen kann mit uns. Du behandelst mich manchmal, als wäre ich 13 Jahre alt, als stünde ich selbst als Erwachsene noch unter deiner Fuchtel. Unerträglich.

Mutter: Es wird dir schwerfallen zu glauben, aber ich halte mich meist schon extrem zurück.

Tochter: Denk mal an neulich! Ich wollte von morgens bis abends einfach auf dem Bett liegen bleiben und Serien gucken. Um zehn Uhr geht zum ersten Mal die Tür auf: "Marie, möchtest du einen Kaffee?" Klingt nett, ist aber natürlich als Signal zum Aufstehen gemeint. Um elf dann: "Marie, willst du ein Frühstück?" Um zwölf: "Hast du heute eigentlich noch etwas vor?" Und am nächsten Tag dann der Satz: "Ich kann mich ja nicht den ganzen Tag ins Bett legen und Serien gucken!" Dabei sagst du immer, man soll auf sein Bauchgefühl hören, genau das habe ich getan.

Mutter: Mein Ratschlag bezog sich auf wichtige Entscheidungen.

Tochter: Es war wichtig. Ich hatte eine anstrengende Woche. Ich weiß, es klingt weinerlich und bestätigt die gängigen Vorurteile, aber ich finde Jungsein anstrengend. Ich arbeite im Praktikum 40 Stunden in der Woche ohne Lohn und weiß nicht einmal, ob ich im Herbst zum Studium zugelassen werde. Überall Konkurrenz, überall Leistungsdruck, selbst in den sozialen Netzwerken erwartet jeder, dass ich prompt reagiere.

Mutter: Weißt du, was ich neulich gedacht habe, als du abends über Müdigkeit geklagt und die verbleibenden Stunden mit schlechter Laune bestritten hast?

Tochter: Sag's einfach.

Mutter: "Dann trink halt einen Kaffee und geh putzen! Dann weißt du, was Arbeit ist."

Tochter: Ernsthaft jetzt?

Mutter: Das ist ein bisschen ungerecht, zugegeben, du leistest ja viel. Aber mein Pensum kommt mir nicht kleiner vor, zumal die ganze Hausarbeit für mich liegen bleibt. Auf Augenhöhe - und dort wollt ihr erwachsenen Kinder ja sein - wäre unser Alltag, wenn wir die Aufgaben wie in einer WG teilen würden. Aber wenn der Kühlschrank leer ist, wartet ihr wie Grundschüler weiterhin darauf, dass ich einkaufe.

Tochter: Sei ehrlich, Mama! Du hast dich doch so an die Rolle der Hausherrin gewöhnt, dass du Putzpläne und wechselnde Küchendienste gar nicht aushalten würdest. Du müsstet ja akzeptieren, dass nicht alles haargenau nach deinen Vorstellungen erledigt wird.

Mutter: Meine erwachsenen Kinder sollen von allein merken, dass die Milch alle ist und für Nachschub sorgen. Das war ein Erziehungsziel: Ihr sollt die Bedürfnisse anderer - auch meine - erkennen, respektieren und Verantwortung übernehmen. Ich möchte nicht mehr die Rolle der Gouvernante spielen und erwachsene Menschen darauf hinweisen, dass Tassen mit angetrockneten Kaffeeresten besser nicht zuhauf im Zimmer herumstehen. Ich schweige viel öfter, als du annimmst.

Tochter: Was meinst du jetzt damit?

Mutter: Na ja. Kürzlich war so ein Moment, da habt ihr, du und dein Bruder, verkündet, in dieser Wohnung solle niemand Sex haben, mich eingeschlossen. Ich hätte dich am liebsten vor die Tür gesetzt. Das muss ich nun wirklich nicht mit meiner Tochter absprechen - so habe ich gedacht. Gesagt habe ich nichts.

Tochter: Ja hallo! Wer hätte gedacht, dass dich diese Regel so stören könnte? Wir bekommen in diesen Altbauzimmern sonst schon alles voneinander mit, das muss nun nicht auch noch sein.

Mutter: Aber deshalb dürft ihr mir doch keine Vorschriften für mein Liebesleben machen - in einer Wohnung, aus der ihr schon ausgezogen sein könntet. Ich komme mir vor wie in einer verkehrten Welt: Ich habe früher meine Freunde am Schlafzimmer meiner Eltern vorbeigemogelt und vorher instruiert, welche Treppenstufe knarrt, weil Jungenbesuch superverboten war. Und jetzt verhält sich meine Tochter so spießig wie damals meine Eltern.

Tochter: Aber wenn dich das dermaßen ärgert - warum sagst du nichts?

Mutter: Gute Frage. Einerseits ist da mein Unverständnis über euer Verhalten. Aber andererseits - und vor allem - nagt an mir jetzt schon der Trennungsschmerz. Ich möchte es euch zu Hause so gemütlich machen, dass ihr noch ein bisschen bleibt. Ich ertappe mich dabei, dass ich euer Verhalten hinnehme oder mir sogar einrede, es sei amüsant, obwohl ich es in Wahrheit höchst kritikwürdig finde. Ihr tragt mich vom Klavier weg, weil ihr die Klimperei nicht mehr hören mögt - ich lache. Ihr lasst mich alle Einkaufstüten vier Stockwerke allein hochtragen - und ich lege euch, oben angekommen, ein Überraschungsei hin. Wenn ich darüber nachdenke, finde ich mich leicht irre. Ich befördere, dass ihr euch benehmt, wie ihr wollt.

Studienanwärterin Unverzagt: Bürgerlicher Mädchentraum
Werner Schuering/ DER SPIEGEL

Studienanwärterin Unverzagt: Bürgerlicher Mädchentraum

Tochter: Ich gebe zu, dass ich deine Abschiedsangst manchmal ausnutze: Wenn ich Aufmerksamkeit möchte, brauche ich nur diese Karte zu ziehen. Aber es ist ja nicht so, dass mir dein Trennungsschmerz das Leben nur angenehmer macht. Ich komme oft abends zum Essen nach Hause, obwohl ich gar nicht möchte - damit du nicht allein am Tisch sitzt und dich schlecht fühlst. Ich fühle mich auf eine verwirrende Art verantwortlich für dich, selbst an Tagen wie Silvester, an denen man eher mit Gleichaltrigen feiert. Weißt du eigentlich, wie es dazu kam, dass wir letztes Mal mit dir in der Runde gefeiert haben? Ich habe die Gastgeber darum gebeten.

Mutter: Das ist Loriot pur! Ich hatte alle Einladungen vorher ausgeschlagen, weil ich Silvesterfeiern ja gar nicht mag. Dann wolltest du mich mitschleppen und ich dich nicht enttäuschen.

Tochter: So weit der Beweis, Mama: Reden hilft doch! Das nächste Mal feiere ich allein mit Freunden. Aber im Ernst: Jedes Mal, wenn ich an eine eigene Wohnung denke, komme ich mir vor, als nähme ich dir den Lebensinhalt weg. Ich frage mich, wie du die Lücke füllen willst, die wir hinterlassen. Während bei uns so viel Neues beginnt, läuft es bei dir ja eher in die andere Richtung.

Mutter: Richtung Grab, meinst du. Deine Fürsorge rührt mich. Ich empfinde sie allerdings auch als ein schillerndes Argument, die eigene Bequemlichkeit rechtfertigen zu können. Das Leben ohne euch wird ja auch Vorteile bringen. Ich werde Klavier spielen können, wann ich will. Ich werde nackt vom Bett ins Bad laufen, ohne dass jemand wie angeekelt aufschreit.

Tochter: Ich hoffe, ich irre mich, aber ich halte das für Anfangseuphorie. Ich kenne so viele Geschichten von Eltern, die kaum damit klarkommen, wenn die Kinder sich entfernen. In Neuseeland habe ich ein Mädchen aus Estland getroffen, das jeden Abend mit seiner Mutter skypen musste, weil die es sonst nicht ausgehalten hätte. Überhaupt saßen in den Backpackerhotels lauter Leute abends vor ihren iPads, die ausschließlich mit ihrer Familie zu Hause beschäftigt waren. Und hinterher hatten sie Heimweh, weil sie bei Opas oder Omas Geburtstagsfeier fehlten.

Mutter: Diese digitale Dauerpräsenz erinnert einen ständig daran, dass man sich gegenseitig vermisst, das stimmt. Meine Eltern und ich hatten es da einfacher: An der Straßenecke stand eine Telefonzelle, da marschierte ich alle zwei Wochen mit einer Hand voller Münzen hin.

Tochter: Am Ende hattest du es vielleicht wirklich leichter. Klarere Grenzen zwischen den Generationen, klarere Verhältnisse - das fehlt mir durchaus. Wir Jungen wären dann immerhin den Druck los, uns ständig für euer Seelenleben mitverantwortlich zu fühlen. Im Moment werden wir doch überall mit den Befindlichkeiten eurer Generation konfrontiert. Ihr wollt ewig fit und jung sein, euch neu erfinden, iPhones benutzen, obwohl ihr die Tastatur eigentlich zu klein findet, und am liebsten dieselbe Kleidung tragen wie wir. Ihr rennt mit uns in die Hörsäle, bis dort kein Platz mehr ist, beschwert euch aber, wenn wir keinen Studienplatz in eurer Nähe zugewiesen bekommen. Und gleichzeitig traut ihr uns ein eigenständiges Leben offenbar nicht zu. Lasst uns doch mal unsere eigene Welt. Dann ziehen wir bestimmt auch schneller aus.

Das sagt die Mutter im Video:

"Eine Beeinträchtigung der Selbstständigkeit" Die Autorin Gerlinde Unverzagt über das Phänomen der "Nesthocker" und das gemeinsame Wohnen mit ihrer erwachsenen Tochter

DER SPIEGEL

Das sagt die Tochter im Video:

"Was ist aus mir geworden?" Nach einer längeren Reise lebt Marie Unverzagt mit 21 Jahren wieder zu Hause bei ihrer Mutter. Dort lebt es sich angenehm und günstig - trotzdem hadert sie mit der Situation.

DER SPIEGEL


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Seite 1
demwz 12.03.2017
1. Nesthocker mit 21 ?
Erst mal danke für den Artikel. Finde mit darin durchaus wieder, in der Rolle des Vaters. Auch ich habe im Zimmer mit Weinkistenregal gelebt, aber ausgezogen bin ich nach dem Studium mit 26 ! Allerdings habe ich schon mit 16 gemacht was ich wollte, ein Zustand der mir hinsichtlich meines 17-Jährigen Sohnes den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Der fragt ernsthaft noch wann er zu hause sein soll und wir drehen am Rad wenn es ne halbe Stunde später wird und sein Handy aus ist.
hamish1966 12.03.2017
2. Erwartungshaltung wird übertragen
Junge Erwachsene fallen am Studien- und Arbeitsplatz zunehmend negativ durch unrealistische Erwartungshaltungen auf. Da mutieren Studienabgänger, die sich im Jobinterview als exellent, unabhängig, flexibel, innovativ beschrieben und dargestellt haben, zum Meister des Anspruchs. HR Abteilungen werden mit Fragen zu U-bahnlinienen oder Haushaltsführung bombardiert. In der Uni werden die Eltern vorgeschickt, um Seminare abzusagen oder Probleme zu lösen. Zeitgleich soll die ältere Kollegin als Mutterersatz fungieren: wiederholt geduldigst erklären, emotional stützen aber gleichzeitig heimlich belächelt - wie Mutti eben, die Zuhause für ihre erwachsenen Sprösslinge bügelt, einkauft, aber an Autorität eigentlich schon komplett verloren hat. Wir wollen mit euren erwachsenen Kindern gerne erwachsen umgehen. Bitte Eltern ermöglicht uns das!.
jujo 12.03.2017
3. ...
Zitat von demwzErst mal danke für den Artikel. Finde mit darin durchaus wieder, in der Rolle des Vaters. Auch ich habe im Zimmer mit Weinkistenregal gelebt, aber ausgezogen bin ich nach dem Studium mit 26 ! Allerdings habe ich schon mit 16 gemacht was ich wollte, ein Zustand der mir hinsichtlich meines 17-Jährigen Sohnes den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Der fragt ernsthaft noch wann er zu hause sein soll und wir drehen am Rad wenn es ne halbe Stunde später wird und sein Handy aus ist.
Wir haben unsere Tochter gerne ziehen lassen und sie ist gerne (nach Berlin) gegangen. Amüsiert haben uns eher ihre "Hilferufe" in die Richtung, der Wasserhahn tropft, was soll ich machen. Manchmal war es nicht leicht ernst zu bleiben und ihr Rat zu geben. (lange vorbei) "Überwacht" haben wir nie, denn wir Eltern wurden von unseren Eltern zur Emanzipation vom kuscheligen Elternhaus und zur Selbständigkeit erzogen. Ich wurde erst mit 21 volljährig, habe meine Eltern aber ab 18 auch nicht mehr gefragt, höchstens, auch auf Nachfragen informiert. Es war ein respektvoller Umgang auf Augeshöhe. So ist auch das Verhältnis jetzt mit unserer Tochter.
varioeta 12.03.2017
4. Gen Y vs. Helikopter Eltern
Es ist doch bezeichnend, wie sehr sich beide Seiten brauchen. Ausbalanciert wäre es doch eher in einem Beziehungskonstrukt, dass Nähe und Unabhängigkeit zulässt. Unsere Kinder sollen das Haus mit der Ausbildung verlassen, um stark und autark zu werden, dürfen aber jederzeit für einen (auch regelmäßigen) Kurzurlaub zurückkehren. Wir als Eltern bauen uns ein eigenständiges cooles Leben auf, ohne Abhängigkeit zu unseren Kindern, aber immer mit offenen Armen für Gemeinsamkeiten.
01099 12.03.2017
5.
Das wird lustig, wenn solche Leute dann eine erwachsene Beziehung eingehen wollen und damit überhaupt nicht umgehen können. Fehlende Abnabelung ist nämlich bei weitem nicht nur ein Problem der Herren der Schöpfung und die Verhaltensweisen, die aus dieser Fehlentwicklung erwachsen, sind bei beiden Geschlechtern eigentlich gleich, auch wenn sie bei Frauen gesellschaftlich akzeptiert sind. Ein Mann, der an seiner Mutter klebt und in ihr eine Art "Freundin" sieht, weißt eine psychologische Pathologie auf, bei Frauen ist genau das akzeptiert, obwohl die Pathologie vergleichbar ist. Mit der Art von Realismus macht man sich aber natürlich keine Freunde.
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