AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 37/2016

Interrail Abenteuerland Europa

Eine Viertelmillion junger Menschen ist in diesem Sommer mit einem Interrail-Ticket durch Europa gefahren. Und sie fragen sich, warum viele der Älteren ihren Kontinent so schlechtreden.

Jenny und Jamie in Venedig

Jenny und Jamie in Venedig

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Matteo Leone und Simone Bruno ahnen es vielleicht noch nicht, aber sie haben gerade den Sommer ihres Lebens. Die Prüfungen sind gelaufen, jetzt machen sie Urlaub, und "man kann ihn nicht besser verbringen als so", sagt Matteo. Sie waren in den letzten Wochen in Barcelona, Madrid, Sevilla, Paris, Amsterdam und Berlin. Letzte Nacht haben sie in Prag geschlafen, und der Zug, der gerade den Prager Hauptbahnhof anfährt, wird sie Richtung München bringen. Von dort geht es weiter nach Split, direkt an die glitzernde kroatische Adriaküste.

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Heft 37/2016
Wie späte Kanzler ihr Volk verlieren

Matteo und Simone, beide aus Florenz, beide 20, beide Architekturstudenten, beide sehr lustig, machen seit drei Wochen Interrail. Matteo wirft seinen Rucksack auf den Boden. Er ist zufrieden. Mit sich und dem Urlaub. Auf seinem Handy hat er ein paar Internetbilder von kroatischen Buchten, die er besuchen will. "Schau dir dieses Blau an." Er freut sich wahnsinnig aufs Meer. Es ist wirklich ein schönes Blau.

Europa ist für diese beiden Italiener in diesen vier Wochen einfach nur eine riesige Spielwiese, ein Abenteuerland, das ihnen offensteht, das fremd und vertraut zugleich wirkt. Es gibt keine Eingangskontrolle, es gibt nur Möglichkeiten. Sie können im Zug sitzen, durch den Kontinent fahren und sich fragen, ob sie vielleicht mal hier leben wollen. Oder doch lieber dort. Es ist kein absurder Traum, wie er es noch für ihre Großeltern gewesen wäre. Es ist möglich.

Es heißt, dass Interrail keine Bildungsreise sei, weil man sich die meiste Zeit in Zügen, Bahnhöfen und Schlafsälen aufhalte. Weil die Jungen nur feiern wollten. Dazu zwei Fragen an Simone und Matteo aus Florenz: Wie viele Europäer haben sie kennengelernt?

"Viele, verdammt viele. Mindestens fünf am Tag, würde ich sagen, also 100, Quatsch, das reicht nicht. Mehr, mehr als 100", sagt Matteo.

Und welche Nationalität konntet ihr überhaupt nicht ausstehen? Welches Land sollte nicht zur EU gehören?

Matteo schaut überrascht. "Keines natürlich. Eine dumme Frage ist das."

Interrail ist 44 Jahre alt.

1972, zum 50-jährigen Bestehen des Internationalen Eisenbahnverbands UIC, wurde das Angebot vorgestellt. Eine Idee der Österreicher, Schweizer, Belgier und Niederländer. Das Wort Flatrate gab es nicht, aber das Flatrate-Prinzip für Europas Züge war geboren.

Ein Monat Freiheit für alle bis 21, gültig in 21 europäischen Ländern. Praktisch alle Verbindungen. Ein Preis, beziehungsweise damals noch viele verschiedene: 1700 Schilling, 27,50 Pfund oder eben 235 Deutsche Mark.

Der deutsche Kanzler hieß damals Willy Brandt. Lange davor, 1943, hatte er einen Traum: "Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können."

Der Zug nach München ist mäßig besetzt. Matteo und Simone bekommen jeder einen Sitzplatz für sich und einen für den Rucksack, an den sie sich zum Schlafen anlehnen können. Sie sind überrascht, wie wenig Zeit sie tatsächlich im Zug verbringen. Europäische Züge bummeln nicht mehr, sie rasen. Von Paris nach London geht's in zweieinhalb Stunden, Madrid-Barcelona, immerhin 600 Kilometer, ist in gut drei Stunden zu machen, Paris-Marseille drei Stunden, München-Wien vier.

Die beiden nicken ein, obwohl sie eigentlich ausgeschlafen sein müssten. Ein großes Problem für viele Interrailer ist, dass man in praktisch allen Hostels und Jugendherbergen um zehn das Zimmer verlassen muss. Durchfeiern und früh aufstehen kann man nicht mal mit Anfang zwanzig vier Wochen lang. Um zehn Uhr raus, Matteo und Simone halten das für eine Zumutung.

Madrid

Madrid

Darum haben sie sich einen kleinen Trick zurechtgelegt. Er geht so: Sie stehen zu spät auf, also weit nach zehn, packen in Ruhe ihre Sachen und schleppen sich zur Rezeption. Dort beginnt die Show. Aufgelöst, laut, meist beide gleichzeitig sprechend, denn es gibt italienische Klischees, die schlichtweg erwartet werden. Es war nämlich so: Die Steckdose am Bett war kaputt, darum wurde das Handy nicht aufgeladen, darum klingelte der Wecker nicht, darum waren sie nicht um zehn aus dem Zimmer, darum trifft sie keine Schuld - und darum "è assolutamente not okay", den happigen Late-Check-out-Aufschlag zu bezahlen.

Kein Mitarbeiter hat Zeit oder Lust, die Steckdose zu überprüfen. Der Trick funktioniert neun von zehn Mal.

Nachdem sie das Hostel verlassen haben, auch das ist immer dieselbe Routine, suchen sie sich ein Schnellrestaurant. Meist ein McDonald's oder ein Burger King.

"Meine Mutter würde mir den Hals umdrehen, wenn sie wüsste, dass ich einen Monat lang Hamburger frühstücke." Aber sie haben jeder zehn Euro für Essen pro Tag eingeplant. "Man sollte Döner und Panini mögen, wenn man Interrail macht. Und keine Angst vor Diabetes haben."

Niemand ahnte im Jahr 1972, dass einer von Willy Brandts großen Verbündeten eine Fahrkarte sein würde. Über acht Millionen Interrail-Tickets wurden bisher verkauft, rund anderthalb Millionen allein in Deutschland. Damit sind die Deutschen, nach den Briten, die reisefreudigsten Europäer. Letztes Jahr waren es europaweit 250.000 Interrailer. Der höchste Wert seit Jahren.

Interrail wurde eine Friedensbewegung, eine Wundsalbe gegen Vorurteile, ein Weg, die mentalen Trümmerhaufen des Krieges wegzukarren. Opa dachte in Frankreich an Verdun, in England an Bombennächte, in Spanien an Franco. Der Enkelin ist es wurscht. Sie juckelte ungeduscht und zweiter Klasse durch diesen wunderschönen Kontinent und verführte reihenweise Rimini-Strandjungs.

Europa wuchs in den ersten Interrail-Jahren zusammen. Verwandelte sich in einen großen Wirtschaftswunderzug, der alle Richtung Wohlstand mitnahm. Immer mehr Länder stiegen zu. Als die Fahrt nach Jahrzehnten ins Stocken geriet, zu einer Zeit, als Frieden schon lange kein Ziel, sondern Realität war, fingen die Ersten an, mehr Früher zu fordern. Sie wollen zurück in die Ära der Trümmerhaufen. Viele sagen, sie sei wieder da.

Prag

Prag

England weiß nicht, was es will, auf jeden Fall soll es nicht europäisch sein und hat "Brexit" gestimmt. Das katholische Polen versteht unter Solidarität und Barmherzigkeit, jährlich rund zehn Milliarden Euro netto aus Brüssel zu erhalten und im Gegenzug 400 Kriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren. Ungarn will überhaupt niemandem helfen, und damit es sich nicht so rumspricht, hat es Mediengesetze, auf die afrikanische Despoten stolz wären. Finnland überlegt, den Euro wieder zurückzugeben. Frankreich, die Niederlande, Österreich, Dänemark, Deutschland ziehen alle ihre eigenen nationalen Europakeifer heran, die im Chor "besser allein als in schlechter Begleitung" anstimmen.

Willy Brandt lag falsch: Es braucht keinen Krieg, um Europa zu hassen.

Machen sich Matteo und Simone, die beiden Italiener im Zug nach München, Sorgen um ihre Zukunft, um die Bankenkrise in Italien, das zerbröckelnde Europa? "Ja, natürlich", sagt Matteo, "aber erst wieder im Herbst."

Ernsthaft?

"Wie sind Optimisten", sagt Matteo, das sehe man schon an ihrer Studienwahl. Sie studieren Architektur. In Florenz. In einer Stadt, in der seit 400 Jahren nichts mehr gebaut werde.

Interrail, das ist die große Pause zwischen Spiel und Ernst, zwischen Schulbank und Bürostuhl. Es ist der andere Zustand. Die Regeln sind einfach.

Hauptbahnhof verlassen, Hostel oder Jugendherberge suchen. Dort andere Interrailer kennenlernen, die auch gerade angekommen sind. Dann ein paar Sehenswürdigkeiten googeln. Manchmal fährt man hin, macht Fotos, die an die Eltern gehen, denen man die Reise natürlich als Bildungsurlaub verkauft hat. Manchmal schickt man einfach nur Fotos, die man im Netz findet. Vor allem, wenn die Stadt einen Strand hat. Dort kann man meist einen schönen Mittagsschlaf machen. Nachts zieht man los. Jede Nacht, vier Wochen lang. Eine Bar, ein Klub, ein Platz, auf dem junge Leute sind, ein Straßenfest, eigentlich ist es egal. Es ergibt sich immer etwas.

"Wir bleiben ein, zwei, drei Tage. Den fehlenden Schlaf holen wir auf den Zugfahrten nach", sagt Simone.

"Ich schlaf, wenn ich wieder in Italien bin", sagt Matteo. "Es gibt ganz sicher keine billigere Art, Urlaub zu machen."

Der sogenannte Global-Pass kostet für einen Monat freie Fahrt in 30 Ländern 479 Euro. Matteo und Simone haben den Pass für 15 Reisetage in einem Monat. Er kostet 361 Euro, 24 Euro pro Reisetag. Es ist ihr Sommer. Ihre Jugend. Ihr Kontinent.

Eure Sorgen.

München Hbf ab 07:38 Verona Porta Nuova an 13:13

München

München

Der Eurocity knarzt und setzt sich langsam in Bewegung. 5Stunden, 35 Minuten wird er von München bis Verona brauchen. Wenn man Interrail macht, merkt man schnell, wie klein Europa doch ist. Jamie Anderson und Jenny Aczel, beide 18, aus Exeter im Südwesten Englands, drei Wochen unterwegs, haben sich Italien fürs Ende aufgehoben. In Venedig soll die Reise enden, natürlich Venedig. Man möchte ihnen zurufen, dass Venedig ein furchtbarer, touristischer, degenerierter Italo-Romantik-Themenpark ist, doch die Wahrheit ist auch, dass nur jemand, der vergessen hat, wie es war, verliebt das erste Mal den Markusplatz zu sehen, so etwas Dummes sagen kann.

Jamie, sanfte, tiefe Stimme, und Jenny, eher der aufgeregte Typ, warten auf ihre "results", die Ergebnisse ihrer Zulassungsprüfungen für die Uni. Es sind wichtige Wochen für die beiden, vielleicht die entscheidenden ihres Lebens. Schaffen sie es mit ihren Noten nur auf eine mäßige englische Universität, steht ihnen aller Erfahrung nach eine mäßige englische Karriere bevor. Sie haben beschlossen, nicht darüber nachzudenken, "weil man sonst verrückt wird".

Jammern führt zu nichts, anders als ein Interrail-Ticket: Kopenhagen, Amsterdam, Brüssel, Hamburg, Berlin, München, Venedig. 60 Euro pro Tag für zwei, das muss reichen. Tut's auch. "Man macht viele Picknicks in Parks."

Jamie, kluger Junge, ahnt, welche Frage kommen wird, und klärt sie von sich aus noch vor Rosenheim. Jeder will das in diesem Sommer von einem Briten wissen, den er kennenlernt: "Ja, wir haben Remain gewählt. Und ja, es fühlt sich schrecklich an, draußen zu sein." Jenny sagt, dass es ihre erste richtige Wahl gewesen sei, sie sei gerade 18 geworden, und dann das. "Ganz im Ernst, ich wollte mir für diese Reise ein T-Shirt drucken lassen, auf dem steht, dass ich Britin bin und nicht die EU verlassen wollte."

Die Politik dominiert die ersten Minuten des Gesprächs, das war auch früher so. Interrail hatte schon immer etwas von einer diplomatischen Mission. Besteigt man den Zug in einem fremden Land, kommt man leicht mit Menschen ins Gespräch, wird man zum großen Politikerklärer der Dinge daheim. Früher, zur Zeit, als Abteile, in denen man sich gegenübersaß, Regel und nicht Ausnahme waren, passierte das noch viel häufiger. In modernen Zügen mit ihrer Lass-mich-in-Ruh-Sitzreihung ist es schwieriger.

Jamie, der Geografie studieren will, hat die Nacht des Referendums nicht geschlafen. Er hat überlegt, sich vielleicht doch für Politik einzuschreiben, "um den Irrsinn rückgängig zu machen", traut sich aber nicht.

Er glaubt, dass es die Alten waren, die das Land aus der EU getrieben haben. Die überhaupt das Problem sind. "Die verbitterten Alten. In Wahrheit kann es ihnen ja auch egal sein, was aus uns wird. Es ging bei der Wahl nicht um die Zukunft, es ging darum, was ihnen heute nicht gefällt."

Es ist ein Gedanke, den man immer wieder hören wird von jungen Interrailern. Die Krise Europas, es ist eine Krise der Alten. Die Jungen kommen mit Europa klar. 80 Prozent der 18- bis 24-jährigen Briten wollten die EU nicht verlassen.

Aber in Großbritannien passiert dasselbe wie im Rest Europas auch, die Alten bestimmen die Richtung. Sie sind mehr, und obwohl es ihnen besser geht, als es ihren Eltern je ging, sind sie verdammt wütend.

1950 waren 8,2 Prozent der Europäer über 64, 2050 werden es 28 Prozent sein. Es könnte vieles erklären, das Alter. Warum dieser Kontinent sich so ängstlich benimmt, ständig mehr Zäune, mehr Kontrollen und mehr Polizei fordert, obwohl er so sicher ist wie nie zuvor. Warum er so misstrauisch ist, dem Nachbarn nicht traut, so wunderlich ist. Man kennt diese Wut, diese Stimmung. Man sieht sie manchmal bei Rentnern, die durch den Park gehen und anscheinend grundlos auf jedes Stück Müll hauen, das jemand liegen gelassen hat. Oder im Bus, wenn die alte Dame mit Hut die Verachtung dieser Welt auf jemanden niederprasseln lässt, nur weil der Behindertensitzplatz nicht schnell genug geräumt wurde.

Diese Stimmung meint Jamie.

Paris Gare du Nord ab 15:13 London St Pancras an 18:02

Amira Erden ist Türkin, Soziologiestudentin, Muslimin, und sie reist allein. Sie hat ihre Interrail-Reise in Norwegen angefangen, ist über Litauen, Lettland, Polen, Deutschland, Frankreich bis nach London gefahren. Eine nachdenkliche, zurückhaltende Frau mit kurzen, braunen Haaren und dunklen Augen. Sie ist gerade aus Paris angekommen und sehr angetan von der monumentalen Empfangshalle von St Pancras. Ihre Cousine, die sie abholen wird, steht im Stau, darum hat sie ein paar Minuten.

"Ich weiß, dass Europa Probleme hat", sagt Amira, "und ich weiß auch, dass ich solche Probleme gern hätte."

Die Idee zur Reise kam ihr spontan, sie wollte einfach nur weg aus Istanbul, nachdem ihr Professor festgenommen wurde. Warum er festgehalten wird, weiß sie bis heute nicht. Sie weiß, dass er vor einiger Zeit in der Vorlesung anregte, die Lebensumstände der syrischen Flüchtlinge in Istanbul wissenschaftlich zu untersuchen. Das türkische Innenministerium hatte das aber ausdrücklich verboten. Außerdem galt er als Linker, seit er sich vor drei Jahren an den Protesten am Taksim-Platz gegen die Regierung beteiligt hatte.

"Mich macht Interrail traurig." Die Gespräche mit den anderen Reisenden sind schwierig. Sie sprechen von Europa, meinen aber die EU. Wie soll man Leuten in Deutschland oder Frankreich erklären, zumal jungen Leuten, dass man sich genau überlegen muss, wem man was in der Uni anvertraut? Dass man für Gedanken ins Gefängnis kommen kann?

Amira hat mit Europa nur ein Problem, allerdings ein sehr großes. "Ihr nehmt das alles so selbstverständlich hin. Ihr solltet dankbar sein."

Barcelona Sants Estació ab 11:00 Madrid Atocha an 13:45

Sie haben den Bahnhof in Barcelona gerade renoviert. Sehr hell, sehr modern, viel zu viele Geschäfte. Eine der ersten Interrail-Erfahrungen des Jahres 2016: Die Hauptbahnhöfe europäischer Länder haben sich in Einkaufszentren mit Zuganschluss verwandelt.

Barcelona, keine Überraschung, wird von Touristen überrannt. Und seit die Politik in der Türkei sich entschieden hat, alles dafür zu tun, damit man in allen Mittelmeerländern außer der Türkei Urlaub macht, kommen noch mehr.

Felicitas Kern, Lea Meier und Rike Schepers, gerade volljährig geworden, sitzen auf einer Wartebank und umarmen ihre Rucksäcke. Gleich geht der Schnellzug nach Madrid, von da geht es weiter nach Lissabon. Alle drei Berlinerinnen. Felicitas, blond, tolle hellblaue Augen, erzählt: "Ich musste das machen. Meine Eltern bestanden darauf, sie haben sich beim Interrail kennengelernt."

Und? Was ist aufgefallen?

"Wie soll ich sagen? Na ja, wie unglaublich nett die Menschen sind."

Es klingt so jung. So naiv. Felicitas ist völlig davon überzeugt, dass dieser Kontinent vollgepackt ist mit freundlichen Menschen.

Ihre Freundin Rike, um zu zeigen, dass Felicitas recht hat, beschreibt das typischste aller Interrail-Probleme. Sie hatten es gestern.

Barcelona

Barcelona

Aus Marseille kommend, erreichten sie Barcelona erst sehr spät. Kurz nach zehn am Abend. Also war die naheliegende Frage: Investiert man das Geld für eine Übernachtung? Oder schaut man, ob es nicht auch so geht, im Sommer ist es ja nur ein paar Stunden dunkel. Bei den Zimmerpreisen in Barcelonas Hochsaison war klar, dass die drei "mal schauen".

"Bis zwei denkt man, gar nicht so schlimm. Aber ab vier bereut man es total. Uns haben Passanten Geld zugesteckt, weil sie dachten, wir seien obdachlos. Eine Frau kam auf uns zu und fragte, wie sie uns helfen könne."

Früher, das haben ihnen ihre Eltern erzählt, konnte man in den Nachtzügen schlafen, manchmal auch im Bahnhof. Das ist vorbei. Mittlerweile sind viel weniger Nachtzüge unterwegs, und in den Wartebereichen an den Bahnhöfen haben die Bänke Armlehnen bekommen, vermutlich einzig aus dem Grund, damit Interrailer sich nicht mehr über vier Sitze ausstrecken können.

Und um ganz sicherzugehen, sind viele Bahnhöfe nun nachts ganz verschlossen. In einigen europäischen Bahnhöfen scheint die einzige Aufgabe des Wachpersonals zu sein, Reisende am Schlafen zu stören.

Aber nicht nur die Bahnhöfe haben sich verändert, Interrail-Reisen ist anders geworden.

Früher blätterte man durch Berge von Kursbüchern, legte eine Route fest, die man bald wieder über den Haufen warf, weil man einen anderen Interrailer kennengelernt hatte, der den viel besseren Plan hatte. Gefahren wurde meist nachts, so sparte man sich die Übernachtungen. Den Platz in den immer überfüllten Fernzügen Richtung Süden teilte man sich mit Gastarbeiterfamilien auf Heimaturlaub, und wie es einem erging, erfuhren die Eltern zwei Wochen nach der Rückkehr. Da kam die Postkarte aus Kalamata endlich an.

Heute reservieren viele sämtliche Übernachtungen für die Reise vorher im Internet und können nicht mehr spontan sein. Spontaneität ist teuer geworden, manchmal sogar unmöglich, weil einige der europäischen Zuggesellschaften verpflichtende Sitzplatzreservierungen verlangen und schlichtweg die Kontingente für Interrailer beschränkt haben.

Man kann, zum Beispiel in Frankreich und Spanien, nicht einfach in den nächsten Zug steigen. Die meisten buchen die Übernachtungen komplett im Voraus. Man weiß, wo man schlafen wird, Mama und Papa wissen, wo man schlafen wird. Ältere Interrailer werden sagen, dass dies überhaupt kein Interrail mehr ist.

Und natürlich war früher viel mehr Zug. In einem überfüllten Waggon, 48 Stunden von Dortmund nach Thessaloniki, die meiste Zeit neben dem Klo, das schon in Deutschland stank.

Wien Hbf ab 11:42 Budapest Keleti an 14:19

Der Rassist mit Zwirbelbart, den die Österreichische Bundesbahn als Schaffner für diesen Zug eingeteilt hat, brüllt. Der halbe Zug kann ihn hören. Warum dieser "Abschaum" nicht in seinem "verdreckten Scheißland" bleibt, schreit er. Der "Abschaum" sind zwei Roma-Kinder und ihre Mutter auf dem Weg nach Budapest. Sie sind soeben in Wien zugestiegen und sitzen vor den Toiletten auf den Waggonstufen. Offenbar haben sie den falschen Fahrschein. Weinende Kleinkinder "Abschaum" zu nennen geht wohl nur, wenn an der Stelle, wo sonst das Herz sitzt, nur noch ein Haufen Tiroler Kuhdung ist.

Henry, Jonathan und Leo, die in Wahrheit anders heißen, bekommen davon nichts mit. Sie sitzen einige Waggons weiter an einem Vierertisch. Man erkennt sie sofort als Interrailer. Mit dem Ticket erhält jeder ein schmales gelb-grünes Armband. Viele tragen es als Erkennungszeichen.

Die drei sind vor einer Woche in Karlsruhe losgefahren, haben noch drei Wochen vor sich und sind jetzt schon pleite. Jonathan will Arzt werden, Henry Betriebswirtschaft studieren, Leo überlegt noch, vermutlich Architektur. Sie sind jung, es ist ihre erste ernsthafte Reise ohne Eltern. Ihre Eltern, die am Ende darauf bestanden, dass hier nicht ihre richtigen Namen stehen.

Es begann damit, dass die drei in Wien "noch etwas trinken" wollten.

Sie haben gerade Abitur gemacht und sollten eigentlich wissen, dass es in einem Laden, der rosa Neonröhren an der Fassade und verdunkelte Scheiben hat und "Hot Flamingo's Bar" heißt, nicht primär ums Trinken geht. Aber, wie gesagt, die drei sind sehr jung, und die drei Frauen, die sie in Empfang nahmen, waren "krass schön", wie Henry es beschreibt.

Ebenso die Frau, die sich auf der Bühne langsam auszog. Irgendwann saßen sie mit den drei Frauen am Tisch. Die versprachen, was für ein Glück, dass sie für so gut aussehende Jungs eine Ausnahme von der Hausregel "nur gucken, nicht anfassen" machen würden. Den Mut dafür mussten sich die Damen aber noch antrinken. Mit Champagner.

"Am Ende waren es über 3000 Euro, praktisch alles, was wir hatten", sagt Henry, der noch eine Zahnspange trägt. Und nein, sagt Jonathan, es sei absolut nichts gelaufen.

Wien

Wien

Drei dumme Jungs, könnte man sagen. Man lässt sie eine Woche auf Europa los, und sie versacken im ersten Stripklub in Wien. Doch dann nimmt man sich Zeit. Hört ihnen zu, lässt sie einfach mal reden und merkt, wie gut es tut, einmal etwas über die Zukunft Europas von Leuten zu hören, die diese auch erleben werden.

"Es ist nicht finanzierbar, nehme ich an", sagt Jonathan, "aber es wäre vermutlich eine gute Idee, jedem Europäer ein Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag zu schenken, damit er den AfD-Quatsch nicht glaubt."

Es ist nicht so schwer auszurechnen, was es kosten würde. Bei 5,5 Millionen 18-Jährigen in Europa kommt man grob geschätzt auf zwei Milliarden Euro, etwa 1,5 Prozent des EU-Haushalts. Die Bankenrettung war teurer.

"Und was den Euro betrifft, werde ich künftig jedem erzählen, dass die Wechselstuben am Prager Bahnhof 19,9 Prozent Kommission verlangen, wenn man Euro gegen Kronen tauscht", sagt Leo.

Man erfährt, dass die drei sich genau diese vier Wochen Zeit nehmen, um frei zu machen. Um jung zu sein. Um Mist in Wien in einem Laden namens Hot Flamingo zu bauen.

Jonathan, der künftige Arzt, wird nächsten Monat in einem Krankenhaus jobben, die anderen beiden wollen Praktika machen. Es sind Jungs mit deutlich weniger Flausen im Kopf als vergleichbare Jugendliche vor 30 Jahren. Keiner von ihnen wird 20 Semester studieren, denn das "akzeptiert" kein Arbeitgeber mehr. Das "Mal gucken, was wird" haben die Eltern praktiziert und es den Kindern ausgetrieben.

Es gibt reihenweise Studien, die zeigen, dass Jonathan, Henry und Leo keine Ausnahme sind. Die Jungen sind heute leistungsorientierter, politisch interessierter und optimistischer als die Generation davor. Sie machen häufiger Abitur, sprechen besser Englisch, nehmen den Terror ernst, glauben aber auch, dass man deswegen Europa nicht in eine Festung verwandeln muss. Waren nicht mal die Jungen verrückt und die Alten besonnen?

Interrail, das ist ein Monat Freiheit, Europa als Spielwiese, als Abenteuerland.

Es tut gut, einmal etwas über die Zukunft Europas von Leuten zu hören, die diese auch erleben werden.

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Jasro 14.09.2016
1. Europa ist NICHT die EU!
Man darf niemals Europa mit der EU verwechseln. Europa ist ein wunderbarer und -schöner Kontinent, nur die EU als politische Ideologie ist in dieser Form überflüssig und ein Alptraum - und daher im Sinne Europas kontraproduktiv.
dschou 14.09.2016
2. Nur zu empfehlen !
Ich war 1974 im Alter von 18 drei Wochen in Frankreich, England und Schottland mit Interrail unterwegs. Es war phantastisch und ich erinnere mich gerne daran. Ich habe viele Leute kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Man bekommt auch ein Gefühl für die Entfernungen zwischen Orten, wenn man eine Landschaft durchfährt statt nur an Flughäfen ein- und auszusteigen.
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