Verbraucherschützer warnen Warum ein chinesischer Milliardär deutsche Lebensversicherungen aufkauft

Internationale Investoren nehmen den deutschen Lebensversicherern millionenfach die teuren Altverträge ab, um diese abzuwickeln. Schadet das den Kunden?
Milliardär Guo: Bis zum Tod des letzten Rentners

Milliardär Guo: Bis zum Tod des letzten Rentners

Foto: Zhou Junxiang / Picture Alliance / DPA

Der chinesische Milliardär Guo Guangchang ist vielen deutschen Sparern kein Begriff, dabei könnte er in Zukunft wichtig für sie werden.

Guo führt die chinesische Unternehmensgruppe Fosun, die gerade massiv in Europa expandiert. Sie hat in so unterschiedliche Firmen wie das Tourismusunternehmen Club Med oder die Modekette Tom Tailor investiert. Auch eine deutsche Firma namens Frankfurter Leben gehört zum Reich der Chinesen.

Deren Geschäftszweck ist es, in großem Stil Lebensversicherungsverträge aufzukaufen und sie zu verwalten, bis der letzte Rentner verstorben ist. Denn für die etablierten deutschen Versicherungsunternehmen werden viele Altverträge zunehmend zur Last. Allein die Generali Deutschland denkt deshalb über den Verkauf von vier Millionen Kontrakten nach.

Was bedeutet das für den Versicherten? Steht da gerade der große Ausverkauf der deutschen Lebensversicherung an - auf Kosten des Kleinsparers?

Die Arag, die Basler und einige andere Lebensversicherer haben bereits in hoher Anzahl Verträge an Abwicklungsgesellschaften wie die Frankfurter Leben abgetreten. Hunderttausende Kunden fanden deshalb in den vergangenen Jahren ein persönliches Anschreiben in ihrem Briefkasten, in dem ihr neuer Vertragspartner erklärte, dass er von nun an zuständig sei für ihre Beiträge, für ihre Probleme - und auch für die Renten oder Auszahlungen, die sie eines Tages bekommen sollen.

Viel mehr tat sich aus Sicht der Kunden zunächst nicht. Sie erhielten offenbar ohne größere Schwierigkeiten weiter ihre jährlichen Rentenprognosen, ihre Vertragskonditionen blieben die gleichen. Auch die Callcenter scheinen weiter gut zu funktionieren, zumindest sind bei deutschen Verbraucherzentralen keine größeren Beschwerden aufgelaufen.

Für den Versicherten ändere sich bei einem Verkauf seines Vertrages "fast nichts, außer dem Namen", sagt Bernd Neumann, der Chef der Frankfurter Leben. "Wir übernehmen die Garantien seines Vertrages und haben mit den verkaufenden Gesellschaften bisher auch immer vertraglich vereinbart, dass wir das gewohnte Servicelevel beibehalten oder sogar steigern."

Aber warum verkaufen Lebensversicherer Verträge überhaupt? Der Grund ist schlicht: Viele haben ihren Kunden in besseren Zeiten Garantiezinsen von bis zu vier Prozent zugesagt, die sie kaum noch gegenfinanzieren können. Denn an den Finanzmärkten, an denen die Spargelder der Kunden angelegt werden dürfen, lässt sich wegen der niedrigen Zinsen immer weniger erwirtschaften.

Noch dazu müssen für alte Zusagen an die Kunden hohe finanzielle Sicherheitspuffer aufgebaut werden.

Firmen wie die Frankfurter Leben erscheinen vielen Versicherungsmanagern da wie der Retter in der Not. Die Profiabwickler sind zwar der Form nach ebenfalls Versicherungsunternehmen - müssen also ebenfalls strenge Vorschriften beachten -, aber sie setzen auf Größe. Die Logik hinter ihrem Geschäftsmodell lautet: Je mehr Verträge man verwaltet, desto effizienter können Kundengelder an den Märkten angelegt werden. Außerdem sollen eine schlanke Verwaltung und moderne Software für Einsparungen sorgen. "Die IT ist ein entscheidender Kostenfaktor bei vielen Versicherungsgesellschaften", sagt Frankfurter-Leben-Chef Neumann. "Da wird teilweise noch mit Maschinen und Computern aus den Siebzigerjahren gearbeitet."

Glaubt man Neumann, kommt das moderne Management der Profiabwickler auch den Kunden zugute. Schon weil es Vorschriften gibt, inwiefern die Versicherten etwa an Kosteneinsparungen zu beteiligen sind, nämlich zu 50 Prozent, und wie viel ihnen aus den Zinsgewinnen der Kapitalanlagen zusteht, nämlich 90 Prozent.

Jeder Verkauf von Lebensversicherungen muss außerdem von der Finanzaufsicht BaFin genehmigt werden. "Wir stellen sicher, dass der Kunde nach der Übertragung nicht schlechter dasteht als vorher", verspricht der dort zuständige Versicherungsaufseher Frank Grund.

So müssen Firmen wie die Frankfurter Leben Grund regelmäßig vorrechnen, dass sie alle Renten und Auszahlungen an die Versicherten selbst in einem Worst-Case-Szenario ausreichend lange finanzieren könnten.

Verbraucherschützer sind dennoch skeptisch. Viele sehen die Abwicklungsgesellschaften, hinter denen meist internationale Investoren aus den USA, Großbritannien oder China stecken, schlicht als Totengräber, die aus einem sterbenden Geschäft noch die letzten Euro herauspressen. Die Versicherten, deren Verträge da über den Ladentisch gingen, würden "zur Ware degradiert", empörte sich etwa der Chef des Bundes der Versicherten Axel Kleinlein kürzlich.

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg vermisst vor allem transparente Regeln für solche Transaktionen. Es sei für den Kunden nicht nachvollziehbar, welche Vermögenswerte er bei einem Verkauf tatsächlich zu seinem neuen Vertragspartner mitnimmt und welche finanziellen Vor- oder Nachteile jenseits der ohnehin garantierten Leistungen damit für ihn verbunden seien. "Die Versicherten können sich gegen den Verkauf ihrer Verträge nicht wehren, sie müssen darauf vertrauen, dass die Finanzaufsicht ihre Belange tatsächlich wahren wird. Wie dies konkret geschehen wird, bleibt aber im Dunkeln", sagt Nauhauser.

Auch die Politik hat sich in die Diskussion eingeschaltet. Schließlich haben die Deutschen rund 80 Millionen Lebensversicherungen abgeschlossen, damit hat im Schnitt fast jeder Bürger eine, vom Säugling bis zum Greis. Gerade mit der kapitalbildenden Lebensversicherung hat die Finanzbranche jahrelang Kasse gemacht.

"Versicherer tragen bei der Altersvorsorge eine große Verantwortung", erklärt Anja Karliczek, Finanzexpertin der Unionsfraktion im Bundestag. "Wenn sie jetzt in großem Stil Lebensversicherungen verkaufen, ist das ein Vertrauensbruch gegenüber ihren Kunden", findet sie.

Auch für die aktuelle Rentendebatte seien solche Transaktionen Gift, schiebt Karliczek noch hinterher. "Da geht es schließlich auch um die grundsätzliche Frage, welche Rolle der Versicherungswirtschaft bei der Altersvorsorge noch zukommen kann, wenn sie immer mehr Vertrauen verspielt."

Tatsächlich denkt jedes zweite oder dritte Versicherungsunternehmen darüber nach, sich von Altkunden zu trennen, davon ist zumindest Ina Kirchhof überzeugt. Sie ist Chefin der Athene Lebensversicherung AG, eines weiteren Run-off-Unternehmens, wie die Abwicklungsgesellschaften im Branchenslang heißen. Athene hat gerade mehr als zwei Milliarden Euro von Investoren wie etwa dem Private-Equity-Unternehmen Apollo für den Kauf von Lebensversicherungen zur Verfügung gestellt bekommen. "Es ist wesentlich mehr auf dem Markt, als in der Presse zu lesen ist", sagt Kirchhof.

Auch Frankfurter-Leben-Manager Neumann ist überzeugt, dass das Geschäft "gerade erst losgeht". Seine Pläne sind ambitioniert: In fünf Jahren will er schon rund sechsmal so viele Kundengelder verwalten wie heute - rund 30 Milliarden Euro lautet die Zielmarke. "Unter Umständen könnten wir auch das Doppelte schaffen."

Die Frage allerdings ist, ob die Aussichten tatsächlich derart rosig sind. Zwar geht die Ratingagentur Fitch davon aus, dass bis 2022 immer mehr Versicherer das Neugeschäft mit der kapitalbildenden Lebensversicherung einstellen und deshalb Verträge im Volumen von insgesamt 180 Milliarden Euro in die Abwicklung gehen. Das heißt aber längst noch nicht, dass all diese Verträge wirklich veräußert werden.

Der Versicherungskonzern Ergo etwa hat gerade den angedachten Verkauf von sechs Millionen Lebensversicherungen wieder abgeblasen und will die Kunden nun intern weiterverwalten. Dabei gab es genug Kaufinteressenten, doch sie boten offenbar nicht den Preis, den sich das Ergo-Management erhofft hatte.

"Ich bin davon überzeugt, dass viele Investoren, die sich gerade auf dem Run-off-Markt tummeln, das Potenzial dort überschätzen", sagt BaFin-Aufseher Grund. "Ich glaube zum Beispiel nicht, dass man ohne Weiteres sechs schwache Versicherungen zusammenschließen kann und auf diese Weise eine starke schmiedet. Wer einmal einen Bestand migriert hat, weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt."

Grund bezweifelt außerdem, dass bei den Kapitalanlagen noch hohe zusätzliche Renditen zu erwirtschaften seien: "Der Fokus muss auf den Kosten liegen." Die haben viele Lebensversicherer aber ohnehin schon gedrückt, soweit es eben geht.

Vor allem aber scheuen viele potenzielle Verkäufer, dass die Kunden nach einem Verkauf möglicherweise schlecht behandelt werden - und dass das auf sie zurückfällt. "Das Thema ,Reputation' ist bei Verkaufsverhandlungen immer Diskussionspunkt Nummer eins, gar nicht so sehr der Preis", sagt etwa Managerin Kirchhof.

Noch dazu könnte die Politik den Profiabwicklern einen Strich durch ihre Rechnung machen. "Wir loten gerade eine Regelung aus, wonach die Versicherten einem Verkauf ihrer Verträge zustimmen müssten", sagt Finanzexpertin Karliczek. Sollte dieser Vorschlag tatsächlich Realität werden, wäre das ein harter Schlag für die neuartigen Run-off-Gesellschaften.

Und womöglich auch für einige Kunden.

Denn am Ende stellt sich auch die Frage, was eigentlich passiert, wenn Investoren wie Guo ihr Interesse am deutschen Sparer doch wieder verlieren und sich aus dem Abwicklungsgeschäft zurückziehen wollen.

"Wir haben ja schon bei Bausparkassen und Sparkassen erlebt, was die sich alles einfallen lassen, wenn sie hoch verzinste Altverträge loswerden wollen", sagt Verbraucherschützer Nauhauser. Alternativen zum aktuellen Vertrag seien da angeboten worden. Oder es wurde "die Option schmackhaft gemacht, sich doch endlich einen großen Traum mit dem frei werdenden Kapital zu erfüllen", sagt Nauhauser. "Im Interesse des Kunden war das nie."

Er rät Verbrauchern daher, wachsam zu bleiben, wenn ihre Versicherung verkauft wird. "Pauschale Ratschläge wären falsch. Ob nun die Kündigung, die Beitragsfreistellung oder die unveränderte Fortführung im Interesse des Verbrauchers ist, kommt auf den Einzelfall an."

Je nach Zuschnitt könne es trotz aller Risiken durchaus ratsam sein, den Vertrag selbst nach einem Verkauf an einen Investor fortzuführen.