AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2017

Irans letzte Kaiserin Farah Pahlavi "Haben die Ajatollahs noch immer Angst vor Ihnen?"

Farah Pahlavi war Irans Kaiserin, sie kaufte Kunstwerke, auch provokative. Die kaiserliche Sammlung sollte in Berlin gezeigt werden - doch die iranischen Behörden verweigerten die Ausfuhr. Aus Angst vor der 78-Jährigen?

Ex­kai­se­rin Pahlavi in Paris
Jerome Bonnet / DER SPIEGEL

Ex­kai­se­rin Pahlavi in Paris


Performance bei der Eröffnungsfeier 1977 in Teheran
Jila Dejam

Performance bei der Eröffnungsfeier 1977 in Teheran

Die Fotos von den Eröffnungsfeierlichkeiten des Tehran Museum of Contemporary Art aus dem Jahr 1977 zeigen ein Land, das es heute nicht mehr gibt. Man sieht Männer lasziv in engen Hosen tanzen, sie tragen dunkle Brillen, Performancekünstlerinnen sind nur mit roten Wollfäden bekleidet. Der Hedonismus der Siebzigerjahre ist auf diesen Fotos zu erkennen, der Aufbruch einer jungen Generation, die es damals auch in Iran, in Teheran gab.

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Heft 8/2017
Welches Fleisch? Wie viel Fleisch? Künstliches Fleisch?

Diese Bilder, die nun in Berlin zu sehen sind, hat die iranische Fotografin Jila Dejam gemacht. Sie sollten ursprünglich eine geplante Ausstellung im Dezember in der Berliner Gemäldegalerie mit Werken aus dem Tehran Museum of Contemporary Art begleiten, die gedacht war als Symbol einer kulturellen Annäherung zwischen dem Westen und Iran nach dem sogenannten Nukleardeal.

Die damalige iranische Kaiserin Farah Pahlavi hatte die Sammlung in den Siebzigerjahren initiiert. Dahinter steckte auch der Traum von einem weltoffenen, modernen Land, das auch ein grausames Unrechtssystem war. Die Revolution von 1979 beendete den Traum und ersetzte das alte Unrechtssystem durch ein neues. Die Kunstwerke selbst haben diese Revolution erstaunlicherweise überlebt. Sie lagern nahezu unzugänglich im Keller des Museums.

Der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hatte bei einem Besuch in Teheran 2015 überraschenderweise die Zusage für eine Ausstellung von insgesamt 60 iranischen und internationalen Kunstwerken aus dieser Sammlung in Berlin bekommen, darunter ein Gemälde von Mark Rothko und Jackson Pollocks "Mural on Indian Red Ground". Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hatte davon gesprochen, dass man nicht nur den Dialog mit Iran fördern, sondern auch die "liberalen Kräfte, die Zivilgesellschaft" stärken wolle. Am Ende blieb die Ausfuhrgenehmigung durch die iranische Regierung aus.

Farah Pahlavi, inzwischen 78 Jahre alt, lebt seit 1979 im Exil. Sie empfängt in ihrer Pariser Wohnung, umgeben von moderner Kunst und Bildern ihrer Familie.

SPIEGEL: Madame Farah Pahlavi, wären Sie nach Berlin gereist, um die Werke Ihrer Kunstsammlung wiederzusehen, die Sie einst in Iran zusammengestellt haben?

Pahlavi: Aber ja! Auf jeden Fall, wenn auch erst nach den Eröffnungsreden. Daran hätten sie mich nicht hindern können. Deutschland ist ein freies Land!

SPIEGEL: Mit "sie" meinen Sie das Ajatollah-Regime in Teheran?

Pahlavi: Sicher. Die Ausstellung war aus zwei Gründen interessant, erstens weil sie etwas Positives aus unserer Zeit gezeigt hätte, das vor der Revolution entstanden ist. Zweitens sprachen plötzlich viele Leute und die Medien wieder über mich, darüber, was wir gemacht haben damals, und nicht so viel über das heutige Regime.

SPIEGEL: Die iranische Regierung hat keine Ausfuhrgenehmigung erteilt. Haben die Ajatollahs noch immer Angst vor Ihnen, 38 Jahre nach dem Sturz von Schah Reza Pahlavi?

Pahlavi: Viele Menschen sprechen noch immer von meinem Mann. Es macht mir Mut, wenn Iraner auf der Straße, ob hier in Paris oder in den USA, mich umarmen und küssen, vor allem junge Leute, die später geboren wurden, nachdem wir das Land verlassen mussten. Durch Internet und Fernsehen wissen sie, wie Iran früher war, und sie machen ihre Eltern für die heutige Situation verantwortlich.

SPIEGEL: Haben Iran und der Westen, insbesondere Deutschland, mit dem Scheitern der Ausstellung die Gelegenheit zur Annäherung verpasst?

Pahlavi: Wenn Sie einen Dialog haben wollen, der zur Öffnung Irans führt, braucht es mehr als einen Picasso. Man müsste für mehr Freiheit und Menschenrechte im Land arbeiten. Aber Deutschland und der Westen machen bereits wieder Geschäfte mit Iran. Das scheint ohnehin das Wichtigste zu sein.

SPIEGEL: Warum haben Sie damals moderne Kunst gekauft?

Pahlavi: Ich war in den frühen Sechzigerjahren oft in Kunstgalerien, traf dort Künstler, kaufte ihre Werke. Die Reichen in Iran interessierten sich nur für alte iranische Kunst. Eine iranische Malerin fragte mich, warum es kein Museum für moderne iranische Künstler gebe. Daraus entstand die Idee, ein Museum für moderne Kunst aus Iran und aus dem Ausland aufzubauen.

SPIEGEL: Sie holten die Amerikanerin Donna Stein als Kuratorin. Die Eröffnung des Museums war ziemlich avantgardistisch, einige Tanzeinlagen auch provokativ und lasziv, jedenfalls für ein eher traditionelles und konservatives Land, wie es Iran damals war. Die meisten Menschen lebten in Armut. Lebten Sie in einem anderen Iran? In einer Blase?

Pahlavi: Ich glaube nicht. Iran war kein konservatives Land. Ich verstehe nicht, dass einige Leute glauben, nur im Westen könne es Museen für moderne Kunst geben. Ich bin viel durch Iran gereist und habe mit den Menschen gesprochen. Mein Mann arbeitete daran, das Land voranzubringen. Er nannte es die Weiße Revolution.

SPIEGEL: Ein Modernisierungsprogramm für die iranische Gesellschaft, das den Einfluss der Traditionalisten schwächen sollte.

Pahlavi: Wir wollten ein modernes Land werden. Mein Ehemann hat eine Landreform initiiert, die den Feudalismus abschaffen sollte. Es ging um Frauenrechte, Arbeiterrechte, die Verstaatlichung von Wäldern und Wasserressourcen. Erziehung, Krankenhäuser, Büchereien, Wirtschaft, Industrie - wir wollten den Fortschritt. Die Religiösen um Ajatollah Khomeini waren natürlich dagegen.

SPIEGEL: Eine US-Zeitung schrieb damals, die Eröffnung des Tehran Museum of Contemporary Art provoziere den "Zusammenprall einer der ältesten Zivilisationen mit der modernen Welt des Westens der Siebzigerjahre".

Pahlavi: Das ist eine überhebliche Behauptung. Iraner haben so viel Kultur und Geschichte. Persepolis wurde nicht von Sklaven, sondern von bezahlten Arbeitern gebaut. Kyros der Große, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte, erschuf so etwas wie die erste Charta der Menschenrechte. Es wird uns oft vorgeworfen, dass wir es zu eilig hatten. Ich erinnere mich an eine spätere Unterhaltung mit Henry Kissinger, dem ich sagte: Vielleicht wäre der Umsturz nicht passiert, wenn wir fünf, sechs Jahre früher begonnen hätten. Er antwortete, dann wäre es fünf, sechs Jahre früher passiert.

SPIEGEL: Die Sammlung enthält Gemälde wie Francis Bacons "Two Figures Lying on a Bed with Attendants", auf dem zwei nackte Männer zu sehen sind.

Pahlavi: Ich erinnere mich nicht an negative Reaktionen auf das Bild, bei der Eröffnung waren alle glücklich und stolz. Homosexuelle wurden nicht überall in Iran akzeptiert, aber es gab sie, wenn auch nicht so offen wie in Europa. Aber diese Leute heute ...

SPIEGEL: ... Sie meinen die Kleriker?

Pahlavi: Das sind für mich keine Iraner. Ich bitte Sie, was passierte denn, als die Kleriker die Macht übernahmen? Junge Frauen, die demonstriert hatten, wurden vergewaltigt, bevor man sie aufhängte, damit sie nicht ins Paradies kommen.

SPIEGEL: Die Revolution begann nur wenige Monate nach der Eröffnung des Museums. War die Revolution nicht auch eine Reaktion auf die tiefe Spaltung der Gesellschaft, die ungerechte Verteilung des Reichtums, den kapriziösen Lebensstil der Elite?

Er­öff­nung des Te­he­ra­ner Mu­se­ums für zeitgenössi­sche Kunst
Jila Dejam

Er­öff­nung des Te­he­ra­ner Mu­se­ums für zeitgenössi­sche Kunst

Pahlavi: Zumindest was den Ankauf der Kunst für das Museum angeht, habe ich nie Kritik gehört. Heute gehört die Sammlung zum kulturellen Erbe Irans und ist ein Vielfaches wert.

SPIEGEL: Warum haben Sie und Ihr Mann die Strömungen in der iranischen Gesellschaft nicht realisiert, die dann zum Ende Ihrer Herrschaft führten?

Pahlavi: Wir hatten die Lage nicht im Griff, sonst wäre das ja nicht passiert. Unsere Feinde waren gut organisiert, wir nicht. Viele wurden in palästinensischen Lagern, in Kuba und anderen Ländern trainiert.

SPIEGEL: Der Schah verfügte über eine der größten und bestausgerüsteten Armeen der Region.

Pahlavi: Die Kommunisten aus der Sowjetunion, aus China und die Linken waren gegen uns, sie machten gemeinsame Sache mit Khomeini. Mein Mann nannte es die unheilige rot-schwarze Allianz, rot für die Kommunisten, schwarz für die religiösen Eiferer. Wir wussten nicht genug darüber, was in den Moscheen passiert, haben das unterschätzt und konnten nicht glauben, dass nach allem, was der Schah für sein Land getan hatte, er durch jemanden wie Khomeini ersetzt werden könnte. Auch die Berichterstattung im Westen über Iran half unseren Gegnern. Khomeinis Reden liefen ja schon auf BBC, noch bevor die Kassetten in Iran eintrafen.

SPIEGEL: Viele hassten den Schah und liebten gleichzeitig die Schahbanu, ihre Kaiserin. Ein Ajatollah bot Ihnen die Rückkehr an, wenn Sie zuvor Ihren Mann töteten.

Pahlavi: Noch einmal: Diese Menschen sind keine Iraner. Sie haben so viele Menschen getötet, sie haben das Land zerstört.

SPIEGEL: Der Geheimdienst Savak folterte systematisch, um Oppositionelle entweder zum Schweigen oder zum Sprechen zu bringen, mit Elektroschocks, Verbrennungen, dem Ausreißen von Zähnen und Fingernägeln, Vergewaltigung.

Pahlavi: Da wurden viele Lügen erfunden und Dinge übertrieben. Einige der Linken, die anfangs die Revolution unterstützten, bekannten später, dass sie damals Lügen verbreitet hatten, um ihr Ziel zu erreichen. Darf ich in diesem Zusammenhang auf Dr. Emadeddin Baghi hinweisen, einen ehemaligen Religionsstudenten, der die Aufgabe hatte, die Zahl der politischen Gefangenen der Pahlavi-Ära zu untersuchen, und überrascht war, dass es lediglich 3200 waren anstatt der 100.000, wie von den Eiferern behauptet?

SPIEGEL: Eine international anerkannte wissenschaftliche Aufarbeitung über die Zahl der politischen Häftlinge und Ermordeten steht bis heute aus. Selbst wenn es viel weniger gewesen wären, waren es doch Menschenrechtsverletzungen. Warum schritten Sie nicht ein?

Pahlavi: Ich konnte nichts dagegen unternehmen.

SPIEGEL: Sie waren die Kaiserin, Sie und Ihr Mann konnten alles.

Pahlavi: Nein, so einfach war das nicht. Es gab eine Regierung und viele andere einflussreiche Leute.

SPIEGEL: War es nötig, zu foltern und zu töten?

Pahlavi: Nein, und wenn es stimmt, bedauere ich es. Ich wünschte, das wäre nicht geschehen. 38 Jahre sind jetzt vergangen, und all diese völlig übertriebenen Geschichten werden bis heute immer wieder erzählt. Ich wünschte mir, Sie würden darüber schreiben, was heute in der Islamischen Republik passiert.

SPIEGEL: Verzeihen Sie, aber die Berichterstattung im SPIEGEL über die Zustände im Iran ist ausführlich und kritisch. Wussten Sie von den Folterungen?

Pahlavi: Ich hörte davon, aber ich war nicht sicher, ob es wirklich wahr war. Sie vergleichen jetzt unser Land mit westlichen Demokratien, aber wir konnten so eine Demokratie nicht über Nacht herstellen. Es dauert, Menschen Bildung zu verschaffen, damit sie sich politisch engagieren. Wir haben Filme produziert, Bücher gedruckt, Büchereien gegründet. Wir brachten Bücher in die entlegensten Dörfer, mit Jeeps, mit Eseln. Sie müssen die Menschen mit Augenmaß beurteilen, das Positive und das Negative, und ich denke, dass im Leben meines Mannes das Positive schwerer wiegt als das Negative.

SPIEGEL: Hätte Ihr Mann entschiedener den Aufstand bekämpfen müssen?

Pahlavi: Es gibt viele, die sagen, dass der Schah härter hätte reagieren müssen, die Aufständischen ins Gefängnis bringen oder töten. Aber mein Mann sagte: "Ich will meinen Thron nicht mit dem Blut meiner Landsleute verteidigen." Und der Westen unterstützte den Aufstand.

Schah von Persien, Mohammed Resa Pahlavi mit seiner Familie
AP

Schah von Persien, Mohammed Resa Pahlavi mit seiner Familie

SPIEGEL: Nach Ihrer Flucht wollte kein Land Sie und Ihre Familie aufnehmen. Wie überlebt man solch einen tiefen Fall?

Pahlavi: Sport half mir. Es gab viele, die mich unterstützt haben. Und ich wusste immer, wer mein Mann gewesen war und wer ich bin, ich wollte den Lebensmut meines Mannes stärken und den meiner Kinder, schon aus Gründen der eigenen Wertschätzung. Mir war klar, mein Feind leidet nicht, wenn ich an ihm leide.

SPIEGEL: Wurden Sie depressiv?

Pahlavi: Ja. Ich ging zu einem Psychologen. Einige Zeit lang nahm ich Medikamente, aber die machten alles nur noch schlimmer. Heute sage ich mir, ich habe es bis hierher geschafft, es sind jetzt 38 Jahre, und wenn ich umfalle, falle ich um. Was soll's!

SPIEGEL: Ihre Tochter Leila hat es nicht überlebt. Sie und auch einer Ihrer Söhne, Ali Reza, nahmen sich das Leben.

Pahlavi: Das ist eine Wunde in meinem Herzen, die nicht heilt. Beide waren so intelligent und so bemüht, mit ihren Problemen fertigzuwerden. Ich frage mich oft, was hätte ich tun können? Aber sie sind nicht mehr da. Auf der Straße wurde meinen Kindern nachgerufen: "Nieder mit dem Schah!" Wir sind von einem Ort zum anderen gezogen. Sie waren so jung, sie hörten und lasen so viel Negatives, im Fernsehen, in der Zeitung. Gott weiß, was sie ertragen haben.

SPIEGEL: Und die Zukunft Irans?

Pahlavi: Ich möchte optimistisch bleiben. Unser Land wurde in unserer langen Geschichte so oft überfallen und hat dennoch seine Identität bewahrt. Die Menschen dort sind sehr mutig, vor allem Frauen, sie sind mutiger als Männer.

SPIEGEL: Madame Farah Pahlavi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 2 Beiträge
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F.X.Fischer 24.02.2017
1. Vergleich zwischen Schah und den Idolen der Achtundsechziger
Der Vertraute Chomeinis, Emad al-Din Baghi unter untersuchte Ende der 1990er der Zahl der Opfer der Schahregimes: zwischen 1963 und 1979 waren insgesamt 3.164 Iraner im Kampf getötet worden, davon 2.781 in den revolutionären Unruhen 1977/78! Chomeinis und die linken oppositionellen Studenten hatten zuvor von zigtausenden gesprochen! Vergleicht man nun diese durchaus beklagenswerten, aber doch eher übersichtlichen Zahlen mit jenen der glorifizierten Idole der Anti-Schah-Demonstranten & Achtundsechziger (Mao, Lenin, Pol Pot, Kim il sung und Ho Tschih Minh oder auch Che & Fidel), so kommt man nicht umhin, jenen eine mehr als schiefe Weltsicht und Probleme bei der Wahrnehmung der Realität zu bescheinigen! Diese Progressiven und Linken müssten sich heute noch in den Hintern beißen wenn man sieht, gegen was man den Schah, - der in seiner "Weißen Revolution" für Abschaffung des Feudalsystems und Verteilung die Ackerlandes an Kleinbauern, Allgemeines aktives und passives Wahlrecht für Frauen und deren Gleichberechtigung, Bekämpfung des Analphabetentums und Einführung eines landesweiten Sozialhilfesystems stand, eingetauscht hat!
binismus 24.02.2017
2. Irans letzte Kaiserin Farah Pahlavi
Eine intelligente außerordentlich zu respektierende, bewundernswerte Frau! Im Gegensatz zu den religiös verblendeten, machtbesessenen Ajatollahs. Ich wünsche die Gnade Gottes, der iranischen Bevölkerung.
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