AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2017

Mossuls Schulkinder unter IS-Kontrolle "Sie brachten uns bei, wie man einen Menschen enthauptet"

Mehr als zwei Jahre wurden Tausende Schulkinder in Mossul vom IS geprägt. Jetzt ist der Osten der irakischen Stadt befreit. Die Ben-Marwan-Schule versucht einen Neuanfang - und muss das Gelernte für falsch erklären.

DER SPIEGEL/ Andy Spyra

Von und Andy Spyra (Fotos)


An einer Straße im Osten von Mossul, zwischen zerbombten Häusern und ausgebrannten Autos, stehen an einem Morgen Ende März 20 Kinder vor einer Grundschule, und wenn man sie fragt, was sie darin gelernt haben, sprechen sie vom Töten. Ihr Lehrer war der "Islamische Staat", der hier seine Hochburg hatte. "Daisch, Daisch", rufen die Kinder das arabische Schimpfwort für den IS, mit wichtigen, aufgebrachten Stimmen, als verberge sich ein nicht zu fassendes Geheimnis hinter dem Klang.

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Heft 15/2017
Machtmissbrauch, Bestechung - und Spähangriffe gegen Willy Brandt

Die Kinder sind zwischen 6 und 13 Jahre alt. Sie tragen Rucksäcke, die zu groß für ihre Körper sind. Ihre Füße stecken in Sandalen, ihre T-Shirts haben Löcher. Einige haben am Morgen Eier gefrühstückt, andere nichts.

Die Kinder warten darauf, dass das Tor aufgeht, sie rufen und lachen, ihre Freude ist echt, und blickt man durch die Freude hindurch, kann man den Krieg in ihren kleinen, harten Gesichtern sehen.

Der IS nahm auch Mossuls Schulen ein

Im Juni 2014 hatte der IS Mossul erobert, hatte in seinem Streben nach einem Staat nicht nur für Land, Leute, eine Doktrin und eine Fahne gesorgt, sondern sich in jede Ritze des gesellschaftlichen Lebens gedrängt - er kontrollierte die Wirtschaft, sprach Recht, gestaltete Lehrpläne nach seinen Interpretationen. Das Ziel des IS war es, ein Weltbild zu formen. Und deshalb nahm er auch Mossuls Schulen ein.

Vor wenigen Wochen wurde Ost-Mossul von Truppen der irakischen Armee befreit, rund 20.000 Kinder gehen seither wieder zum Unterricht. Trotz der Gefahr von Drohnenanschlägen durch den IS und von Selbstmordattentätern, die aus dem umkämpften Westen der Stadt über den Tigris kommen, haben 70 der 400 Schulen im Osten aufgemacht. In ihren Klassenzimmern soll es so werden, wie es früher war. Doch wird das möglich sein? Was haben die Schüler hier erlebt unter dem IS?

Abdel, 10, sagt: "In unserem Mathebuch gab es einen Laster voller Waffen und obendrauf stand ein Mann des IS."

Bascha, 13, sagt: "Wir saßen oft rum und taten nichts. Manchmal fragte uns einer, wer ist besser, die irakische Armee oder der IS? Und wir schrien laut: der IS."

Amir, 9, sagt: "Die Männer ließen die Tiere aus unseren Biobüchern verschwinden. Es gab keine Löwen mehr, nur IS."

Hassan, 12, sagt: "Sie warfen ein Kind von einem Hochhaus. Und sie haben meinen Onkel mit einer zerbrochenen Flasche geschlagen, bis sein Magen aufging."

Qaisar, 13, sagt: "Sie brachten uns bei, wie man einen Menschen enthauptet. Wir übten es an einer Puppe. Die Puppe war etwas größer als ich, mit Militärkleidern."

Es ist acht Uhr, der Lehrer pfeift, die Kinder rennen hinein in die Ben-Marwan-Schule, einen gelben Flachbau, über dessen Fassade sich Einschusslöcher ziehen wie Pockennarben. Das Fensterglas über dem Eingangstor ist zersplittert, im hinteren Teil ist eine Granate in das Dach eingeschlagen, zerborstene Kinderpulte stapeln sich in den Klassenräumen.

Vor der Schule wurden vier Männer enthauptet

Würde man von oben auf die Ben-Marwan-Schule blicken, sähe man, wie die Luftschläge der US-geführten Koalition Anfang des Jahres aus den Wegen drum herum Buckelpisten formten. Häuser, die als Schaltstellen des IS galten, sind ausgebrannt. Vor wenigen Monaten noch haben IS-Leute vor der Schule vier Männer enthauptet, deren Köpfe vor den Augen der Kinder rollten. Jetzt tragen verschleierte Frauen dort Wasser von einer Zapfstelle zu ihren Häusern, ein Junge verkauft Zucker; andere spielen Fußball auf einem Brachland, wo vielleicht noch Sprengsätze liegen. Die Menschen, die sich hier bewegen, gehen vorsichtig, sind voller Misstrauen. Niemand weiß, was der Nachbar denkt, wie viele verdeckte IS-Anhänger sich unerkannt in den Häusern verstecken. Der Krieg in Ost-Mossul ist stumm geworden, aber er geht immer noch weiter.

18 Monate lang hat der IS hier in der Ben-Marwan-Schule versucht, die Gedanken der Kinder zu formen. Sein Schulsystem sah eine fünfjährige Grundschulzeit vor, gefolgt von vier Jahren Mittelschule. Der IS besaß auch ein Erziehungsministerium: Der sogenannte Diwan al-Taalim bestimmte, was Zehntausende Lehrer Mossuls unterrichten mussten. Neben der Indoktrinierung in den Klassen lockte der IS Kinder in die Moscheen, versammelte sie auf den Straßen, um ihnen auf Leinwänden Enthauptungsvideos zu zeigen.

"Meine Schule war ein Saatkorn, aus dem ein größenwahnsinniger Staat wachsen sollte", sagt der Direktor. Shaker Ahmad, 52, ist ein rundlicher Mann mit weißem Bart und Ringen unter den Augen, der dem Chaos gern poetische Weisheiten entgegensetzt. Ahmad hat im Golfkrieg gegen Iran gekämpft, seit mehr als 25 Jahren arbeitet er als Lehrer. Er sitzt an seinem Schreibtisch am südöstlichen Rand der Stadt. Seine vier Lehrer versunken um ihn herum in neuen Sofas. "Die alten haben wir zu Hause verbrannt, um im Winter heizen zu können", sagt Ahmad. "Wir verbrannten auch unsere Schuhe und Bücher."

Wie geht es ihnen nun, nach dem IS?

"Unter dem IS hatten wir hier etwa hundert Schüler", sagt der Direktor. "Die meisten blieben zu Hause." Jetzt kämen alle auf einmal in seine Schule. 800 Kinder hat Ahmad registriert. Er teilt sie in Schichten ein - die meisten können nur zwei- bis dreimal pro Woche kommen. Unicef habe ihm Hefte und Material geschickt, "Alhamdulilah, zum Glück, aber es reicht nicht."

"Wir bekommen seit zwei Jahren kein Gehalt mehr aus Bagdad", sagt ein Lehrer. Die irakische Regierung hatte die Zahlung für ihre Beamten in besetzten Gebieten eingestellt, weil sie davon ausgehen musste, dass das Geld beim IS landen würde. "Unter dem IS arbeiteten wir, weil wir Angst hatten. Jetzt arbeiten wir, weil wir auf die Zukunft hoffen", sagt ein anderer.

In der Schule werden jetzt wieder Lieder gesungen

Fast drei Monate ist es her, dass Shaker Ahmad seine Schule wieder geöffnet hat. Was haben sie getan, als der IS offiziell vertrieben war? "Lieder gesungen", antwortet der Direktor, seit Langem wieder.

"Wir können wieder rauchen, Musik hören, telefonieren - wenn wir das Geld dazu hätten", sagt der Direktor in das Donnern des nahen Kriegs hinein. Auch an diesem Tag wird es Dutzende Tote geben, als eine Mörsergranate des IS neben einem Markt im Zentrum einschlägt und ein tiefes Loch im Asphalt hinterlässt. Im Westen der Stadt, den die IS-Anhänger immer noch halten, missbrauchen sie Tausende Bewohner als lebendige Schutzschilde.

Shaker Ahmad hatte die IS-Leute erwartet, nachdem sie im Sommer 2014 Mossul überrannt hatten. Hatte zu Hause am Stadtrand gesessen, weil Ferien waren. Sie kamen schließlich, zu dritt.

Ein IS-Mann aus Ägypten und einer aus Jordanien stellten sich vor. Sie gaben an, vom "IS-Erziehungsministerium" zu sein mit Sitz in Rakka, der syrischen Hochburg der Terroristen. Begleitet wurden sie von dem künftigen Aufseher für Mossuls 30 Schulen in Ahmads Distrikt. Die IS-Leute ließen den Direktor wissen, dass sie auf seine Mitarbeit setzten. Seine Lehrer sollten zur Schule zurückkehren.

Nach zwei, drei Monaten wurde der IS-Aufseher unfreundlich

Nachdem der IS seine Runde gemacht hatte, tauchte ihr Aufseher in der Ben-Marwan-Schule auf. Er verhielt sich fast freundschaftlich. "Ihr könnt auch unter uns so weitermachen wie immer", habe Abu Zainab gesagt, so nannten sie ihn. In der Stadt verschenkte der IS Brot und Benzin an die Armen, die Kinder bekamen in den Moscheen Uhren von ihnen. Niemand schöpfte zuerst Verdacht. Erst nach zwei, drei Monaten änderte sich der Tonfall.

Eines Tages kam Abu Zainab mit einem Schwert in die Schule. Er ließ alle Lehrer auf Stühlen Platz nehmen und legte das Schwert in die Mitte. Er saß im Schneidersitz auf dem Stuhl und begann seine Rede mit Versen des Koran. Er sprach über die Rolle des IS für den Islam und seine Verantwortung, gegen den Westen zu stehen.

Die Lehrer hätten nun eine besondere Verantwortung im "Kalifat". "Wir ändern die Lehrpläne und Bücher", habe er gesagt. Die alten Bücher seien voller Blasphemie. Es werde Fortbildungen für die Lehrer geben. "Wer sich widersetzt, wird sterben."

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Islamischer Staat in Mossul: Neuanfang der Ben-Marwan-Schule

Der IS forderte die Lehrer auf, die alten Bücher zu verbrennen. Es waren Bücher voller Poesie und Lieder, mit Geschichten über die Herrlichkeit des Irak, das Gilgamesch-Epos, eine der ältesten überlieferten literarischen Heldensagen der Menschheit. All das warfen sie ins Feuer.

Seine Leute hätten in einer Papierfabrik in Mossul dünne neue Büchlein gedruckt, erzählt Ahmad. Andere Berichte aus Mossul zeugen davon, dass der IS CDs an die Schüler verteilte, damit sie sich die neuen Inhalte auf eigene Kosten ausdruckten.

Geschichtsbücher wurden ersetzt

Der IS veränderte die Geografie in den Büchern. Er tilgte die Grenze zwischen Syrien und dem Irak, addierte die Bevölkerungszahlen, sodass der Eindruck eines Großreichs entstand. Kurden und Schiiten wurden als Gruppen dargestellt, die sich dem Islam widersetzen, sie galten als "Kuffar", als Ungläubige. Man sollte sie töten.

Geschichtsbücher ersetzte der IS durch Biografien seiner Leitfiguren. "Wir bekamen Biografien von Abu Bakr al-Baghdadi oder dem Propheten Mohammed", erinnert sich der Direktor. Überhaupt gab es jede Menge religiöse Literatur, die teilweise auf Schriften aus dem 13. Jahrhundert basierte. Die Koranverse, die alle auswendig lernen sollten, konnten teilweise nicht einmal die Lehrer verstehen. Doch sie beugten sich dem Diktat, starr vor Angst.

Aus den Mathematikbüchern verschwanden Äpfel und Birnen, die zum Addieren und Subtrahieren da gewesen waren, der IS ersetzte sie durch Panzer und Granaten. Das Pluszeichen tauschte er gegen den Buchstaben "z" aus, weil das "+" an ein christliches Kreuz erinnerte.

Die Schüler mussten ausrechnen, wie viele Bomben eine IS-Fabrik in welcher Zeit produzieren kann. Auf Englisch hieß eine Aufgabe: "Wie frage ich jemanden, ob er meine Waffe säubern kann?" Kunst und Musik schaffte der IS ab, sie waren nicht von Nutzen für den Dschihad. Neben den religiösen Inhalten gab es militärisches Training, in dem die Kinder kämpften.

Während des Unterrichts mussten die Lehrer ihre Hosen so tragen, dass ihre Knöchel freilagen, sie befestigten Gummibänder über den Socken. Lehrerinnen mussten sich voll verschleiern. Ansonsten galt: keine Kosmetik, kein Parfüm, keine Handys, keine Zigaretten. Jungen und Mädchen wurden getrennt, Lehrer und Lehrerinnen durften sich auf keinen Fall begegnen.

"Meinen Vorgänger beschuldigten sie, in der Schule mit einer Frau zusammengesessen zu haben", sagt der Direktor leise. "Der IS brachte ihn um. Und nur so bin ich dann aufgerückt." Wer als Vater ein Mädchen versehentlich zu einer Jungenschule brachte, wurde getötet. Der IS errichtete ein Terrorregime, das für die Lehrer einem Gang über ein Minenfeld glich.

Ein Lehrer versteckte Bücher in seinem Haus

"Wir mussten bei jedem Schritt so denken wie sie", sagt der Direktor. "Wir wurden geschickter, aber auch verrückt." Um wenigstens einige alte Bücher zu retten, versteckte ein Lehrer sie in seinem Haus, in der Nähe der Feuerstelle. Sollte ein IS-Mann sie sehen, hätte er behauptet, diese Bücher seien nur zum Heizen da.

Der IS legte etliche Schulen in Mossul zusammen, weil Hunderte Eltern ihre Kinder aus dem Unterricht nahmen, Hausunterricht war aber "haram", verboten. Die Regeln in der Ben-Marwan-Schule wurden immer absurder. "Manchmal hätten wir gern losgelacht", sagt ein Lehrer. "Doch sie hätten uns sofort getötet."

In der Eingangshalle der Schule, direkt vor dem Direktorenzimmer, sind Kinder an die Wände gemalt. Ein Kind beugt sich über ein Buch und liest. Zwei andere reichen sich die Hand, "Willkommen" steht darüber, eine einfache Geste, voll Wärme.

Als der IS die Ben-Marwan-Schule übernahm, übermalte er die Kindergesichter mit schwarzer Farbe. Es galt als "haram", Gesichter abzubilden. Die IS-Leute gingen auch zu dem Metzger, der vor der Schule Fleisch verkaufte und mit dem Plakat einer Kuh dafür warb. Sie übersprühten das Gesicht dieser Kuh und sagten dem Mann, nur Gott erschaffe Lebewesen.

Jetzt ist diese Zeit vorbei, und der Direktor sagt: "Es liegt an uns Lehrern, was aus diesem Land wird." Er weiß aber nicht genau, wie er die Sache anpacken soll. Was er sieht, macht ihm Sorgen. "Wenn die Kinder in der Pause spielen, dann spielen sie Polizei und IS. Einer schießt auf den anderen." Am liebsten würde Shaker Ahmad die Vergangenheit einfach vergessen.

"Kleine Kinder sind wie Brotteig"

Er hat keine Konzepte zur Aufarbeitung, kein Wissen über Traumata, aber er hat ein Herz, wache Augen und eine Weisheit: "Kleine Kinder sind wie Brotteig", sagt er. "Man kann sie formen. Sie lernen schnell, aber sie vergessen auch wieder."

Es sind Sätze, an die alle hier glauben.

Die Ben-Marwan-Schule ist rechteckig angelegt, im rechten Flügel steht die Tür zu einem Klassenzimmer offen, etwa 50 Erstklässler drängen sich hinter den Pulten, die Luft steht im Raum. Muhammad Assil, der an der Universität in Mossul einmal Theater studierte, unterrichtet an diesem Morgen Arabisch. Er lässt neue Wörter abschreiben - Küken, Apfel, Birne - und kontrolliert diese dann.

Assil ist 29 Jahre alt, er hat sanfte braune Augen, drei Töchter, eine Frau, und er trägt ein Jackett. Normalerweise beträgt sein Monatslohn umgerechnet 160 Euro. "Weil aber aus Bagdad nichts kommt, arbeite ich abends noch in meinem Kiosk", sagt er.

Die Zeit unter dem IS sei die härteste seines Lebens gewesen. "Das Leben war so teuer geworden, dass ich unterrichten wollte, um meine Familie zu ernähren. Aber der IS zahlte nicht", sagt er. Daheimbleiben war aber auch zu gefährlich. Muhammad Assil ist in Mossul geboren, zweimal wurde er gefoltert. Einmal vom irakischen Geheimdienst, nach dem Sturz Saddams, als sie ihn angeblich mit einem Killer verwechselten. Und einmal vom IS, weil er Selfies gemacht hatte, als er halb nackt in einem Fluss badete. Ein Leben ohne Gewalt kennt Assil nicht.

"Der IS ist nur militärisch besiegt"

"Wir haben mit den Kindern nie über den IS gesprochen", sagt er. Der wichtigste Grund sei gewesen, dass die Eltern der meisten Schüler selbst IS-Anhänger gewesen seien. "Wir konnten nie sicher sein, was sie zu Hause erzählen. Und auch jetzt müssen wir weiter vorsichtig sein. Denn der IS ist hier nur militärisch besiegt."

Assils Kollegin Ekhlas Hamdi, die einzige Frau an der Schule, trägt auch jetzt noch einen Vollschleier. Assil macht Witze über sie und sagt: "Du siehst aus wie vom IS."

Ekhlas Hamdi antwortet dann: "Die Luft hier ist staubig." Später sagt sie: "Ich habe Angst. Aber es ist okay, die Kinder sind an Schleier gewöhnt." Ihre Stimme zittert, wenn sie spricht, ihr Blick so intensiv und verletzt, dass man glaubt, in ihren Augen die vergangenen Qualen zu sehen.

Assil sagt, er wisse von einem Schüler, der nachts ins Bett mache. Die Eltern hätten sich an ihn gewandt und ihn gebeten, mit ihrem Sohn zu sprechen. "Ich hab ihm gesagt, er soll eine Toilette benutzen", sagt Assil, "und dass man das nicht macht."

Dann schaut er lange zu Boden, als habe er sich am Erbe des IS mitschuldig gemacht. Dabei ist er selbst vor den Kämpfen in Mossul geflohen, mit seiner Frau und zwei Töchtern rannte er durch den Kugelhagel, das dritte Mädchen verloren sie und fanden es erst abends wieder.

"Ich versuche, den Schülern ein Vorbild zu sein", sagt er. "Wir reden nicht über die Vergangenheit, aber ich lese ihnen Geschichten vor für ihr Leben." Zum Beispiel die Geschichte vom Jäger und dem Vogel. Die geht so: Ein Jäger verfolgt einen Vogel durch den Wald. Der Vogel versteckt sich und macht Witze über den Jäger. Nur weil er so laut schimpft, wird der Jäger auf ihn aufmerksam und erschießt ihn schließlich.

Es ist eine brutale Geschichte zum Vorlesen. Was ist ihre Moral? "Wenn man böse Worte sagt, wird man bestraft", sagt Assil und strahlt. Die Gewalt in der Geschichte stört ihn nicht. Er glaubt, dass Zuwendung hilft, Inhalte sind weniger wichtig.

Im Lehrerzimmer haben sie eine Pyramide an die Wand gehängt, die aus fünf Bausteinen besteht. Ganz unten steht "Grundbedürfnisse", dann folgt "Sicherheit", darauf aufbauend "Sozialleben", dann "persönliche Bedürfnisse", ganz oben steht "Selbstverwirklichung". "Alles in allem ergibt das ein gutes Leben", sagt Assil. Er scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein, ob die Pyramide in Mossul gerade Hohn oder Ansporn ist. Doch Assil ist optimistisch, er zitiert dieselbe Weisheit wie alle in der Schule, unabhängig voneinander: "Kinder sind wie Brotteig. Man kann sie formen. Sie lernen schnell, aber sie vergessen auch wieder."

Stimmt das denn, Qaisar? Qaisar al-Kurdi kommt aus einem Klassenzimmer, ein fröhlicher Junge, der jünger wirkt als seine 13 Jahre. Er war am Morgen derjenige gewesen, der am eifrigsten von der Zeit unter dem IS erzählte. Im Lehrerzimmer setzt er sich schüchtern auf ein Sofa, die Lehrer erlauben nur zögerlich, dass man allein mit ihm spricht. Qaisar mag Real Madrid und will später Arzt werden, für Herzen. Mag er erzählen, was hier geschah?

Der Junge schiebt die Vorhänge zu, damit die anderen Kinder nicht reinschauen. "Der IS kam jeden Tag, um uns Kämpfen beizubringen", sagt er. "Sie erklärten uns nichts, wir mussten nur Befehle ausführen." Langsam, langsam wird seine Stimme eifriger, bald springt er auf und zeigt, wie sie sich beim Kampftraining hinter Autoreifen oder Sandwällen versteckten.

Qaisar bewegt sich in dem leeren Raum wie ein Tänzer, boxt auf ein unsichtbares Gesicht am Boden ein, ringt in der Luft, schlägt, deutet an, wie sie ihm Gürtel umlegten, mit Plastikbomben darin.

"So musste ich gehen", sagt er und wandelt mit dem schweren, imaginären Gürtel durch den Raum wie ein Astronaut auf der Suche nach festem Boden, seine Daumen klicken durch die Luft, auf der Suche nach dem Auslöser für die Zündung.

Der IS gab ihnen mannshohe Körper aus Plastik in voller Kleidung. Sie sahen wie echte Menschen aus, waren größer als Qaisar. Der Junge sagt, er musste ihnen jedes Mal den Kopf absäbeln. Bald war er geübt mit dem Messer, und der IS sei jedes Mal zufrieden mit ihm gewesen, sagt er.

Der IS nahm Gehirnwäschen an den Kindern vor

Qaisars Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten, eine Mischung aus Faszination, Bewunderung und nackter Angst liegt darin.

Nach dem Unterricht empfängt Qaisars Vater am Ende der Straße in einem Raum voller Matratzen auf dem Boden zum Tee.

"Ich habe mein Kind fast an den IS verloren", sagt Mohammed al-Kurdi, ein gläubiger Muslim im schwarzen Gewand, der Frauen nicht die Hand gibt. "Am Anfang ließ ich Qaisar zur Schule gehen, weil ich wollte, dass er lesen lernt. Erst mit der Zeit haben wir bemerkt, dass sie dort eine Gehirnwäsche an ihm vornehmen."

Nach ein paar Monaten habe Qaisar begonnen, in die Moschee zu gehen. Dort versuchten sie, ihn zu überreden, sich dem IS anzuschließen. "Kann ich das tun, ohne meine Eltern zu fragen?", habe Qaisar gefragt. Ein IS-Mann habe dies bejaht. Und als Qaisar es trotzdem seinem Vater sagte, geriet dieser in einen lebensgefährlichen Streit. Mehrmals sei der IS-Mann zu ihm gekommen und habe versucht, seinen Sohn mitzunehmen. "Ich habe es schließlich gemacht wie sie", sagt der Vater. "Ich habe eine Gehirnwäsche in die andere Richtung vollzogen. Habe ihn den richtigen Islam gelehrt, Vergebung, Vertrauen, so lange bis er zu Hause bleiben wollte." Es ist nicht klar, wie ihm das gelang.

Und auch er sagt die Sätze, an die alle hier glauben. Sätze, die entlasten und die Hoffnung bringen sollen: "Kinder sind wie Brotteig. Man kann sie formen. Sie lernen schnell, aber sie vergessen auch wieder."

Als die Kinder am Nachmittag wieder zur Ben-Marwan-Schule laufen, kommt der Direktor aus dem Tor. "Kehrt um", ruft er ihnen entgegen. Im Westen Mossuls sind fast 200 Menschen durch einen Luftschlag der US-Koalition gestorben. Die Regierung hat eine Staatstrauer angeordnet.

Der Direktor nimmt den Schlüssel und schließt das Tor für drei Tage.

"Wenn die Kinder in der Pause spielen, spielen sie IS. Einer schießt auf den anderen."



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