AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2012

Islam Der Pate

AP

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3. Teil: "Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet"


Als eine Aufnahme dieser Rede 1999 an die Öffentlichkeit geriet, musste Gülen aus der Türkei fliehen. Er behauptet, seine Worte seien manipuliert worden. Gülen lebt seither im Exil in den USA.

Seine Bewegung hat keine Adresse, keinen Briefkasten, kein Register, kein zentrales Konto. Gülen-Anhänger demonstrieren nicht für Scharia und Dschihad - die Cemaat operiert im Verborgenen. Fethullah Gülen, der Pate, bestimmt Kurs und Ausrichtung. Einige aus dem inneren Zirkel der Macht dienen Gülen seit Jahrzehnten. Sie kontrollieren die wichtigsten Unternehmen der Bewegung: Verlage, Stiftungen. Jede Weltregion wird in der Cemaat von einem "Bruder" verantwortet, wie Zentralasien und Europa. Über nationale und lokale "Brüder" setzt sich die Hierarchie bis in einzelne Stadtteile fort.

Dass die islamisch-konservative AK-Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan 2002 die türkische Parlamentswahl gewann, mehrte Gülens Einfluss in der Türkei. Die beiden Lager seien zunächst eine strategische Partnerschaft eingegangen, glauben Beobachter: Gülen sicherte der AKP Wählerstimmen, Erdogan schützte die Cemaat. Nach Informationen von US-Diplomaten gehörten 2004 fast ein Fünftel der AKP-Abgeordneten der Gülen-Gemeinde an, unter ihnen der Justiz- und der Kulturminister.

Viele Staatsbeamte würden auf Befehl der "Gülen-Brüder" handeln, berichtet ein hochrangiger Aussteiger. "Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen." Der ehemalige Polizeidirektor Adil Serdar Saçan schätzte 2006, die Fethullahçis würden mehr als 80 Prozent der türkischen Polizei in höheren Positionen stellen. "Es ist unmöglich zu beweisen, dass Mitglieder der Gülen-Bewegung die Polizei kontrollieren", meinte 2009 James Jeffrey, der damalige US-Botschafter in Ankara, "aber wir haben niemanden getroffen, der es bestreitet."

Das Gesicht der Gülen-Gemeinde in Deutschland heißt Ercan Karakoyun. Der 31-Jährige leitet den Berliner Dialogverein FID, dessen Ehrenvorsitzender Gülen ist. Karakoyun, Sohn türkischer Einwanderer, empfängt seine Gäste in einem Büro beim Potsdamer Platz, schmucklose, funktionale Möbel, hellblauer Teppichboden, im Regal stehen Texte von Fethullah Gülen, "Das Tagebuch der Anne Frank", die "Bibel in gerechter Sprache", ein Buch des protestantischen Theologen Heinz Zahrnt. Die Bücher scheinen wohlproportioniert ausgewählt: von allem etwas und bloß nichts Kontroverses. Sie sollen dem Besucher sagen: Seht her, wir sind die guten Muslime. Wir trauern um die Toten des Holocaust, wir sind auf der Höhe der theologischen Diskussion im Christentum, wir sind Demokraten.

Karakoyun fand über einen "Bruder" zur Bewegung, der ihn als Jugendlichen vor einer Moschee in Nordrhein-Westfalen ansprach. Er begann, Bücher Gülens zu lesen. Er begleitete den "Bruder" in die Türkei und engagierte sich in der Cemaat. Er rekrutierte Anhänger an der Universität und am Gymnasium. Er stieg in der Hierarchie auf, bis er selbst ein "Bruder" wurde.

Karakoyun erzählt in wohl gesetztem Deutsch davon, dass er und seine Gülen-Gemeinde bei "jeder Veranstaltung", die sie machen, Briefe, Mails und Anrufe von "den üblichen Verdächtigen" bekommen, die der Gemeinde schaden wollten und sie für eine gefährliche Sekte hielten. Für ihn sind das alles "Verschwörungstheorien".

Die Welt des Berliner Gülen-Anhängers besteht aus zwei Gruppen: den "Kritikern" und den "Sympathisanten". Als Beispiele für die Kritiker fallen ihm westliche Islam-Hasser, türkische Ultranationalisten und die Terroristen der kurdischen PKK ein. Als Unterstützer sieht er alle Menschen, die "an Dialog, Toleranz und friedlichem Zusammenleben zum Wohle aller" interessiert sind.

Das alles klingt harmlos, so tolerant wie friedlich. Aber was Kritikern widerfahren kann, erlebte Ilhan Cihaner in der Türkei: "Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet", sagt der ehemalige Oberstaatsanwalt. Er ist unter säkularen Türken ein Held, seit er 2007 gegen die Gülen-Gemeinde ermittelt hat. Cihaner hatte, wie er erzählt, Hinweise auf illegale Geldgeschäfte innerhalb der Cemaat erhalten. Auf Druck der Regierung sei ihm das Verfahren jedoch entzogen worden. 2010 wurde er verhaftet.

Cihaner wurde vorgeworfen, Mitglied des ultranationalistischen "Ergenekon"-Bundes zu sein, einer Verschwörergruppe, die den Umsturz der Regierung geplant haben soll. Selbst politische Gegner Cihaners halten die Vorwürfe gegen ihn für absurd. Der ehemalige Staatsanwalt hatte sich in der Vergangenheit als entschiedener Kämpfer gerade gegen mafiöse Netzwerke hervorgetan. Nun soll er im Auftrag "Ergenekons"geplant haben, Waffen in Wohnheimen von Gülen-Anhängern zu platzieren, um die Bewegung zu diskreditieren. Die Staatsanwaltschaft stützte sich in ihrer Klage auf die Aussagen anonymer Zeugen. Aufgrund mangelnder Beweise wurde Cihaner aus der Haft entlassen. Heute sitzt er für die Opposition im türkischen Parlament.

Ähnlich wie Cihaner erging es dem Istanbuler Journalisten Ahmet ¿ik. Kurz bevor sein Buch "Imamin Ordusu", Armee des Imam, über die Gülen-Bewegung auf den Markt kommen sollte, wurde der Autor im März 2011 verhaftet. Sein Verlag wurde von Sicherheitskräften gestürmt, das Buchmanuskript, in dem ¿ik beschreibt, wie die Gülen-Bewegung Polizei und Justiz in der Türkei unterwandert habe, wurde beschlagnahmt. Der Vorwurf: Der investigative Reporter sei Mitglied von "Ergenekon". Dabei hatte ausgerechnet ¿ik zusammen mit Kollegen im Wochenmagazin "Nokta" 2007 die geheimen Putschpläne eines "Ergenekon"-Admirals enthüllt und sich immer wieder mit dem Geheimbund angelegt. Vor einigen Monaten wurde ¿ik nach internationalen Protesten aus der Haft entlassen.

Im September 2010 wurde Hanefi Avci, ein früherer türkischer Polizeidirektor und einstiger Gülen-Sympathisant, festgenommen und beschuldigt, an der "Ergenekon"-Verschwörung mitgewirkt zu haben. Er hatte kurz zuvor in einem Buch Gülen-Kadern in der Polizei vorgeworfen, illegal Telefone ihrer Gegner abzuhören und Gerichtsverfahren zu manipulieren.

Dass Gülen hinter den Verhaftungen steckt, ist nicht zu beweisen. Er lebt zurückgezogen in den Bergen Pennsylvanias und tut gern so, als gingen ihn die Vorwürfe nichts an. Ein Interview mit dem SPIEGEL lehnte er ab.

Andere sprechen für ihn. Mahmut Çebi, der frühere Chefredakteur der Gülen-nahen Tageszeitung "Zaman", hat sein Büro im Haus der World Media Group in Offenbach. Der Journalist hat die Europa-"Zaman" aufgebaut, seit April arbeitet er als Autor für den Verlag. Die Europa-Ausgabe beziehen in Deutschland knapp 30 000 Abonnenten.

Çebi und die "Zaman" erklären den Lesern, wie sich die Welt aus Sicht der Cemaat darstellt. Die Zeitung druckt Texte Gülens und Auszüge aus dessen Predigten und Gedichten. Kritiker werfen "Zaman" vor, gezielt Falschmeldungen zu verbreiten, um Gülen-Gegnern zu schaden. Als Politiker der Partei Die Linke vor einigen Wochen Äußerung Gülens zu den Kurden rügten, behauptete "Zaman", Die Linke unterstütze die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK. "Die Bewegung steckt bis zum Hals in schmutzigen Machenschaften", sagt Dani Rodrik, Professor für Wirtschaftspolitik in Harvard. "Zaman" unterstütze diese "Mafia" durch "Lügen, Fälschungen, Manipulation". "Es gibt keine Desinformation, die sie auslassen würden, um für ihre Sache zu werben", sagt Rodrik.

Mahmut Çebi widerspricht allen Vorwürfen. Seine Zeitung orientiere sich an den Idealen Gülens, empfange aber keine Aufträge von ihm. Gülen sei kein Sektenführer. "Er ist ein Philosoph wie Habermas."

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