IS-Terroristen aus Deutschland "Das Allerbeste auf dieser Welt ist der Märtyrertod"

Ermittler wissen oft nur wenig von den Verbrechen deutscher Islamisten in Syrien. Drei Rückkehrer brechen jetzt ihr Schweigen - zum Entsetzen der radikalen Szene. Von Jörg Diehl, Julia Jüttner, Fidelius Schmid und Wolf Wiedmann-Schmidt
Syrien-Rückkehrer Nils D. im Düsseldorfer Oberlandesgericht: Fahnder nennen ihn "Goldgrube" oder "Glücksfall"

Syrien-Rückkehrer Nils D. im Düsseldorfer Oberlandesgericht: Fahnder nennen ihn "Goldgrube" oder "Glücksfall"

Foto: dpa Picture-Alliance / Federico Gambarini/ picture alliance / dpa

Als Nils D. aus Dinslaken dem "Islamischen Staat" den Rücken kehrte, dachte er an Sex. Ein Jahr lang hatte er der Terrormiliz gedient. Er hatte Wache geschoben und gekocht. Er hatte abgeschlagene Köpfe auf der Straße gefunden und bei Enthauptungen zugesehen. Er hatte die Schreie von Gefolterten gehört und verfolgt, wie sie mit ihren auf den Rücken gefesselten Händen an Metallstangen aufgehängt wurden. Als Mitglied einer Sondereinheit hatte er Menschen solchen Gräueltaten ausgesetzt.

Doch nun, Anfang November 2014, sollte Schluss damit sein. Unter einem Vorwand machte er sich auf in die Türkei. In Istanbul wollte er sich mit seiner Mutter und seiner Schwester treffen und dann nach Hause, nach Dinslaken.

Nils D. hat nie erklärt, was ihm in diesen Tagen durch den Kopf ging. Doch der Browserverlauf seines Smartphones lässt einige Rückschlüsse zu. Er besuchte die Fahndungsseiten des Bundeskriminalamts, vermutlich, weil er fürchtete, in Deutschland verhaftet zu werden. Er recherchierte Fährverbindungen aus der Türkei und Fernbusreisen nach Nordrhein-Westfalen, wahrscheinlich, weil er die Kontrollen an Flughäfen fürchtete. Er schaute online nach neuer Kleidung in Übergrößen bei C&A, weil er ein unverdächtiges Outfit brauchte und zu dick für die normalen Größen war. Und er suchte nach Hotels in Istanbul und nach Sehenswürdigkeiten für die Tage mit seiner Mama und Schwester Annika.

Vor allem aber trieb ihn Sex um. Er tippte den Begriff "Rotlicht Istanbul" in eine Suchmaschine ein. Ein Treffer trug die Überschrift "Bordelle in Istanbul".

Dutzendfach speicherte sein Telefon die Titel einschlägiger Pornoclips, die er ansteuerte. "Die blonde Katrin wird in den Arsch gefickt" gehörte dazu und "Fantastischer Dreier mit zwei brünetten Krankenschwestern" oder "Sexy Afrikanerin kriegt Sperma auf ihre Zunge".

Bevor er am 19. November in den Fernbus von Istanbul zurück in die Heimat stieg, löschte er den Datenspeicher seines Handys. Die Bilder von ihm und seinen Kumpels in Kampfmontur, die Aufnahme, auf der er hinter einem vermummten, gefesselten Mann steht und ihm eine Pistole an den Kopf hält - all das sollte vor seiner Rückkehr verschwinden.

Heute sitzt Nils D. in einem deutschen Gefängnis. Er ist ein verurteilter Terrorist. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat ihn für vier Jahre und sechs Monate hinter Gitter geschickt.

D. kam vergleichsweise glimpflich davon. Denn er gehört zu einer winzigen Gruppe ehemaliger Dschihadisten, die umfangreich mit den deutschen Behörden kooperieren. Für die Ermittler sind diese Männer Gold wert: In den meisten Fällen wissen die Beamten nicht, was Islamisten aus Deutschland im Dienst des IS getan haben. Oftmals können sie nicht einmal klären, ob ein Beschuldigter überhaupt beim IS war - und damit als Mitglied einer terroristischen Vereinigung verurteilt werden kann.

Die deutschen Sicherheitsbehörden sollen Terrornetzwerke aufklären und Anschläge verhindern. Aber abgesehen von abgefangener Telekommunikation haben sie oft wenig in der Hand. Denn die meisten der inzwischen mehr als 200 aus dem Kampfgebiet zurückgekehrten Menschen schweigen - oder lügen.

Vor Gericht gestehen zwar inzwischen einige Dschihadisten ihre Syrien-Reisen, um Gefängnisstrafen zu reduzieren. Doch ihre Einlassungen reichen meist nur so weit wie die vorliegenden Beweise. Und sie belasten keine anderen mutmaßlichen Kämpfer.

Bei drei Männern ist das anders, sie kooperieren umfangreich mit den Behörden: die IS-Anhänger Nils D. aus Dinslaken und Harry S. aus Bremen sowie Harun P. aus München, der für die Terrorgruppe "Dschunud-al-Scham" in Syrien kämpfte.

Das Trio geht ein hohes Risiko ein. Die Aussagen betrachten andere Islamisten als Verrat - wofür sie sich rächen könnten.

Vom Terroristen zum Kronzeugen - die drei scheinen eine erstaunliche Wandlung durchgemacht zu haben. Wenn man ihren Aussagen Glauben schenken darf, wussten weder Nils D., 26, noch Harry S., 27, oder Harun P., 28, worauf genau sie sich in Syrien einlassen würden. Sie waren radikale Muslime, aber keine Anführer, keine Krieger - sondern eher Mitläufer. "Es sind meistens die, die eher am Rand einer Gruppe waren, die nicht ideologisch gefestigt sind, die hinterher mit der Justiz arbeiten", sagt ein Experte, der bereits häufig mit Kronzeugen zu tun hatte.

Nils D. war vor seinem Ausflug in die Reihen der Mörderbande ein Taugenichts. Er schlief bis gegen Mittag, surfte ein bisschen im Internet und traf in einem Café seine Kumpels. Dort nahmen sie Drogen, tranken, spielten Karten. Sie hatten keine Hobbys und begeisterten sich für nichts. Sein Ausbildungsbetrieb feuerte ihn, weil er nicht zur Berufsschule ging. Danach hatte er allenfalls noch Gelegenheitsjobs. "Ich war ein Kiffer", sagt Nils D., "ich hatte auf gar nix Lust."

Jahre ging das so. Dann entdeckte D. durch seinen Cousin Philip B. den Islam und wurde Salafist. Er musste noch eine Haftstrafe wegen schweren Diebstahls absitzen, als sein Cousin und die anderen Jungs aus Dinslaken bereits in Syrien kämpften. Dann, im Herbst 2013, reiste auch D. ins "Kalifat".

In seinem Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf sagte Nils D., er habe sich "das da mal anschauen wollen". Tatsächlich wurde er schnell Teil des Mördersystems. In Manbidsch schloss er sich einer Spezialeinheit des IS an. Aufgabe der Truppe war es, mutmaßliche Verräter, Spione oder Deserteure einzufangen. An bis zu 15 Einsätzen soll D. beteiligt gewesen sein.

Er wusste, was mit den Männern geschah, die er zu fangen half. Der frühere Kiffer aus Dinslaken kannte die Holzkisten, in die sie gesteckt wurden. Es gab die großen, in denen sie eingezwängt stehen konnten. Und es gab die kleinen, in denen die Gefangenen nur hocken konnten. Manchmal tagelang.

Nils D. trug den typischen Islamistenbart. Wenn er vor die Tür ging, dann stets in Schwarz gekleidet und vermummt. Er war bei fünf Hinrichtungen als Zuschauer dabei. "Ich hatte überall Gänsehaut", erzählte D. später einem Ermittler des Düsseldorfer Landeskriminalamts. "Aber nach einer Zeit prallt das an einem ab."

Er hielt einem gefesselten Gefangenen von hinten eine Pistole an den Kopf und ließ sich dabei fotografieren. Warum? "Es war eine Riesendummheit", sagt er heute. "Es tut mir leid. Der Mann hat das wahrscheinlich gar nicht bemerkt." Körperliche Gewalt will er nie angewandt haben. Berichte, wonach er Gefangene misshandelt und ermordet habe, bestreitet Nils D.

Mehrmals habe er das "Kalifat" verlassen wollen, erzählte er den Ermittlern. Mal kam ihm eine Rebellenoffensive dazwischen, mal wollten seine Anführer ihn nicht mit einem Auftrag nach Deutschland schicken. Nach eigenen Angaben hätte Nils D. einen solchen Anschlagsauftrag nur als Vorwand für die Flucht genutzt; er habe nicht für den IS in Deutschland aktiv werden wollen. Sagt er.

Aber D. sagt bis heute nicht, dass er mit der Ideologie gebrochen habe. Er habe gehen wollen, weil der IS "einen totalen Überwachungsstaat" aufbaute.

Den Absprung schaffte er im November 2014 unter einem anderen Vorwand. Er wolle seine Tochter zum IS bringen, erzählte er seinen Vorgesetzten - und reiste mit deren Segen in die Türkei. Er kehrte nicht zurück.

Bei seiner Mutter in Dinslaken versuchte er nur teilweise, in ein normales Leben zurückzufinden. "Er wollte feiern gehen, aber das war es nicht für ihn", sagte einer seiner Freunde den Ermittlern. "Er wollte in den Puff gehen, aber er traute sich nicht."

Zugleich gab er sich weiter unverhohlen als Islamist. IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi sei "unser Präsident"; "was der sagt, müssen wir machen", erklärte er einem Bekannten. "Das Beste, Allerbeste, was es gibt auf dieser Welt, ist der Märtyrertod", belehrte er seine neue Freundin. Als er erfuhr, dass ein enger Kamerad im Kampf gestorben sei, war das eine gute Nachricht. "Natürlich freue ich mich, wenn mein Freund nicht in der Hölle schmort", sagte er später.

Eines Tages sprach er in seinem Auto, das verwanzt war, mit einem Bekannten über seine Zeit beim IS. Er redete über seinen Ausweis, den er als Mitglied der Spezialeinheit erhalten hatte. Das reichte für die Ermittler: Sie nahmen ihn im Januar 2015 fest, drei Tage nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo".

Doch Nils D. war zunächst weit davon entfernt zu plaudern. Sie hätten nichts gegen ihn in der Hand, blaffte er einen erfahrenen Anti-Terror-Ermittler an. Sie würden sich "vor Gericht blamieren". Er drohte sogar: Abgerechnet werde, "wenn ich draußen bin".

Die Fahnder gingen wieder. Sie kamen über Monate nicht zurück. Dann aber hatten sie die gelöschten Daten von seinem Handy rekonstruiert. Sie kannten nicht nur den Browserverlauf mit den Pornos. Sie kannten alles: das Foto mit dem vermummten Gefangenen, die Bilder mit den Kampfgefährten aus Dinslaken.

"Da hat er seine Meinung geändert", sagte der Ermittler, der Nils D. damals befragt hatte, vor Gericht. Er sagte das nüchtern, beinahe emotionslos. Doch der Blickwechsel zwischen ihm und Nils D. während der Aussage zeugte von Sympathie. Die beiden schätzen sich. Der Beamte den Terroristen, weil er damals schon über 40-mal ausgesagt hatte. Und Nils D. den Beamten, weil er fair zu ihm war.

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Foto: action press

Inzwischen hat D. sich noch viel öfter vernehmen lassen. Er hat die Verbindung zwischen den Paris-Attentätern um Abdelhamid Abaaoud und seinen Dinslakener Komplizen offengelegt. Er hat zahlreiche Ermittlungsverfahren angestoßen und Prozesse ermöglicht. Er hat die Struktur seiner IS-Spezialeinheit geschildert wie niemand vor ihm.

Und er hat die Führungsrolle von Deutschen im IS in neuen Details beschrieben. Unter anderem verwies er auf einen zuvor unbekannten Deutschen, der offenbar unter dem Kampfnamen "Abu Hager" im IS-Sicherheitsapparat arbeitet und bis heute nicht sicher identifiziert ist.

Von seiner Haftstrafe hat Nils D. schon mehr als eineinhalb Jahre hinter sich. Vielleicht darf er wegen guter Führung früher in die Freiheit. Er nimmt an einem Aussteigerprogramm des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes teil. Nachrichtendienstler und Ermittler nennen ihn wahlweise eine "Goldgrube" oder einen "Glücksfall". Manche glauben sogar, er hätte ein guter Polizist werden können: "Er hat eine Beobachtungsgabe, ein Gefühl für Hierarchie und ein exzellentes Gedächtnis", heißt es.

Doch zu einem taugt er bislang nicht: zur Prävention. Denn trotz seiner umfangreichen Aussagen hat Nils D. sich bislang nicht vom radikalen Islam distanziert.

Dass der IS tötet und terrorisiert. Dass nichts davon mit dem Islam zu tun hat. Dass die Erzählungen von Heldentum im "Kalifat" Propaganda sind - von Nils D. gab es dazu kein Wort. Was treibt ihn an, trotzdem bei den Behörden auszupacken?

"Sie können davon ausgehen, dass hier die Hoffnung auf eine kürzere Haftstrafe im Vordergrund steht", sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter. "Eine Instant-Deradikalisierung gibt es nicht. Wenn jemand so weit war, dann dauert das Monate oder sogar eher Jahre."

Nils D. ist offenbar noch nicht so weit.

Harry S. dagegen schon.

Der Besucherraum 3 des Gefängnisses Oldenburg ist ein karges Zimmer mit grünem Boden und einem grauen Tisch in der Mitte. Durch das vergitterte Fenster sieht man die wuchtigen Mauern, obendrauf Stacheldraht. Im Innenhof prasselt der Regen.

Harry S. spricht mit gedämpfter Stimme. Über das Fernsehen hat er im Gefängnis die Anschläge der vergangenen Wochen verfolgt. Nizza, Würzburg, Ansbach. Sofort seien die Bilder wieder vor seinen Augen gewesen, erzählt Harry S., Bilder von Gräueltaten in Syrien: Steinigungen, Hinrichtungen, abgehackte Hände, zersiebte Leiber. Es sind die Gräueltaten einer Terrormiliz, der er sich angeschlossen hatte. "Abu Saif" lautet der Kampfname, den sie ihm in Syrien gaben - Vater des Schwertes.

Nach seiner Strafe möchte er Schülern sagen: Es gibt keine Rechtfertigung, sich dem IS anzuschließen.

"Was man dort erlebt, ist die Hölle auf Erden", sagt Harry S. "Das war der größte Fehler meines Lebens." Den IS nennt er nur noch "den sogenannten Islamischen Staat", denn für ihn ist heute klar: "Das ist eine kriminelle Organisation unter dem Deckmantel des Islam." Sie mache Menschen zu Monstern.

Knapp drei Monate lang war Harry S. Mitglied der Terrormiliz, bevor ihm im Frühsommer 2015 die Flucht in die Türkei gelang, noch vor dem Ende seiner Kampfausbildung.

Als er am Nachmittag des 20. Juli von Izmir mit der Airline SunExpress den Flug nach Deutschland antrat, warteten in Bremen schon Spezialkräfte der Polizei auf ihn - mit einem Haftbefehl. Es dauerte mehrere Monate, bis Harry S. sein Schweigen brach, doch dann floss es nur so aus ihm heraus.

Von Oktober bis Februar erzählte Harry S. Verfassungsschützern, Kripobeamten und den Ermittlern des Generalbundesanwalts an sieben Tagen von früh bis spät von seiner Zeit beim IS. Die Protokolle der Vernehmungen umfassen mehrere Hundert Seiten.

Es sind beunruhigende Details aus dem Innenleben des Terrorregimes, viele waren den Behörden bis dahin nicht bekannt. Harry S. verriet den Beamten, in welchem Internetcafé in der syrischen IS-Hochburg Rakka er und seine Dschihadisten-Kumpels verkehrten ("dort sind alle Deutsche"). Er nannte Namen von Kämpfern aus Bremen, Wolfsburg, Bonn, Berlin und Solingen. Und er sagte, wer von den Deutschen bei einer Massenerschießung in der Wüste von Palmyra Gefangene hingerichtet habe.

Vor allem aber hat Harry S. den Behörden so detailliert über Rekrutierungsversuche für Anschläge in Deutschland berichtet wie kaum ein IS-Rückkehrer zuvor - einen Monat vor den Anschlägen vom 13. November in Paris.

Im Besucherraum des Gefängnisses erinnert sich Harry S. an die Situation. Kaum war er nach Syrien geschleust worden, da seien an einem IS-Unterschlupf, einem "safe house", zwei maskierte Männer aufgekreuzt, angeblich Franzosen aus Marseille, die für eine Art Geheimdienst des IS arbeiteten. Sie hätten gefragt, ob er bereit sei, für den "Kalifen" des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, sein Leben zu opfern. In Frankreich gebe es genügend Männer, die zum Äußersten bereit seien. "Aber wir brauchen unbedingt Leute, die nach Deutschland gehen, um Anschläge zu verüben."

Später seien ein Engländer und ein Deutschrusse in einem Wagen mit schwarz getönten Scheiben vorgefahren, ebenfalls maskiert und schwer bewaffnet. Sie hätten erzählt, dass bisher alle Freiwilligen für Deutschland kalte Füße bekommen hätten. Sie brauchten "Action". Gemeint waren Anschläge in Deutschland, England, weltweit, "koordiniert zur selben Zeit", erinnert sich Harry S.

Die Aussagen von Harun P. haben dazu geführt, dass er von ehemaligen Gefährten bedroht wird.

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Foto: action press

Vieles spricht dafür, dass die Männer von einer geheimen IS-Einheit kamen, die für die Operationen des "Islamischen Staats" im Ausland zuständig ist. Ihr Anführer soll der IS-Kommandeur Abu Mohammed al-Adnani sein. Harry S. spricht von einem "Büro" für Anschläge im Ausland, das Listen mit Freiwilligen anlege.

Würzburg, Ansbach, das sei erst der Anfang, glaubt er: "Sie wollen diese Reaktionen, sie wollen, dass die Politiker sagen, die Flüchtlinge sind schuld, sie haben den Terrorismus mitgebracht. Sie wollen dieses Schwarz-Weiß-Bild erschaffen."

Vor wenigen Wochen musste sich Harry S. in Hamburg vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht verantworten. Es war ein kurzer Prozess. Nach nur vier Verhandlungstagen verurteilte ihn der Staatsschutzsenat zu drei Jahren Haft - eine außergewöhnlich niedrige Strafe für ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung. S. erschien im weißen Hemd und erinnerte sich auch dort an kleinste Details.

Manchmal schilderte er so ausführlich, dass ihn der Vorsitzende Richter bremsen musste. "Es hat ein gutes Ende genommen", fiel er dem Angeklagten ins Wort. "Ja, es hat ein gutes Ende genommen", erwiderte S. erleichtert. Seine Reue klang überzeugend. "Sie sind heute kein Terrorist mehr", sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung, "aber Sie waren damals auch weit weg davon, nur ein Mitläufer zu sein." In einem Propagandavideo trug S. in Flecktarnuniform die schwarze Flagge des IS durchs Bild, in einem Pistolenholster steckte eine Beretta.

Harry S. möchte nun Jugendliche davor warnen, denselben Irrweg zu gehen wie er. Über seinen Anwalt hat er Kontakt zu einem Verein aufgenommen, der sich auf Islamismusprävention spezialisiert hat. Wenn er seine Strafe abgesessen hat, würde er gern vor Schülern auftreten und ihnen sagen: "Egal, in welcher Krise oder schweren Situation man steckt, es gibt keine Rechtfertigung, sich dem IS anzuschließen. Man wirft nicht nur sein eigenes Leben weg, sondern auch das derjenigen, die dich lieben."

Experten in Politik, Wissenschaft und Verfassungsschutz suchen dringend Kronzeugen wie Harry S., die der IS-Propaganda glaubwürdig entgegentreten können - bislang ohne großen Erfolg. Entsprechend groß sind nun die Erwartungen an die ehemaligen Dschihadisten.

"Diese Schilderungen könnten eine erhebliche Wirkung bei Jugendlichen entfalten, wenn sie sie persönlich erreichen", sagt Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College. "Damit wären die Aussagen ein wichtiger Baustein eines Präventionsprogramms. Entscheidend ist es, junge Leute zu erreichen, ehe sie von Extremisten erreicht werden."

Im Video: Der Rückkehrer
SPIEGEL-Redakteur Wolf Wiedmann-Schmidt und SPIEGEL-TV-Redakteur Roman Lehberger haben einen deutschen IS-Rückkehrer im Gefängnis besucht und interviewt. Sehen Sie im Video einen Ausschnitt aus dem Gespräch mit dem ehemaligen IS-Anhänger.

SPIEGEL TV

Doch Szene-Aussteigern droht Gefahr, sie gelten ihren früheren Weggefährten als Abtrünnige, die bestraft gehören. Diese Erfahrung machte bereits der dritte Kronzeuge der Behörden, Harun P.

Der in Deutschland geborene Sohn afghanischer Einwanderer begab sich im September 2013 auf die Reise nach Syrien - weil er "eine Gefängnisstrafe wegen meiner Vorstrafen fürchtete", wie er später Ermittlern sagte. In seiner Heimatstadt München war er zuvor durch kleinere Delikte aufgefallen.

In Syrien schloss er sich nicht dem IS an, sondern der Terrormiliz "Dschunud al-Scham". Harun P. durchlief ein Trainingslager und lernte das Haus in der Nähe von Latakia kennen, in dem viele Deutsche auf dem Weg in den Dschihad Station machten. "Die meiste Zeit machten wir nichts außer putzen, kochen, Wäsche waschen, Waffe sauber halten", beschrieb er später den Terroristenalltag in der "zweistöckigen Villa".

Nach einer Kampfausbildung war er bei einem Angriff auf das Gefängnis von Aleppo dabei. Harun P. lag in Reserve. Später schoss er eine Mörsergranate über eine Mauer - was ihm vor Gericht zum Nachteil ausgelegt wurde.

Als Zeuge hatte Harun P. einen besonderen Wert. Er erklärte den Ermittlern die Struktur der kaum bekannten Terrortruppe "Dschunud al-Scham". Und er konnte zahlreiche Mitglieder der Miliz identifizieren, die später zum IS wechselten.

Zum IS ging Harun P. angeblich nur nicht, weil ihm "die Leute nicht gefielen". "Ich wurde von einem blöd angemacht, das kann ich überhaupt nicht verkraften", sagte er den Ermittlern.

Nach seiner Rückkehr wurde er in München zu elf Jahren verurteilt. Es ist die härteste Strafe, die ein Syrien-Rückkehrer in Deutschland bislang kassiert hat. Anders als bei Nils D. und Harry S. warfen ihm die Staatsanwälte Gewalttaten vor. Das Oberlandesgericht München belangte ihn wegen Beteiligung an versuchtem Mord in 400 Fällen.

Die Aussagen des Harun P. haben dazu geführt, dass er von ehemaligen Gefährten bedroht wird. Als er kürzlich in einem Berliner Prozess gegen andere Islamisten aussagte, wurde er in der dortigen Haftanstalt massiv angegangen. Anwälte anderer Dschihadisten würden außerdem versuchen, juristisch gegen ihn vorzugehen, heißt es in Sicherheitskreisen.

Im Berliner Gericht identifizierte P. auf einer Leinwand dennoch erneut ihm bekannte Islamisten. Und er widerlegte deren Legenden: "Wir taten so gut wie nichts humanitär. Essen und Geld aus Deutschland landete alles bei den Kämpfern", berichtete er. Einheimische hätten ihm gesagt: "Verpisst euch! Seit ihr hier seid, ist es noch viel schlimmer geworden."

Andere Extremisten sind entsetzt ob seiner Redseligkeit. Doch Harun P. macht weiter. Demnächst stehen wieder Prozesse an, in denen er als Zeuge auftreten soll.

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