Untergang des IS Das Terrorregime zerfällt

Die Anschläge im Westen lassen den "Islamischen Staat" stärker denn je erscheinen. Doch in Wahrheit sind die Alliierten dabei, ihn zu besiegen. Informanten berichten aus einem Terrorreich, das sich auflöst. Von Christoph Reuter

Es sei still geworden in der größten Stadt des "Kalifats", sagt der Mann aus Mossul. Er war eine Weile teils zu Fuß unterwegs an den Stadtrand, um von dort aus Details aus dem Inneren des "Islamischen Staats" (IS) zu übermitteln, wie schon häufiger: "Als die Kämpfe um Falludscha noch andauerten, gab es mindestens fünfmal am Tag Aufrufe aus den Moschee-Lautsprechern, sich dem Kampf anzuschließen. Der Staat werde siegen, behaupteten die Männer. Sie hätten Tausende Kämpfer dort, tonnenweise Munition und Waffen, Falludscha könne gar nicht fallen. Seit Falludscha doch gefallen ist, gibt es keine Aufrufe mehr."

Ende Juni befreite die irakische Armee zusammen mit sunnitischen Stammeskriegern und Schiitenmilizen die Stadt bei Bagdad von den Islamisten. Es war der bislang schwerste Schlag gegen den IS, der seit Monaten an allen Fronten verliert.

In den vergangenen Wochen haben zwar Attentäter in Istanbul, Dhaka, Bagdad, Beirut, Nizza, Ansbach und selbst in der Regionalbahn nach Würzburg Menschen mit Bomben, Schnellfeuergewehren oder einer Axt angegriffen - der IS erscheint vielen Menschen im Westen so stark und gefährlich wie nie zuvor. Ein Irrglaube.

Die Terrorwelle hat das Geschehen im IS-Kerngebiet nur überlagert. In Wahrheit wird es immer enger für das "Kalifat" auf syrischem und irakischem Boden. Eine Offensive gegen Mossul steht bevor, kurdisch geführte Kräfte nähern sich der zweiten IS-Hochburg Rakka. Und in Libyen rücken Regierungstruppen mit Luftunterstützung der USA Richtung Sirt vor. All das dürfte auch ein Grund dafür sein, dass die Zahl der IS-Anschläge derart sprunghaft angestiegen ist.

Das Bild, das sich aus den unter Lebensgefahr von Informanten übermittelten Details ergibt, zeigt eine Macht im Zerfall, schwankend zwischen Rückzug und Wahn. Noch, so sagen übereinstimmend Menschen aus verschiedenen Orten im syrischen und irakischen IS-Gebiet, habe die Terrorgruppe ihre Untertanen im Griff. Aber da Kontrolle und Furcht ihre beinah einzigen Herrschaftsinstrumente sind, treffen die militärischen Niederlagen in Serie sie umso härter.

"Die Kämpfer sehen frustriert aus und zum ersten Mal ängstlich", berichtet ein Mann aus der Umgebung der Stadt Hawidscha südwestlich von Kirkuk: "Manche schicken jetzt ihre Familien nach Mossul. Von den Einheimischen, die sich damals angeschlossen haben, jammern nun viele: Sie würden das bereuen, seien betrogen oder gezwungen worden. Wenn nur die Regierung in Bagdad ihnen eine Amnestie verspräche, könnten sie sich zu den Stellungen der Armee durchschlagen und würden nicht den mörderischen schiitischen Milizen in die Hände fallen."

Die Plünderer aus der Zeit des Vormarschs 2014, die damals ihre Macht als IS-Mitglieder nutzten, um Kühlschränke und Mikrowellen aus den Häusern ihrer geflohenen Nachbarn zu schleppen, werden nun ihrerseits zu Flüchtlingen: "In Hawidscha hat ein Daischi", wie IS-Anhänger bezeichnet werden, "eine komplette Möbelgarnitur auf dem Markt für 20 Dollar angeboten, die war bestimmt 700 Dollar wert", erzählt der Mann von dort. Manche würden versuchen, das "Kalifat" ganz zu verlassen und sich in die kurdischen Gebiete durchzuschlagen. Nur nach Süden gehe niemand. Die Schiitentruppen dort würden jeden umbringen, der beim IS war.

Während die zusammengewürfelte Allianz aus kurdischen und schiitischen Milizen, aus irakischer Armee und US-Luftwaffe Ort um Ort vom IS zurückerobert, versucht die Hisba, die allgegenwärtige Sittenpolizei des "Islamischen Staats", immer wahnhafter die Kontrolle aufrechtzuerhalten: Rauchen und Musik waren schon lange verboten, Frauen durften immer nur vollverschleiert in Begleitung ihres Mannes oder eines männlichen Verwandten unterwegs sein. Aber nun haben die Islamisten auch das Tragen von roten Kleidungsstücken untersagt.

"Rot sei eine Farbe des Feierns, sagen sie, und deshalb verboten", berichtet der Informant aus Mossul: "Und im Mathematikunterricht an den Schulen darf das Pluszeichen nicht mehr verwendet werden. Es sei das Kreuz der Christen, sagen sie. Jetzt muss man schreiben: ,1 addiert 1 sei, so Gott will, 2.' Wer die alten Zeichen verwendet, riskiert Bestrafung. Auch T-Shirts oder Flaggen, auf denen irgendwo ein Kreuz steht wie etwa im Wappen des FC Barcelona, sind jetzt strengstens verboten."

Es sind grotesk erscheinende Versuche, durch immer mehr Regularien die Herrschaft im Inneren aufrechtzuerhalten, die durch den militärischen Druck von außen zerfällt. Aber der Regelwahn kann die schwindende Macht nicht ersetzen, er kann höchstens den Eindruck erwecken, der IS wäre noch stark.

Möglichst lückenlose Überwachung war schon immer das zentrale Instrument des IS. Damit konnte er sein riesiges Gebiet erobern und beherrschen. Anfangs spähten seine Kämpfer jene Gebiete, die sie erobern wollten, flächendeckend aus. Dann täuschten sie die Menschen dort über ihre Identität und ihre Absichten. Und schließlich brachen sie mit demonstrativer, ungeheurer Grausamkeit jeden Widerstand.

Die Religion war dabei propagandistisches Mittel zum Zweck. Mit dem Islam lockten die IS-Führer Dschihadisten aus Tschetschenien oder Tunesien an und rechtfertigten ihre Willkürherrschaft im Inneren. Doch dieses System, weitgehend abgeschaut bei Saddam Hussein, funktioniert nur unter einer Voraussetzung: dass die Herrscher ihre Kontrolle auch weiterhin ausüben können.

Jetzt aber erodiert die Macht der Islamisten für alle sichtbar an vielen Rändern. Sobald der IS die Herrschaft über einen Ort verloren hat, sind dessen Bewohner nicht mehr gezwungen, der Gruppe die Treue zu halten. Wären sie wirklich überzeugt, und würden sie tatsächlich an das "Kalifat" glauben, könnte der IS auch als Schattenmacht fortbestehen.

Kämpfer des IS im syrischen Deir al-Sor: Kaum Anhänger, die aus freien Stücken zu ihm halten

Kämpfer des IS im syrischen Deir al-Sor: Kaum Anhänger, die aus freien Stücken zu ihm halten

Foto: Uncredited/ AP

Die Taliban in Afghanistan etwa verdanken ihren Wiederaufstieg auch dem Umstand, dass ihre Ideologie ihre Herrschaft überlebte. Sobald die Bedingungen für sie wieder günstiger wurden - eine bis ins Mark korrupte Regierung, verteidigt von ausländischen Truppen -, konnten sie zurückkehren. Al-Qaida im Jemen hat aus denselben Gründen stets darauf geachtet, die lokale Bevölkerung nicht gegen sich aufzubringen. Das verhinderte schnelle Eroberungen, aber eben auch spätere Enttäuschungen der Eroberten.

Der IS jedoch hat nie auf die Zustimmung der Bevölkerung gewartet. Hätte er versucht, die Menschen zu überzeugen und nicht nur ihre Dörfer überrannt, wäre er in der Anfangsphase bis Herbst 2014 nicht so schnell gewachsen. Aber nun rächt sich diese rabiate Strategie.

In keiner Stadt, keinem Dorf auf syrischer wie auf irakischer Seite gebe es eine Begeisterung der Mehrheit für den IS - so erzählen es Geflohene und Informanten. Blutspenden für verletzte Kämpfer etwa mussten unter Zwang eingesammelt werden.

Die meisten einfachen Bürger versuchen, sich herauszuhalten und zu überleben. Sie haben Angst, und sie nehmen an, dass der IS auf Dauer sowieso wieder verschwinden wird. Zu IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi stehen noch die örtlichen Anführer und vermutlich viele ausländische Dschihadisten. Aber ansonsten hat der IS kaum Anhänger, die aus freien Stücken zu ihm halten würden. Die Bevölkerung zu gewinnen war ja nie Teil des Konzepts.

In den befreiten Ortschaften in Nordsyrien haben denn auch vor allem Frauen ihre neu gewonnene Freiheit radikaler gefeiert, als man es in ihrer konservativen Umgebung erwartet hätte: Das Bild der 19-jährigen Souad Hamidi, die sich freudestrahlend ihren schwarzen Schleier herunterriss, ging um die Welt. "Seht, was wir tragen", rief eine andere Frau in einem Video, "danke für die Befreiung! Danke, dass ich Rot tragen kann! Ich werde immer Rot tragen!"

Friseure, die ein, zwei Jahre lang fast nichts zu tun hatten, freuen sich über den Kundenansturm: Die Männer wollen sich die Bärte abrasieren lassen. Sie wünschen sich nun poppige Frisuren, kurz, mit Gel, Hauptsache, weg mit den Zotteln, die zu IS-Zeiten vorgeschrieben waren. Männer spielen auf den Straßen Karten und Backgammon, rauchen demonstrativ wieder.

Noch aber ist der "Islamische Staat" mitnichten verschwunden. Und solange die mörderischen Luftangriffe syrischer und russischer Jets weitergehen, solange Sunniten in Todesangst vor Schiiten leben, könnte der IS selbst nach einem Totalverlust seines "Kalifats" wiederkehren.

Schon einmal war die Terrororganisation im Irak fast vollständig besiegt. Sie ging ab 2008 in den Untergrund, wurde nahezu vergessen - bis sie 2012 plötzlich auferstand, gefährlicher als je zuvor. Das dient dem IS-Propagandaapparat jetzt als Beweis der eigenen Unbesiegbarkeit: "Waren wir besiegt, als wir die Städte im Irak verloren und in der Wüste waren ohne Stadt oder Land?", fragte unlängst IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani in einer Brandrede: "Und wären wir besiegt, wenn ihr" - er meinte die angreifenden Mächte - "Mossul, Sirt, Rakka, ja sogar alle Städte einnehmen würdet? Sicherlich nicht!"

Im Video: Aleppo - "Es ist alles inszeniert"
SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter über Bilder des syrischen Staatsfernsehens, die zeigen sollen, wie die Bevölkerung über Fluchtkorridore Aleppo verlässt.

DER SPIEGEL

Die Organisation konnte vor vier Jahren vor allem deshalb wieder erstarken, weil Saddam Husseins einstige Geheimdienstoffiziere sich den Islamisten anschlossen - Kriegsprofis, die schnell aufstiegen und die Taktik prägten. Zudem nutzten dem IS die Umstände: der Krieg in Syrien und die Politik der konfessionellen Diskriminierung im Irak, die Sunniten von Macht und Ämtern ausschließt.

Die Tragik des von Washington angeführten Kampfes gegen den IS liegt nun darin, dass er kurzsichtig nur auf Militärschläge setzt. Die Koalition ignoriert die Rahmenbedingungen, die später eine Rückkehr des "Islamischen Staates" ermöglichen können.

Nur Tage bevor Diplomaten Dutzender Staaten bei einem Treffen Anfang Juli in Washington versprachen, den Kampf verschärfen zu wollen, flog US-Außenminister John Kerry nach Moskau. Im Gepäck waren weitreichende Konzessionen der USA an Russland, das Regime von Syriens Diktator Baschar al-Assad erst mal im Amt zu lassen.

Doch solange Assad regiert, wird der Aufstand gegen ihn nicht enden - und jede wirkliche Einigung der syrischen Fraktionen verhindert. Und erst eine solche Einigkeit könnte dem IS den Boden entziehen.

Stattdessen lassen die USA sich immer wieder benutzen in diesem komplizierten Krieg, etwa von Gruppen, die den Kampf gegen die Islamisten auch für ihre eigenen Zwecke nutzen. Am 19. Juli töteten amerikanische Bomben mehr als 50 Zivilisten in einem Dorf nördlich der syrischen Stadt Manbidsch, die vom IS beherrscht wird. Die Zielkoordinaten hatten die Amerikaner von der kurdisch geführten Miliz SDF bekommen. Die allerdings bekämpft nicht nur den IS, sondern versucht auch, Araber aus den Gebieten zwischen ihren kurdischen Hochburgen zu vertreiben.

Washingtons Antiterrorstrategen haben zudem bis heute nicht begriffen, wie der IS im Innersten funktioniert - und viele halten ihn für stark selbst an seiner schwächsten Stelle: "Diese Jungs sind weder hierarchisch organisiert noch kontrolliert", ließ sich der ehemalige CIA-Chef Michael Hayden vernehmen: "Sie haben all die Energie und Unberechenbarkeit einer Volksbewegung." Genau das haben sie eben nicht.