AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2016

Angriff auf IS in Mossul "Wir sind grausam"

Im umkämpften Mossul beginnt der IS offenbar, seine Spuren zu verwischen: Akten und Unterlagen sollen nicht in die Hände der Allianz fallen. Mit Terrorattacken versuchen die Islamisten, ihre Hochburg zu halten.

Schafhirte Omar bei Fasilija
Jacob Russell / DER SPIEGEL

Schafhirte Omar bei Fasilija

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Am Himmel das Dröhnen, das abebbt, wieder zunimmt, doch nie verschwindet. Es sind amerikanische Jets, die ununterbrochen über dem Kampfgebiet kreisen. Man sieht sie nicht, aber ihre Piloten sehen alles. Heißt es.

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Heft 44/2016
Der erste Wutbürger

Am Boden ist es still. Zu still, finden Leutnant Ammar und die anderen aus dem siebten Bataillon der kurdischen Peschmerga-Truppen: "Seit zwei Tagen regt sich da drüben nichts, absolut nichts."

Von ihrer Anhöhe aus schauen sie hinüber ins Dorf Fasilija. Nordöstlich von Mossul, wo die Berge Irakisch-Kurdistans auslaufen in einer kargen Hügellandschaft, liegt dieses Dorf auf dem letzten Hang vor der Ebene - es ist eine der letzten Bastionen des "Islamischen Staats" (IS) in der Umgebung. Bis vor wenigen Tagen schoss der IS von dort Mörsergranaten ab, im Gegenzug beschossen die Jets und die Peschmerga den Ort. Drei IS-Selbstmordattentäter rasten mit sprengstoffbeladenen Wagen auf die gegnerischen Linien zu, aber die Autos detonierten alle frühzeitig. Doch seither: Stille. Nur irgendwo in der Ferne Einschläge. Sind die Dschihadisten noch da? Oder geflohen? Keiner weiß es genau.

Etwa 800 Meter sind es bis zu den ersten Häusern. Durch die Zieloptik einer Milan-Panzerabwehrrakete sind weiße Fahnen über Häusern zu erkennen. Aber kein Mensch auf den Wegen, keine Bewegung, als ob das Dorf ausgestorben wäre. Mehr als tausend Menschen sollen noch dort sein, "aber warum kommen die nicht heraus?, fragt Ammar. "Das riecht doch nach einer Falle."

Der Leutnant und etwa 50 Männer liegen an einem Wall, halten Ausschau und warten. Bis einer, der das Niemandsland rechts von ihnen im Auge behält, plötzlich ruft: "Da. Sie fliehen!" Erst sieht man nur Staubfahnen, aber dann sind sie zu erkennen: drei Hirten mit ihrer Schafherde. Wie in Zeitlupe ziehen sie durch die gewellte Mondlandschaft, winzige schwarze und weiße Punkte im endlosen Ockergrau unter einem fast gleichfarbigen Himmel. Eine surreal anmutende Szene. Aus Fasilija kommen sie nicht. Sie müssen aus einem der Dörfer weiter westlich aufgebrochen sein.

Unbeirrt wandern die drei mit ihrer Herde zwischen den Frontlinien, als ginge sie dieser Krieg nichts an. Dabei ziehen sie mitten durch vermintes Gelände; keine hundert Meter weiter liegt das völlig zerfetzte Wrack eines Autos. Fünf Peschmerga kamen Tage zuvor darin um, als ein Sprengsatz hochging.

So langsam ist das Hirtentrio unterwegs, dass selbst der weite Umweg über die einzig sicher geräumte Piste es erlaubt, sie abzupassen. Die drei sind noch Kinder. "Wir sind im Morgengrauen losgegangen aus Tschantschi", einem winzigen Weiler, erzählt der Älteste von ihnen: "Als wir uns sicher waren, dass die Daischis alle weg sind", wie die IS-Kämpfer auf Arabisch bezeichnet werden.

Irakische Soldaten nahe der Front
Ali Arkady / DER SPIEGEL

Irakische Soldaten nahe der Front

Der Junge stellt sich als Omar vor und sagt, er sei 2002 geboren. Seine Brüder seien 13 und 11 Jahre alt: "Im Sommer vor zwei Jahren, als die Fremden plötzlich anrückten, waren wir mit den Tieren weit draußen. Wir haben gar nicht mitbekommen, was geschah. Meine Eltern, alle sind geflohen. Als wir wieder ins Dorf kamen, war es zu spät. Wir konnten nicht mehr weg."

Also seien sie geblieben, zwei Jahre lang hätten sie in einem der verlassenen Häuser gewohnt, ihre Schafe gehütet, ab und zu einige davon auf die Märkte der Umgebung gebracht. Mit dem IS hatten sie nie etwas zu tun, beteuert er: "Ich habe die freitags in der Moschee gesehen, sonst nie." Als sie kamen, hätten sie Regeln erlassen. Aber Omar weiß nicht einmal mehr, was genau die bärtigen Männer wollten, "nur dass sie mir den Kopf abhacken würden, wenn ich etwas falsch mache. Davor hatte ich immer Angst. Dass sie mir den Kopf abschneiden".

Die Welt außerhalb der geduckten Dörfer und kargen Weiden ist ihm fremd und unheimlich. Nur eines weiß er genau: "Vorgestern waren es 135 Schafe. Vielleicht sind durch die Granaten gestern welche umgekommen, im Moment bin ich mir nicht sicher. Aber 135 Schafe, das war unsere Herde." Alles, was er und seine zwei kleinen Brüder noch besitzen.

Aber nun müssten sie weiter. Durchs verminte Land. "Bei Gott, wir haben Angst, wissen ja nicht, wo die Minen liegen", bricht es aus Omar heraus. Aber die Schafe hätten seit vier Tagen nichts gefressen, nichts getrunken. Und sie selbst wollten zu ihren Eltern. Die seien im Dorf Sindana, bei Verwandten. Sagt er.

Zivilisten zwischen den Fronten, Gefechte im Chaos - zumindest für viele reguläre Militärs ist das ein Albtraum. Aber genau so ist der Kampf um Mossul, die Hochburg des "Islamischen Staats" im Irak. Seit bald zwei Wochen marschieren kurdische Peschmerga, irakische Armeesoldaten, schiitische Milizionäre, alle unterstützt von Amerikanern, gegen die Stadt. Es verlaufe fast alles nach Plan, versichern Offiziere. Doch der ganze Feldzug gerät immer wieder ins Stocken.

Kurdischer Kämpfer mit Panzerabwehrakete
Jacob Russell / DER SPIEGEL

Kurdischer Kämpfer mit Panzerabwehrakete

Die Islamisten leisten Widerstand, die Jets mit all ihrer Hightech-Optik bleiben oft blind in gigantischen, schwarzgrauen Rauchwolken aus zig Bränden. Der IS hat Ölquellen, aufgehäufte Reifen, einen Teil der Schwefelfabrik von Mischrak südlich von Mossul angezündet. Für Tage können Soldaten in deren Umgebung nur mit Gasmasken über Stunden im Freien sein, doch es gibt nicht genug Gasmasken.

Vor allem aber sterben die Kämpfer der Allianz beim Fahren, beim Öffnen von Türen, ja selbst beim Hochheben einer Wanduhr am Wegesrand: immer dann, wenn eine der vielen Tausend Minen explodiert, die der IS über Monate an allen nur erdenklichen Stellen versteckt hat. Und während die Koalition vorrückt, hat der IS zum Gegenschlag ausgeholt. Seine Terrorkommandos greifen in weit entfernten Städten an, in Kirkuk etwa oder Rutba.

Leutnant Ammars Kurdenkämpfer sind angespannt vor Furcht, dass aus irgendeinem Versteck abermals ein gepanzerter Pick-up oder Lastwagen voller Sprengstoff heranrast, den fast nichts stoppen kann als Raketen der unsichtbaren Jets. Die deutschen Milan-Raketen aus den Siebzigerjahren können das zwar im Prinzip auch, sagt Leutnant Ammar: "Solange der Wagen nicht im Zickzack unterwegs ist. Denn dann trifft die Milan nur noch, wenn er nicht schneller fährt als 40 Stundenkilometer."

Dass der letzte Selbstmordfahrer vor wenigen Tagen 50 Meter vor einem Humvee der Kurden explodierte, einem ihrer Männer den Fuß abriss, aber immerhin niemanden tötete, sei ein Wunder gewesen. Vielleicht lag es an einer Bodenwelle, die der rasende IS-Mann offenbar übersehen hatte. Selbstmordbomber sollen den Zündschalter während der Fahrt schon in der Hand halten, um ihn auch dann noch drücken zu können, wenn sie angeschossen werden. Der harte Aufprall könnte ausgereicht haben, dass der Mann unfreiwillig abdrückte.

Es ist nicht einfach, in diesem chaotischen Kampf den Überblick zu behalten, nicht einmal für hohe Offiziere. Manchmal werden Orte als befreit gemeldet, die das noch gar nicht sind. Am vergangenen Samstagmorgen heißt es, die christliche Kleinstadt Bartalla sei unter Kontrolle der Armee. Ein irakischer General gibt sogar eine improvisierte Pressekonferenz im Zentrum. Am Sonntagmorgen ist Bartalla wieder keineswegs befreit. Über Stunden sind schwere Explosionen vom Stadtrand zu hören, während auf der anderen Seite des Ortes schwarz uniformierte Unteroffiziere der "Goldenen Division" der Armee versichern, in einer halben Stunde sei die Lage unter Kontrolle. Man hatte einige IS-Einheiten am Stadtrand übersehen.

Gegen 14 Uhr setzt sich dann ein eigentümlicher Tross in Bewegung: vorneweg die dunklen, von Einschussdellen übersäten Kampffahrzeuge der "Goldenen Division", dann ein Bischof in schwarz-violetter Soutane und eine Handvoll ängstlich dreinschauender Priester, zusammengequetscht in einem gepanzerten Geländewagen. "Mossul 27 Kilometer", steht auf einem erstaunlich unbeschädigten Straßenschild. Die Reifen der Wagen rollen über Patronenhülsen und die durchglühten Drahtreste abgebrannter Reifenstapel.

Im Gänsemarsch geht es von einer Kreuzung der Hauptstraße zu Fuß einen Kilometer weiter bis zur Kirche der Jungfrau Maria. Wer austreten will, muss das wegen der Minengefahr mitten auf der Straße tun. Schiitische Soldaten mit überlebensgroßen Fahnen ihrer Heiligen am Auto posieren für Selfies mit zwei tschechischen TV-Reporterinnen, von denen eine Leggins mit Tarnfleckmuster trägt. Irgendwo in der Ferne explodiert etwas.

Die Kirche steht, sogar die Glocken hängen noch und läuten bald über der zerschossenen Stadt. Die Gräber in der Krypta und auf dem angrenzenden Friedhof sind aufgebrochen und geplündert worden, allen Statuen wurden die Köpfe abgeschlagen. Auf der Kirchenfassade steht in blauer Sprühfarbe der letzte Gruß der Dschihadisten: "Der Islamische Staat ist bleibend und expandiert." Die Expansion ist zweifellos gestoppt. Aber dass der IS auch nach einer Niederlage bleiben wird, diese Gefahr ist real.

Seit Mittwoch vergangener Woche hielten etwa hundert IS-Attentäter die Großstadt Kirkuk weit südöstlich der Fronten in Angst. Erst besetzten sie mehrere Gebäude im Zentrum, darunter Polizeistationen. Doch selbst nach deren Rückeroberung kämpften kleine IS-Gruppen weiter und schürten Panik. Polizisten, Soldaten, bewaffnete Stadtteil-Vigilanten schossen auf jeden Verdächtigen. Der Fotograf Hawre Chalid aus Kirkuk berichtet, eine ganze Familie sei in ihrem Auto niedergemäht worden, weil der Fahrer nicht rasch genug angehalten habe. Und tief im Südwesten des Irak überrollten IS-Trupps die Wüstenstadt Rutba. Lauter Selbstmordkommandos, aber sie schüren die Furcht vor dieser monströsen Maschinerie des Schreckens.

Nur, was fällt den Islamisten diesmal ein, fragen sich die Männer von Leutnant Ammars kleiner kurdischer Truppe vor Fasilija. Stunde um Stunde rührt sich dort nichts. Die zwei betagten Panzer ihrer Einheit sind rasselnd einmal vorgerückt bis an den Gartengürtel vor dem Dorf und wieder zurückgekommen. Kein Schuss fiel. "Wir fürchten die Gärten", sagt Ammar: "Da kann alles herauskommen."

Die zwei verwitterten Panzerfahrer heben matt die Schultern auf die Frage, ob sie Angst hätten. Haidar ist 49, Dschabar 45, ihre beiden T-62-Panzer aus sowjetischer Produktion sind noch älter. Das Einschussloch am Geschützturm, beruhigt Haidar, stamme von 1986, "Iranfront". Angst? Nein, sagt er ohne Regung: "Im Irak ist das Sterben so normal geworden. Seit den Achtzigerjahren ist immer irgendein Krieg gewesen. Und immer war ich dabei." Er und Dschabar machen ihren Job seit 30Jahren. Sie haben alles überlebt. Aber das heißt nicht zwingend, dass sie den morgigen Tag auch erleben werden.

Am Donnerstag schließlich wird das Dorf Fasilija erobert. Doch all die Kriege, die vergessenen Toten der Achtziger-, Neunzigerjahre an der iranischen Front, in Kuwait, in Irakisch-Kurdistan, dann ab 2003 überall im Land; die Erfahrung, dass in diesem Land die Opfer von gestern die Unterdrücker von morgen werden: All das schnurrt an diesem Mittag im Oktober zu diesem lakonischen Satz zusammen. Dass das Sterben im Irak so normal geworden sei.

Warum? Haidar zuckt wieder mit den Schultern: "Das scheint das Schicksal dieses Landes zu sein. Wir sind grausam zueinander." Der absehbare Untergang des IS in Mossul werde mitnichten das Ende des Krieges bedeuten, glaubt er. Die Erbarmungslosigkeit der Sieger und ihr Streit darum, wem die Stadt fortan gehört, würden stattdessen die nächste Umdrehung der ewigen Kämpfe einleiten: Kurden gegen schiitische Milizen, Iraker gegen die türkische Armee, "wer weiß", drittes Schulterzucken. Und vermutlich werden er und Dschabar und ihre 54 Jahre alten Panzer wieder dabei sein. So sei das mit sowjetischer Waffentechnik: "Sie hält ewig."

Den drei Hirtenjungen sind weitere Flüchtlinge aus Tschantschi gefolgt. Zwei Bauern haben ihre Trecker gerettet, einer zieht den anderen über die staubige Piste. Ein Peschmerga im Pick-up will kaum anhalten, neben ihm auf dem Beifahrersitz wimmert ein kleiner Junge mit bandagiertem Arm, auf der Ladefläche kauern Frauen und Kinder, "wir müssen weiter, irgendwo ein Krankenhaus finden". Es seien seine Verwandten.

Alle stauen sich am Kontrollposten der Peschmerga zwischen steilen Hügeln, wo zwei Jahre lang die Front zum "Kalifat" verlief. Und hier taucht auch plötzlich die Schafherde mit Omar und seinen zwei kleinen Brüdern wieder auf. Erst scheint sich niemand um sie zu scheren. Doch dann rennen Uniformierte auf sie zu, einer zerrt Omar vom Esel, brüllt: "Warst du ein Daischi?"
"Nein, Sajjidi", mein Herr, "war ich nicht. Ich habe nur auf die Schafe aufgepasst."
"Warst du doch!" Er gibt dem Jungen eine Ohrfeige.
"Nein, Sajjidi, nein."
So geht das eine Weile. Irgendwann wird der Älteste festgenommen, die Jüngeren dürfen erst mal gehen.

Doch nachdem die beiden mit ihrer Herde zwei, drei Kilometer weiter durch die Hügel gezogen sind, manchmal aus der Ferne noch zu sehen waren, verschwinden sie plötzlich. Eine Stunde später treiben zwei uniformierte Kurden ihre Herde die Straße hinab. Denn seltsam: Das Dorf, das Omar, der Älteste, genannt hatte, Sindana, wo sie angeblich hinwollten, kennt niemand in der Umgebung. Es gebe keinen Ort, der so heißt, sagen andere Flüchtlinge und Peschmerga. Wie eine Hitzespiegelung löst sich das Bild der drei auf. Wer sind sie wirklich? War der Älteste vielleicht doch beim IS?

Zweimal werden SPIEGEL-Teams dieser Tage Zeugen der Festnahme von IS-Kriegern: Im Flüchtlingscamp Dschada werden vier junge Männer von entfernten Verwandten erkannt und verhaftet. Im Dorf Tall Teiba weit südlich von Mossul wollen zwei Männer fliehen, aber das letzte Auto und das letzte Motorrad springen beide nicht an. Die Männer ergeben sich irakischen Soldaten und jammern, sie hätten nichts Böses getan. Es sind erbärmliche Gestalten, blutjung, weder beseelt noch entschlossen. Sondern ängstlich, verwirrt und wohl nicht die Hellsten.

Gefangener IS-Kämpfer
Ali Arkady / DER SPIEGEL

Gefangener IS-Kämpfer

Aus Mossuls Zentrum werden in der Zwischenzeit Brände gemeldet und Explosionen. Das Gebäude des Provinzrats, das Einwohnermeldeamt, mehrere Banken gehen in Flammen auf. Zeugen aus dem Innern der Stadt bestätigen nach und nach: Der IS selbst beginne, seine Spuren zu verwischen.

Der "Islamische Staat" hat stets einen bürokratischen Apparat unterhalten, alles vermerkt, gesammelt, verwendet. Doch nun sollen Akten, Unterlagen, Überweisungen offenbar rechtzeitig vernichtet werden.

Gefangener IS-Kämpfer
Ali Arkady / DER SPIEGEL

Gefangener IS-Kämpfer

Und angeblich verlassen viele der Kämpfer die Stadt Mossul, die meisten setzen sich wahrscheinlich auf Schleichwegen ab in Richtung Syrien. Nach und nach geben die IS-Einheiten Stellungen auf, ziehen sich über den Tigris zurück ins Zentrum. Dort halten sie Ende vergangener Woche sogar eine Militärparade ab, an der vor allem ausländische Kämpfer, unter ihnen Chinesen, teilnehmen. Die Iraker unter den Islamisten, so ein Informant des in der Handelsstadt Mossul außerordentlich gut verdrahteten "Iraq Oil Report", seien ferngeblieben, weil sie Angriffe des Widerstands in der Stadt selbst fürchteten.

Als der IS Mossul im Juni 2014 binnen Tagen überrannte, rekrutierte er die lokale Führung seiner gefürchteten "Hisba"-Patrouillentruppe aus den Armenvierteln im Süden der Stadt. Die Hisba-Gruppen wurden immer brutaler, um die Angst aufrechtzuerhalten. Aber nun funktioniert das nicht mehr, sie können immer weniger Menschen in Schach halten und treiben immer mehr in einen teils verzweifelten, teils abwartenden Widerstand. Die "Mossul-Brigaden", wie sich die IS-Feinde in Mossul nennen, schießen aus Fenstern und Hinterhalten auf die Dschihadisten.

Andererseits sollen Scharfschützen des IS aus Syrien zur Verstärkung angerückt sein, um Mannstärke und Moral der verbliebenen Kämpfer zu erhöhen. Chemiewaffen vor allem aus alten Beständen stünden bereit zum Einsatz. Und die Tunnelnetze, die der IS selbst unter Dörfern und Kleinstädten über Jahre gegraben hat, erstrecken sich nach Aussagen eines SPIEGEL-Informanten in Mossul über rund 17 Kilometer. Manche der Tunnel seien zweieinhalb Meter hoch und breit. Groß genug, um mit Autos hindurchzufahren.

Eine ungewöhnliche Kampfmethode nutzt auch die Allianz: Nach Angaben des "Iraq Oil Report" haben "Mobilfunkgesellschaften stillgelegte SIM-Karten reaktiviert, den Empfang verstärkt und Guthaben aufgeladen, deren Empfänger mit Textnachrichten aufgefordert wurden, Instruktionen der irakischen Sicherheitskräfte zu folgen". Dies habe, so der Report, "zu einem signifikanten Anstieg der Kommunikation geführt. Einwohner verschiedener Viertel berichten Aufenthaltsorte und Mannstärke des IS per SMS".

Die kleinen Hirten aus Tschantschi mit ihren Schafen haben noch nie ein Telefon gehabt. Die Suche nach den beiden Jüngeren führt schließlich ins örtliche Peschmerga-Hauptquartier. Der wachhabende Unteroffizier schnaubt: "Was wollt ihr? Nach zwei Jungen und einer Schafherde fragen?!"

Aber in einem Besprechungszimmer sitzt, höchst unerwartet, einer der höchsten kurdischen Generäle. Ihm wiederum gefällt diese Frage: "Wir müssen auf die Menschen achtgeben. Wenn wir der Grausamkeit des IS nur mit Grausamkeit begegnen, werden wir nichts erreichen." Er treibt seine Untergebenen zu hektischen Telefonaten, bis plötzlich die beiden kleinen Hirten in den Raum geführt werden, eingeschüchtert, aber unversehrt.

Die beiden wiederholen ihre Geschichte. Nur dass sie gar nicht mehr wüssten, wohin sie fliehen wollten. Sie bekommen Kekse und Saft, "verdammt, das sind doch Kinder", ruft der General, während ein anderer Kurde im Ruhrgebietsdialekt loslegt, sich vorstellt ("Kurdenverein Bottrop") und versichert: "Bestimmt wird sich das Jugendamt der Jungs annehmen!" Es ist surreal.

Am nächsten Tag sind alle fort, der General, der Bottroper, die Jungen und ihre Herde. Man habe sie laufen lassen, sagt der Wachhabende: "Die sind nach Scheich Marwan gegangen." Aber auch dieses Dorf kennt keiner, so wenig wie das erste, Sindana. Offenbar haben weder Omar noch die beiden Jüngeren die Wahrheit gesagt.

Während der Krieg weitergeht, aus unsichtbarer Höhe die Raketen auf rasende Selbstmordbomber und Stellungen des IS niedergehen, bleiben die drei und ihre Schafherde einfach verschwunden.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Christoph Reuter in Bartella

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