Skandalfall in Israel "Der Terrorist hat noch gelebt. Er musste sterben"

Ein israelischer Soldat exekutiert einen Palästinenser. Er landet vor Gericht, doch großen Teilen des Volks gilt er als Held. Folgen einer anarchischen Brutalität, bei der es nur noch darum geht, dem anderen maximal zu schaden. Jetzt soll das Urteil fallen.
Angeklagter Azaria und seine Eltern vor Gericht

Angeklagter Azaria und seine Eltern vor Gericht

Foto: Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Hinweis: Dieser Hintergrundartikel zum Fall Elor Azaria erschien erstmals im Oktober 2016. Am heutigen Mittwoch soll das Urteil gefällt werden.

Der Himmel über Hebron ist eisblau an dem Morgen im März, an dem Elor Azaria für die einen zum Killer wird und für die anderen zum Helden.

Ein Soldat stürmt in sein Zimmer, weckt ihn. Ein Notfall. Azaria zieht sich an und rennt zum Tatort. Um 8.22 Uhr erreicht er eine Wegkreuzung im Viertel Tel Rumaida. Azaria sieht einen Kameraden, der mit einer Stichwunde am Boden liegt, neben ihm zwei junge Palästinenser; der eine leblos, um seinen Kopf wächst eine Pfütze aus Blut. Der andere auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt, mit blassem Gesicht und geschlossenen Augen. Etwa vier Meter weiter liegt ein Messer.

Azaria, 20 Jahre alt, hilft, den verletzten Kameraden zu versorgen. Er hievt ihn auf eine Bahre. Dann läuft er ein paar Meter, übergibt seinen Helm einem Kameraden, lädt sein Gewehr durch. Es ist 8.29 Uhr, als er dem am Boden liegenden Palästinenser in den Kopf schießt, aus einer Entfernung von wenigen Metern. Blut läuft über den Asphalt.

Auf einem Hausdach steht ein palästinensischer Familienvater und filmt. Noch am selben Morgen lädt er das Video auf Facebook hoch. Er schickt es auch an die Nachrichtenagentur Reuters und die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem. Er löst damit einen Sturm aus. Das Video zeigt die Exekution von Abdel Fattah al-Sharif, 21 Jahre alt.

So wird Sharif für viele Palästinenser ebenfalls zum Helden: ein Schahid, ein Märtyrer im Kampf gegen Israel. Seit September 2015, als die palästinensische Messer-Intifada gegen Israel begann, gab es fast täglich Angriffe, mehr als 40 tote Israelis, rund 250 tote Palästinenser. Keine Strategie der großen Anschläge, sondern der dauernden Verunsicherung. Die wenigsten Fälle haben großes Aufsehen erregt. Doch dieser Fall ist anders als die anderen. Die Verwerfungen, die er hinterlässt, reichen in die höchsten politischen Ebenen des Landes. Er legt tiefe Risse frei im Verhältnis zwischen Politik, Armee und Volk.

SPIEGEL-Korrespondentin Nicola Abé erklärt im Video, was der Prozess um den Soldaten Elor Azaria in Israel auslöst - und was dahintersteckt.

DER SPIEGEL

Dieser eine Tote von Hebron zwingt das Land hinzusehen, wo es sich sonst gut wegsehen lässt. Auch deshalb wird so erbittert über ihn gestritten. Er konfrontiert den israelischen Staat mit der Tatsache, dass 50 Jahre Besatzung des Westjordanlands einen moralischen Preis haben, dass die Unterdrückung eines anderen Volkes in die eigene Gesellschaft zurückwirkt.

Es ist gegen acht Uhr früh, als der Palästinenser Sharif, Tischler, an jenem Morgen im März das Haus seiner Familie verlässt. Er hat gebetet und zum Abschied seine kleine Schwester auf die Stirn geküsst. Gemeinsam mit seinem besten Freund macht er sich auf den Weg zu einem Kontrollpunkt der israelischen Armee. Sie tragen zwei Küchenmesser bei sich. Sie passieren erst die Schranke. Dann stechen sie auf einen der Soldaten ein, der Wache hält. Sharif versucht wegzurennen. Ein Schuss trifft ihn in den Unterkörper. Er krümmt sich blutend am Boden. Minutenlang liegt er dort, die herbeieilenden Soldaten, Siedler und Sanitäter beachten ihn nicht. Bis Elor Azaria ihn tötet.

Als das Video bekannt wird, distanziert sich die Armeeführung sofort von ihrem Soldaten: "Dieses Verhalten entspricht nicht der Kultur der israelischen Streitkräfte und auch nicht der des jüdischen Volkes", sagt ein Sprecher. Verteidigungsminister Moshe Ya'alon steht in einer Regenjacke vor dem Parlament und erklärt: "Es handelt sich hier um einen Soldaten, der die Grenzen überschritten hat, nicht um einen Helden." Azaria wird verhaftet.

Bloßes Töten ohne Grund und Regeln darf es nicht geben in einer Demokratie, das ist die Ansage. Soldaten müssen sich daran halten, sonst wäre man nicht besser als die Terroristen. Die israelischen Streitkräfte ziehen eine rote Linie: Solch eine Tat ist nicht Norm in einem Rechtsstaat.

Doch die Stimmung im Land ist eine andere. An einem Abend im April versammeln sich Tausende auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv. Siedler aus dem Westjordanland reisen in Bussen an. "Befreit den tapferen Soldaten", steht auf Schildern geschrieben oder: "Ein toter Terrorist kann keine Juden mehr ermorden." Journalisten sind unerwünscht.

Auf einer Bühne steht Sharon Gal, ein Fernsehmoderator, der sich selbst zum PR-Mann der Familie von Elor Azaria erklärt hat. "Es kann keiner einem Soldaten die Schuld geben, der einen widerlichen Terroristen ermordet", ruft er in die Menschenmenge, "dieses Land befindet sich im moralischen Verfall." Eine zierliche Frau tritt ans Rednerpult, Azarias Mutter. Ihre Stimme zittert: "Mein Sohn, ich liebe dich. Mein Herz bricht, weil du nicht bei mir bist." Ein runder Mann folgt ihr, Charlie Azaria, der Vater. "Er ist ein Held", brüllt er. Die Menge jubelt und skandiert: "Tod den Arabern."

Die rote Linie ist verwischt. Viele Israelis stehen auf der Seite von Elor Azaria, nicht auf der der Armee oder des internationalen Rechts.

Die Frage nach dem Warum führt in ein ärmliches Städtchen, nach Ramla. Elor Azaria ist hier aufgewachsen. Auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem, umringt von Autobahnen. Ramla ist bekannt für die vielen Gefängnisse. Der Anteil der arabischen Bevölkerung beträgt etwa ein Fünftel. Wer hier ein bisschen Geld hat, kann sich ein Reihenhaus leisten. Die Azarias leben in einem sandfarbenen Wohnblock, über dessen Eingang ein Banner befestigt ist: "Sei stark, lass dich nicht brechen! Wir, das Volk, sind mit dir!"

Elor, sein Name bedeutet "Licht Gottes", ist das jüngste Kind von vieren. "Wenn Sie den Jungen nur kennen würden", seufzt David Shovat, 62, alter Freund der Familie. Freundlich sei Elor, hilfsbereit und verantwortungsvoll. Kein guter Schüler, aber beliebt bei seinen Klassenkameraden, Fußballfreak und Fan des rechtsradikalen Rappers The Shadow.

In den Siebzigerjahren emigrierten die Azarias von Nizza nach Israel, "aus zionistischen Gründen", für den Judenstaat. Sie sind Misrachim, arabischstämmige Juden mit tunesischen Wurzeln, gehören nicht zur aus Europa eingewanderten Elite, die bis heute Politik und Wirtschaft beherrscht. Charlie Azaria, der Vater, diente mehr als 30 Jahre lang als Polizist. Schon als kleiner Junge habe Elor davon geträumt, Soldat in einer Spezialeinheit zu werden. Später fiel er durch mehrere Aufnahmetests, wurde aber schließlich in die Kfir-Brigade aufgenommen. 2015 verlieh ihm die Armee ein Zertifikat als "bester Kämpfer seines Bataillons". Die Familie sei sehr stolz auf ihn gewesen.

"Wenn er einen anderen Nachnamen hätte, dann wäre das alles nicht passiert", sagt Shovat. Das Gefühl teilen viele, sie sehen Elor Azaria als Jungen aus dem Volk. Dass die Armee, die Elite in Tel Aviv, sich gegen ihn wendet, empfinden sie als Unrecht. Der Fall spaltet die Gesellschaft. Mehr als die Hälfte aller Israelis meint, dass Azaria richtig gehandelt hat. Er hat einen Terroristen ausgeschaltet. Was soll daran falsch sein? Einfache Soldaten solidarisieren sich mit ihm.

Azaria muss sich vor einem Militärgericht in Jaffa verantworten. Seine Anklage lautet nicht auf Mord, sondern auf Totschlag. Vertreten wird er von zwei prominenten Anwälten. Die Kanzlei Besserglick befindet sich in Ramat Gan, einem Nobelvorort von Tel Aviv. Ein schwarzer Panther aus Plexiglas ziert den Tisch im Wartezimmer. Eyal Besserglick, dunkle Brille, blasser Teint, vor Gericht tänzelnd wie ein Boxer, ist Kriminalanwalt und eigentlich unbezahlbar. Sein Partner, Ilan Katz, Glatze und Goldkette, einst selbst beim Militär, verteidigt seit Jahren Soldaten gegen die Armee. Ihren Kampf begreifen sie als Feldzug gegen ein korruptes System. Außerdem ist er ein juristischer Scoop, der maximale Aufmerksamkeit verspricht. "Ich wusste sofort, dass dieser Soldat unsere Hilfe braucht", sagt Besserglick.

Mut­ter und Groß­va­ter des ge­tö­te­ten Sharif in ih­rem Wohn­zim­mer in He­bron

Mut­ter und Groß­va­ter des ge­tö­te­ten Sharif in ih­rem Wohn­zim­mer in He­bron

Foto: Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Katz erklärt, warum Azaria geschossen hat: Es geht um die Verteidigung des Heimatlands. Er habe die potenzielle Gefahr erkannt, die von dem Terroristen ausging, der noch lebte und sich bewegte. Der Terrorist habe - für diese Jahreszeit ungewöhnlich - eine Jacke und einen Pullover getragen. "Darunter hätte eine Sprengstoffweste versteckt sein können." Nur weil ein Video existiere, gebe es überhaupt eine Untersuchung, so die Verteidigungslinie.

Das Militärgericht in Jaffa befindet sich in einem alten, grün getünchten Kolonialgebäude. Auf Holzbänken drängen sich Soldaten, Journalisten und Familienangehörige von Azaria. Der Angeklagte sitzt in der ersten Reihe. Ein bulliger Junge in olivfarbener Uniform, pausbäckig, braune Kulleraugen. Neben ihm sein Vater, den Arm um seinen Rücken gelegt. Hinter ihm die Mutter, in ständigem Körperkontakt mit dem Sohn, sie streichelt seinen Kopf.

"Der Terrorist hat noch gelebt. Er musste sterben", habe Azaria nach dem Schuss erklärt. Das sagt sein direkter Vorgesetzter aus, der mit ihm am Tatort war.

Azarias Mutter weint. Aus Vater Charlie bricht es heraus: "Es geht nicht um Gerechtigkeit in diesem Prozess! Jemand von oben zieht die Stränge. Ich habe so etwas in meinem Leben noch nicht gesehen: Lügner! Sie wollen ihn mit allen Mitteln zum Schuldigen machen!" Er bricht in Tränen aus. "Habe ich meinen Sohn dafür in den Kampf geschickt?" Der Sohn hält Mutter und Vater im Arm, presst sie beide an seine Brust, küsst ihre Stirn. "Schsch", sagt er leise.

Am 10. Juli startet PR-Mann Sharon Gal eine Crowdfunding-Kampagne, damit die Azarias ihre Anwaltskosten bezahlen können. Wer 100 Schekel spendet, erhält einen Brief der Familie. Für 200 Schekel gibt es ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Alle für einen. Das Volk Israel lebt." Wer mehr investiert, darf Moderator Gal treffen. Binnen weniger als 24 Stunden kommen die benötigten 400.000 Schekel, rund 100.000 Euro, zusammen.

"Elor Azaria ist nun der Sohn aller Israelis", erklärt der Journalist Nahum Barnea. Jede Mutter und jeder Vater in diesem Land gebe das eigene Kind in die Hände der Streitkräfte, bereit, das größte Opfer zu erbringen. "Dadurch haben Eltern ihren eigenen Anteil an der Armee; sie werden zu emotionalen Aktionären." Einst war es Gilad Schalit, ein von der Hamas entführter Soldat, der als Sohn der Nation betrachtet wurde. Doch diesmal ist es das System selbst, dem ein Soldat vermeintlich zum Opfer fällt. Das ist für viele ein Verrat. "Ob Azaria nach den Regeln gehandelt hat, ist nebensächlich", erklärt Barnea, "es geht jetzt um die Frage, was in diesem Land moralisch ist."

Der Sturm erfasst die Politik. Für Premierminister Benjamin Netanyahu wird die Angelegenheit zum Problem. Zu Azarias Unterstützern gehören viele, die bei der letzten Wahl für seine Likud-Partei gestimmt haben, aber noch zur rechteren Konkurrenz abwandern könnten.

Diese nutzt den Fall bereits für sich. "Vorverurteilt" habe man Azaria. Naftali Bennett, Chef der Partei "Jüdisches Heim", telefoniert mit der Familie des Soldaten, öffentlich verkündet er, Azaria solle "keinen Tag im Gefängnis verbringen". Der rechte Hardliner Avigdor Liberman, ein alter Widersacher Netanyahus, setzt sich zu Prozessbeginn in den Gerichtssaal.

Hatte Netanyahu sich anfangs auf die Seite der Armee und des Verteidigungsministers gestellt und die Tat verurteilt, vollzieht er bald eine Kehrtwende. Er ruft den Vater Elor Azarias an und teilt mit, er verstehe dessen Kummer.

Hinter dem Rücken seines Verteidigungsministers verhandelt er mit Liberman. Dessen Partei "Unser Zuhause Israel" tritt der Regierungskoalition bei, und Liberman übernimmt das Verteidigungsressort. Damit steht erstmals ein Außenseiter an der Spitze der Armee, ein Mann, der kaum Kampferfahrung vorzuweisen hat und eine härtere Linie gegenüber den Palästinensern vertritt. "Netanyahu will mithilfe von Liberman die älteste Elite des Landes brechen: die Armee", schreibt die Tageszeitung "Haaretz".

Der geschasste Minister Moshe Ya'alon spricht bei seinem Rücktritt vom "Verlust eines moralischen Kompasses in grundlegenden Fragen". Dass er sich im Fall Azaria auf die Seite der Armee gestellt habe, bezeichnen die Kommentatoren als "politischen Suizid". Es geht nun um die Frage, was für ein Land Israel sein will. Geht man mit der stellvertretenden Außenministerin, die sagt, es sei ein "wichtiges jüdisches Prinzip, wenn jemand kommt, um einen zu töten, ihn zuerst zu töten"? Oder mit dem Stabschef der Streitkräfte: "Ich will nicht, dass ein Soldat sein Magazin in ein palästinensisches Mädchen mit einer Schere leert"?

Die Militärführung bleibt bei ihrer Linie. Doch warum? Wegen eines Videos? Oder ist ausgerechnet das Militär nun Hüter der Menschenrechte? Der Kompaniechef der Kfir-Brigade erklärt vor Gericht, wie die Einsatzregeln lauteten: den Angreifer "neutralisieren", erst den verletzten Soldaten versorgen und dann den verletzten Angreifer. Auch weil das in Hebron mehrfach nicht passiert sei, weil verwundete oder tote Palästinenser über einen längeren Zeitraum liegen gelassen wurden, sei die Lage dort so angespannt.

De­mons­tran­ten in Tel Aviv

De­mons­tran­ten in Tel Aviv

Foto: Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

"Adam und Eva" heißt der heruntergekommene Coffeeshop in Hebron, in dem der getötete Palästinenser Sharif mit seinen Freunden abends oft Karten spielte und rauchte. Ein paar Nachbarsjungen sitzen dort. Im März habe Sharif hier gesessen, an einem der Plastiktische, mit fiebrigen Augen. "Er hat innerlich gekocht", sagt einer der Jungen.

Sharif habe erzählt, die Armee habe zwei seiner Freunde erschossen, 18 und 21 Jahre alt. "Ich bin wütend und deprimiert", habe Sharif gesagt. Im Coffeeshop zeigen die Jungen Videos der Beerdigungen von Sharif und seinem besten Freund, unterlegt mit Popmusik: "Mama, weine nicht, denn ich werde ein Märtyrer sein."

In Hebron leben 600 Siedler, zu ihrem Schutz sind rund 3000 israelische Soldaten stationiert. Die Altstadt, einst Zentrum palästinensischen Lebens, ist wie ausgestorben wegen der Kontrollpunkte des Militärs. Betonwälle schirmen die Straßen ab, auf denen Siedler verkehren. Für Palästinenser sind sie teilweise verboten. Deren Geschäfte sind verlassen, zugemauert.

Imad Abu Shamsiya lebt hier, der palästinensische Familienvater, der das Video von der Hinrichtung Sharifs gedreht hat. Er humpelt ein wenig, weil er früher an Kinderlähmung litt. Dass er an jenem Morgen auf das Hausdach seines Nachbarn kletterte und filmte, hat sein Leben verändert. Seit ein paar Jahren dokumentiert er, was vor seiner Haustür geschieht. Menschenrechtsorganisationen stellen ihm Kameras zur Verfügung. Unzählige Videos hat er auf dem Laptop gespeichert. Doch nie war der Aufschrei, den er erzeugte, größer als nach jenem Video vom März.

Nun hat er um sein Haus eine Art Hülle aus Maschendraht anbringen müssen, um sich vor Steinen zu schützen. Siedler haben vor seiner Tür demonstriert, seine Nummer wurde im Internet veröffentlicht unter der Überschrift "Wanted". Die Anrufer drohten mit Mord.

An einem Prozesstag im Juli ist einer dieser Siedler vor Gericht als Zeuge geladen. Es ist Ofer Ohana, Krankenwagenfahrer, ein hünenhafter Mann. Er war mit seiner Ambulanz am Tatort und hat mit seinem Handy eigene Videoaufnahmen gemacht. Es sei wichtig, dem palästinensischen Narrativ etwas entgegenzusetzen, sagt er. "Sie behaupten, wir würden Messer neben diese Terroristen legen."

Eines der Videos wird an die Wand im Gerichtssaal geworfen. Sharif ist zu sehen. Er liegt auf dem Asphalt. Etwa vier Meter entfernt von ihm liegt ein Küchenmesser mit braunem Griff. Ohanas Stimme ist im Hintergrund zu hören. "Er lebt noch, der Hund. Er könnte eine Bombe tragen." Sharifs Hand zuckt in diesen Minuten, er dreht den Kopf leicht zur Seite.

"Wenn Sie Angst hatten, dass er eine Bombe trägt, warum sind Sie ihm so nah gekommen?", fragt der Staatsanwalt.

"Das ist das Risiko, das wir eingehen."

"Haben Sie jemals einen Terroristen mit einer Bombe erlebt?"

"Nein."

In einem weiteren Video ist Sharif bereits tot, aus seinem Hinterkopf tritt Gehirnmasse aus. "Wo ist das Messer", fragt Ohana im Video. Dann kickt er das Messer mit dem Fuß in Sharifs Richtung.

"Ich fühle mich in Hebron permanent bedroht", sagt er. Erst am Wochenende habe es in der Umgebung wieder zwei Angriffe gegeben: Ein Familienvater wurde in seinem Auto erschossen. Außerdem ist ein 19-jähriger Palästinenser in eine Wohnung eingedrungen und hat ein 13-jähriges jüdisches Mädchen erstochen.

Ka­me­ra­mann Abu Shamsiya vor sei­nem ein­ge­zäun­ten Haus in He­bron

Ka­me­ra­mann Abu Shamsiya vor sei­nem ein­ge­zäun­ten Haus in He­bron

Foto: Jonas Opperskalski / laif / DER SPIEGEL

Es herrscht eine anarchische Brutalität, bei der es nur noch darum geht, dem anderen maximalen Schaden zuzufügen. Dutzende Attacken gab es in den letzten zwölf Monaten allein in der Stadt. Die palästinensischen Jugendlichen handeln selbstständig und spontan, hinter ihnen steht keine Organisation. Sie radikalisieren sich in sozialen Netzwerken. Unter dem Hashtag #Stechen auf Arabisch findet man in den sozialen Netzwerken Bilder und Videos, die Körper zeigen, auf deren Hauptschlagader, Hals und Brust Messer deuten. Ein Foto zeigt ein kleines Kind mit einem Jagdmesser: "Stich zu, Kind des Westjordanlands, vernichte deinen Feind, mach dein Heimatland stark."

Es gibt einen Graben zwischen der wütenden Jugend, die sich gedemütigt fühlt, und der Elterngeneration, die sich abgefunden hat. Der Vorfall von Hebron ist auch Röntgenbild der palästinensischen Gesellschaft. Die Politik findet keine Antwort auf die Fragen der Jungen. Bei ihnen ist Präsident Mahmoud Abbas unbeliebt wie nie, er gilt als korrupte Witzfigur, als Komplize der Stillstandspolitik Benjamin Netanyahus. Sie glauben weder an einen Friedensprozess noch an eine bessere Zukunft. Sie werden selbst aktiv - auf eine verzweifelte und rohe Weise.

Die Familie Sharif wohnt in einem sandfarbenen Wohnblock. Im Garten wächst Wein. Es empfängt der Großvater, 63, ein bärtiger Mann mit verschmitzten Augen in einer langen Dschalabija. Sein schmales Gesicht ähnelt dem seines toten Enkels. "Er war nach mir benannt", erzählt er seufzend. Abdel Fattah, der "Sklave des Eroberers, also Gottes". Allah habe ihn auserwählt, ein Märtyrer zu werden, wegen seines starken Glaubens und Charakters. Im Wohnzimmer hängen Poster von ihm, steht ein riesiges, auf Pappe aufgezogenes Porträt. Die Sharifs, erzählt der Großvater, seien vor 700 Jahren aus Saudi-Arabien eingewandert. Sie seien Nachfahren von Fatima, der Tochter des Propheten. Das Haus habe er mit eigenen Händen erbaut, nun lebe die ganze Familie hier, rund 30 Leute.

Die Mutter betritt den Raum, ihr ganzer Körper ist verhüllt. Er sei ein guter Junge gewesen, habe beim Putzen geholfen. Für seine kleine Lieblingsschwester habe er immer Süßigkeiten mitgebracht. Er sei gern gereist, am Strand in Tel Aviv gewesen. Er habe heiraten wollen, davor noch das Geschäft aufbauen, eine Wohnung im Haus der Familie renovieren. "Er hatte eine Zukunft."

Netanyahu

Netanyahu

Foto: RONEN ZVULUN/ REUTERS

Die Mutter zeigt ein medizinisches Gutachten, den Autopsiebericht. "Todesursache: Kopfschuss", ausgestellt von einem Krankenhaus in Ramallah, unterzeichnet von einem israelischen und einem palästinensischen Arzt. "65 Tage haben sie ihn behalten", klagt sie, "dann haben wir einen Block aus Eis erhalten." Zwei Monate lang sei ihr Sohn eingefroren gewesen. Man habe ihn noch nicht einmal nach den Regeln des Islam gewaschen, moniert der Großvater. So seien die Juden.

Warum der Junge denn mit einem Messer losgezogen sei? Die Mutter scheint die Frage nicht zu verstehen. Ihr Junge, sagt sie, sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er sei nicht mit einem Messer losgezogen. Nichts sei an jenem Morgen anders gewesen als sonst. "Die Israelis haben das Messer hingelegt", behauptet der Großvater. Dass der Soldat eine Stichwunde hatte, wollen sie nicht glauben.

Ihr Sohn, erklärt die Mutter, sei nie politisch gewesen. Er habe nicht an Demonstrationen teilgenommen oder sich für Geschichte interessiert. Abdel Fattah, glaubt sie, habe doch nur in Ruhe leben wollen.

Während die Mutter so redet, rennt die Lieblingsschwester des Toten durch den Raum, ein kleines Mädchen in einem rosafarbenen T-Shirt, drei Jahre alt. Sie versucht, ihren Bruder zu fangen, einen Jungen mit schmalem Gesicht, fünf Jahre alt. In der Hand hält das Mädchen ein Spielzeugmesser aus Plastik mit einer langen, silbernen Klinge. Sie holt ihren Bruder ein. Sie rammt ihm das Messer seitlich in den Bauch. Sie kichert. Sie sticht wieder zu.

Die einen sagen, Sharif sei auch halb tot eine Bedrohung gewesen. Die anderen, man habe ihm das Messer untergejubelt. Beides stimmt nicht. Beide jungen Männer, Elor Azaria und Abdel Fattah al-Sharif, sind Täter und Opfer des Systems zugleich, Produkte der Besatzungsherrschaft und Siedlungspolitik.

Im Verlauf des Prozesses gegen Elor Azaria wird auch ein Facebook-Post bekannt, den er während des letzten Gazakriegs 2014 abgesetzt hat: "Bibi, du feige Sau. Wir müssen sie alle töten. Wir müssen es ihnen richtig besorgen."

An einem Morgen Ende Juli steht er schließlich am Zeugenpult im Gericht, mit dem Rücken zum Publikum. In den folgenden drei Tagen wird er aussagen, eine Art Showdown, der Saal ist voll. "Man kann nicht durch Hebron laufen wie durch Tel Aviv. Da liegt immer Angst in der Luft", sagt er, "die Waffe ist immer geladen." Seine Botschaft lautet: Was passiert ist, ist kein ungewöhnlicher Vorfall. So hat man es ihm beigebracht. Die Gewalt ist normal. Wenn er schuldig ist, sind es alle.

Er habe unter permanentem Stress gestanden, oft nicht schlafen können. In die Führungsriege der Armee habe er jedes Vertrauen verloren. Man habe ihn zum Sündenbock gemacht, um sich selbst reinzuwaschen. Nur wegen eines Videos. "Sie haben mich den Hunden zum Fraß vorgeworfen, um die Medien und die Welt zu befriedigen."

Die Armee, die Azaria zum faulen Apfel machen wollte, stinkt für viele Israelis nun selbst. Azaria wird als eine Art Whistleblower wahrgenommen. Ein rechtes Magazin ernennt ihn zum "Mann des Jahres" und druckt sein Bild auf dem Titel. "Die größte Gefahr für uns ist heute der Vertrauensverlust", erklärt der Chef der Streitkräfte.

Der Fall Azaria hat vieles freigelegt, den Rassismus, die Unterdrückung, die Verwirrung und den Werteverlust. Doch viele scheinen die Erkenntnis nicht zu wollen. Das Land konzentriert sich auf eine innerisraelische David-gegen-Goliath-Show: Azaria gegen die Armee, das System, die Elite. Arabische gegen europäische Juden. Im November wird das Gericht in Tel Aviv wohl das Urteil über Elor Azaria fällen. Dann wird sich zeigen, ob der Rechtsstaat siegt oder die Stimmung im Land.

In einem Wohnzimmer in Hebron sitzt ein Mann auf einem geblümten Sofa. Er wohnt im ersten Stock eines Hauses direkt am Tatort, jener verhängnisvollen Kreuzung im Viertel Tel Rumaida. Und er erzählt eine Geschichte, die den Fall noch komplizierter macht. An jenem Morgen im März, sagt er, habe er Schüsse gehört, sei zum Fenster gerannt, habe Sharifs besten Freund auf dem Boden liegen sehen. Der junge Mann habe sich noch bewegt. Gesehen habe er, wie der Soldat aus wenigen Metern Entfernung mehrere Schüsse auf Sharifs besten Freund abfeuerte. Der Palästinenser sei sofort tot gewesen.

Der schüchterne Mann, der anonym bleiben will, ist nicht der einzige Zeuge, der das aussagt. Es gibt zudem eine Kamera der israelischen Armee, die genau jene Kreuzung in Hebron überwacht. Nicht nur Sharif, sondern auch sein Freund sei hingerichtet worden, sagen die Zeugen. Das Video hat die Armee nicht freigegeben. Eine Untersuchung wird es nie geben.

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