AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2016

Geflohener Syrer Wie ein ehemaliger IS-Gefangener seine Peiniger in Deutschland jagt

Als Gefangener des "Islamischen Staates" überstand der Journalist Masoud Aqil Folter und Scheinhinrichtungen. Nun jagt er IS-Kämpfer, die erste Spur führte nach Bayern.

Terroropfer Aqil

Terroropfer Aqil

Von Jonas Breng


Auf dem Höhepunkt der Jagd, die aus Masoud Aqil wieder einen freien Menschen machen soll, ballen sich seine Hände zu Fäusten, sein Atem stoppt vor Schreck. Aqil hat sich auf dem Parkplatz eines bayerischen Industriegebiets versteckt. Vorsichtig lugt er zwischen den Autos auf die Straße. Rechts kann er das Flüchtlingsheim sehen, links ein Schuhgeschäft. Dazwischen auf der Straße nähert sich ein Mann auf einem Fahrrad. Ist es wirklich der Terrorist?

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Heft 40/2016
Von den Nürnberger Prozessen bis heute: Die Suche nach der gerechten Strafe

Aqil beugt sich ein Stück vor, um besser sehen zu können. Der Mann müsste eine Narbe haben auf der Stirn. "Das ist der Bastard, oh Gott, ich erkenne ihn", flüstert Aqil. Der Mann mit der Narbe radelt gemächlich auf den Hof des Flüchtlingsheims.

Aqil hat in diesem Moment schon sieben Stunden vor der Unterkunft gewartet. Er hat von Rache gesprochen, von der Genugtuung, sich endlich nicht mehr als Opfer zu fühlen. Aber an diesem Abend im Mai, als jener Mann vorbeiradelt, den Aqil für einen Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) hält, kauert er da wie versteinert. Für ein paar Sekunden ist er wieder Häftling 6015: ein Gefangener des IS, dem Tode geweiht. Die Islamisten haben Aqil gedemütigt und gefoltert. Sie wollten ihm mit einem Messer den Kopf abschneiden wie einem Tier.

Aqil ist 23 Jahre alt, ein kurdischer Journalist aus Syrien. Dort wurde er von IS-Terroristen verschleppt. 280 Tage überlebte er in den Foltergefängnissen der Terrororganisation, bis er bei einem Gefangenenaustausch freikam und nach Deutschland floh.

Doch ausgerechnet hier, mitten im Frieden, holte der Terror ihn wieder ein. Aqil stieß auf einen alten Bekannten, der auf der anderen Seite stand: als Krieger des IS. Beide sind nun Flüchtlinge in Deutschland - ein Opfer, ein mutmaßlicher Täter, einer in Norddeutschland, einer im Süden. Und so zeigt der Fall Aqil, dass manche Flüchtlinge den Krieg mitgebracht haben - und warum es für deutsche Fahnder so schwer ist, zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden.

Oft wollen Menschen in Geschichten wie dieser anonym bleiben. Aqil aber will, dass sein richtiger Name genannt wird. Er will zeigen, dass die Terroristen keine Macht mehr über ihn haben. Dabei fürchtet sich Aqil noch immer und glaubt, dass auch die Deutschen Grund zur Furcht hätten. Deshalb arbeitet er jetzt auch in anderen Verdachtsfällen für deutsche Ermittler.

Aqil stammt aus Kamischli, einer Stadt im weitgehend kurdischen Norden Syriens. Der Vater war ein Weizenbauer mit viel Land. Aqils Mutter kochte ihrem Sohn oft Dschismis, ein Gericht aus Eiern und Tomaten. Es war ein gutes Leben.

Zum Studium zog Aqil nach Aleppo. Er schrieb sich für englischsprachige Literatur ein, las Hemingway und Faulkner. Erst 2013, als die Universität bombardiert wurde, kehrte Aqil nach Kamischli zurück. Ein Schwager besorgte ihm einen Job beim kurdischen Fernsehsender Rudaw.

Aqil interviewte kurdische Offiziere, berichtete über Konzerte ebenso wie über Politik. Er war schnell und klug, die Arbeit fiel ihm leicht. Und wenn so etwas wie Freiheit im Krieg möglich ist, Aqil konnte sie genießen.

Doch dieses Leben endete am 15. Dezember 2014. Zusammen mit seinem Kollegen Farhad Hamo war Aqil am Morgen in Richtung der Stadt Tall Alu aufgebrochen. Sie wollten ein Interview mit einem Stammesoberhaupt an der Grenze zum IS-Gebiet führen. Hamo saß am Steuer, Aqil döste auf dem Beifahrersitz. Nach etwa einer Stunde Fahrt, so Aqil, habe Hamo ihm plötzlich einen Stoß in die Rippen gegeben. Aqil schlug die Augen auf und sah eine Gruppe von Männern. Es war ein Stoßtrupp des "Islamischen Staates". Nur noch etwa 50 Meter entfernt.

Löscharbeiten nach einem Bombenanschlag in Kamischli im August 2015
AFP

Löscharbeiten nach einem Bombenanschlag in Kamischli im August 2015

Später, in der Gefangenschaft, dachte Aqil immer wieder an diesen Moment. An die paar Sekunden, in denen Hamo und er vielleicht noch hätten umkehren können: den Fuß aufs Gaspedal und weg - aber sie waren wie paralysiert. Einer der IS-Kämpfer trat ans Fenster. "Wer seid ihr, wohin wollt ihr?", fragte er laut Aqil. Er trug eine Weste wie auch viele Selbstmordbomber sie tragen, dazu ein M16-Sturmgewehr und eine grüne Gesichtsmaske.

Aqil sagt: "Im Kofferraum lagen die Mikrofone und Kameras. Wir hätten es nicht abstreiten können. Ich sollte nicht hier sein - das war das Einzige, was ich denken konnte."

Die Islamisten brachten die beiden Journalisten, so erzählt Aqil weiter, in eine Schule, die sie als Gefängnis nutzten. Sie hatten Aqil eine Binde vor die Augen gebunden und ihm Handschellen angelegt. Ein paar Minuten lang schlugen sie auf ihn ein. Dann zogen sie ihn mit einem Seil an den Händen hoch. Ich werde sterben, dachte Aqil.

Die Terroristen wollten wissen, woher er kam, seit wann er Journalist war, ob er zu den kurdischen YPG-Kämpfern gehörte, den härtesten Feinden des IS. Die Islamisten klappten seinen Laptop auf, so Aqil, und durchsuchten seine Festplatte. Für jeden seiner Posts auf Twitter schlugen sie ihm mit einem Holzknüppel auf die nackten Beine. Es seien 154 Posts gewesen, sagt er.

Als die Kämpfer ihn und Hamo am folgenden Morgen aus der Zelle zerrten, rief Aqil: "Was geschieht mit uns?" Ein IS-Wärter sei sich mit dem Finger über den Hals gefahren: "Was wohl? Man wird euch den Kopf abschneiden", habe er gesagt.

Sie wurden unter freiem Himmel vor ein Scharia-Gericht gestellt. Aqil erzählt, wie sie zitternd auf einem Schotterplatz knieten, über den ein kalter, staubiger Wind wehte. Um sie herum standen wohl etwa zehn IS-Leute - so genau habe er das wegen der Augenbinde nicht erkennen können. Der Richter hatte eine hohe Stimme und schrie die meiste Zeit. Er habe entschieden, die "Teufel" seien hinzurichten. Sofort.

Als die Kämpfer ihn und Hamo danach in ein Auto schubsten, flüsterte Aqil: "Bruder, sei stark, unsere Zeit ist gekommen."

Doch dann fuhr das Auto nicht einfach irgendwohin in die Wüste, sondern 60 Kilometer weiter, nach Schadadi, bis vor ein kleines Gefängnis. Irgendjemand hatte offenbar entschieden, dass die beiden Reporter lebend nützlicher sein könnten als tot.

In Schadadi, so erzählt Aqil weiter, hätten sie ihn in einen orangefarbenen Overall gezwungen und in eine Zelle mit vier anderen Männern geworfen. Es stank nach Exkrementen und Schweiß. In einer Ecke hockte ein kleiner Mann: "Ich bin Nihab", sagte der Mann. Nihab kam wie Aqil aus Kamischli und war wegen eines kleinen Vergehens inhaftiert. Aqil sackte neben Nihab zusammen und schloss die Augen.

Wenn die Wachen ihnen in den folgenden Tagen verschimmeltes Brot in die Zelle warfen, teilten sie es. Aqil war jünger als Nihab, aber wenn Nihab weinte, legte Aqil ihm den Arm um die Schulter und erzählte von Kamischli. Das half. Vor allem gegen Aqils eigene Angst. Nihab zeigte ihm einen kleinen Stift, den er vor den Wärtern versteckt hielt.

"Es ist wie ein Film", sagte sich Aqil. "Ich muss hinschauen und auf das Ende warten. Irgendwann ist es vorbei."

Gefoltert wurde regelmäßig, erzählt Aqil. Meist nachts. IS-Männer hätten dann mit Kabeln oder Metallstäben auf ihn eingeschlagen. Wenn er danach auf dem Boden in seiner Zelle lag, den metallischen Geschmack von Blut im Mund, habe er an den Geschmack von Dschismis gedacht. Aqil sagt: "An manchen Tagen waren wir froh, wenn wir gefoltert wurden. Das hieß ja, der Tod würde noch warten."

Immer freitags, nach den Gebeten, erschossen die Terroristen einige der Gefangenen. Aqil sagt, er habe die Schüsse in seiner Zelle hören können. Danach hätten die Islamisten ihn gezwungen, die Videos auf einem Handy anzuschauen: "Sieh mal, Journalist, was wir mit deinen Freunden gemacht haben", hätten sie gerufen. Aqil versuchte, sich nicht zu übergeben. "Dich werden wir bei lebendigem Leib verbrennen", habe einer der IS-Leute gesagt.

Irgendwann erfuhren sie, dass Nihab vielleicht freigelassen werden könnte. Aqil riss ein Stück Papier aus einem Koran. Mit Nihabs Stift schrieb er ein Kassiber, eine Geheimbotschaft: "Mein geliebter Vater, meine geliebte Mutter, wie sehr ich mir in diesem Moment wünsche, bei euch zu sein. Ich vermisse euch so sehr, aber mir geht es gut. Ich weiß, ihr tut alles, um mich zu befreien." Nihab schob den Brief zwischen die Schichten seiner Schuhsohle und wurde bald danach tatsächlich freigelassen.

Auf einem zweiten Stück Papier führte Aqil einen Kalender, jeden Abend machte er einen Strich, den Zettel trug er in der Unterhose versteckt. Aqil sagt: "Ich brauchte Ordnung. Ich durfte vor Angst nicht den Verstand verlieren."

Ein paar Tage später kam ein IS-Anführer mit Sonnenbrille und breiter Brust ins Gefängnis. Es sei wohl, so erzählt Aqil weiter, Abu Luqman gewesen, IS-Provinzgouverneur von Rakka. Abu Luqman hockte vor einer schwarzen Fahne und befahl, dass man Aqil ins sogenannte Zentralgefängnis bringen möge, ein Fußballstadion in Rakka, der Hochburg der Terroristen.

IS-Kämpfer in Rakka
AP / DPA

IS-Kämpfer in Rakka

Fünf Stunden dauerte die Fahrt, es war Februar, vor dem Stadion lag Schnee. Als man Aqil die Augenbinde abnahm, stand er in einer Zelle, zwei Meter lang, einen Meter breit. Aqil schlief von da an neben seinen Exkrementen auf dem feuchten Boden. Unter der dünnen Filzdecke fraßen sich Parasiten in seine Haut.

Nach einiger Zeit begann Aqil, mit sich selbst zu sprechen. Stundenlang. Bis er eines Nachts Hamos Stimme hörte. Der Kollege musste nur ein paar Zellen weiter liegen. Aqil sagt: "Wir beteten so laut wir konnten, damit wir die Stimme des anderen hörten. So wussten wir, dass wir nicht allein sind." Nachts träumte Aqil von dicken Wollsocken und seiner Freundin.

Unter seiner Haut legte das Ungeziefer nun Eier ab. Aqil kratzte sich, bis Blut über seine Arme rann.

Als IS-Leute ihn nach ungefähr hundert Tagen aus der Zelle holten, konnte er kaum noch stehen. Doch es war längst nicht vorbei. Immer wieder wurde er in andere Gefängnisse verlegt. Aqil verstand nicht, warum der IS ihn leben ließ. Fast sieben Monate war er in Gefangenschaft, sein Bart hing ihm bis auf die Brust, als die Wachen ein Video mit ihm drehten. Aqil musste sich vor eine Kamera setzen und von einem Manuskript ablesen, es ging um Lösegeld und einen Gefangenenaustausch. "Natürlich habe ich gehofft. Aber noch nie hat ein kurdischer Journalist die IS-Gefangenschaft überlebt."

An einem Abend im September, es war der 279. Tag seiner Gefangenschaft, rief einer der Wachmänner Aqils Namen. Zusammen mit mehreren Kämpfern der Kurdenmiliz YPG wurde er zu einem Pick-up gebracht. Die Männer mussten sich übereinander auf die Ladefläche legen, dann holperte das Auto auf Schotterstraßen durch die Nacht. Aqil erzählt, er habe den Wüstensand geschmeckt und sich wieder einmal bereitgemacht zu sterben.

Doch die IS-Fahrer hatten ein Funkgerät dabei, und aus dem Lautsprecher hörte Aqil das Wort: "Austauschplatz". Er konnte es nicht fassen. "Ich zitterte, aber vielleicht war es ja nur eine Falle und sie würden uns im letzten Moment in die Luft sprengen."

Der Austausch fand zwischen den Frontlinien in der Wüste südlich von Hasaka statt. "Sag den Ungläubigen, sie müssen dem Islam gehorchen", sagte einer der Terroristen, bevor er Aqil die Handschellen abnahm. Aqil wurde auf ein Motorrad gesetzt und auf die andere Seite gefahren. Er war frei.

In den Wochen danach traf Aqil Freunde und Verwandte, doch die Angst, sagt er, habe ihn nicht losgelassen. Auf der Straße habe er jetzt immer wieder über die Schulter geblickt, er vermutete Feinde überall. Er wollte weg vom Terror, weg vom Krieg. Also habe er sich entschieden, ins sicherste Land der Welt zu gehen, wo bereits zwei seiner Brüder lebten: nach Deutschland.

Als Aqil zusammen mit seiner Mutter per Zug die deutsch-österreichische Grenze überquerte, stritt Deutschland gerade über die Geschehnisse von Köln: über Migranten, die in der Silvesternacht Frauen übel belästigt hatten. In jenem Land, das Monate zuvor noch ankommenden Flüchtlingen applaudiert hatte, schien die Stimmung zu kippen. Viele Deutsche fragten sich, wer genau diese Fremden waren, die in ihrem Land Schutz suchten. Die Deutschen sorgten sich um ihre Sicherheit.

"Deutschland hat einen Fehler gemacht - die Terroristen sind jetzt hier."

Aqil und seine Mutter landeten zunächst in einem Flüchtlingszelt in Norddeutschland. Kurz danach, im März, sprengten sich in Brüssel drei IS-Attentäter in die Luft. Die Ermittler entdeckten ein Terrornetz, das sich über mehrere Länder spannte. Auch Deutschland war darunter. Politiker und Geheimdienste warnten, der "Islamische Staat" könne Kämpfer über die Flüchtlingsrouten nach Deutschland schleusen.

Sehr viele Migranten kamen ohne Papiere in Deutschland an. Niemand konnte prüfen, wer da kam. Wie sollen die Behörden also Terroristen von Flüchtlingen unterscheiden? Aqil sagt: "Deutschland hat einen Fehler gemacht, all diese Menschen ins Land zu lassen. Die Terroristen sind jetzt hier."

Er klappt seinen Laptop auf und zeigt auf den Screenshot eines Facebook-Profils. Ein grinsender Mann mit Sonnenbrille ist darauf zu sehen. Als Aqil dieses Foto das erste Mal sah, schnürte es ihm die Kehle zu. Er kannte diesen Araber mit der Narbe auf der Stirn.

Aqils Haftkalender

Aqils Haftkalender

Der Mann stammte aus Kamischli, hatte nur wenige Straßen von Aqil entfernt gelebt, bis er 2013 plötzlich aus der Stadt verschwand, die zum Teil von den kurdischen YPG kontrolliert wird. Zur selben Zeit, so Aqil, seien auf dem damaligen Facebook-Profil des Mannes Bilder aufgetaucht, die ihn mit Kalaschnikow neben IS-Männern zeigten. Er war offenbar einer von denen geworden.

Deshalb hatte Aqils Bruder das Narbengesicht damals via Facebook kontaktiert, kurz nachdem die Terroristen Aqil entführt hatten. Es war ein verzweifelter Versuch, ausgerechnet einen Islamisten um Hilfe anzubetteln. Natürlich antwortete der nicht.

"Er ist das Böse, jeder in unserer Stadt wusste, dass er zu ihnen gehört", sagt Aqil und beißt sich auf seine Faust. Inzwischen hat der Mann ein neues Facebook-Profil, Fotos mit anderen IS-Kämpfern gibt es da nicht. Aqils Bruder war auf dieses neue Profil gestoßen und hatte es Aqil zugeschickt. Auch der neue Wohnort des Mannes war dort aufgeführt: eine Stadt in Bayern.

In der Nacht nachdem sein Bruder ihm den Screenshot zugemailt hatte, konnte Aqil nicht schlafen. Er war nach Deutschland gekommen, um in Sicherheit zu leben. Aber nun war der Terror wieder da.

Irgendwann in jener Nacht stand Aqil auf, er begann zu recherchieren, durchforstete Facebook-Profile, kontaktierte Leute von den YPG-Milizen. Er wollte das Narbengesicht finden und der deutschen Polizei ausliefern. So wurde aus dem Exgefangenen Aqil der Terroristenjäger. Aqil sagt: "Ich musste etwas tun, um Deutschland zu beschützen." Inzwischen arbeitet Aqil in verschieden Fällen für zwei deutsche Ermittlungsbehörden. Er lieferte schon Namen und Aufenthaltsorte mehrerer Verdächtiger, die er aus seiner Gefängniszeit identifizieren konnte. Die Fahnder schätzen seine Hilfe.

Doch der erste Fall war das Narbengesicht. Im Mai, nachdem Aqil herausgefunden hatte, wo sich der Mann aufhält, bestieg er einen Zug nach Bayern. "Wäre ich mir nicht sicher, ich würde den Polizisten nicht ihre Zeit rauben", sagt er auf der Fahrt und zieht einen Memorystick aus der Hosentasche, auf dem er alle Bilder und Informationen gespeichert hat. Draußen ziehen Rapsfelder und Schrebergärten vorbei.

Als Aqil am Nachmittag die Treppen zu den Büros der Kriminalpolizei hinaufsteigt, regnet es in Strömen. Zwei Sonderermittler vom bayerischen Staatsschutz sind angereist. Sie führen Aqil in ein Vernehmungszimmer mit Bayernposter an der Wand. "Sie müssen nichts sagen, was sie selbst belasten würde", sagt einer der Fahnder. Aqil holt tief Luft.

Nach der Vernehmung sind die Beamten zufrieden. Sie nehmen Aqil ernst, auch wenn er keine eindeutigen Beweise vorlegen kann. "Der Mann wirkt glaubwürdig, aufgeräumt. Wir haben keinen Grund, die Informationen anzuzweifeln. Aber die Sache ist kompliziert", sagt einer der beiden.

Die Sonderermittler stehen bei Verdachtsfällen wie diesem vor einer schwierigen Aufgabe: Wie sollen sie gerichtsfeste Beweise zur Vergangenheit von Menschen bekommen, über die es kaum Unterlagen gibt? Eine Narbe, die Aussage eines anderen Flüchtlings - das reicht oft nicht. Zudem gibt es in Syrien keinen Polizeiapparat, den man um Amtshilfe bitten könnte. Mehr als 30 Anzeigen wie die von Aqil haben die beiden Sonderermittler in den vergangenen Monaten überprüft, nur ein Verdächtiger wurde festgenommen.

Auch diesmal machten sich die Beamten an die Arbeit. Sie vernahmen den Verdächtigen mit der Narbe, durchsuchten sein Handy, sein Notebook, sie fanden nichts.

Also entschied Aqil, den Mann selbst aufzusuchen. Zwei Tage später saß er auf dem Parkplatz des Industriegebiets.

Und dann ging alles ganz schnell. Als der Mann auf den Hof des Flüchtlingsheims radelte, erstarrte Aqil. Er hätte ihn zur Rede stellen können. Er hätte ihn anschreien können. Aber er blieb hocken. "Ich kann nicht", flüsterte Aqil.

Später stand der Mann mit der Narbe vor dem Eingang und rauchte. Ein paar Fragen an ihn: "Stammen Sie aus Kamischli in Syrien?"

"Ja." Die Stimme kam leise und gepresst. "Woher weißt du das?"

"Vor Kurzem war die Polizei da - was wollten die Beamten von Ihnen?"

Der Mann schwieg. Seine Finger fischten eine zweite Zigarette aus der Schachtel. Aber er zündete sie nicht an.

"Waren Sie jemals Mitglied des IS?"

"Bullshit", sagte er grimmig und schmiss die Zigarette in die Ecke. Seine Hände zitterten, schnell schob er sie in die Hosentasche.

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decathlone 04.10.2016
1. Das wäre doch jetzt einmal die Chance für unsere Geheimdienste...
... zu zeigen, dass die ganze Überwachung von Otto- und Jimmy-Normalverbraucher zu etwas nütze ist. Diese Facebookprofile hat der NSA doch bestimmt gespeichert und ausgewertet. Da muessten sich doch verwertbare Indizien und Beweise finden lassen.... Stattdessen: offenbar komplette Fehlanzeige! Der IS-Terrorist sitzt in Bayern, wird vom deutschen Steuerzahler alimentiert und kann nicht belangt werden, obwohl er im Netz voll die Hosen runtergelassen hat...
mickt 04.10.2016
2. Danke
für den klaren, offenen und auch einfühlsamen Artikel. Dringend nötig mehr zu differenzieren.
checkitoutple 04.10.2016
3. Da würde Facebook sicher die Server öffnen auch ohne Vorratsdaten Speicherung!
Denn Schutz von Terroristen steht ja nicht im Programm. Wäre mal ne Aktion die ehemaligen Gefangenen allgemein zu befragen dann könnte man vielleicht einige Terroristen Dingfest machen. Und die Terroristen würden dadurch unter druck gesetzt und Fehler machen, bevor sie sich etablieren!
bawo 05.10.2016
4. Ohne den vollen Artikel gelesen zu haben
Chapeau vor dem mutigen Mann! Ich kann ihn sehr gut verstehen. Ich hoffe, er wird in diesem deutschen Land mit seinem fabelhaften Täterschutz nicht desillusioniert mit seinem Wunsch nach Wahrheit und Genugtuung sich nicht mehr als Opfer zu fühlen. Ich frage mich allerdings, warum er mit vollem Namen und Bild erscheint - will er das?? Wie gesagt habe ich den Artikel nur zu Beginn gelesen. Da das Thema der eingereisten IS-Kämpfer, die als Flüchtlinge getarnt eingereist sind, bisher mehr als verharmlost wurde, hoffe ich, dass die deutsche Justiz solche Fälle ernst nimmt und verfolgt, da es von der mutmaßlichen Täterseite im Zweifel heißt, man habe beim IS nur eine Fahne getragen, den Krankenwagen gefahren oder sonstige passive Harmlosigkeiten begangen. In einem Parallelbericht findet sich wieder ein aktuelles Beispiel. Ich wünsche dem Mann alles Gute, ein glückliches und hoffentlich langes Leben bei uns und viel Erfolg bei seinem Vorhaben!
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