AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Interview mit Jürgen Trittin "Die Grünen lassen sich nicht zerquetschen"

Die Grünen sind in den Umfragen abgestürzt, für die Bundestagswahl sieht es nicht gut aus. Wie hat es die Partei geschafft, so uncool zu werden, Herr Trittin?

Jürgen Trittin
Werner Schuering/DER SPIEGEL

Jürgen Trittin

Von


SPIEGEL: Herr Trittin, die Grünen sind aus dem saarländischen Landtag geflogen und haben sich in Nordrhein-Westfalen fast halbiert. Im Bund verheißen die Umfragen auch nichts Gutes. Geht es mit den Grünen zu Ende?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Trittin: Ich kann Sie beruhigen. Wenn ich all die Artikel gesammelt hätte, die den Grünen in den vergangenen 30 Jahren ein unmittelbar bevorstehendes Ende prophezeit haben, dann fänden wir hier in meinem Büro keinen Platz.

SPIEGEL: Vor ein paar Wochen hat das Allensbach-Institut eine Umfrage veröffentlicht, wonach im Jahr 2010 noch 59 Prozent aller Deutschen fanden, die Grünen seien in. Derzeit sind es nur noch 13 Prozent. Warum sind die Grünen so uncool geworden?

Trittin: Wir kamen 2009 mit mehr als zehn Prozent aus der Bundestagswahl. Dann gab es die großen Proteste gegen Stuttgart21 und die Reaktorkatastrophe von Fukushima, da ging es noch einmal weiter nach oben in den Umfragen. Aber auch heute gehen doch viele Menschen für grüne Themen auf die Straße und demonstrieren für Europa, für Klimaschutz und Bürgerrechte.

SPIEGEL: Ihr Parteifreund Winfried Kretschmann sagt allerdings schon seit Längerem, die Grünen sollten nicht immer mit erhobenem Zeigefinger vor die Bürger treten.

Trittin: Da hat er recht, das habe ich schon immer so gesehen. Er meint damit ja nicht, dass die Grünen keine Missstände benennen sollten. Es ist zum Beispiel sinnvoll, die wenigen Reserve-Antibiotika, die wir noch haben, in der Tiermast zu verbieten. Wenn die Fleischindustrie das als Zeigefinger empfindet, dann müssen die das wohl aushalten.

SPIEGEL: Wir verstehen Sie also richtig: Die Grünen haben alles richtig gemacht, nur die Wähler sind leider zu doof.

Trittin: Wählerbeschimpfung werden Sie von mir nicht hören. Wir haben in den letzten Wochen eine Wahl gewonnen und zwei verloren. Also muss man analysieren, was gut und was schlecht gemacht wurde, wenn wir bei der Bundestagswahl näher am Ergebnis aus dem Norden als an dem im Westen liegen wollen. Deshalb setzen wir für die Bundestagswahl auf Themen, die die Zukunft unseres Landes bestimmen werden.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Trittin: Wir sind nicht bereit, zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung in die Rüstung zu stecken, sondern wollen das Geld in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und in den Zusammenhalt in Europa investieren. Wir sind gegen eine Sparpolitik, die den Rest von Europa schikaniert. Und natürlich wollen wir eine Klima- und Umweltpolitik, die Schluss macht mit der Kohle oder der Subventionierung schadstoffreicher Dieselautos.

SPIEGEL: Ihr Kollege Kretschmann scheint allerdings noch Gottvertrauen in die deutsche Dieseltechnologie zu haben. Er hat sich gerade einen neuen Diesel gekauft.

Trittin: Das ist seine persönliche Entscheidung. Zum Glück ist doch nicht alles Private politisch. Es gibt auch sehr schöne Dampfloks, nur ist das nicht die Zukunft der Mobilität. Die ist elektrisch und digital vernetzt.

SPIEGEL: Wenn man Zeitungen liest und Nachrichtensendungen schaut, kann man auf die Idee kommen, Kretschmann und Sie seien in Wahrheit die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl. Können Sie verstehen, dass manche Grüne Ihre Omnipräsenz nervt?

Trittin: Gar nicht. Winfried Kretschmann ist schließlich Ministerpräsident eines wichtigen Bundeslandes. Und ich spreche fast nur zu den Themen, für die ich zuständig bin: Trump, Nato-Aufrüstung, G20. Da ist derzeit halt einiges los.

SPIEGEL: Na ja. Sie waren der erste Grüne, der nach der Wahl in NRW in einer großen Talkshow saß und die Lage kommentierte.

Trittin: Ich war zu Anne Will eingeladen, die zu einem Zeitpunkt sendete, als schon alle verantwortlichen Spitzenkandidaten, Vorsitzenden, Geschäftsführer hierzu auf Sendung gewesen waren. Und dort habe ich das vertreten, was diese zuvor gesagt hatten.

SPIEGEL: Dennoch haben sich viele Grüne über ihren Auftritt geärgert, weil Sie den Parteifreunden in Schleswig-Holstein geraten haben, mit der SPD zu regieren, weil "mehr vom Kuchen" übrig bleibe, wenn man mit einem geschwächten Partner regiere. Klingen Sie eigentlich gern so abgebrüht wie Frank Underwood in " House of Cards"?

Trittin: Die Nordgrünen hatten ihre klare Priorität für die Ampel bekundet, nicht ich. Ich habe Herrn Kubicki von der FDP zur Ampel geraten, weil da für ihn mehr bliebe. Das war vielleicht eine Überdosis Realpolitik. Aber inhaltlich ist für Grüne die Sache klar: Wenn man sich anschaut, was Robert Habeck in den letzten fünf Jahren beim Ausbau der Windenergie erreicht hat, dann ist die SPD der bessere Koalitionspartner in Kiel als eine CDU, die dagegen war.

SPIEGEL: Im Moment läuft allerdings alles in Kiel auf ein Jamaika-Bündnis mit Union und FDP hinaus. Werden die Grünen da nicht von zwei bürgerlichen Parteien zerquetscht?

Trittin: Die Grünen in Schleswig-Holstein lassen sich nicht zerquetschen, da können Sie sicher sein. Die werden verantwortlich entscheiden.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulrich_loose 27.05.2017
1. Was soll das?
Trittin ist mittlerweile ein Hinterbänkler dessen Hauptsorge eigentlich nur darin bestehen kann, das Pensionsalter per Listenplatz zu erreichen. Klar - er hat noch das eine oder andere Ziehkind, aber wenn ich das richtig sehe, bekommen die auch kein Bein mehr auf den Boden. Lange Rede - Trittins Sichten sind ohne Zweifel ein Mitgrund für den Absturz der GrünInnen.
53er 27.05.2017
2. Falsche Frage !
Eher wäre die Frage angebracht, wer die Partei nur so uncool gemacht hat. Klare Antwort: Kretschmann, Göring-Eckardt und natürlich der unvergleichliche Cem Özdemir.
JaIchBinEs 27.05.2017
3. Plädoyer für die Grünen
Zitat von 53erEher wäre die Frage angebracht, wer die Partei nur so uncool gemacht hat. Klare Antwort: Kretschmann, Göring-Eckardt und natürlich der unvergleichliche Cem Özdemir.
Zustimmung, zumindest bei den beiden Letztgenannten. Mediale Auftritte mit Herrn Trittin verfolge ich aber gerne wegen dessen Sachlichkeit, unvergesslich bleibt mir eine Rede zur BTW 2009 an meinem Wohnort. Politik sollte sich aber nicht auf Tages-Statements reduzieren, Parteiprogramme nicht wie Modetrends gesehen werden. Leider gehören die Grünen längst zum politischen Establishment, und wesentlich prozentualen Auftrieb würden sie nur nach Katastrophen a la BSE, Tschernobyl, usw. bekommen. Um den schleichenden Umweltuntergang noch etwas hinauszuzögern, wird imho diese Partei sowie ihre Pendants in den anderen Ländern gebraucht.
hup 27.05.2017
4. Und wer macht Sie cool?
Zitat von 53erEher wäre die Frage angebracht, wer die Partei nur so uncool gemacht hat. Klare Antwort: Kretschmann, Göring-Eckardt und natürlich der unvergleichliche Cem Özdemir.
Kretschmann, Göring-Eckardt und Özdemir stehen für ziemlich verschiedene Aspekte der Partei (Schwarzgrün, Kirchentante, Integrationsbeliebigkeit). Wenn die drei also die Unbeliebtheit repräsentieren, welche drei repräsentieren dann die Beliebtheit? Mir fällt nicht einer ein. Helfen Sie mir.
fitzke 27.05.2017
5. Wirklichkeitsfern
Kretschmann in einem Spiegelbeitrag (vor ca. 6 Monaten): "Mir steht der Laden bis da oben hin", sagte er wütend, als es 1983 bei einer Landesdelegiertenkonferenz in Konstanz auf der Bühne zur tumultartigen Revolte gegen ihn gekommen war. Linke und weibliche Parteifreunde hatten die Umkehr der Beweislast bei Vergewaltigungen gefordert, Kretschmann hatte dagegengehalten - und war auf der Bühne fast überrannt worden. 1983 wurde Wirklichkeit. Wenn ich heute auf die Grünen blicke, dann nehme ich nur noch Empörtheit wahr. Und ich habe die Grünen lange für ihre manchmal gute Realpolitik gewählt und bin einfach nur enttäuscht worden. Ich denke an die Empörtheit einer Claudia Roth über ihre Kritiker, die Empörtheit einer Renate Künast bei der Debatte um das Sexualstrafrecht, einer Empörtheit eines Anton Hofreiter in der Genderdebattet (WDR) und über Tierhaltung. Die Grünen, die ihr Handeln unter Beweis stellen (Kretschmann, Palmer) werden von der Partei kleingerede, anstatt diese zu stützen und Realpolitik zu gestalten. Ich werde auf bundesebene keine Grünen mehr wählen (kann aber auch keine Alternative entdecken).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 22/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.