Karl-Theodor zu Guttenberg Der gefallene Freiherr kehrt zurück

Die Vorbereitung für ein Comeback von Karl-Theodor zu Guttenberg läuft. Der Ex-Superstar will herausfinden: Haben die Deutschen ihm verziehen?
CSU-Hoffnungsträger Guttenberg

CSU-Hoffnungsträger Guttenberg

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Meister darin, Eitelkeit als Bescheidenheit zu tarnen. Der frühere Verteidigungsminister steht im Restaurant Käfer auf der Dachterrasse des Reichstags, um eine Karikaturenausstellung zu eröffnen. Er trägt Dreitagebart und ein eng anliegendes Sakko, der oberste Hemdknopf ist offen. Alles an ihm signalisiert Lockerheit.

Vor sechseinhalb Jahren habe er das Parlament als "selbst gezeichnete Karikatur" verlassen, sagt Guttenberg. Jetzt habe er die nötige Portion Demut mitbekommen, als er bei der Sicherheitskontrolle im Reichstag von oben bis unten abgetastet worden sei. Nur, warum sagt er das? Empfindet er es als ungebührlich, dass er wie ein normaler Besucher behandelt wird?

Im Publikum stehen Leute, die ihn aus seiner Zeit als Minister kennen, Journalisten, Beamte, Weggefährten. Sie haben miterlebt, wie seine Doktorarbeit im Februar 2011 als Plagiat enttarnt wurde. Sie erinnern sich noch an sein trotziges Leugnen und die Uneinsichtigkeit, die er damals an den Tag legte. Für Guttenberg ist es wichtig, seinen Zuhörern zu signalisieren, dass er seine Lektion gelernt habe.

Der Auftritt ist ein erster Testlauf für ein ehrgeiziges Projekt: die Rehabilitierung eines Mannes, der als möglicher Kanzler gehandelt wurde, bevor er sich nach seinem Sturz mit seiner Familie ins Ausland absetzte. Vor allem einer betreibt die Rückkehr Guttenbergs mit Macht: CSU-Chef Horst Seehofer will den Freiherrn zurück an der Parteispitze sehen. Die Frage ist nur: Was will Guttenberg, und was kann Seehofer ihm bieten?

Schon vor ein paar Monaten hatte Seehofer Guttenberg in Aussicht gestellt, ihm einen der vorderen Listenplätze für die Bundestagswahl zu reservieren, was Guttenberg damals noch ablehnte. Die Situation hat sich geändert. Der ehemalige Verteidigungsminister hat Interesse signalisiert und will sich zunächst wieder als Wahlkämpfer erproben. Sein erster Auftritt ist für Anfang September auf dem Gillamoos-Volksfest in Niederbayern geplant, dann sollen Guttenberg-Reden in allen sieben bayerischen Regierungsbezirken folgen.

Guttenberg selbst durfte die Termine auswählen. Sie stehen noch nicht alle fest, aber er habe auf Volksfeste und Bierzelte bestanden, heißt es in der CSU. Die großen Veranstaltungen also.

Der Wahlkampf soll ein Testlauf dafür werden, ob die Deutschen Guttenberg verziehen haben. Seehofer hofft, dass die Bürger ihrem gefallenen Helden die Rolle als reuigen Sünder abnehmen. Er will Guttenberg in Stellung bringen, um zu verhindern, dass sein ungeliebter Finanzminister Markus Söder ihn selbst eines Tages als Parteichef beerbt.

Doch die Operation Rückkehr ist mit vielen Problemen verbunden. Das größte besteht darin, für Guttenberg nach der Bundestagswahl ein geeignetes Amt zu besorgen. Minister müsste es schon sein, darunter wäre der Freiherr nicht zu haben. Aber welches Ministerium? Für die Landwirtschaft würde er sich kaum zur Verfügung stellen.

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Seehofers Möglichkeiten sind begrenzt. Im günstigsten Fall, bei einer schwarz-gelben Koalition, dürfte die CSU mit vier Ministerämtern rechnen. Allerdings ist der bayerische Innenminister Joachim Herrmann als Bundesinnenminister so gut wie gesetzt. Ein weiteres großes Amt dürfe dann für die CSU nicht abfallen.

Denkbar wäre das Digitalressort, von dem in der Union seit Längerem die Rede ist. Guttenberg investiert mit seiner New Yorker Firma Spitzberg Partners auch in Internetunternehmen, insofern hat er auf dem Gebiet eine gewisse Kompetenz. Nur hat sich die Union darauf festgelegt, die Digitalpolitik in einer Abteilung des Kanzleramts zu bündeln. Für ein solch nachrangiges Amt würde Guttenberg nicht nach Berlin wechseln.

Das Auswärtige Amt wäre schon eher nach seinem Geschmack, so sagen es zumindest seine Freunde. Noch nie war ein CSU-Politiker Außenminister, er wäre wieder einmal der erste. Dort könnte er, wenn er es geschickt anstellte, so beliebt werden, dass er Seehofer als CSU-Chef nachfolgen könnte. Die Sache hat einen Haken: Seehofer müsste auf das Innenministerium verzichten. Sein Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Herrmann, wäre düpiert. In der Partei käme das extrem schlecht an, Herrmann genießt dort hohes Ansehen.

In München kursiert ein weiteres Szenario: Falls Guttenbergs Auftritte gelingen und die CSU bei der Bundestagswahl nur mäßig abschneidet, könnte Seehofer ihn als Zugpferd für die bayerische Landtagswahl im kommenden Jahr einsetzen. Er würde ihn als kommenden Ministerpräsidenten aufbauen. Das hätte aus Seehofers Sicht den Vorteil, dass Guttenberg den Posten besetzen würde, der Söder am wichtigsten ist.

Aber will Guttenberg überhaupt in die Politik zurück? Er hat das in den vergangenen Wochen mehrmals dementiert. Guckt man sich die angeblichen Dementis an, dann stellt man allerdings fest, dass sie schwammig genug formuliert sind, um ihm nichts zu verbauen.

Beim Deutschen Eigenkapitaltag sagte er vor vier Wochen auf die Frage, ob er ein Comeback plane, er freue sich, bald wieder bei seiner Familie in den USA zu sein. In einem kurzen Interview erklärte er in derselben Woche, warum er sich wieder im Bundestagswahlkampf engagiere: "Eine politische Passion kann man nie ganz ablegen."

Guttenberg leidet nach wie vor darunter, dass die Plagiatsaffäre seinen Ruf beschädigt hat. "Diese Schlappe will er unbedingt wettmachen", sagt einer, der ihn gut kennt. Mit einer Rückkehr in die große Politik wäre die Schmach getilgt oder jedenfalls gelindert.

Guttenberg will keine Rückkehr ankündigen, bevor er weiß, ob sie gelingen kann. Er spielt, ebenso wie Seehofer, mit Optionen. "Guttenberg hat große Angst vor der Kritik, die ihm in den Medien entgegenschlagen könnte", sagt einer, der ihn seit Jahren kennt. "Er wird sich nur ganz vorsichtig bewegen."

Es gibt objektive Gründe, die aus seiner Sicht gegen ein Comeback sprechen. Seine Frau und seine Kinder fühlten sich in den USA wohl, sie wollten nicht zurück, hat er Freunden gegenüber erzählt. Wenn er noch einmal scheiterte, wäre sein Ruf unrettbar ruiniert. Das ruhigere Leben hätte er in den USA.

Guttenbergs größte Sorge ist es, als Figur im machtpolitischen Spiel Seehofers benutzt zu werden. Schließlich gibt es nicht wenige Spitzenkräfte in der CSU, denen Seehofer versprochen hat, sie in ihren politischen Ambitionen zu unterstützen. Wirtschaftsministerin Ilse Aigner gehört ebenso dazu wie der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber. Guttenberg weiß, dass er sich nur so lange auf den Parteichef verlassen kann, wie er diesem als Instrument gegen Söder nützlich ist. Aber der unrühmliche Abgang aus dem Amt schmerzt, der Wunsch nach Wiedergutmachung ist groß.

Der, gegen den die ganze Operation Rückkehr gerichtet ist, gibt sich betont gelassen. Von Markus Söder gibt es keine Reaktion, keinen Kommentar zu den Gerüchten. Er weiß, dass Seehofer nur auf eine falsche Bemerkung von ihm wartet. Söder sieht sich in einer starken Position.

Vor sieben oder acht Jahren war das anders. Damals musste er fürchten, dass Guttenberg ihm seine ganze politische Lebensplanung über den Haufen werfen würde. Bis dieser auftauchte, galt Söder als unumstrittener Kronprinz. Das änderte sich mit dem Aufstieg Guttenbergs.

Mittlerweile hat sich Söders Position deutlich gefestigt. Er hat als Finanzminister viele Geschenke verteilt, die große Mehrheit der Fraktion steht hinter ihm. Ernsthafte Rivalen im Kampf um die Seehofer-Nachfolge sind nicht in Sicht. Sicher kann sich Söder seiner Sache trotzdem nicht sein.

Söder hatte sich schon darauf eingestellt, spätestens nach der Landtagswahl Ministerpräsident und Parteichef zu werden. Schließlich hatte Seehofer angekündigt, beide Ämter niederzulegen. Dann entschied er sich plötzlich doch anders. Söder muss warten - das ist in der Politik immer riskant.

DER SPIEGEL