AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Neue Fahndungsmethoden Auf der Spur der Missbrauchstäter

Mit neuen Methoden jagen Polizisten im Internet nach Tätern, die sich an Kindern vergehen. Wie funktioniert das?

Website von Kinderpornografie-Forum: Hilfreiche Algorithmen
DPA

Website von Kinderpornografie-Forum: Hilfreiche Algorithmen

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Der Muschelvorhang neben dem Doppelbett verrät eine Lage am Meer, ebenso der gerahmte Seestern über den Kopfkissen. Unterhalb der Nachttischlampe ist eine Steckdose vom Typ G zu sehen - in weniger als 30 Staaten wird diese verwendet. Die Inneneinrichtung deutet auf ein Hotel hin, das weniger als vier Sterne hat. Mit dieser akribischen Recherche nur anhand eines Hotelzimmerfotos landete ein Twitter-Nutzer beim Tatort: einem Hotel auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean. Die Hotelfotos aus dem Internet passten zum Originalbild: Hier wurde ein Kind missbraucht.

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Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Am 11. August hatte die europäische Polizeibehörde Europol die Aufnahme des Tatorts getwittert, verbunden mit der Frage, wer das Hotel kenne. Der Tweet wurde 5000-mal geteilt. Der Tatort war bald identifiziert, der Kreis der möglichen Täter damit erheblich eingeschränkt.

Europol setzt mit dem Projekt "Stop Child Abuse - Trace an Object" bei der Fahndung nach Missbrauchstätern auf die Hilfe der Massen. Auf ihrer Website veröffentlicht die Behörde Fotos von Gegenständen: Damenstiefel, Verpackungen von Lebensmitteln oder Kinderkleidung. Die Objekte, ausgeschnitten aus Bildern, die Kinderpornografie zeigen, sollen helfen, die Tatorte und somit die Täter zu identifizieren - ohne dabei die Opfer vorführen zu müssen. Seit dem Projektstart im Mai gingen bei Europol bereits 16.000 Hinweise ein.

In dieser Woche sorgte der Fall eines missbrauchten Mädchens aus Niedersachsen für Diskussionen. Kurz nachdem die Polizei sich entschlossen hatte, mit dem Foto der Vierjährigen über Internet und Medien nach Opfer und Täter zu suchen, meldete sich die Mutter des Kindes. Stunden später wurde ihr 24-jähriger Lebensgefährte festgenommen. Er gilt als dringend tatverdächtig. Trotz hoher Erfolgsaussichten ist die Fahndung mit Bildern von Minderjährigen die Ultima Ratio im Instrumentarium der Ermittler. Zu hoch ist das Risiko für das Opfer: Was, wenn der Täter es in einer Kurzschlussreaktion ermordet?

Jörg Fegert, Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm, forscht seit Jahrzehnten zu Missbrauch. Er warnt vor dieser "hoch problematischen" Methode: "Das darf nicht zum Präzedenzfall werden, weil dieses Vorgehen die Kinder gefährden kann."

Die Polizei arbeitet deshalb in mehrstufigen Verfahren. Führt die übliche Fahndung nicht weiter, wird zunächst der Kreis der Polizeidienststellen erweitert. So kamen Ermittler in Deutschland kürzlich einem Pädophilen auf die Spur, der mit harmlosen Videos seiner Tochter potenzielle Kunden für sein kinderpornografisches Material finden wollte.

Zu sehen war das Kind auf einem Spielplatz, im Hintergrund eine auffällige Häuserfassade. Die Ermittler schickten einen Screenshot der Fassade an sämtliche Polizeidienststellen der Republik. Ein Streifenbeamter erkannte das Haus und gab den entscheidenden Hinweis. Die Beamten ermittelten nun in der Umgebung des Spielplatzes - und konnten das Opfer und den mutmaßlichen Täter identifizieren.

In einem weiteren Schritt werden in manchen Fällen die Schulen eingebunden. Eine effiziente Methode, findet Bernhard Egger, Abteilungsleiter im bayerischen Landeskriminalamt (LKA) und zuständig für die Netzwerkfahndung. So erhalten je nach Fall mehrere Tausend Schulleiter in Bayern Passcodes, über die sie Zugriff auf Bilder erhalten, mit denen die minderjährigen Opfer identifiziert werden sollen. Viermal habe man diese Methode in diesem Jahr bundesweit angewandt, dreimal mit Erfolg.

Aber auch die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen wie dem US-amerikanischen Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder erleichtert den 15 Mitarbeitern in der Netzwerkfahndung des bayerischen LKA die Arbeit, ebenso wie technische Lösungen: eine Datenbank, in der über zwei Millionen bereits ausgewertete Bilder gespeichert sind, oder Software für Gesichtserkennung oder Bildervergleich. Ist im Hintergrund die Silhouette einer Stadt zu erkennen, kann ein Algorithmus herausfinden, um welche es sich handelt. Nur mit technischer Hilfe sei es möglich, pro Jahr über 660 Fälle zu bearbeiten, sagt Egger.

Trotz der Fahndungserfolge nimmt die Zahl der Taten nicht ab. "Die globale Digitalisierung und die Tatsache, dass jeder mit seinem Handy filmen kann, hat die Situation erheblich verändert", sagt der Ulmer Professor Fegert. Früher seien kinderpornografische Inhalte eher aus Reihen der organisierten Kriminalität hergestellt worden, heute fänden oft Filme den Weg ins Internet, die Täter privat herstellen. "Zu Hause wird noch immer am häufigsten missbraucht", sagt Fegert.



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