Der SPIEGEL

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12. Mai 2013, 08:09 Uhr

Im neuen SPIEGEL

Big Data; Menschenversuche in der DDR; Daniel Cohn-Bendit im Gespräch; NSA - wie der größte Geheimdienst der USA seine Bürger bespitzelt

Von , stellv. Chefredakteur

Liebe Leserin,
lieber Leser,

als der Hollywood-Film "Minority Report" vor gut zehn Jahren in die Kinos kam, wirkte seine Geschichte noch wie Science-Fiction: Eine "Precrime"-Einheit der Polizei von Washington, D. C., verhaftet Verdächtige, noch bevor sie ihre Taten begehen können; übermenschliche Helfer der Polizei machten das möglich. Was damals Fiktion war, ist in Ansätzen bereits Realität, das erfuhren meine Kollegen Martin U. Müller, Marcel Rosenbach und Thomas Schulz während ihrer Recherchen für die Titelgeschichte über "Big Data". Der Text beschreibt, wie die Datensammelwut von Regierungen und Unternehmen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik verändert. Neben Schauplätzen in Deutschland besuchten die Autoren die kalifornische Stadt Santa Cruz, die auf "Predictive Policing" setzt. Ein Computerprogramm schickt die Polizisten seit zwei Jahren in die Straßen, in denen, abhängig von Wochentag und Tageszeit, die Wahrscheinlichkeit von Straftaten besonders hoch ist. Und die Polizei kann Erfolge melden: Nach Einsatz des Programms habe sich die Zahl der Einbrüche verringert, um 11 Prozent, die Zahl der Festnahmen habe sich erhöht, um 56 Prozent.

Monatelang recherchierten Nicola Kuhrt und Peter Wensierski unter anderem in Privatarchiven deutscher Mediziner und im Bundesarchiv. Dort fanden sie bislang geheime Akten der Stasi, die genau beschreiben, wie skrupellos westliche Pharmakonzerne Kliniken, Ärzte und Patienten in der DDR für Menschenversuche benutzten. Eine ergiebige Fundstelle war auch ein Archiv der Berliner Charité in Berlin Tempelhof - neben einer Lkw-Waschanlage. Kein Schild weist auf die Existenz des Archivs hin, in dem eine besondere Art der Vergangenheitsbewältigung zu besichtigen ist. Einmal in der Woche rücken Gabelstapler an, um kartonweise Akten mit Unterlagen von Opfern aus dem Archiv zu schaffen. Ihr Ziel ist eine Verbrennungsanlage.

Daniel Cohn-Bendit verliert nicht so leicht seinen Humor, das muss man ihm lassen. Am vergangenen Mittwoch befragten ihn meine Kollegen Jan Fleischhauer und René Pfister zwei Stunden lang zu der Affäre um seine angeblichen pädophilen Neigungen. Als sie irgendwann in dem Gespräch wissen wollten, ob die Vorwürfe, die nun auf ihn einprasseln, nicht an die Nieren gehen, sagte er: "Ah, jetzt wechseln Sie vom Staatsanwalt zum Analytiker." Auch als er am vergangenen Freitag die autorisierte Fassung des Gesprächs per E-Mail zurückschickte, tat er das nicht ohne eine ironische Note: "Monster Cohn-Bendit" stand in der Betreffzeile.

Und noch einmal zurück zu Zahlen, Daten und Computern: Früher war Thomas Drake ein geschätzter, oft gelobter Angestellter der National Security Agency (NSA), des größten Geheimdienstes der USA. Heute ist er vorbestraft, gilt als Verräter und arbeitet als Verkäufer in einem Apple-Shop. Drakes Vergehen: Er hat den größten Abhörskandal seit Watergate öffentlich gemacht und wurde dafür von seinem früheren Arbeitgeber und seiner Regierung bestraft. Mein Kollege Jonathan Stock recherchierte Drakes Geschichte, sprach mit ihm und ehemaligen NSA-Mitarbeitern, er sah Gerichtsakten ein und machte sich auch auf in die Berge von Utah, zur Baustelle des neuen NSA-Datenzentrums. Dort eskortierte man ihn vom Gelände, "weil alles hier geheim ist", so ein Sicherheitsmann. Stock fragte: "Warum ist das so?" Die Antwort lautete: "Hier ist alles geheim, weil hier alles geheim ist."

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Ihr

Klaus Brinkbäumer

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