Rekonstruktion der Silvesternacht Die Nacht der Wölfe

Günter R. leitet den Silvestereinsatz am Kölner Bahnhof, er sah Hunderte junger Männer, er dachte an "einen Riesenspaß", dann brach das Chaos aus. Warum die Polizei hilflos blieb - die Rekonstruktion der Schreckensnacht.
Silvester 2016 auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz

Silvester 2016 auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz

Foto: Markus Boehm / dpa

Wolfgang Albers hat sich einen Platz mit dem Rücken zum Tresen ausgesucht. Von hier aus kann er den Raum überblicken, er sieht, wer hereinkommt und wer hinausgeht. Auf den Holztischen im Restaurant des Landesmuseums Bonn stehen Kerzen. Es ist ein Nachmittag im späten November, draußen dämmert es schon.

Fast ein Jahr lang hat Albers geschwiegen. Er hat die Zeitungsberichte gelesen mit der heftigen Kritik am Einsatz der Kölner Polizei in der Silvesternacht. Er ist nach Düsseldorf gefahren und hat vor dem Untersuchungsausschuss ausgesagt. Aber in den Medien hat er sich nie geäußert seit jenem 8. Januar, an dem er als Kölner Polizeipräsident abgesetzt wurde.

Es hat lange gedauert, bis er zu einem Treffen bereit war. Für den Termin hat Albers eine blaue Krawatte umgebunden. Er hat seine Frau mitgebracht. Er wolle keine schmutzige Wäsche waschen, sagt er. Er will über Verantwortung sprechen.

Das ist ein großer Begriff. Und wenn etwas schiefgelaufen ist, dann hat er viel mit Schuld zu tun. Trifft Wolfgang Albers diese Schuld? Er ist der Einzige, der wegen der Ereignisse der Nacht, die zum deutschen Debakel wurde, seinen Job verlor.

Die Frage der Verantwortung ist viel größer. Sie schließt jene mit ein, die Köln zum Erweckungserlebnis für eine neue rechte Bewegung gemacht haben, für einen ausländerfeindlichen Populismus, der sich bis in die Mitte der Gesellschaft zieht. Der Flüchtlinge unter Generalverdacht stellt.

Und dann redet Albers doch über jenen Silvestereinsatz. "Das geht mir nach", sagt er. "Ich denke immer wieder darüber nach, wann und wie man das alles noch hätte verhindern können." Warum wurde es nicht verhindert? "Wir hatten eine fatale Erkenntnislage", sagt Albers.

Wolfgang Albers

Wolfgang Albers

Foto: Oliver Berg/ dpa

"Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen", habe ihm Innenminister Ralf Jäger gesagt, zum Abschluss des Gesprächs, erinnert sich Albers, in dem er ihn in den einstweiligen Ruhestand schickte.

Aber wer trägt dann die Verantwortung?

Seit Februar beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags mit der Frage, was falschgelaufen ist in der Nacht, in der Polizei und Ordnungskräfte der Stadt nicht verhindern konnten, dass Hunderte Frauen zu Opfern sexueller Übergriffe wurden.

Der Ausschuss hat seinen Bericht noch nicht vorgelegt. Doch Recherchen des SPIEGEL zeigen: Für das Versagen gibt es nicht den einen Grund. Es ist vielmehr eine Kette von Entscheidungen, von Fehlentscheidungen und Fehleinschätzungen, von mangelnder Übersicht und miserabler Kommunikation einer Polizei, die nicht ahnte, was auf sie zukam.

Diese Kette beginnt lange vor Silvester, am 9. Dezember, als Stadt, Polizei und Feuerwehr ihr Konzept für den Silvestereinsatz besprechen. Teilnehmer berichten von einer "durchweg harmonischen" Sitzung, "anscheinend wusste jeder, auf was es in der Silvesternacht ankommt".

Oder auch nicht - denn trotz Bitte der Bundespolizei entscheidet die Stadt Köln, dass man die Hohenzollernbrücke nicht für Fußgänger sperrt. Über die Brücke läuft der Zugverkehr zwischen dem Hauptbahnhof und Deutz über den Rhein. Die Fußwege am Rand der Brücke sind Silvester immer überfüllt, weil von dort aus das Feuerwerk gut zu sehen ist. Die Brücke wird in der Nacht zum Problem werden.

Flutlichter der Bundespolizei sollen den Bahnhofsvorplatz und die Brücke ausleuchten, doch die vorgesehenen Geräte werden an der Grenze zu Österreich gebraucht, wo die Bundespolizei wegen der Flüchtlingskrise im Einsatz ist. Hätte mehr Licht geholfen? Sicherlich.

Zur Vorgeschichte gehört auch ein Unterstützungsgesuch der Polizei Köln an das Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste (LZPD). Eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei, 123 Beamte, fordert die Polizei Köln für ihren Silvestereinsatz beim LZPD in Duisburg an.

Doch daraus wird nichts. "Der Kräfteanforderung vermag ich nicht vollumfänglich zu entsprechen", heißt es in der Antwort des LZPD. Es gibt nur eine Hundertschaft minus einen Zug - also rund 40 Beamte weniger als beantragt. "Die sind bekloppt!", schimpft einer der Einsatzplaner der Kölner Polizei.

Das alles ist von Bedeutung. Weil später viel zu wenig Polizei im Einsatz sein wird. Dienstbeginn ist erst zwei Stunden vor dem Silvesterfeuerwerk. Das sei "immer als ausreichend angesehen" worden, erklärt der Polizei-Inspektionsleiter, der den Einsatz vorbereitet hat, später dem Ausschuss. Doch diesmal ist schon lange vor Mitternacht die Lage rund um Hauptbahnhof und Dom aus dem Ruder gelaufen. Es ist eine Eskalation in vier Stufen.

Phase I - Alkohol und Böller

Fünf Kilometer Luftlinie vom Bahnhof entfernt: Vor der Justizvollzugsanstalt im Kölner Stadtteil Ossendorf demonstriert am frühen Abend ein Häuflein Linksalternativer: "Silvester zum Knast - Freiheit für alle Gefangenen!" 40 Teilnehmern stehen mehr als 80 Beamte der Bereitschaftspolizei gegenüber. Anscheinend gibt es genügend Polizisten, die man an diesem Silvester einsetzen kann.

Weil alles ruhig bleibt vor dem Gefängnis, werden die Züge von 19.55 Uhr an schrittweise in den Feierabend entlassen - ein folgenreicher Fehler.

Um diese Zeit zeichnet sich längst ab, dass im Stadtzentrum vor dem Hauptbahnhof heftiger gefeiert wird als in den Vorjahren. Schon um 18 Uhr fliegen die ersten Böller und Raketen zur Sankt-Mariä-Himmelfahrt-Kirche gleich neben dem Hauptbahnhof. Als der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki ab 18.30 Uhr im Dom Gottesdienst feiert, haben Besucher der Messe stellenweise Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. So sehr kracht es draußen.

Kurz nach 20 Uhr verlässt Günter R. Weilerswist, ein Dorf westlich von Bonn. R., ein gedrungener Typ Ende fünfzig mit grauen Haaren und kräftigen Armen, war viele Jahre lang in Spezialeinsatzkommandos. Wer dort Dienst tut, zählt zu den Härtesten bei der Polizei. Günter R., genannt "Joe", ist eine der Schlüsselfiguren des Silvesterdramas. Er leitet den Einsatz der Kölner Polizei rund um den Bahnhof.

Mit seiner Tochter, die in Köln feiern will, steigt R. in den Regionalzug. Es sind nur ein paar Haltestellen bis zum Hauptbahnhof in Köln. Gegen 20.40 Uhr kommen sie an. Auf dem Vorplatz, über dem der Dom so spektakulär aufragt, stellt R. fest, dass schon viel mehr los ist als 2014, auch da hat er den Einsatz zum Jahreswechsel geleitet. Er sieht Gruppen junger Männer, rund 400 schätzt er, Migranten. Sie trinken Alkohol und werfen sich gegenseitig Böller vor die Füße. So schildert R. es dem Untersuchungsausschuss.

Sie haben "einen Riesenspaß", so wirkt es auf den Polizeiführer auf dem Weg zum Dienst. Aber er fürchtet, dass die Männer womöglich arabischer Herkunft keine Erfahrung mit Alkohol haben: "Wenn das mal nicht in die Hose geht." Und: "Nicht, dass die nachher alle voll sind."

Auf dem Platz verabschiedet er sich von seiner Tochter. Er ahnt nicht, dass in diesen Augenblicken eine der letzten Chancen verstreicht, das Desaster zu verhindern. Die letzten Polizisten von der Knastdemo werden in einer Stunde endgültig in den Feierabend geschickt. R. weiß noch nicht einmal von deren Einsatz.

Um 21.30 Uhr hat R. in der Polizeiwache Stolkgasse seine erste Besprechung. Er erzählt von den jungen Männern, den Böllern und dem Alkohol. Die Kollegen haben davon noch nichts mitbekommen.

Nun trifft R. eine Entscheidung, die ihm später als Fehler angekreidet wird: Er führt "von vorne" und nicht "von hinten", das heißt, er leitet vom Ort des Geschehens und nicht von der Dienststelle aus. Er brauche das, "um die Lage zu spüren", meint er. Seine Kritiker sagen, er habe deswegen den Überblick verloren.

Sein persönlicher Mitarbeiterstab ist klein, er hat nur einen Assistenten und eine Fahrerin. Es hätte aber einen ganzen Führungsstab gebraucht. Warum wurde der Einsatz auf so niedrigem Level gefahren? "Das haben wir immer so gemacht, und es hat nie Kritik daran gegeben", erklärt R.s Chef dem Untersuchungsausschuss, "same procedure as every year". Doch dieses Jahr ist alles anders.

Phase II - Chaos

Wegen der trinkenden Migranten schickt R. zehn Beamte als Vorhut zum Bahnhofsvorplatz. Allerdings erwartet er wie in den Vorjahren die größten Probleme - Böllerbeschuss, Taschendiebstähle, Schlägereien - auf den Ringen, einer Partymeile, die sich in einem Bogen um die Kölner Innenstadt zieht. Deshalb setzt er das Gros seiner Kräfte dort ein.

Schon um 21.40 Uhr aber zeichnet sich ab, dass die Lage am Bahnhof eskalieren könnte. Ein Team der Bundespolizei wird auf dem Weg zum Dienst an einer roten Ampel von weinenden Frauen angesprochen, die vom Bahnhof kommen.

22 Uhr: Die 14. Hundertschaft der Bereitschaftspolizei beginnt ihren Dienst. Zusammen mit den Beamten der Bundespolizei sind dort rund 200 Polizisten im Einsatz. Dabei ist die Polizeibeamtin Diana Vogt (Name geändert), Mitte zwanzig. Sie gehört zu einer Dreiergruppe in Zivil, die sich als Aufklärungseinheit an den Ringen unters Partyvolk mischen soll. Wenn sie Straftaten beobachten, sollen sie die Täter durch die Menge verfolgen. "Kletten" nennt man das im Polizeijargon. Auch Einsatzleiter R. ist auf den Ringen unterwegs, um sich die erwarteten "Hotspots" anzuschauen.

Inzwischen ist die Menge auf dem Bahnhofsvorplatz auf mehr als das Doppelte angewachsen. Menschen beschießen sich gegenseitig mit Feuerwerkskörpern. Es gibt Verletzte, Menschen werden bestohlen, Frauen belästigt. Das kleine Polizeikontingent am Bahnhof ist bereits Minuten nach Dienstbeginn überfordert.

22.14 Uhr: Funkspruch vom Bahnhofsvorplatz an die Leitstelle der Polizei: "Weit über tausend Personen, keine Maßnahmen mit unserer Kräftesituation möglich".

Diana Vogt und ihr Zivilteam werden zum Bahnhof geschickt, gegen 22.35 Uhr kommen sie dort an. Von der Domtreppe versucht eine Gruppe, Raketen in einen geöffneten Rettungswagen zu schießen. Von anderen werden die Zivilbeamten aufgefordert: "Geht mal zur Seite." Die Männer wollen freie Schussbahn - auf Polizisten.

Diana Vogt erlebt die Situation als "enthemmtes Feiern", die Masse wie in "einem Rauschzustand". Es ist so laut, dass sie den Polizeifunk über Kopfhörer nicht mehr verstehen können. "Feiern die hier immer so Silvester?", fragt Vogt ihre Kollegen.

Viele Beamte sind schockiert über die "ungeheure Respektlosigkeit", mit der sie behandelt werden. Beamte, die bei Schlägereien dazwischengehen wollen, werden abgedrängt. Kontrollen müssen sie abbrechen, um anderswo zu helfen. Es herrscht Chaos.

Einsatzleiter Günter R. erfährt von der Zuspitzung am Bahnhof und lässt sich sofort dorthin fahren. Er sieht, dass mit Leuchtmunition in die Menge geschossen wird. Als "bürgerkriegsähnlich" beschreibt er die Zustände später einem Kollegen.

R. befürchtet eine Massenpanik. "Wenn da jetzt irgendwas passiert, was diese Menge in Bewegung setzt, dann werden Menschen totgetrampelt, dann haben wir Tote und Schwerverletzte", sagt er dem Untersuchungsausschuss in Düsseldorf.

Gegen 22.45 Uhr beschließt R. mit dem Chef der 14. Hundertschaft und dem Einsatzleiter der Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, den Platz zu räumen. Es ist die richtige Entscheidung. Die Lage auf dem Vorplatz ist nicht zu halten. Doch die Räumung wird dramatische Folgen haben: Im Bahnhof entsteht ein Gedränge, weil immer neue Fahrgäste ankommen und die Menschen das Gebäude nicht mehr zum Dom hin verlassen können.

Um 23.29 Uhr wählt eine Frau den Notruf. "Touristin und Freundin werden von mehreren männlichen Personen belästigt und auch schon unter den Rock gefasst", notiert der Beamte in der Leitstelle. Die Anruferin "will sich bemerkbar machen, angeblich hat sie zwei Uniformierte im Bahnhof angesprochen, und die sagten ihr, sie solle 110 anrufen."

Phase III - Die Räumung

Um diese Zeit telefoniert ein Beamter des Polizeipräsidiums Köln mit der Landesleitstelle im LZPD, es geht um die bevorstehende Räumung des Platzes. Die Leitstelle fragt, ob Verstärkung gebraucht werde. Weil diese aber frühestens zwei Stunden später einsatzbereit wäre, lehnt der Kölner Dienstgruppenleiter ab. Dass zwei Stunden später, um 1.30 Uhr, auch noch Hilfe nötig sein könnte - daran denkt er nicht.

Um 23.30 Uhr beginnt die Räumung des Bahnhofsvorplatzes mit "einfacher körperlicher Gewalt", wie es im Einsatzbericht heißt. Die Beamten drängen und schubsen, bis der Platz frei ist. Das Problem: Die Durchsagen sind auf Deutsch, viele Ausländer auf dem Platz verstehen sie nicht.

Um diese Zeit kommen Lara, Jeanette und Paul aus Bonn in Köln an. Als sie zum Bahnhofsvorplatz hinausgehen, nehmen an der Tür Polizisten mit Helm und Schlagstock gerade ihre Stellung ein. Die Studenten werden aus der Menge angepöbelt und angemacht. Paul spricht von einer "komischen, aggressiven" Stimmung.

Das neue Jahr begrüßen sie am Rheinufer im Funkenregen einer Rakete, die über ihren Köpfen explodiert, in Feierlaune sind sie längst nicht mehr.

Um 0.15 Uhr ist der Bahnhofsvorplatz komplett geräumt. Der Boden ist übersät mit Glasscherben und abgebrannter Pyrotechnik. Die Sperrketten werden nach und nach gelockert.

Phase IV - Kontrollverlust

Die Zivilbeamtin Diana Vogt und ihre Kollegen steigen hinauf zur Domplatte. Von oben fliegen Feuerwerkskörper und Flaschen. Eine Flasche trifft einen ihrer Kollegen im Nacken. Oben grölen Männer auf Arabisch. Die Beamten glauben, dass die Männer sich über "die Treffer freuen". Auf der Domplatte sehen sie sich von Hunderten Männern umringt. Diana Vogt spürt Hände an ihrem Po. Sie wird gezwickt, heftig angefasst. Ein Mann versucht, ihre Handtasche zu rauben. Die Menge ist für sie "wie ein Wolfsrudel".

Kurz darauf bitten die Zivilbeamten um Unterstützung. Einer von ihnen hat einen Diebstahl beobachtet und will den Täter festnehmen. Von den Übergriffen auf ihre Kollegin haben die anderen nichts mitbekommen. Sie hat ihnen auch nichts gesagt.

Nach dem Ende des Feuerwerks ist das Gedränge auch auf der Hohenzollernbrücke groß. Die Leute wollen weg, es geht aber kaum. Die Fußgängerwege sind durch Gitter begrenzt. Auf der einen Seite geht es tief hinunter in den Rhein, auf der anderen Seite sind die Bahngleise.

Panikstimmung. Die Polizisten sehen, wie sich Körper an Körper quetschen, sie hören die Schreie. "Das ist fast wie in Duisburg hier. Ich werde hier erdrückt", ruft ein Mann. Bei einer Massenpanik 2010 auf der Love Parade wurden 21 Menschen zu Tode getrampelt und erdrückt. Ein Mann hält einem Bundespolizisten sein kleines Kind entgegen: "Hier, rettet meinen Sohn!", ruft er.

Ein Polizist entscheidet, die Menschen auf die Gleisanlage zu lassen, um "den Druck ein bisschen herauszunehmen". Um 0.34 Uhr bis 1.15 Uhr sperrt die Bundespolizei den Bahnverkehr auf der Hohenzollernbrücke - und damit den Bahnhof für den gesamten Zug- und S-Bahnverkehr. Auch diese Entscheidung ist richtig, um Unfälle auf den Gleisen zu verhindern - doch sie führt nun dazu, dass sich immer mehr Menschen im Bahnhof stauen. Zudem sind die Türen zum Vorplatz zeitweise geschlossen. Bloß die U-Bahnen fahren weiter, bringen Hunderte neue Personen.

Gegen 0.30 Uhr kommen Lara, Jeanette und Paul mit einigen Freundinnen vom Rheinufer zurück. Vor der Domtreppe werden sie im Gedränge von Männern attackiert. Von überallher kommen Hände. Sie greifen den Frauen brutal in den Intimbereich. Die Studenten stolpern die Domtreppe hinunter. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen fünf Polizisten. Sie gehen auf sie zu. Vier der Beamten wenden sich ab, so erinnern sie sich, einer spricht mit ihnen. "Sie müssen sich anschauen, was da oben los ist, da wird gegrapscht ohne Ende", sagt Lara. "Das tut mir leid, dass Sie jetzt einen Scheißabend hatten", habe der Beamte geantwortet, "aber wir können nichts machen, es sind zu viele."

Für Polizeiführer Günter R. hat sich die Lage auf dem Bahnhofsvorplatz zu dieser Zeit beruhigt. Weil es drinnen im Bahnhof so voll ist, gibt er auf Bitten der Bundespolizei den Platz wieder frei. Einen Teil seiner Kräfte schickt er zurück auf die Ringe.

Doch es geht wieder los. Gegen 0.40 Uhr werden Angelika Hübgen (Name geändert), 47, und ihre Freundin von einer Horde Männer angegangen. 30, 40 Leute - Hübgen beschreibt sie als Ausländer - hätten sie eingekreist. Hat Hübgen eine Hand von ihrer Brust weggeschlagen, spürt sie die nächste am Gesäß. Sie hat das Gefühl, sie kämpfe gegen einen Kraken. Ihre Freundin spürt eine Hand in der Hose. Panisch drängen die Frauen zur Bahnhofshalle.

Drinnen bemerken die beiden: Ihre Handys sind weg. Wütend rennt Hübgen zurück auf den Platz. Doch sie blickt in unbekannte Gesichter. Hübgen sieht einen Polizeiwagen, ohne Polizisten. Schließlich entdeckt sie einen Beamten am Eingang. Sie wolle Anzeige erstatten, und zwar sofort.

Eine Polizeiwache sei um die Ecke, eine andere direkt im Bahnhof, sagt der Beamte, so erinnert sie sich. Und fügt hinzu: "Ich geb Ihnen einen guten Rat: Fahren Sie nach Hause, und verschwinden Sie von hier!" In der Wache im Bahnhof warnt sie ein Bundespolizist, es werde Stunden dauern, bis er die Anzeige aufnehmen könne. "Das Aufkommen" sei sehr hoch.

Schließlich fahren die beiden Frauen nach Hause und erstatten noch in der Nacht Anzeige. An der Kleidung von Hübgens Freundin werden fremde DNA-Spuren gesichert.

Gegen ein Uhr fährt Günter R. zur Polizeiwache in die Stolkgasse. Im Vorraum warten viele Menschen, darunter weinende Frauen. "Ist verdammt voll, was ist denn los?", fragt R. seine Kollegen. Hier habe er erstmals von sexuellen Übergriffen erfahren. Die junge Polizeikommissarin, die eine Anzeige von drei Frauen aufnimmt, braucht dafür zwei Stunden. Sie macht das zum ersten Mal und muss bei Vorgesetzten nachfragen. Im Vorraum haben sich Schlangen gebildet. Viele der Frauen gehen frustriert wieder.

Zeugenvideo zeigt mutmaßlichen Übergriff

Polizeiführer R. beordert seine Kräfte von den Ringen wieder zurück. "Tu mir einen Gefallen, hier laufen Dinge ab, die sind unschön", sagt er dem Chef der 14. Hundertschaft, "zieh deine Kräfte so weit es geht wieder hierhin." Es ist jetzt 1.15 Uhr, und es ist zu spät. An den Türen zum Bahnhof haben arabisch und nordafrikanisch aussehende Männer Gassen gebildet, durch die jeder muss, der aus dem Bahnhof heraus oder in das Gebäude hinein will. Für die Frauen ist es ein Spießrutenlauf.

Um 1.16 Uhr geht ein Notruf bei der Polizei ein. "Der Melderin wurde die Hose runtergerissen, einer anderen das Kleid fast vom Körper gerissen", notiert der Beamte in der Leitstelle: "Mehrere Südländer haben der Melderin und ihren Freundinnen die Handtaschen weggerissen."

Später meldet eine Frau: "Flüchtlinge befummeln Passantinnen."

Wenn die Polizisten irgendwo eingreifen wollen, werden sie abgedrängt. Das berichten Beamte später, "teilweise mit Tränen in den Augen, weil sie nicht helfen konnten", so Bundespolizeipräsident Dieter Romann vor dem Untersuchungsausschuss.

Und so passiert es immer wieder, immer weiter in dieser Nacht, auch der Studentin Lisa Schulz (Name geändert), 27, die mit ihrem Freund auf einem Partyschiff auf dem Rhein gefeiert hat. Gegen 1.50 Uhr wollen sie den Zug nach Hause nehmen. Der Breslauer Platz hinter dem Hauptbahnhof ist voller Menschen. Die Türen zur Bahnhofshalle sind offen, dahinter stehen vier Polizisten, schwer bewaffnet und mit regloser Miene, so nehmen sie es wahr. Keiner warnt das Paar, dass hier seit Stunden Frauen begrapscht und bestohlen werden.

Schulz ist keine 20 Meter im Gebäude, da spürt sie eine Hand zwischen den Beinen. Nur weil sie unter dem Rock eine dicke Strumpfhose trägt, können die unbekannten Finger nicht in sie eindringen. Sie dreht sich um und sieht mehrere Männer, einer steht gebückt direkt hinter ihr. Das muss der Grapscher sein, denkt Schulz. Sie hastet weiter, bloß weg. Um sie herum im Gedränge: schreiende Frauen, weinende Frauen, hektische Menschen.

Doch die Polizei ist machtlos, hilflos - über Stunden. Einsatzleiter Günter R. steht zu dieser Zeit etwa am Eingang zum Hauptbahnhof, mit sieben oder acht Beamten. Er sagt, keine Frau habe ihm oder seinen Kollegen dort gesagt, dass sie sexuell angegangen worden sei. "Deshalb sind wir davon ausgegangen", sagt R. bei seiner Befragung durch Parlamentarier, "dass wir die Situation im Griff hatten."

Phase V - Morgengrauen

Erst um vier Uhr morgens beruhigt sich die Lage. Der Bahnhof ist voller Erbrochenem und Urin. Dazwischen schlafen Betrunkene. Irgendwann gegen Morgen spricht eine Frau Günter R. an und zeigt ihm einen Mann. Der habe ihre Freundin mehrfach angegangen, schmerzhaft in den Schritt gegriffen. R. nimmt ihn persönlich fest und will ihn anderen Polizisten übergeben. Aber alle sind eingebunden. Also bringt der Polizeiführer ihn selbst zur Kriminalwache. Für R.s Kritiker ein weiterer Beleg dafür, dass er der Situation nicht gewachsen war. Ein Einsatzleiter solle führen, nicht selbst Festnahmen durchführen.

Für Günter R. ist die Nacht um 7.32 Uhr vorbei. Er schreibt eine E-Mail an seinen Chef und weitere Empfänger. Noch immer weiß er offenbar nur ansatzweise, was sich ereignet hat. Anders ist die Mail nicht erklärbar:

"Hallo zusammen, war zum Teil ein heißer Tanz! Frohes neues Jahr Joe"

R. habe die Dimension dieser Nacht offenbar "nicht so erfasst, wie sie sich dargestellt hat in der Nachbetrachtung", wird sein Chef später zu Protokoll geben.

Gegen 8.30 Uhr geht Diana Vogt in das Büro ihres Vorgesetzten. Erstmals berichtet sie nun, was ihr passiert ist. "Das war, glaube ich, die schlimmste Nacht, die ich erlebt habe", sagt sie.

Um 8.57 Uhr verschickt die Pressestelle der Polizei Köln eine vorbereitete Meldung: "Ausgelassene Stimmung - Feiern weitgehend friedlich". Noch am selben Tag rufen Kollegen, die in der Nacht im Einsatz waren, empört im Polizeipräsidium an. Nichts war friedlich, erzählen sie ihren Kollegen. Das macht jetzt die Runde.

Erst am Montag, dem 4. Januar, beruft Polizeipräsident Wolfgang Albers eine Pressekonferenz ein. In der Silvesternacht sei es zu "Straftaten einer völlig neuen Dimension" gekommen, sagt er.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat einen Schuldigen anscheinend schnell gefunden: die Polizei Köln. Es könne nicht sein, dass erst der Vorplatz des Bahnhofs geräumt werde - "und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen", schimpft er, "so kann Polizei nicht arbeiten".

Vielleicht sind da die Tage von Albers an der Spitze der Kölner Polizei schon gezählt. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) steht stark unter Druck. Für Freitag, den 8. Januar, bestellt er Albers, der vor allem wegen mangelhafter Informationen kritisiert wurde, zu sich ins Ministerium. Das Gespräch findet in Jägers Büro statt. Es dauert nicht lange, Albers ist seinen Job los. Nur so könne "das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei" zurückgewonnen werden, so Jäger.

Im Video: Soko "Neujahr"

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Epilog

Seither ist viel passiert. In jener Nacht haben viele Deutsche begonnen, Flüchtlingen zu misstrauen. Die Rechtspopulisten schlachten die Ereignisse von Köln für ihre Propaganda aus. Die AfD, in Umfragen derzeit bei 13 Prozent, könnte im kommenden Jahr in den Bundestag einziehen.

Die Kölner Polizei hat mit großem Aufwand nach den Tätern gesucht. 150 Beamte waren zu Spitzenzeiten im Einsatz. Die Ermittlungsgruppe "Neujahr" wertete 1,6 Millionen Funkzellendaten aus, hörte in 94 Fällen Handys ab, observierte Verdächtige. Zur Auswertung von mehr als tausend Stunden Videomaterial aus der Nacht holte man sich sogar Hilfe bei den Kollegen von Scotland Yard. Insgesamt mehr als 330 Tatverdächtige wurden ermittelt, meist wegen Eigentumsdelikten - die Mehrzahl aus Nordafrika, häufig Asylbewerber.

Doch selbst wenn Verdächtige ermittelt werden konnten, blieb die Beweislage schwierig. So wie bei Muhamed A. Der Libyer wird am 6. Januar im Zug nach Paderborn von der Polizei aufgegriffen, weil er ohne Fahrschein unterwegs ist. Durch Zufall findet man bei ihm das gestohlene Handy von Hübgen. Sie erkennt ihn nicht sicher wieder.

Doch Lisa Schulz hat ihn als ihren Peiniger identifiziert. Er wurde wegen sexueller Nötigung und Raubes angeklagt. Doch so traumatisch das Erlebte für seine Opfer war, das Gericht sah, in einem noch nicht rechtskräftigen Urteil, lediglich eine tätliche Beleidigung auf sexueller Grundlage und einen schweren Diebstahl als erwiesen.

Eine "harte Antwort des Rechtsstaates" forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) - sie blieb bisher aus. Zu chaotisch waren die Verhältnisse in der Nacht, zu groß die Masse an enthemmten Männern, zu schlecht die Qualität der Aufnahmen der wenigen Überwachungskameras. Und zu diffus die Hinweise der Opfer auf Angreifer, Grapscher, Vergewaltiger.

Im Video: Das filmten die Überwachungskameras

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662 mutmaßliche Opfer sexueller Übergriffe aus der Nacht erstatteten Anzeige. Für gerade mal fünf Anklagen wegen sexueller Nötigung hat es gereicht, nur zwei Männer wurden verurteilt, ein weiterer wegen Beleidigung auf sexueller Grundlage. 87 Beschuldigte führt die Staatsanwaltschaft Köln noch in Ermittlungsverfahren wegen sexueller Übergriffe.

Der Untersuchungsausschuss hat mehr als 170 Zeugen befragt, viele Tausend Seiten Akten liegen ihm vor. Der Kriminologe Rudolf Egg schreibt in einem Gutachten von der Broken-Window-Theorie. Sie besagt, dass beispielsweise in einer anonymen Masse die Hemmschwelle für Verbrechen sinkt, wenn dort begangene Straftaten offensichtlich ohne Konsequenzen bleiben. "Genau dies war in der Kölner Silvesternacht der Fall", schreibt Egg. Ein früher, entschlossener Polizeieinsatz, hätte die Täter wahrscheinlich abgeschreckt.

Draußen vor dem Museumscafé in Bonn ist es dunkel geworden. "Niemand hat Verantwortung übernommen", sagt Albers.

Aber wer müsste sie denn tragen?

Albers schaut seine Frau an. Sie lächelt, macht eine kaum erkennbare, nickende Bewegung mit dem Kopf. "Fest steht", sagt Albers, "dass die Situation nie so entstanden wäre, wären nicht so viele Flüchtlinge in so kurzer Zeit unkontrolliert und unregistriert nach Deutschland gekommen." Will er Angela Merkel die Schuld gegeben? Albers schüttelt den Kopf: "Ich kann die Entscheidung der Kanzlerin verstehen. Aber dann hat man auch die Verantwortung dafür zu tragen."

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und ihr Innenminister Jäger überboten sich über Monate darin, ihre Unwissenheit über die Vorgänge zu beteuern. Kraft, die im Urlaub war und eidesstattlich versicherte, sie habe erstmals am 4. Januar von den Vorfällen erfahren. Jäger erhielt die erste Meldung am 1. Januar um 14.36 Uhr über den Verteiler "WE Asyl groß" auf sein Blackberry. WE heißt: "Wichtiges Ereignis". Darin stand, in der Silvesternacht sei es auf dem Bahnhofsvorplatz zu "bislang bekannten elf Übergriffen zum Nachteil von jungen Frauen" gekommen. "In einem Fall wurden einem 19-jährigen deutschen Opfer Finger in Körperöffnungen eingeführt. Die Tätergruppe wurde einheitlich von den Opfern als Nordafrikaner" beschrieben.

Ralf Jäger

Ralf Jäger

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Die Polizeimeldungen vom Neujahrstag seien schockierend gewesen, wird Jäger später vor dem Ausschuss sagen. Sie hätten "aus der Masse aller Meldungen aber nicht so hervorgeragt, um irgendwelche Aktivitäten an den Tag zu legen".

Der einstige Leiter des LZPD, Jürgen Mathies, wurde Albers' Nachfolger als Polizeipräsident. Dass es Mathies' Behörde war, die Köln weniger Kräfte als gefordert zuwies, davon spricht heute niemand mehr. Albers sagt, Mathies habe ihn am Mittwoch nach Silvester angerufen, um mit ihm zu besprechen, dass der Kräfteeinsatz "einvernehmlich" beschlossen worden sei. "Das war nicht einvernehmlich", habe er, Albers, geantwortet.

Und Innenminister de Maizière will auf einmal nur die Öffentlichkeitsarbeit der Kölner Polizei kritisiert haben. Albers lacht leise auf. "Der Minister hatte zu dem Zeitpunkt nur einen sehr geringen Informationsstand." Und: "So kann Regierung nicht arbeiten."

Albers war sein gesamtes Berufsleben Beamter. Er war Referent von Innenministern und vor Köln Polizeipräsident in Bonn. "Die Arbeit, das war immer alles", sagt seine Frau. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Aachen gegen ihn wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung, ebenso gegen den Präsidenten der Bundespolizeidirektion St. Augustin, Wolfgang Wurm. Insgesamt laufen Ermittlungen gegen 13 namentlich bekannte Polizisten. Verfahren gegen Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker und zwei Beamte der Stadt wurden eingestellt.

Albers hält nun Vorlesungen an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, er engagiert sich in der evangelischen Kirche. Im Frühjahr hat er die Opfer der Silvesternacht um Verzeihung dafür gebeten, dass die Polizei sie nicht schützen konnte.

Sieht er sich als Bauernopfer? Albers findet die biblische Figur des Sündenbocks treffender: "Man hat ihm alle Sünden aufgeladen und hat ihn in die Wüste getrieben."

In Köln werden dieses Jahr an Silvester 1500 Polizisten und weitere 600 Sicherheitskräfte eingesetzt.

Anmerkung der Redaktion:

Eine frühere Version dieses Artikels enthielt ein Video mit einer Sequenz, die einen Übergriff zeigte. Das Video war in den Unterlagen des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses als Zeugenvideo aus Köln deklariert.

Diese Sequenz stammt aber nicht, wie irrtümlicherweise angegeben, aus der Kölner Silvesternacht, sondern vom Tahrir-Platz in Kairo. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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