Aufmarsch an der Grenze Putins neue Panzer bedrohen die Ukraine
Oberbefehlshaber Putin: "Aggressive Handlungen der Nato in der Nähe unserer Grenzen"
Foto: © Maxim Shemetov / Reuters/ REUTERSBogutschar ist ein Bauernstädtchen 700 Kilometer südlich von Moskau. Es stehen ein paar alte Kaufmannshäuser hier, es gibt die Ruine eines Gefängnisses aus der Stalin-Zeit - und vor allem die früheren Kasernen der 10. Garde-Panzerdivision. Vor etwa einem Jahrzehnt wurde die Einheit verkleinert, ihr Kriegsgerät eingemottet.
Doch jetzt drehen sich in Bogutschar Kräne, die Stadt wird zu einer großen Militärbasis ausgebaut. Auf über 200 Hektar entstehen Unterkünfte für 5200 Soldaten, ein Manövergelände, ein Lazarett sowie Hallen für 2200 Kampfpanzer, Schützenpanzer, Transportfahrzeuge. Die alte Panzerdivision wird reanimiert, zusätzlich eine Schützenbrigade aus Nischni Nowgorod nach Bogutschar verlegt.
Mit dem massiven Ausbau der Garnison von Bogutschar reagiere Russland auf die "aggressiven Handlungen der Nato in der Nähe unserer Grenzen", erläuterte Präsident Wladimir Putin am 22. Juni vor der Staatsduma in Moskau.
Es war der 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, und Putin zog an jenem Tag einen historischen Vergleich: Wie schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs sei der Westen auch jetzt nicht bereit, zusammen mit Russland mehr Sicherheit zu schaffen. Also sei Moskau gezwungen aufzurüsten.
Diese Woche fand Putin einen weiteren Grund, die Sicherheit an Russlands Grenzen durch "schwerwiegende zusätzliche Maßnahmen" zu verstärken: Er vermeldete einen angeblichen Durchbruch ukrainischer Angreifer auf die Krim. Auch hinter dieser Aktion stecke der Westen, behauptete der von ihm eingesetzte Krim-Verwaltungschef.
Seit Ausbruch des von Moskau provozierten Ukrainekriegs verstärkt die Nato tatsächlich ihre Präsenz an den russischen Grenzen: Über dem Baltikum patrouillieren Kampfjets der Allianz, in der Ostsee kreuzen Nato-Schiffe. Zudem sollen vier Bataillone im Osten Europas rotierend stationiert werden - je eines in Estland, Lettland, Litauen und Polen. Damit gibt der Westen Russland zu verstehen, dass er so etwas wie die Annexion der Krim in seinem Bündnisgebiet nicht hinnehmen werde.
Aber derzeit baut Russland gleich drei neue Divisionen auf, mit rund 30.000 Soldaten. Allein die Anlagen für diese Einheiten werden umgerechnet rund 145 Millionen Euro kosten. Als Antwort auf vier Nato-Bataillone mit gerade mal 4000 Mann wirkt das Aufgebot überdimensioniert. Und inzwischen ist Experten ziemlich klar, gegen wen diese Machtdemonstration in Wahrheit gerichtet ist: gegen die unbotmäßige Ukraine. Putins neue Panzer könnten sie in kürzester Zeit überrollen.
Die drei Verbände würden auf der Basis bereits bestehender Brigaden aufgebaut und "an Feuer- und Schlagkraft" einmalig sein, so der russische Heereschef, man werde gut ausgebildete Verbände nutzen. Die 10. Garde-Panzerdivision etwa, früher in der DDR stationiert, war bereits damals als Stoßkeil gegen die Nato gedacht: Im Ernstfall sollte sie quer durch Deutschland bis an den Atlantik vordringen. Schon 1943, in der berühmten Panzerschlacht am Kursker Bogen, hatte sie sich einen Namen gemacht: Die Deutschen nannten sie die "Division der schwarzen Messer", weil ihre Kämpfer mit Messern ausgestattet waren, die schwarze Griffe hatten.
Bei Bogutschar entladen Militärs derzeit Waffen und Gerät und steuern Panzer und Fahrzeuge dann kilometerweit durch die Felder in die neue Basis - zum Entsetzen der Bauern. Weitere Stützpunkte entstehen westlich von Bogutschar, in der Nähe der Städte Waluiki und Klinzy. Nach Angaben des Generalstabs soll die neue Division Ende dieses Jahres einsatzbereit sein.
Für die zweite jener Divisionen, die angeblich der Nato Paroli bieten sollen, wurde die bei Smolensk liegende Kleinstadt Jelnja ausgesucht. Das ehemalige Militärstädtchen, wie Bogutschar in den Neunzigerjahren für eine aus der DDR abgezogene Einheit mit deutschem Geld erbaut, ist derzeit verwaist. Nun jedoch soll die frühere Division Wiederauferstehung feiern.
Die dritte der neuen Divisionen wird bei Rostow am Don stationiert, im Südlichen Militärbezirk, in dem seit 2013 ohnehin schon 4 neue Divisionen, 9 Brigaden und 22 Regimenter bereitstehen. Mit ihr wird ein legendärer Verband wiederbelebt: die 150. Schützendivision. Sie nahm im April 1945 das Berliner Stadtzentrum ein, ihre Soldaten hissten das Siegesbanner auf der Reichstagskuppel.
Die Stationierungsorte der drei neuen Divisionen verraten Moskaus Absichten: Keiner liegt wirklich in einem Gebiet, in dem Russlands Militärs einen Nato-Angriff erwarten könnten. Und schon gar nicht in der Nähe der baltischen Staaten, die bereits Nato-Mitglieder sind und immer wieder lautstark den Schutz der westlichen Militärallianz einfordern.
Eines aber ist den Stationierungsorten gemein: Alle liegen nahe der ukrainischen Grenze. Von Bogutschar etwa sind es nur 45 Kilometer bis zur sogenannten Luhansker Volksrepublik, einem der Separatistengebilde im Osten der Ukraine.
Die Divisionen seien eindeutig auf die Ukraine fixiert, so ein hoher russischer Diplomat. Ein westlicher General sieht das ähnlich: Russland stelle sich strategisch darauf ein, dass die Ukraine nie wieder in den Moskauer Einflussbereich zurückkehrt - dafür aber enger mit der Nato zusammenwirken wird, auch ohne Mitglied der westlichen Militärallianz zu sein.
Das erklärt, warum Putin beim Ausbau der Streitkräfte noch immer auf große Panzerverbände setzt. Bei einem schnellen Eingreifen in der benachbarten Ukraine wären sie von Nutzen.
Was aber wäre für Moskau ein ausreichender Anlass, um erneut in der Ukraine zu intervenieren? Diese Frage stellt sich für den Westen seit dieser Woche mit neuer Dringlichkeit.
Denn in den Nächten zu Sonntag und Montag sollen, sagt zumindest Putin, Spezialeinheiten an der Nordgrenze der Krim drei ukrainische Gruppen aufgespürt haben. Zwei russische Offiziere starben, wohl bei Gefechten, auch zwei der Angreifer sollen getötet worden sein. Fünf Männer wurden festgenommen. Es waren mehrheitlich Bewohner der Krim. Angeblich haben sie zugegeben, Anschläge auf der Krim vorbereitet zu haben, im Auftrag der Ukraine. Die bisherigen Beweise: dürftig.
Dass ukrainische Nationalisten so etwas wagen, ist nicht auszuschließen. Dass jedoch Kiew hinter diesem ziemlich stümperhaften Abenteuer steckt - an der Grenze zur gut gesicherten Krim -, klingt unwahrscheinlich. Staatschef Petro Poroschenko hatte gerade ein Treffen mit Putin arrangiert, an einer Verschärfung der Lage dürfte er kaum interessiert sein.
Putin dagegen spielte den Vorfall zu einer Staatskrise hoch. Die Ukraine sei zum Terror übergegangen, erklärte er und bezeichnete deren Führung erneut als illegitim. Das hatte er lange nicht mehr getan. Ein für Anfang September geplantes Treffen im Normandie-Format zwischen Russland, Deutschland, Frankreich und der Ukraine nannte er "sinnlos" und sagte es ab. Seine Statthalter auf der Krim forderten den Uno-Ausschluss des Kiewer Regimes, andere regten Raketenschläge gegen "Terroristenlager" in der Ukraine an. So redet man einen Krieg herbei - nach einem vergleichsweise kleinen Zwischenfall.
Oder war der nur inszeniert? Waren die rätselhaften Vorgänge auf der Krim wieder nur wie ein Rauchvorhang, der einen anderen russischen Plan verdecken soll? Am Donnerstag berief Putin seinen Sicherheitsrat ein und kündigte "antiterroristische Maßnahmen rund um die Krim" an, Truppen wurden an die Nordgrenze der Halbinsel verlegt. Noch am selben Tag begannen "umfangreiche Spezialmanöver" im Südlichen Militärbezirk und im Schwarzen Meer. Ihr vorrangiges Ziel: die Errichtung von Bahn-, Fluss- und Straßenbrücken im Krisenfall.
In der Ostukraine hatten Beobachter bereits im Juni eine ungewöhnliche Konzentration russischer Panzer registriert und für Ende August sogar ein Wiederaufflammen des Krieges vorausgesagt.
Als möglicher Grund für ein neues Eingreifen Russlands in der Ukraine wird immer wieder der Wunsch nach einer Landverbindung von der Ostukraine zur Krim genannt. Moskau hat sich die Halbinsel zwar einverleibt, doch sie ist nun vom Umland isoliert, ihre Versorgung erweist sich als extrem schwierig. Laut Aussage eines Berliner Diplomaten gebe es inzwischen im deutschen Auswärtigen Amt sogar Gedankenspiele, wie man Putin einen Landkorridor zur Krim zubilligen könnte.
Auch der Bau der Stützpunkte für die drei Divisionen, die angeblich zur Abschreckung der Nato gedacht sind, bekommt so einen weiteren Sinn. Ihre Errichtung begann nachweislich bereits im Sommer vorigen Jahres, lange vor der Entscheidung der westlichen Allianz, vier Bataillone nach Osteuropa zu entsenden. Die Behauptung, Russland reagiere auf eine äußere Bedrohung, war also nur nachgeschoben. Mit der "Nato-Gefahr" zu argumentieren, so ein Militärbeobachter in Moskau, sei für den Kreml gegenwärtig "ein bequemes Spiel". Das komme im Volk gut an.
Was immer hinter den mysteriösen Ereignissen stecken mag - Kremlchef Putin nutzt sie für eine Zuspitzung der Lage. Sein Gegenspieler Poroschenko hat nun seinerseits am Donnerstag die Streitkräfte im Donbass und an der Grenze zur Krim in Alarmbereitschaft versetzt. Und Angela Merkel, François Hollande sowie US-Vizepräsident Joe Biden um ein Krisengespräch gebeten.