26.08.2013

Der Beat#8202-Club

Beat Gottwald hat Musiker wie Casper, Kraftklub oder K.I.Z. groß gemacht. In diesem Monat will er wieder auf Platz eins der deutschen Charts. Eine Geschichte über den Manager hinter dem Erfolg.
An einem heißen Sommertag steht Beat Gottwald auf einem Musikfestival, anderthalb Autostunden von Berlin, und hat mindestens drei Probleme. Erstens hat er einen Kater. Zweitens nervt ihn ein Fotograf, mit dem er aber einen Termin hat. Drittens parkt vor ihm sein Auto, voll mit Plakaten, die längst überall hängen müssten. Es ist Mittag, gleich kommen die Festival-Besucher. Gottwald hat allerdings keinen Führerschein, es gibt gerade niemanden, der ihn fahren kann, was die Sache etwas kompliziert macht. Er blinzelt in die Sonne. In den Staub auf seine Motorhaube hat jemand "Wasch mich bitte" geschrieben. Er zündet sich eine Zigarette an und zieht die warme Luft langsam ein.
Dann schlägt er dem Fotografen einen Deal vor. Fotos gegen Fahrdienst. Gottwald zwängt sich auf den Beifahrersitz des russischen Ladas. Der Fotograf fährt ihn zum Haupteingang. Gottwald steigt aus und nimmt ein Plakat aus dem Kofferraum, darauf steht "Hinterland". Ein Junge mit Baseballkappe kommt vorbei und beobachtet, wie Gottwald mit einem Kabelbinder versucht, das Plakat am Zaun zu befestigen. Er sagt: "Hey, ich kenn dich." Gottwald schüttelt den Kopf. "Doch, von der Casper-Live-DVD. Du bist Beat Gottwald. Der Manager." Gottwald nickt.
Normalerweise kennt ihn kaum jemand: Beat Gottwald, 34 Jahre alt und von Beruf Musikmanager. Dafür sind seine Künstler umso bekannter. Casper etwa, bürgerlich Benjamin Griffey, ist derzeit einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Im September kommt sein neues Album "Hinterland", und die Erwartungen sind riesig. Die Vorgängerplatte "XOXO" machte den Rapper aus Ostwestfalen zu einem Star. Er bekam eine Goldene Schallplatte, einen Echo und zweimal die Eins Live Krone. Die Tour war ausverkauft.
Neben Casper managt Gottwald die Indie-Band Kraftklub, die ebenfalls gerade einen Echo bekommen hat, sowie die Gruppe K.I.Z., deren Mitglied Maxim vergangenes Jahr für seine Rap-Texte von der "FAS" unter die besten deutschsprachigen Schriftsteller unter 40 Jahren gewählt wurde. Und dann noch die Künstler DJ Craft, WassBass, Ahzumjot und den Komiker Oliver Polak.
Es wäre eine coole Idee, sagt Polak, für eine Geschichte über Gottwald ein Gruppenfoto mit allen Künstlern zu machen: "Wir würden auf dem Boden liegen, und Beat hätte wie ein Marionettenspieler die Fäden in der Hand."
Es gibt Menschen in der Musikbranche, die Gottwald für ein Genie halten. Für den besten Künstlermanager in Deutschland. Andere sagen: Er ist ein Kotzbrocken. Einer seiner besten Freunde sagt: "Er kann sehr direkt und verletzend sein."
Er selbst sagt: "Ich bin cholerisch und laut. Ich hyperventiliere. Aber ich habe noch nie jemanden verarscht." Gottwald gilt als anstrengender Typ. Als Mann mit Prinzipien, der nur macht, worauf er Lust hat. Es heißt, wenn sich 30 Leute in einem Raum einig sind, dann ist Gottwald garantiert dagegen. Hochachtung vor seinem Erfolg haben alle.
Auf dem Musikfestival kämpft Gottwald noch mit den Kabelbindern. Er wickelt ein Plastikband um die Stange eines Ortsschildes, hebt ein Plakat in die Luft. Für einen Moment sieht man nur seine Jeans, den blauweißgestreiften Pullover und dort, wo der Kopf ist, ein Schild mit dem Albumtitel. Gottwald ist sich nicht sicher, ob das Plakat hier hängen darf. "Lass mal schnell weiterfahren", sagt er zu dem Fotografen. Trotz seines rotbraunen Vollbarts wirkt er dabei wie ein großer Junge. Wie eine Mischung aus dem US-Schauspieler Zach Galifianakis, der in den "Hangover"-Filmen den unberechenbaren Alan spielt, und Justus Jonas, dem ersten Detektiv der "Drei ???". Inzwischen laufen die ersten Zuschauer am Lada vorbei. Danach kann der Fotograf seine Bilder machen.
Die Werbekampagne für das neue Album startet auf dem Konzert von Casper, vor 25000 Menschen. Kurz vor dem Auftritt sagt Casper: "Ich hab so Schiss." Gottwald sagt: "Ich auch." Gottwald hat mit Casper viel über das Album gesprochen. Er ist mit ihm in die USA geflogen, um einen Videoclip zu drehen. Er hat die Generalprobe überwacht. Er hat mit einem Techniker über die Höhe eines Stativs diskutiert. Er hat am Merchandise-Stand T-Shirts verkauft. Jetzt wartet er auf das Ende des Konzerts. Gottwald steht auf einer Tribüne, neben ihm seine Freundin.
Um kurz nach halb eins fliegen bunte Raketen in den Himmel. Dann folgt der Videoclip. "30 Sekunden zu spät", sagt Gottwald. Es ist die offizielle Ankündigung für "Hinterland". Der Beginn für den Vorverkauf. Keiner weiß, ob das alles funktioniert. Gottwald sagt: "Es gibt Hunderte Wege, im Musikgeschäft Erfolg zu haben." Was er nicht sagt: Er ist eigentlich nur bereit, seinen zu gehen.
Gottwald wurde in Florenz geboren. Sein Vater war dort Jura-Professor an der Europa-Universität. Seine Mutter ist Psychologin. Die Familie zog oft um. Florenz, Bonn, Ulm, Lüneburg. Er war ein lautes, ein hibbeliges Kind, sagt Gottwald. Er ging auf ein Internat und flog runter. Er machte seinen Realschulabschluss. Bei der Bundeswehr wurde er ausgemustert. Gottwald sagt: "Ich habe glaubhaft vorgetragen, dass ich keinerlei Autorität ertragen kann."
Er ging nach Hamburg, organisierte HipHop-Partys und landete bei Universal Music. Er betreute US-Musiker wie Eminem und 50 Cent. Er betreute deutsche Bands wie Muff Potter und Virginia Jetzt!. Im Jahr 2007 machte er sich selbständig. Gottwald sagt: "Musik ist doch der letzte Rückzugsort für Menschen wie mich."
In Berlin hat er seine Agentur "Beat the Rich". Sie liegt in einem Kreuzberger Hinterhof und ist gleichzeitig seine Wohnung, in der er mit seinem Foxterrier Fred lebt. Den Hof hat Gottwald mit seinen Mitarbeitern und Freunden gemeinsam umgebaut. Es gibt eine kleine Veranda, Palmen und Goldfische. An den Wänden im Haus hängen Goldene Schallplatten. Im ersten Stock stehen drei Schreibtische, die aussehen, als hätte jemand darauf Altpapier gesammelt. Dahinter ist das Schlafzimmer.
Anfang Mai sitzt Gottwald mit Casper in dieser Wohnung am Küchentisch. Sie trinken Beck's-Bier und planen für die nächsten Monate. Gottwald skizziert ein Konzept, das sich sehr grob so zusammenfassen lässt: Das neue Album geht mehr in Richtung Singer-Songwriter, für die Pressearbeit konzentrieren wir uns auf öffentlich-rechtliche Medien, und pass mit den Mädchen auf. Es gab eine Zeit, da war Casper in Berlin viel feiern. Gottwald hat ihn zu einem Praktikum bei einer Booking-Agentur verdonnert. "Den Satz ,Hey, du bist der Geilste!', den hört man hier nie", sagte Casper einmal. Wer mit seinen Mitarbeitern spricht, der erfährt, dass Gottwald bedingungslose Hingabe erwartet. Auch wenn er Samstagnacht um 0.30 Uhr anruft, weil er auf der Homepage etwas geändert haben möchte. Dafür können im Badezimmer alle seine Waschmaschine benutzen. "Ich muss noch lernen, mich nicht überall einzumischen", sagt er.
Gottwald und Casper beschließen, in eine Kneipe zu gehen. Danach vielleicht noch auf ein Konzert. Sie laufen über den Kiez. Gottwald voran, Casper hinterher. Casper sagt, auf Konzerten höre er manchmal, dass sein Manager zu krass sei. "Ich antworte immer: Nee, zu uns ja nicht", sagt Casper. Auf dem Weg in die Kneipe schenkt Gottwald einem Typen auf der Straße Zigaretten. Sie laufen weiter. Sie kaufen eine Obdachlosenzeitung. Gottwald kauft neue Zigaretten. In diesem Moment kann man sich vorstellen, dass die Künstler von Gottwald noch lange im Musikgeschäft bleiben werden.
Den ersten Vertrag hat Gottwald auf einen Bierdeckel mit der Band K.I.Z. geschrieben. In der Branche wurde darüber gelacht. Den Bierdeckel hat er irgendwann verloren. K.I.Z. nicht. Gottwald ist heute außerdem Geschäftsführer der Konzertagentur "Landstreicher Booking", Geschäftsführer der Merchandisingagentur "Krasser Stoff", Geschäftsführer der PR-Firma "Check your Head". Er nennt zu jeder Firma noch eine Menge Menschen. Über Gottwald lacht heute niemand mehr.
Ziemlich viele Anekdoten über Gottwald handeln davon, was für ein anständiger Kerl er ist: Casper hat er zum Beispiel aus einem ziemlich schlechten Vertrag geholt. So schlecht, dass sein Vater, der Jura-Professor, ihm davon abriet. Die Jungs von K.I.Z. hat er überzeugt, auf Tour den harten Alkohol von ihrer Wunschliste zu streichen. "Das ist bei einem Auftritt mal eskaliert, das haben wir dann auch eingesehen", sagt Tarek. Er erzählt, früher sei Gottwald öfter ausgeflippt, wenn er das Gefühl hatte, seine Arbeit würde von der Band nicht wertgeschätzt. Inzwischen kann er sich locker machen. Tarek sagt: "Er hat ein gutes Herz."
Der Komiker Oliver Polak erzählt die Geschichte, wie er für ein TV-Konzept mit ihm mal bei einem renommierten Produzenten in Berlin war und Gottwald nach 20 Minuten fragte, ob sie für diese unlustige Kacke extra gekommen seien. "Jeder andere Manager hätte das diplomatischer gesagt, aber ich war dankbar", sagt Polak. Bei Geschäftsterminen würde Polak manchmal die Augen schließen und sich vorstellen, die Fernsehfigur Alf wäre da. Ein lauter und furchtloser Außerirdischer, der hundert Zigaretten am Tag raucht und mit knarziger Stimme seine Geschäfte regelt.
Wer einige Tage die Geschichten über Künstler, Bands, Platten, Touren, Drogen, Manager, Konzertveranstalter hört, der kann den Eindruck bekommen, dass sie nur wenig mit dem tatsächlichen Musikgeschäft zu tun haben. Vielleicht nicht mal mehr mit Musik. Eigentlich erzählen alle davon, wie mutig oder feige jemand ist. Gottwald hat keine Angst vor dem Musikgeschäft. Das könnte sein Geheimnis sein.
Er hat kurzzeitig die Echo-Verleihung boykottiert, weil eine rechtsnahe Rockband nominiert war. Er hat für einen seiner Künstler einen Werbe-Deal im angeblich sechsstelligen Bereich abgelehnt. "Großkonzernscheiße" macht er nicht, heißt es. "Ein erfolgreicher Musiker kann sehr gut von dem leben, was er macht: Musik. Alles andere ist Gier", sagt Gottwald.
In Stuttgart gibt es die Firma "Chimperator Live". Dort hat das Management mit Cro, einem Rapper mit Pandamaske, gerade ähnlich großen Erfolg. Auch Cro hat eine Goldene Schallplatte und einen Echo bekommen. Aber der Weg zum Erfolg funktioniert hier anders: Chimperator-Gründer Sebastian Schweizer hat "Musikbusiness" an einer Popakademie studiert. Es ist das akademische Gegenmodell.
Und: Cro macht Werbung für H&M. Cro macht Werbung für McDonald's. Es gibt ein neues Lied, in dem er sinngemäß rappt, dass er schön blöd wäre, würde er jetzt nicht alles mitnehmen. Es ist ein legitimer Weg. Besonders mutig ist er nicht.
Bei Chimperator möchte man eigentlich nichts über Gottwald sagen. Gottwald hat kürzlich ein Foto gepostet, das die aktuelle Promi-Werbung von McDonald's mit Cro parodiert. Darauf zu sehen ist Gottwald mit seinen Freunden. Darüber steht: "McVerachtung's", mit Verachtung. Eine Mitarbeiterin von Chimperator sagt: Man respektiere seine Arbeit, aber Gottwald sei verrückt. Ein Satz, der in dieser Branche fast schon ein klares Statement ist.
Es sind zwei Modelle, wie modernes Management in Deutschland gerade funktionieren kann. Aber Gottwald findet es "richtig scheiße", dass man für eine Geschichte über ihn mit Chimperator spricht. Während er das sagt, werden seine Augen zu kleinen Schlitzen. Es ist der einzige Moment, in dem man sich vorstellen kann, wie es ist, wenn Gottwald richtig wütend wird. Wie er reagiert, wenn er nicht die Kontrolle hat. Aber statt noch etwas zu sagen, geht er einfach weg. Später fragt er, mit wem man sonst noch geredet hat.
Am Abend des Casper-Auftritts gibt es eine Aftershowparty. Sie ist in einem weißen Zelt, am Ufer eines Sees. Viele Musiker sind da, ein bekannter DJ legt auf. Gottwald hat das organisiert. Als er merkt, dass niemand tanzt, bittet er einen jungen Mann, sein DJ-Equipment zu holen. Man brauche jetzt andere Musik als die, die der DJ gerade spiele.
Der Mann macht sich prompt auf den Weg und holt seine Ausrüstung, doch als er wieder zurück ist, tanzt Gottwald ausgelassen mit seinen Freunden zur Musik. Der junge Mann stellt seinen Computer in die Ecke. Er sagt: "Beat ist ein Durchdrücker. Er kriegt, was er will. Ich glaube, manche Leute haben Angst vor ihm." Vor einigen Wochen wurde Gottwald beim "Live Entertainment Award" als "Künstleragent des Jahres" ausgezeichnet.
Gottwald scheint die seltene Fähigkeit zu haben, das Potential eines Künstlers genau zu erkennen. Er poliert ihre Eigenarten heraus und überzeichnet sie für die Medien. Dann schickt er sie durch die Clubs. Dann macht er ein Album. Auf diese Art hat er Casper zu einem Rap-Messias gemacht und aus einer rotzigen Schülerkapelle die erfolgreiche Gruppe Kraftklub. Er ist bei den Plattenfirmen gut vernetzt. Gottwald glaubt an seine Künstler wie andere an die wahre Liebe. Im Wesentlichen ist das seine Philosophie.
In der Nacht auf dem Fest wirkt Gottwald entspannt. Irgendwo in diesem VIP-Zelt tanzt Casper und hofft auf eine lange Karriere. Gottwald wird ihm dabei helfen. Es ist dann ein gemeinsamer Erfolg. Gottwald sagt: "Noch habe ich die Kraft und die Kontakte. Das sind meine Jahre, und danach kommt der nächste Dude und macht sein Ding."
Gottwald tanzt bis in den Morgen. Er tanzt, bis alle ins Bett wollen, seine Kollegen, seine Freundin, Casper. Auch nach Diskussionen ist er nicht bereit zu gehen. Er will weiter tanzen. Es ist seine Party. Als es hell wird, fahren sie ohne ihn ins Hotel. Seine Freundin weint. Der See ist glatt. Als Gottwald in das Hotel kommt, gibt es bereits Frühstück. Als er wieder aufwacht, ist das neue Casper-Album bei den Internet-Vorbestellungen auf Platz eins.
Jonas Leppin Fotos: Tobias Kruse
CD Casper: "Hinterland" (Four Music/Sony Music; ab 27.9.). Infos: www.casperxo.com;
Tournee ab 24.10. Infos: www.landstreicher-booking.de
Von Jonas Leppin

KulturSPIEGEL 9/2013
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