29.03.1999

TheaterMichael Talke

Suchen, probieren und ganz woanders ankommen: Auch nach drei Inszenierungen fühlt sich der Berliner Jungregisseur noch als Anfänger.
Eilig hat er es nicht, auch wenn unter Jungregisseuren gerade das große Karrieremachen herrscht - Michael Talke, 33, nimmt sich das Recht, Anfänger zu sein. Sollen andere mit rasch erworbener Professionalität die Plätze füllen, die die 60jährigen derzeit im Theaterbetrieb räumen. Er hingegen hat in den fast drei Jahren, in denen der ehemalige Assistent der Berliner Volksbühne inzwischen als freier Regisseur arbeitet, erst zwei Inszenierungen gemacht. Talke braucht Zeit, um geeignete Stoffe zu finden. Denn das ist der zweite Unterschied zu vielen Altersgenossen: Talke vertraut nicht wie so viele andere, die heute schnell und effektiv inszenieren, allein auf den Text. Nun bereitet er ausgerechnet an der Berliner "Baracke", einer Hochburg des Autorentheaters, seine dritte Produktion vor: "Pitbull", das erste Stück des Franzosen Lionel Spycher, 27.
In Mainz geboren, hatte Talke in München Theaterwissenschaft studiert, bevor er 1992 als Regieassistent an die neubegründete Volksbühne kam. Vier Jahre mit Castorf, Kresnik und Schlingensief haben aus ihm dennoch keinen politischen Regisseur gemacht. Statt dessen versucht er die Diskutierfreudigkeit des Westens mit dem Theaterhandwerk des Ostens zu verbinden, um auf der Bühne auch immer von sich selbst zu erzählen.
"Ich bewege mich an der Schnittstelle zwischen Literaturtheater und Live Art", sagt Talke beim Bier kurz vor der Abendprobe zu "Pitbull", "ich will herausfinden, wie viele lineare Geschichten ich im Theater brauche. Aber die Lebenswelt der Darsteller gehört immer mit dazu." Selbstironisch wie er ist, reizt ihn an Spychers Stück über Hoffnung und Elend der Jugend in einer französischen Hochhaussiedlung, daß die Absturzgefahr in den Kitsch so groß ist. Aber auch, daß sich die Figuren bei dem Versuch, ihrem Leben einen Sinn zu geben, "um Kopf und Kragen reden".
"Ihr seid Hunde", heißt es am Ende über die, die noch nicht vom Parkhausdach gesprungen sind oder auf den goldenen Schuß verzichten. "Diese Figuren sind unendlich jung", sagt Talke. "Mit 16 sieht man die Welt noch schwarz und weiß. Wir versuchen herauszufinden, ob es auch für uns den Punkt gibt, an dem es ernst wird."
Im Sommer inszeniert er in Luzern den "Freischütz" von Carl Maria von Weber, die Eröffnungspremiere der Intendanz von Barbara Mundel. Natürlich hat er mit Musiktheater keine Erfahrung. "Aber genau deswegen mache ich das. Wenn ich überhaupt nicht weiß, was passieren wird, ist es am besten."
Petra Kohse
„Pitbull" von Lionel Spycher. Premiere am 21.4. in der Berliner „Baracke", Tel. 030/28 44 12 26.

KulturSPIEGEL 4/1999
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