30.09.2013

Der Modedesigner Wolfgang Joop, 68, über Wollpullis und masturbierende Mathematiker

Mit 17 hat man noch Träume
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Wolfgang Joop: Ich war verliebt in Märchenhelden: in Figuren aus "Mio, mein Mio", aus "Tunichtgut der Engelsbub", aus Geschichten von Hans Christian Andersen. Ihnen habe ich abends befohlen, mich im Traum nicht allein zu lassen.
Das Wunderkind Wolfgang Joop war ein wunderliches Kind?
Ich war allein, einsam, isoliert - und habe mich mit Außenseitern identifiziert, auch mit den Theaterhelden von Tennessee Williams. Auf dem Rummelplatz habe ich die Luftschaukelbremser beobachtet und mir vorgestellt, mit ihnen zu reisen. Die Gypsies waren mein Vorbild. Noch heute finde ich ihr Vagabundenleben sehr romantisch. Ich werfe mir vor, sesshaft geworden zu sein.
Welche Klamotten haben Sie mit 17 getragen?
Ich war noch nicht geschlüpft. Ich war gerade erst dabei, die Eierschale von innen anzupicken.
Und sich noch rasch das Gefieder zu richten.
Na ja, aus dem Ei kam kein schöner Schwan, nicht in den Augen meiner Braunschweiger Schulkameraden. Ich trug selbstgestrickte Wollpullover mit Herzchen drauf. Zudem sprach ich den falschen Dialekt, den aus der DDR, und hatte grüne Augen. Die anderen ätzten: "Grüne Augen Froschnatur, von der Liebe keine Spur".
Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe ein Geheimnis um mich herum aufgebaut, habe Potsdam, wo ich herkam, in den buntesten Farben geschildert, wie ein exotisches Arkadien, habe von Schlössern und Parks geschwärmt. Und ansonsten habe ich geschwiegen. Das macht geheimnisvoll, das weiß jedes Topmodel: Kate Moss ist eins, weil sie schweigt, Heidi Klum eher nicht, weil sie spricht.
Und darauf sind die anderen Schüler reingefallen?
Cool ist nicht das, was man trägt, sondern die Art, wie man es trägt. Ich habe die Klamotten meines Großvaters aus Potsdam, alte Cordhosen und Schafwollsocken, irgendwann sogar gegen Geld verliehen. Aus meinem Manko war ein Plus geworden. Generell habe ich früh gelernt, Geschäfte zu machen: Ich war ein schlechter Schüler. Um abschreiben zu dürfen, habe ich Pin-ups gezeichnet, zu denen die Mathematiker dann masturbierten. Es gab ja keine Pornos.
Woher wussten Sie, wie eine nackte Frau aussieht?
Ich hatte schon meinen röntgenhaften anatomischen Blick. Sex hatte ich noch keinen. Ich hatte zwar eine Freundin im Osten, aber da ging es mehr um Sehnsucht, um romantische Getrenntheit. Das änderte sich mit 19, als Karin auftauchte, meine spätere Frau. Sie war forsch und modern, ein sehr westlicher Frauentypus, der mich anfangs befremdete.
Und Sie dann inspirierte.
Karin trug Vintage-Pelzmäntel, so wie Hanna Schygulla in den Fassbinder-Filmen, und staffierte mich neu aus: im Glamrock-Style mit Schlaghose aus Samt und einer selbstgenähten Pythonjacke. Zusammen waren wir ein auffallendes Pärchen, das schnell in die Modebranche geriet. Wir hatten einfach den Look, den man sonst nur in internationalen Zeitschriften sah.
Heute sind Sie ein Star. Alle Träume haben sich erfüllt.
Wenn ich ehrlich bin, träume ich davon, aus der Mode auszusteigen. Alles loszuwerden. Meinen Rucksack zu schnüren und mir ein neues Abenteuer um die Nase hauen zu lassen. Ich hätte nichts dagegen, wenn meine nächste Show am 30.9. in Paris auch meine letzte wäre. I did long enough. I've done my work.
Aber ist die Mode nicht Ihr Lebenselixier?
Das ist sie nicht! Ich fühle mich viel mehr wie ich selbst, wenn ich ins Fitnessstudio am Bahnhof radele. Das reicht mir. Die Mode füllt bloß meine Angst vor der Leere. Würde ich sie aufgeben, müsste ich diese Leere neu füllen. Davor bin ich bislang noch immer zurückgeschreckt.
Wolfgang Joop gründete 1982 das Label Joop!, 2003 wagte er einen Neustart mit Wunderkind. Am 4. Oktober erscheint bei Hoffmann & Campe seine Autobiografie "Undressed. Aus einem Leben mit mir".
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 28. Oktober 2013.
INTERVIEW: TOBIAS BECKER
Von Tobias Becker

KulturSPIEGEL 10/2013
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