24.02.2014

„Ein Jahr lang souffliert“

Der Englischprofessor und Filmexperte Nick Davis über den rätselhaften Bann der Oscars
KulturSPIEGEL: Herr Davis, was ist Ihre erste Erinnerung an den Oscar?
Nick Davis: Ich habe das erste Mal 1987 zugeschaut, als "Platoon", "Hannah und ihre Schwestern" und "Zimmer mit Aussicht" die großen Sieger waren. Ich war neun Jahre alt und begeistert, als Marlee Matlin für "Gottes vergessene Kinder" als beste Schauspielerin gewann. Sie hatte eine dicke Hornbrille auf, Schleierkraut im Haar und trug ein Kleid, das jemand beim Abschlussball anziehen würde, der in der Schule der Nerd war und in letzter Minute eingeladen wurde. Und ein Nerd war ich selbst. Da habe ich mich gefreut, dass jemand, der so ist wie ich, so einen großen Preis verliehen bekam.
Was fasziniert uns so an der Verleihung?
Ein Wettbewerb für Künstler und Filme, in dem Leidenschaft, Bewunderung und Emotionalität das Ergebnis bestimmen, spricht natürlich besonders Leute wie mich an, die sich weniger für die "objektiven" TV-Sportveranstaltungen im Fernsehen interessieren. Die Oscars helfen den Menschen, Filme überhaupt zu entdecken. Jedes Jahr schreiben mir Dutzende Leser, ältere und jüngere, dass sie ihre Liebe zum Kino den Oscars zu verdanken haben, auch wenn sie ihnen heute zwiespältig gegenüberstehen.
Was waren in Ihren Augen die größten Fehlentscheidungen?
Oh je, da gibt es so viel Auswahl. Der Auswahlprozess bei den ausländischen Filmen und Hollywoods beachtlicher Analphabetismus gegenüber internationaler Filmkultur mündet zum Beispiel immer wieder in ausgesucht mittelmäßige Preisträger. Mit der schlechtesten Laune bin ich wahrscheinlich 1996 ins Bett gegangen, als Sidney Poitier bei der Verkündung des besten Films seine Lippen zu einem "B" formte und statt "Babe" unglaublicherweise "Braveheart" herauskam. Aber das ist okay, so lange immer wieder auch ein "Hurt Locker" oder eine Tilda Swinton gewinnt.
Was sind 2014 Ihre Favoriten?
Ich bin ein riesiger Fan von "12 Years a Slave" und fast so sehr von "Gravity". Aber was individuelle Nominierungen angeht, freue ich mich sehr für den kambodschanischen Beitrag "The Missing Picture" bei den nichtenglisch-sprachigen Filmen, für "The Act of Killing" bei den Dokumentarfilmen, für "Prisoners" in der Kamera-Kategorie und für die Ausstattung in "Her".
Ist die Academy wirklich in der Lage, den besten Film des Jahres zu identifizieren?
Es ist ein Segen und ein Fluch, dass viele Academy-Mitglieder so abstimmen, wie es ihnen gesagt wird - von Marketing, Medien-Hype oder durch die Ergebnisse anderer Preisverleihungen. Ich glaube nicht, dass die Wahlberechtigten im vergangenen Jahr einen so seltsamen und wundervollen Film wie "Beasts of the Southern Wild" bemerkt und nominiert hätten, wenn der Verleih Fox Searchlight nicht das ganze Jahr souffliert hätte. Generell hat die Academy eine hartnäckige Vorliebe für ein grundlegend kommerzielles Filmemachen nach bewährten Rezepten. Trotzdem ist es zu einfach, sie immer auf das Klischee der alten weißen Männer ohne Geschmack herunterzukochen. Über die Jahre ist ihre Auswahl doch viel interessanter und facettenreicher geworden.
Davis, 36, ist überzeugter Filmfanatiker und außerordentlicher Professor an der Northwestern University in den USA. Er betreibt die Website www.nicksflickpicks.com

KulturSPIEGEL 3/2014
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