26.05.2014

Der Rockmusiker Ozzy Osbourne, 65, über Humor, Jobs in der Fabrik und die Reeperbahn

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Ozzy Osbourne: Ich wollte ein Beatle werden, welcher, war mir egal. Ich fand sie alle toll. Okay, Paul McCartney vielleicht etwas toller. Die erste Platte, die ich in meinem Leben kaufte, war "With The Beatles", danach war ich infiziert. Ich hatte einen Beatles-Haarschnitt, einen Beatles-Anzug und Beatles-Schuhe und für besondere Anlässe sogar eine Beatles-Perücke. Auch mein Zimmer war ein Beatles-Schrein. Die Beatles weckten in mir den Wunsch, selbst Musik zu machen und eine Band zu gründen.
Mit 15 brachen Sie die Schule ab. Warum?
Schule war für mich eine Qual, weil ich Legastheniker bin. Das Lernen fällt mir überhaupt schwer, weil ich obendrein Konzentrationsschwierigkeiten habe. In der Schule wurden diese Defi-zite nicht als Krankheit akzeptiert, sodass ich froh war, als ich mich aus dem Staub machen konnte. Das Problem war nur, dass mir danach eigentlich nur ein Job in der Fabrik blieb, und das war eindeutig auch nichts für mich. Es war eine verfahrene Situation.
In Ihrer äußerst unterhaltsamen Autobiografie "Ozzy" schildern Sie das alles sehr lustig.
Das war Notwehr. Was blieb mir denn, als das alles mit Humor zu nehmen? Es ist nichts Cooles daran, die Schule hinzuschmeißen. Ich jobbte danach auf Baustellen und in Fabriken und war unglücklich. Humor ist eine Wunderwaffe gegen die finsteren Momente im Leben und half mir über unerfreuliche Zeiten hinweg.
Was rieten Ihnen Ihre Eltern damals?
Mein Vater sagte eines Tages sehr ernst zu mir: Junge, entweder fällt dir noch etwas sehr Besonderes ein, oder du wirst den Rest deiner Tage im Knast verbringen, denn für Arbeit bist du einfach nicht gemacht. Ich ließ ab und zu etwas mitgehen; der eine oder andere Einbruch war auch dabei. Fest stand, dass so ein Nine-to-five-Job für mich nicht funktionierte.
Stimmt es, dass Sie sechs Wochen im Gefängnis waren?
Ja, weil mein Vater sich weigerte, mir das Geld, das ich für die Strafe hätte zahlen müssen, zu leihen. Im Gefängnis zu sein war nicht schön. Aber mein Vater wollte, dass ich einmal erlebe, wie es im Gefängnis zugeht, damit mir klar ist, dass ich da nie wieder hin möchte. Das funktionierte. Aber ich brauchte eine Alternative.
Sie gründeten dann die Band Black Sabbath. Was erwarteten Sie?
Ich war 19 und erwartete nichts außer etwas Spaß. Interessant wurde es, als wir ein Engagement im Hamburger Star-Club bekamen. Das war eine aufregende Reise. Es fühlte sich nicht wie Arbeit an, und wir bekamen trotzdem Geld dafür - eine bahnbrechende Erfahrung für mich. Außerdem war der Star-Club für mich als Beatles-Fan ein heiliger Ort.
War die Reeperbahn erschreckend oder toll?
Beides. Na gut, eher toll. Wir lebten da eine Weile in einer Wohnung über einem Bordell. Das Beste war, dass es in einem Zimmer ein Loch im Boden gab, durch das wir einer der Damen bei ihrer Arbeit zuschauen konnten. Wir fühlten uns wohl in Hamburg, waren oft betrunken, und das einzige Problem war, dass die Reeperbahn nie dichtmacht. Bis heute liebe ich deutsches Bier.
Sie leben in Beverly Hills. Was vermissen Sie von Ihrer englischen Heimat?
Nichts. Birmingham, wo wir herkommen, war ein deprimierender Ort. Ich bin 1948 geboren und erlebte eine Kindheit in zerbombten Straßen und Fabrikruinen. Da wollte man nur weg. Meine Rettung war, dass ich nicht an Vorbestimmung glaube, denn sonst hätte ich mein Leben am Fließband verbracht, so wie alle aus meiner Familie. Es gibt immer wieder diese Momente, in denen ich in einem meiner schönen Häuser sitze, mich kneife und denke: Irre, wie bist du hier gelandet? Ohne die Beatles hätte ich das nie geschafft.
Mit Black Sabbath ist Ozzy Osbourne ab 8.6. auf Tour, u.a. in Berlin, München, Stuttgart und Essen; Infos: www.wizardpromotions.de
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am 30. Juni 2014
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 6/2014
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