28.07.2014

Ralf Husmann schreibt als Alexander Dobrindt einen Brief an Seehofer

Lieber Horst,
die Kollegen im Ministerium haben in den Zuschriften zu unserer Maut sehr oft die Begriffe "Doofbrindt", "Straßendieb", "Arschloch" und "Politiker" gefunden, was mich zur Annahme bringt, dass die Vorschläge eher verhalten aufgenommen wurden. Ich würde deswegen gern folgende Optionen prüfen lassen:
Wenn ich dich damals richtig verstanden habe, ging es dir darum, in Ermangelung richtiger Themen, unseren Leuten in Bayern wenigstens das Gefühl zu geben, dass die Österreicher es nicht besser haben dürfen als wir. Nachdem die EU-Deppen das als Argument nicht anerkennen, könnten wir die Maut auch abblasen und stattdessen Bier und Brezen für Ausländer teurer machen oder die Eintrittspreise für Schloss Neuschwanstein.
Sollte es womöglich aber so sein, dass in Europa Diskriminierung von Ausländern nicht nur auf Straßen, sondern generell nicht gern gesehen ist, könnten wir das ohne Probleme Brüssel in die Schuhe schieben und dafür eine Art EU-Soli einführen, was nicht nur Geld bringt, sondern bei der nächsten Wahl auch Argumente gegen die EU, also Stimmen für uns.
Wir können auch einfach die Maut durchziehen wie geplant und darauf bauen, dass die Ösis eh keine Lobby in Brüssel haben. Der Nachteil ist, dass jetzt auch schon die Holländer eine Maut wollen, und so was wird schnell ein Fass ohne Boden. Andererseits trifft eine holländische Maut hauptsächlich NRW und damit die Sozen, insofern: drauf geschissen.
Alternativ wäre zu überlegen, ob man in jeder deutschen Gemeinde eine Sackgasse nach dir benennt, für die jährlich eine saftige Abgabe fällig wird. Das klingt erst mal hanebüchen, aber denk an die Hotelier-Steuer der FDP. Absurder ging es kaum, und die wurde auch durchgewinkt. Gut, die FDP ist jetzt weg vom Fenster, aber du sagst ja immer, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Blöd ist, dass die Bild mich geguttenbergt hat und ich da jetzt praktisch regelrecht öffentlich unterschrieben habe, dass die ganze Nummer die Leute nichts kostet. Ich wollte das vorher noch mit dir abstimmen, aber immer wenn ich versucht habe, dich anzurufen, hast du mich weggedrückt. Ich möchte dich noch mal dran erinnern, dass die komplette Idee nicht von mir kam, und möchte auch noch mal betonen, dass ich keinesfalls so hartzartig mit meinem Namen dafür herhalten möchte ("Dobringnette" o. Ä.). Ich kann anbieten, wenn am Ende alles Murks wird, die Schuld auf mich zu nehmen, aber nur wenn ich - von mir aus mit einer neuen Brille, aber unter meinem alten Namen - weiter in der Politik tätig sein kann. Alles andere fände ich unfair.
Ich grüße aus Berlin in die Heimat, herzlichst,
Dein Alex
Ralf Husmann, 49, schreibt in seiner Kolumne für Menschen, die dringend einen Ghostwriter brauchen. Husmann wurde als Drehbuchautor von "Stromberg" und "Dr. Psycho" ausgezeichnet und schrieb das Drehbuch von "Stromberg - der Film", der im September auf DVD und Blu-Ray erscheint.
Von Ralf Husmann

KulturSPIEGEL 8/2014
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