29.09.2014

Nach Geheimrezept

Nino Haratischwili: „Das achte Leben (für Brilka)“. Frankfurter Verlagsanstalt; 1280 Seiten; 34 Euro.
Dieser Roman riecht nach Kardamom, nach Nelken und Zimt und Kakao. Es klingt nach Verrat und Unglück und Liebe. Und es sieht alles danach aus, als handelte es sich hier um ein Buch, das keine Saisonware bleibt, sondern eines ist, das zum Lieblingsbuch auf viele Jahre werden könnte. Nino Haratischwili, 31, hat sich nämlich endlich an den Stoff gewagt, den sie in ihrer bisherigen Karriere gemieden hat, um nicht auf die Rolle der gebürtigen Georgierin festgelegt zu werden, die nur über Georgien schreibt.
Erzählt wird in diesem Buch die Geschichte einer georgischen Familie über sechs Generationen. Angefangen mit dem Ururgroßvater der Familie Jaschi aus der georgischen Provinz, der ein Geheimrezept für heiße Schokolade hütet, die so köstlich ist, dass sie Depressive zum Lachen bringt, feine Damen zum Füßestampfen und seine eigene Frau dazu, ihm noch einen Sohn zu gebären, obwohl sie doch eigentlich keine Kinder mehr will. Aus dem erhofften Sohn wird eine Tochter. Die Frau stirbt kurz nach der Geburt. Und spätestens da weiß der Konditor: Es gibt Dinge, die so gut sind, dass zum Ausgleich etwas Schlechtes passieren muss.
Und vielleicht ist das auch das Geheimrezept für Haratischwilis Geschichten: Immer geht es um die süßeste Liebe, die die bitterste Katastrophe nach sich zieht, immer geht es um die ganz großen Gefühle, weswegen einige Kritiker ihren Stil bisweilen kitschig finden oder die Fülle der Ereignisse mit Soap Operas vergleichen. Aber das kann nur finden, wer auch trockenes Knäckebrot lieber als Schokolade mag.
Denn wer sich nicht an der literarischen Opulenz stört, der wird danach dürsten zu erfahren, wie es mit den Töchtern des Konditors weitergeht. Wie Stasia durch ihre Tagträume tanzt, bis sie sich schließlich als müde und leere Frau eines versehrten Offiziers wiederfindet statt auf einer Ballettbühne in Paris. Wie der wunderschönen Christine ausgerechnet ihre außergewöhnliche Schönheit zum Verhängnis wird, weil sie ein berüchtigter Geheimdienstler zu einer Affäre zwingt, der sie sich nicht widersetzen kann, ohne das Leben ihrer Lieben zu riskieren, weswegen ihr trauriger, verliebter Mann sich keinen anderen Rat weiß, als ihr mit Säure das Gesicht zu verätzen. Wie Stasias Kinder heranwachsen und unterschiedliche Seiten wählen. Und so weiter, bis hinein ins Jahr 2006, in dem die Ururgroßenkelin des Konditors die Geschichte der Familie Jaschi ihrer Nichte erzählt. Wunderbar lakonisch dazwischen: das Weltgeschehen. Man kann also nur hoffen, dass die Erkenntnis des Konditors nicht auch für die Literatur gilt. Denn dieser Roman ist so gut, dass der nächste sonst ausgesprochen schlecht sein müsste.
Von Maren Keller

KulturSPIEGEL 10/2014
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