29.09.2014

Von Helden und Anarchisten

Bill Bryson: „Sommer 1927“. Aus dem Englischen von Thomas Bauer. Goldmann; 640 Seiten; 22,99 Euro. Ab 13.10.
Bill Bryson ist als Reiseschriftsteller berühmt geworden, ein moderner Mark Twain im Zeitalter des Pauschalurlaubs. Der Amerikaner schrieb über Wanderungen bei Dauerregen, über Australien und über seine Wahlheimat England. Für seinen Weltbestseller "Eine kurze Geschichte von fast allem" besuchte er Wissenschaftler in aller Welt.
Seit einigen Jahren reist Bryson, 62, vor allem in die eigene Vergangenheit: Er erforschte sein Haus in England und verfasste eine Hommage an das Amerika der Fünfzigerjahre, die Zeit seiner Kindheit. Auch sein neues Buch "Sommer 1927" kann als eine Art Liebeserklärung an Amerika verstanden werden, an jene Epoche, als die USA das reichste Land der Welt waren.
Amerika galt damals als Vorbild, als Sehnsuchtsort, als Land, in dem alles möglich war. Im Mittelpunkt von "Sommer 1927" steht der Pilot Charles Lindbergh, der in jenem Jahr als erster Mensch allein ohne Zwischenlandung über den Atlantik flog. Bryson holt weit aus, um die Heldentat in allen Details zu schildern. Die böse Pointe hebt er sich für den Epilog auf: dass Lindbergh später Sympathie für Adolf Hitler bekundete und in den USA geächtet wurde. Außerdem porträtiert Bryson den Baseball-Star Babe Ruth und den Politiker Herbert Hoover, der 1929 US-Präsident wurde. Und der Autor erzählt, wie die Amerikaner aus Angst vor Terroristen - schon damals - überreagierten: Nach einer Serie von Bombenanschlägen, die Anarchisten verübt hatten, wurden 1927 zwei italienische Einwanderer, Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti, in einem umstrittenen Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Direkte Kommentare zum Amerika von heute vermeidet Bryson. Das ist auch nicht nötig: Wer die Geschichte jenes Sommers kennt, versteht die Gegenwart umso besser.
Von Martin Wolf

KulturSPIEGEL 10/2014
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