29.12.2014

Die Dichterin Friederike Mayröcker, 90, über ihren Schreibrausch, die Musik und den Tod

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Friederike Mayröcker: Ich hatte mit 17 keine Träume. Das war 1941, es war ja Krieg, und es ist uns allen sehr schlecht gegangen. Ich hätte so gern Kunstgeschichte studiert, aber ich musste Geld verdienen. Ich hab eine Staatsprüfung in Englisch gemacht und dann an einer Hauptschule unterrichtet, 23 Jahre lang, ohne Lust, ohne Freude, es war halsschnürend, eine Qual.
Wie sind Sie dann zur Literatur gekommen?
Ich habe schon früh das Bedürfnis gehabt zu schreiben, so mit 14, 15 hat das begonnen. Und später, neben meiner Arbeit als Lehrerin, habe ich auch geschrieben, nicht viel und vor allem nicht gut. Das waren die ersten Schritte. 1954 habe ich dann Ernst Jandl kennengelernt, ich war damals verheiratet, mit einem Kollegen, und habe mich scheiden lassen. Ernst und ich - wir haben nie eine gemeinsame Wohnung gehabt, aber ein gemeinsames Ziel: etwas Neues zu machen mit der Sprache.
Ist damals auch die Idee entstanden, als Autorin zu leben?
Das war viel, viel später, erst nach meinem zweiten Buch "Tod durch Musen", 1966. Da hab ich gewusst: Ich muss schreiben.
Und der Weg dorthin? Die wilden Fünfzigerjahre in Wien?
Ja, was war da? Ich kann mich so wenig erinnern an diese Zeit.
Sie haben für sich eine "Biografielosigkeit als Lebenshaltung" reklamiert - wie lebt man biografielos?
Ich wollte, dass die Menschen, die meine Bücher lesen, nur auf das Werk zielen und nicht nachforschen, wie mein Leben verlaufen ist. Ich wollte verschwinden hinter meinem Werk ...
... so wie Sie hier in Ihrer Wohnung beinahe verschwinden zwischen Bücherstößen, Briefen und Notizheften. Wie ist der Alltag hier? Tatsächlich haben Sie nur einen sehr begrenzten Bewegungsspielraum.
Ja, und ich finde nichts mehr. Vor ein paar Jahren hab ich noch alles gefunden, es hat sich sehr verschlechtert.
Fühlen Sie sich nicht erdrückt von diesen Papierbergen?
Eigentlich nicht. Ich hab mich an das Chaos gewöhnt. Es ist nur unangenehm, dass ich meine eigenen Bücher nicht mehr finde. Das ist jetzt das letzte Stadium.
Viele CDs liegen hier auch herum. Welche Rolle spielt die Musik für Sie?
Musik spielt eine große Rolle für das Schreiben. Seit Monaten spiele ich Franz Liszt, "Années de pèlerinage", von dem russischen Pianisten Lasar Berman. Das gibt mir so einen Auftrieb, ich werde ganz high von dieser Musik. Ich drehe das ganz laut auf und dann kann ich mich sehr konzentrieren.
Was sind die Fixpunkte in Ihrem Leben?
Vor allem das Schreiben. Ich bin noch immer besessen davon. Ich arbeite jeden Vormittag wie in einem Rausch. Nachmittags gehe ich spazieren, oder ich lese. Immer das Gleiche. Von Jacques Derrida "Glas: Totenglocke". Und Francis Ponge, er ist einer meiner Lieblingsautoren.
Die Abende haben Sie früher mit Ernst Jandl verbracht.
Ja, ich bin zu ihm gegangen und hab ihm das Nachtmahl gebracht.
Und - wie man aus Ihren Büchern weiß - haben Sie auch lange nach seinem Tod einen Dialog mit ihm geführt. Ist Ernst Jandl noch immer Ihr Gegenüber?
Eigentlich ja, er und meine verstorbene Mutter. Ich habe das Gefühl, dass die beiden mich beschützen.
Sie haben mal gesagt, dass Sie 130 Jahre alt werden wollen.
Ich lebe ja so gern und hasse den Tod. Aber 130 Jahre, das sag ich jetzt nicht mehr, weil ich denke, dann ist man nur mehr eine Mumie, das ist nicht mehr schön. Manchmal meine ich, ich könnte das und das noch unternehmen und dann schließt sich die Schranke vor mir und sagt: zu spät. Ich würde zum Beispiel so gern noch Französisch lernen. Aber ich weiß, das geht nicht, sonst könnte ich nicht mehr schreiben.
Friederike Mayröcker ist eine der bedeutendsten Gegenwartsautorinnen deutscher Sprache. Bei Suhrkamp erschien gerade ihr "Cahier". Ihr "Requiem für Ernst Jandl" ist am 11.1. im Berliner Ensemble zu sehen.
Der nächste KulturSPIEGEL erscheint am Samstag, 31. Januar 2015.
INTERVIEW: KRISTINA PFOSER
Von Kristina Pfoser

KulturSPIEGEL 1/2015
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