28.02.2015

DIE NERVENSÄGEN

Neun Bücher, die Sie sich sparen können

David Graeber & Tomáŝ Sedláček: "Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?" Sachbuch

Man nehme: zwei junge, ernsthafte Autoren, die mit ihren Büchern über Geld, Geschichte und Politik viel Aufsehen erregt haben. Man setze sie an einen Tisch und bringe sie miteinander ins Gespräch. - Was kann da eigentlich schiefgehen? In einem Wort: alles. In einem Satz: Es kann ein kaum inspiriertes Durcheinander von trivialen Einsichten und unbegründeten Ansichten werden. - Elke Schmitter

Arno Geiger: "Selbstporträt mit Flusspferd". Roman

Man kann in den Zoo gehen und sich fünf Stunden lang ans Gehege der gemächlichen, behäbigen, trägen Flusspferde setzen. Oder man kann diesen Roman lesen. Am Ende hat man, so oder so, nicht viel erlebt. "Selbstporträt mit Flusspferd" ist das Porträt eines Langweilers, das langweilt. Und das vermutlich nicht, weil der Autor es nicht anders kann, sondern weil er es nicht anders will: Der einstige Buchpreisträger Arno Geiger erzählt seinen Coming-of-Age-Roman gezielt als Kommt-nicht-aus-dem-Quark-Geschichte. Ein Buch im Niedrigenergie-Modus. Zum Abschalten. - Tobias Becker

Jan Seghers: "Die Sterntaler-Verschwörung". Roman

Ein hessischer Ministerpräsident mit moppeliger Figur und eine berühmte Zeitschriftenreporterin mit Schreibhemmung gehören zu den stark an reale Vorbilder erinnernden Hauptfiguren, die in dieser Geschichte um den Frankfurter Kriminalkommissar Marthaler wichtige Rollen spielen. Der Autor Jan Seghers, Zweitidentität des Schriftstellers Matthias Altenburg, ist mit seinen (diese eingeschlossen) fünf Marthaler-Ermittlungen bei Lesern und Kritik sehr erfolgreich und sehr ehrgeizig, weshalb sein Buch sich "Roman" nennt und nicht "Kriminalroman". Doch so rasant und hartgesotten hier eine Verschwörungs-Story um einen Geheimdienstler, einen Callboy und eine junge journalistische Hilfsermittlerin entwickelt wird, so dämlich und verkitscht ist das multikulturelle Liebeswirrwarr, in das der Held sich verstrickt. O-Ton der Marthaler-Geliebten: "Ich wollte reden mit dir, aber du warst wieder so verpackt in deine Mordkarton. Du warst weg in Kopf." Ist Trapattoni-Sprech wie Flasche leer. - Wolfgang Höbel

Cassandra Clare: "Chroniken der Unterwelt. City of Heavenly Fire". Jugendbuch

Der einzige Grund, die Fantasy-Reihe "Chroniken der Unterwelt" zu lesen, wäre aus einem misanthropischem Grundbedürfnis heraus mal wieder über die Jugend den Kopf schütteln zu wollen. Denn die hat auch den sechsten Band, "City of Heavenly Fire", weitgehend unbemerkt vom Feuilleton zu einem Bestseller gemacht. Wem das reicht, um den Vergleich mit Harry Potter zu bemühen, dem möge Hagrid zur Strafe einen Schweineschwanz anhexen. Denn gegen die liebevoll gebaute Welt um Hogwarts steht Cassandra Clares fantasielose Welt wie die billige Pappkulisse einer Low-BudgetSeifenoper da, deren Versatzstücke geklaute Überbleibsel von anderen Werken sind. - Maren Keller

Louis Begley: "Zeig dich, Mörder". Roman

Er habe, so hat Louis Begley erzählt, große Freude daran gehabt, sich auch einmal an einem Krimi zu versuchen. Bedauerlicherweise ist das Vergnügen ganz auf seiner Seite, denn selbst einem gelegentlichen Krimileser müssen sich angesichts dieses Romans die Haare sträuben: Nicht nur, dass der Icherzähler Jack eine Klischeefigur ist (Kriegsveteran und Schriftsteller; stark, geschickt, schlau und noch dazu eine Granate im Bett) - auch die Krimihandlung, der als Selbstmord getarnte Mord an einem New Yorker Rechtsanwalt, stürzt von einem Zufall und einer Unwahrscheinlichkeit in die nächste. Begley, mittlerweile 81 Jahre alt, hat wirklich großartige Romane veröffentlicht. Diesen hier hätte er sich sparen sollen. - Christoph Schröder

Leif Randt: "Planet Magnon". Roman

Wäre "Planet Magnon" 600 Seiten lang, wäre es vermutlich ein grandioser Roman, so grandios wie Leif Randts Vorgängerroman "Schimmernder Dunst über CobyCounty", der der deutschen Gegenwartsliteratur 2011 einen neuen, sehr eigenen Sound einhauchte. Aber "Planet Magnon" ist nur 300 Seiten lang, davon fast 30 Seiten Glossar. Randt erfindet auf knappem Platz eine Science-Fiction-Welt, übervoll mit Ideen, mit sechs Planeten und konkurrierenden Lifestyle-Kollektiven, mit einer diffus-entrückten Sektensprache und gezähmten Dinosauriern, aber er schafft es leider nicht, in dieser komplexen Welt auch eine Geschichte zu erzählen, die mehr wäre als Kolportage. Randt, der die blitzeblanken Oberflächen der Wohlstands-Wellness-Welt CobyCounty so meisterhaft sezierte, rutscht in seinem neuen Roman auf ebensolchen Oberflächen aus - und kommt keinen Schritt voran. "Planet Magnon" ist pure Attitüde. - Tobias Becker

Milan Kundera: "Das Fest der Bedeutungslosigkeit". Roman

Der große alte Schriftsteller Milan Kundera hat ein Buch darüber geschrieben, wie das Alter große Männer zu lächerlichen Figuren macht - weil sie beispielsweise das Wasser kaum halten können und dauernd auf die Toilette rennen müssen. Der seit vielen Jahren erwartete neue Roman des 85 Jahre alten Schriftstellers Kundera ist leider kein Roman, sondern ein vor sich hin tröpfelndes Traktat über die Beschwernisse von vier alten Pariser Männern. Die vier sind Freunde; sie erinnern sich an den Reiz der Frauen, die Gemeinheit der Politik (vor allem die des Megaschurken Josef Stalin) sowie an die Lehren des Philosophen Hegel, der eine "unendliche gute Laune" als erstrebenswert deklarierte. Zerfall ist das große Thema dieses Greisengemurmels; und leider zerfällt auch dieses kurze Buch zu einer literarischen Ruine, die den Leser in sehr traurige Laune versetzt. - Wolfgang Höbel

Jochen Distelmeyer: "Otis". Roman

20 Jahre lang haben die Fans des Jochen Distelmeyer auf einen Roman des Blumfeld-Sängers gewartet. Leider umsonst, wie sich nun herausstellt, denn "Otis" ist eine Enttäuschung. Nicht dass dieses Buch nicht voll guter Ideen und interessanter Beobachtungen stecken würde, Distelmeyer ist schließlich ein kluger Mann und kann wahrscheinlich gar nicht anders als kluge Sachen denken. Aber was diese Geschichte von Tristan Funke soll, der durch Berlin läuft, alle möglichen Dinge im Kopf hat, Leute trifft und versucht, einen Roman zu schreiben, erschließt sich leider überhaupt nicht. - Tobias Rapp

A. Di Nicola, G. Musumeci: "Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen". Sachbuch
Deutsche, die vor 1990 DDR-Bürger in die BRD schmuggelten, hießen Fluchthelfer. Wer heute Syrer oder Eritreer nach Europa schafft, wird als Schleuser gebrandmarkt. Politiker tun so, als würde der Einsatz gegen Menschenhändler genügen, um das Flüchtlingselend zu lösen. Dieses schlichte Narrativ spinnen Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci in ihrem erschreckend unreflektierten Buch "Bekenntnisse eines Menschenhändlers" fort. Die versprochenen Einblicke in das "Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen" beschränken sich weitgehend auf Räuberpistolen ehemaliger Schlepper. Über die Abschottung Europas durch die EU, die den Reibach von Menschenhändlern erst ermöglicht, verlieren die beiden Autoren leider so gut wie kein Wort. - Maximilian Popp

KulturSPIEGEL 3/2015
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