28.03.2015

BühneMilo Rau, 38, macht Politik im Theater. In München zeigt er jetzt "The Dark Ages", ein Stück über Europas Heimatlosigkeit.

Herr Rau, in Ihrem Stück "The Dark Ages" geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Zerfall Jugoslawiens 60 Jahre später. Wie hängen die Ereignisse zusammen?
Ich habe für das Stück fünf Schauspieler eingeladen, ihre Lebensgeschichten zu erzählen – drei aus dem ehemaligen Jugoslawien, dazu Manfred Zapatka und Valery Tscheplanowa, die als Kind aus Russland nach Deutschland kam. Da ergibt sich ein Tableau der Vertreibung und eine Geschichte der ideologischen Umbrüche. Es geht um Nationalismus, Heimat und Heimatlosigkeit.
Früher haben Sie dokumentarisch gearbeitet. Warum bauen Sie diesmal auch Shakespeare-Texte ein?
"The Dark Ages" ist der zweite Teil meiner Europa-Trilogie. Im ersten Teil, "The Civil Wars", ging es um junge Männer, die von Westeuropa in den Dschihad aufbrechen, da habe ich auch schon Tschechow-Zitate verwendet. Die aktuellen Themen sind für mich aber nur der dokumentarische Ausgangspunkt, sozusagen ein Alibi. Die Stücke sind eigentlich politische Psychoanalysen, und die Klassiker dienen als Stichwortgeber. Es geht um die Weltgeschichte, die sich in den Biografien der Schauspieler spiegelt. Der bosnische Schauspieler Sudbin Musić zum Beispiel hatte tatsächlich den Schädel seines Vaters in der Hand, wie Hamlet den Schädel Yoricks. Der Vater wurde erschossen und in einen Brunnen geworfen, Musić hat ihn rausgeholt.
Die Musik zum Stück hat die legendäre slowenische Band Laibach geschrieben. Was verbindet Sie?
Wir haben uns kennengelernt, als wir uns alle auf der Einreiseverbotsliste für Russland wiederfanden.
Sie haben einen Skandal verursacht, als Sie in Moskau die "Moskauer Prozesse" gegen Regimekritiker nachspielen ließen, Laibach hat bei Konzerten Putin kritisiert.
Der Hauptgrund, Laibach zu fragen, war, dass sie so etwas wie das musikalische Aushängeschild des ehemaligen Jugoslawien sind. Und sie haben die Geschichte Europas von Anfang an reflektiert und das vereinigte Europa schon kritisiert, als es das so noch gar nicht gab, zum Beispiel mit ihrer "Occupied Europe"-Tour 1994. Und dann gibt es im Stück noch die Geschichte der serbischen Schauspielerin Sanja Mitrović, die 1997 – Serbien war praktisch bereits besiegt – auf einem Konzert von Laibach war. Milan Fras, der Sänger der Band, ruft den serbischen Fans zu: "Ihr seid heimatlos, ihr werdet nie mehr eine Heimat haben, es ist vorbei." Und Mitrović verliert bei dem Konzert ihren Schlüssel und denkt: O Gott, Fras hat recht – und er hatte natürlich recht. Laibach werden auch bei uns im Anschluss an die Vorstellung ein Konzert geben.
Wie Laibach spielen Sie auf der Bühne mit faschistischer Ästhetik. Wieso?
Eine Seite der Bühne ist eine verlassene Rednertribüne faschistischen Stils – ein Symbol dafür, dass das ideologische Jahrhundert in Europa zu Ende ist.
Wie wird der dritte Teil Ihrer Europa-Trilogie aussehen?
Da geht es um das neue europäische Empire, um den Verteilungskampf, der aktuell in Zentralafrika läuft. Der klassische Kolonialismus ist ein Spaziergang dagegen.
The Dark Ages. Uraufführung am 11.4. im Marstall des Münchner Residenztheaters. Auch 12., 16., 17. u. 18.4., www.residenztheater.de
Interview: Anke Dürr
Von Anke Dürr

KulturSPIEGEL 4/2015
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