28.03.2015

Der Schriftsteller und Journalist Max Scharnigg, 35, erklärt eine rätselhafte Passion: das Angeln.

Herr Scharnigg, wie reagieren Ihre Münchner Großstadt-Freunde auf Ihr Hobby?
Angeln klingt in vielen Stadtohren so provinziell wie Schützenverein oder Trachtentanz. Ich habe ihnen daher lange gar nichts davon erzählt. Aber mittlerweile merke ich, dass es mehr Menschen interessiert. Sie staunen höchstens noch, weil ich mich nicht nur mit Angeln beschäftige, sondern zum Beispiel auch mit Mode, Literatur und schönen Hotels. Das passt auf den ersten Blick nicht zusammen.
Auf den zweiten schon?
Absolut. Angeln ist zu einer kleinen Trendpassion geworden, die zu anderen Großtrends passt: der Hinwendung zum Analogen, der Achtsamkeitsdiskussion, biologischen und regionalen Lebensmitteln. Angeln hat nicht mehr viel mit dem Bild zu tun, das manche noch im Kopf haben: einer Stammtischrunde alter Männer mit Schlapphüten.
Welches Bild ist denn realistischer?
Der Grundgedanke ist noch immer archaisch: Da steht ein Mensch mit einer Rute und einer dünnen Schnur und versucht, einen Fisch zu überlisten. Wobei er heute – das ist ein Unterschied – für jede Fischart eine eigene Ausrüstung benutzt. Ich hab etwa 25 verschiedene Ruten und rund 200 sogenannte Wobbler, also künstliche Köder. Es gibt ständig etwas Neues.
Angeln fasziniert nicht nur den Jäger in Ihnen, auch den Sammler?
Das moderne Angeln absolut. Ich bin davon überzeugt, dass für einige der Reiz heute nicht vorrangig darin besteht, einen Fisch zu fangen. Sondern darin, all die raffinierten Ausrüstungsteilchen zu sammeln, ähnlich wie bei einer Modelleisenbahn. Ich kenne sogar Menschen, die nur noch Angelgeräte kaufen, aber gar nicht mehr angeln gehen. Männerspielzeug, irgendwie.
Ist Angeln ein Männerhobby?
Männer sind noch in der Überzahl, ja, aber auch das ändert sich gerade. Ich sehe immer häufiger Frauen am Wasser. Es gibt mittlerweile sogar weibliche Profis wie Babs, die Barsch-Expertin aus dem Fernsehen. Sie ist jung und attraktiv, ein perfektes Aushängeschild für den Trend. Man muss sich nicht mehr anziehen wie ein Freizeitsoldat, um zum Angeln zu gehen.
Wie sehen Sie beim Angeln aus?
Ich versuche, einen nachlässigen Boheme-Chic auf mein Boot zu bringen: mit alten Cordhosen und Shetland-Pullovern, die an den Ellbogen durchgescheuert sind. Es fehlt nur die Pfeife. Aber die geht erst ab 40.
Lesen Sie beim Angeln?
Manchmal nehme ich etwas zu lesen mit, aber ich komme dann doch nie dazu. Das glaubt einem ja niemand, aber: Es ist zu spannend beim Angeln. Wenn ich eine Viertelstunde lesen würde, müsste ich 40-mal aufschauen. Ich mache zwar de facto nichts, aber ich denke immer darüber nach: Soll ich den Ort wechseln? Was bedeutet es, dass der Luftdruck fällt? Schwimmen die Fische heute zwei oder fünf Meter tief? Ich bin in einem ständigen Zwiegespräch mit der Natur.
Max Scharnigg: "Die Stille vor dem Biss. Angeln – Eine rätselhafte Passion". Atlantik; 256 Seiten; 22 Euro.
Interview: Tobias Becker
Von Tobias Becker

KulturSPIEGEL 4/2015
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