31.05.1999

„Die Kunst versagt immer“

Der französische Konzeptkünstler Christian Boltanski über duftende Blumen und letzte Utopien, beklebte Keksdosen und seine erste Operninszenierung - Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“
kulturSPIEGEL: Herr Boltanski, verstehen Sie eigentlich etwas von Musik?
Boltanski: Ich bin nur Maler. Das letzte Mal war ich vor 30 Jahren in einem Konzert. Den "Ring des Nibelungen" habe ich noch nie gehört.
kulturSPIEGEL: Aber Sie mögen doch "Woge du Welle, Walle zur Wiege" - die berühmte Stelle in Wagners Libretto?
Boltanski: Die verstehe ich nicht. Ich bin Franzose. Die Idee, den "Ring" zu machen, entsprang einem Witz. Ich saß mit meinen Freunden Ilja Kabakow und Jean Kalman beim Essen und sagte aus Spaß: Der "Ring" sei in Wahrheit eine ganz normale Familiengeschichte, die man in einer kleinen Wohnung inszenieren müßte. Mit einfachen Leuten statt mit Göttern. "Du Schwein hast was mit meiner Tochter", sagt einer. Der andere: "Raus aus meiner Küche." Und so weiter. Kabakow war begeistert. Es war ein verrückter Abend. Ernst haben wir das nicht genommen.
kulturSPIEGEL: Weil der "Ring" so gigantisch, so unantastbar ist - oder so langweilig?
Boltanski: Weil wir drei angetrunkenen, alten Männer da in Paris saßen und uns überlegten, wie wir den Deutschen ihren heiligen Wagner wegnehmen könnten.
kulturSPIEGEL: Eine merkwürdige Vorstellung: Zwei Franzosen und ein Russe, der in New York lebt, inszenieren Wagner in einem vergessenen Park in Beelitz bei Berlin. Warum?
Boltanski: Unser Projekt ist so etwas wie eine gigantische Installation. Wir machen den "Tag danach", den fünften Tag nach Wagners Ring, der sonst immer an vier Tagen aufgeführt wird. Bei uns wird alles vorbei sein; man wird sich erinnern, daß da ein Fest stattgefunden hat. In den großen, verfallenen Häusern im Park stehen noch leere Tische und Stühle. Zerlesene Bücher und gebrauchte Kleidungsstücke liegen herum, überall hängen Lichterketten, deren Schein in der Sonne verblaßt. Und dann sind da noch ein paar alte Menschen. Das wird alles sein.
kulturSPIEGEL: Also doch eine Inszenierung mit Akteuren, die ein Wochenende lang auftreten. Tragen die auch eiserne Schwerter und trinken aus diesen Tierhörnern wie früher in Bayreuth?
Boltanski: Nein. Wir laden alte Männer aus einem Pflegeheim für pensionierte Opernsänger nach Beelitz. In einem verwitterten Badehaus studieren sie mit einem Klavierspieler Wagners "Götterdämmerung" ein. Wenn sie Lust haben. Oder sie schlafen in den Liegestühlen auf der Veranda.
kulturSPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
Boltanski: Hinter all dem steht die Idee, daß wir zu spät kommen. Zu spät für die Aufführung des "Ring", zu spät für Gott, zu spät für die großen Utopien.
kulturSPIEGEL: Welche Utopien?
Boltanski: Die Utopie, die Welt zu verändern. Das wollte auch Wagner. Im "Ring" erzählt er die Geschichte einer von der Politik ruinierten Welt. In diesem Jahrhundert gab es zwei große Utopien: Gott kann Menschen retten. Und: Die politische Revolution kann Menschen retten. In dem Park in Beelitz finden sich die Spuren beider Utopien. In den verfallenen Gebäuden war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Krankenhaus untergebracht. Krankenhäuser sind Orte des Leidens, an denen Menschen sterben, weil Gott nicht funktioniert. Genutzt wurden sie vom sowjetischen Militär. Die Insassen waren Kommunisten. Und auch ihre Utopie ist gestorben.
kulturSPIEGEL: Wenn aber alles zu spät ist, was soll der Besucher noch in Beelitz?
Boltanski: Er kann an den schönen Blumen im Park riechen. Er kann den Menschen neben ihm fragen, wie es ihm geht. Hauptsache, er will nicht wieder die Welt ändern. Das Leben geht weiter. Das ist meine Vorstellung von der letzten Utopie, die der Menschlichkeit. Das ist alles.
kulturSPIEGEL: In Berlin arbeiten Sie das erste Mal gemeinsam mit Ilja Kabakow. Wie Sie ist auch er mit einer Kunst der Erinnerung berühmt geworden. Seine und Ihre Installationen werden als eine Art Spurensicherung verstanden.
Boltanski: Sie haben recht, wir könnten Brüder sein. Wir beide sind ein bißchen älter, ein bißchen dick, und auch unsere Haare werden dünner.
kulturSPIEGEL: Sie beide suchen in Ihrer Kunst nach Spuren von Verstorbenen und wollen des Verschwundenen gedenken.
Boltanski: Wir beide leben sehr isoliert, verlassen selten unsere Wohnungen. Wir sind sehr einsam, wenn Sie das meinen.
kulturSPIEGEL: Und deswegen machen Sie gemeinsam Kunst?
Boltanski: Genau. Aber Kabakow ist ein Träumer, er denkt nicht so realistisch wie ich. Ihn würde jetzt an meiner Stelle während dieses Interviews interessieren, was alles passieren würde, müßten Sie und ich die nächsten zehn Jahre in diesem Raum verbringen. Kabakow ist ein Künstler, der auch aus der Realität flüchten kann - ich nicht. Vielleicht bin ich deshalb so traurig.
kulturSPIEGEL: Für Ihre Installationen sammeln Sie Fotos von Toten, Fundstücke, Kleider, die sie lieber in Kirchen oder Bahnhöfen als in Museen zeigen. Ihre Arbeit wird oft als Erinnerung an den Holocaust verstanden. Interessiert Sie Richard Wagner als Deutscher, der antisemitisch dachte und von den Nazis vereinnahmt wurde?
Boltanski: Ich bin nicht Mr. Holocaust, und ich weiß nicht, was für ein Mensch Richard Wagner war. Ich hörte nur, daß er nicht besonders sympathisch gewesen sein soll. Warum quälen sich die Deutschen immer mit diesen Schubladen - Wagner ein Antisemit, Wagner ein Sozialist? Mich interessiert das nicht. Auch Joseph Beuys, mein Lieblingskünstler, hatte merkwürdige Ideen über Politik.
kulturSPIEGEL: Sie sagen, Sie machen Kunst nicht über, sondern nach dem Holocaust. Haben Sie es deshalb abgelehnt, an dem Wettbewerb für das Mahnmal in Berlin teilzunehmen?
Boltanski: Denkmäler sind etwas sehr gefährliches. Man baut sie, um zu vergessen. Dafür gibt die deutsche Regierung sehr viel Geld aus.
kulturSPIEGEL: Sie haben statt dessen einen Gegenvorschlag gemacht: Menschen sollten in einem Raum in Berlin so lange Namen von Toten aufsagen, bis ihnen keine Namen mehr einfallen. Erst dann könne das Kapitel Erinnerung beendet sein. Wie hat man auf Ihre Idee für ein Denkmal aus Worten reagiert?
Boltanski: Das, was die Deutschen für Berlin wollen, ist eine schöne große Skulptur, bei deren festlicher Einweihung wichtige Leute mit großer Geste ein Band durchschneiden. Ich aber bin jemand, der Fotos auf Keksdosen klebt. Ich mag keine unsterblichen Kunstwerke. Verstehen lernen - das ist mir wichtig.
kulturSPIEGEL: Kann Kunst dabei helfen?
Boltanski: Das schöne an der Kunst ist: Sie versagt immer. Ich kann nur Gefühle wecken und vielleicht Fragen stellen.
kulturSPIEGEL: Früher verkleideten Sie sich als Prediger und traten vor Publikum auf. Prediger haben immer eine Antwort.
Boltanski: Ich bin ein Wanderprediger. Mein Job ist es, von Stadt zu Stadt zu ziehen und zu rufen: "Gott ist so fern. Wir werden alle sterben." Aber ich bin ein schlechter Prediger. Ich mache eine Show, und jeder weint. Dann ziehe ich weiter, und die Menschen weinen wieder.
kulturSPIEGEL: In Ihrer Arbeit suchen Sie immer auch nach Spuren aus Ihrer eigenen Vergangenheit. Wie erinnern Sie Ihre Kindheit?
Boltanski: Sie war geprägt durch den Krieg. Mein Vater war Jude. Er mußte sich ab 1943 in unserer Wohnung in Paris vor den Nazis verstecken. Auch nach dem Krieg sind meine Familie und ich nur ungern auf die Straße gegangen. Weil da immer diese Angst ist, daß man von ganz normalen, netten Menschen geschnappt werden könnte. Diese Idee verfolgt mich privat und als Künstler bis heute.
kulturSPIEGEL: Waren Sie jemals für längere Zeit in einem Krankenhaus?
Boltanski: Ich habe schreckliche Angst vor Krankenhäusern. Mit meiner Mutter wartete ich als Kind immer stundenlang vor dem Hospital, in dem mein Vater Arzt war. Bis heute kann ich da nicht reingehen, kann die sterbenden Leute nicht sehen.
kulturSPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Boltanski: Früher waren die Menschen Freunde des Todes. Er gehörte zum Leben. Starb jemand, feierte man ein großes Fest. Heute sehen wir viele Leichen - aber nur noch im Fernsehen. Wir verweigern die Vorstellung vom Sterben und unternehmen alles, nicht älter zu werden. Verstehen kann ich das nicht. Ich habe keine Angst vor dem Tod.
kulturSPIEGEL: Wirklich?
Boltanski: Lassen Sie es mich so sagen: In meiner Arbeit versuche ich, mit dem Tod freundlich umzugehen.
kulturSPIEGEL: In Ihrem Leben gelingt Ihnen das nicht?
Boltanski: Wahrscheinlich mache ich Kunst über den Tod, weil ich so große Angst vor ihm habe.
kulturSPIEGEL: Ist das der einzige Grund, warum Sie Künstler geworden sind?
Boltanski: Ich will auch, daß man nach meinem Tod sogar in Australien um mich trauert. Ich finde es großartig, Menschen zu berühren, die so weit weg sind. Wenn Woody Allen in New York stirbt, werde ich mindestens eine Stunde lang traurig sein.
kulturSPIEGEL: Sie wollen, daß man Sie vermißt?
Boltanski: Nicht eine Stunde. Fünf Minuten würden schon reichen. Ich wünsche mir, ein guter Künstler zu sein. Ich habe oft Angst davor, daß meine nächste Arbeit ein Desaster wird. In diesen Zeiten bin ich sehr depressiv.
kulturSPIEGEL: Was machen Sie dann?
Boltanski: Warten, daß etwas passiert. Zweifeln, ob etwas passiert. Fernsehen gucken. Ich mag diese Magazine für Frauen, in denen der Koch Rezepte erklärt.
kulturSPIEGEL: Wie wird man ein guter Künstler?
Boltanski: Man muß einen schlechten Vater haben. Die sind sehr wichtig, um gute Kunst zu machen. Man sagt so gern, mein Vater war wundervoll. Eines aber ist gewiß: Es gibt nur wenige Deutsche meiner Generation, die das sagen können. Deswegen gab es nach dem Krieg in Deutschland so viele gute Künstler.
kulturSPIEGEL: Wie war Ihr Vater, Herr Boltanski?
Boltanski: Wundervoll.
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CHRISTIAN BOLTANSKI,
1944 in Paris geboren, gilt als einer der bedeutendsten europäischen Nachkriegskünstler. Seine Installationen aus Fotos von Verstorbenen, gebrauchten Kleidern und anderen Fundstücken waren auf mehreren Biennale- und Documenta-Schauen zu sehen. Für das "Theater der Welt"-Festival in Berlin inszeniert Boltanski (zusammen mit dem Konzeptkünstler Ilja Kabakow und dem Licht-Designer Jean Kalman) erstmals eine Oper. Als Vorlage dient Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen". Spielstätte: ein Park bei Berlin ("Der Ring - fünfter Tag: Der Tag danach", in den Beelitz Heilstätten, Sonderzüge ab S-Bahnhof Charlottenburg 26./27.6., von 14-22 Uhr, Tel. 030/25 99 36 68).
Von Fiona Ehlers

KulturSPIEGEL 6/1999
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