30.05.2015

PATINA statt Talmi-Glanz

1997 war Dries van Noten das stille Genie. Das ist er immer noch.
Wenn das Zirkusgeschöpf namens Mode eine Seele hat, kann sie nur aussehen wie Dries van Noten. Niemand sonst hat in den vergangenen 20 Jahren den Beweis erbracht, dass man in dieser dauerhysterisierenden Branche in sich gehen und trotzdem sehr weit kommen kann: Seine jüngste Herbst/Winter-Kollektion "Grounded Glamour" (welche die Models, kein Zufall, scheinbar ungeschminkt präsentierten) ließ die Kritiker im Chor aufjubeln; im vergangenen Jahr würdigte das Pariser "Museum des Arts décoratifs" ihn mit einer großen Ausstellung.
Seine Tiefe brachte van Noten, diesem unabhängigen Geist – dessen Unternehmen als eines der letzten keinem Luxuskonglomerat angehört –, in der Szene Titel wie "Modebuddhist" ein. Obwohl der Antwerpener in Wahrheit Jesuitenschüler war.
Als der KULTUR SPIEGEL ihn im Frühling 1997 traf, hatte er das Defilee eben hinter sich, war erschöpft von drei Monaten Arbeit für 18 Minuten Show, doch all die Aufregung wandte sich, typisch für ihn, nach innen. Van Noten ist die Sorte Edelstein, die das Sonnenlicht zu schlucken scheint und in den Kern abstrahlt. So sind auch seine Entwürfe, von Anfang an: teuerste Stoffe, Brokat oder bestickt mit Goldfäden und Pailletten. Ihr Schimmer besitzt immer eine feine Patina statt Talmi-Glanz.
Das macht seine Sachen unverwechselbar. Er ist das Gegenprogramm zu den Plagiaten, die im Zeitraffer auf den Markt geschmissen werden – ohne deswegen an der Vergangenheit zu kleben.
Er bleibt sich einfach treu, indem er dem Handwerk, das er als Enkel eines Textilfabrikanten und Sohn eines Modehändlers von der Pike auf gelernt hat, treu bleibt. Seine Ausnahme-Integrität geht sogar so weit, dass er den indischen Arbeitern Laufstegfotos der Kleider schickt, an denen sie wochenlang gestickt haben. Van Noten hält an altmodischen Regeln fest: zeigt jeweils nur eine Frauen- und Männerkollektion im Frühjahr und Herbst, zerfranst sich nicht in umfangreichen Accessoire- oder günstigeren Zweitlinien; schaltet nach wie vor keine Werbeanzeigen für sein Label; zeigt sich nicht mit Hollywood-Stars im Arm.
Eins allerdings ist bei dem Erfolg auf der Strecke geblieben – "ich träume davon, einfach mal eine Saison auszusetzen", sagte er damals. Das hat bis heute nicht geklappt.
Text ANUSCHKA ROSHANI
Von ANUSCHKA ROSHANI

KulturSPIEGEL 6/2015
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