30.05.2015

NEUE BÜCHER

Im April druckte "Das Magazin" des Zürcher "Tages-Anzeigers" einen Text, der mich sehr rührte: einen Auszug aus dem Roman seines Reporters Max Küng, der auf seiner eigenen Geschichte beruht. Einer wahnsinnig romantischen Geschichte. Der Liebesgeschichte eines Journalisten und einer Künstlerin, die monatelang simsen und mailen und chatten, bevor sie sich treffen. Inzwischen ist der Roman erschienen, und die vorabgedruckten Passagen rühren mich noch immer. Bloß: der Rest leider nicht. Er ist umständlich erzählt, aufgeblasen, verplaudert. Und ein wenig banal. Das ist die Krux mit Vorabdrucken: Das Beste ist schon weg. Und es ist die Krux mit Verliebten: Sie lieben es, ihre Kennenlerngeschichten zu erzählen und dabei weit auszuholen. Sehr, sehr weit.tob
Max Küng: "Wir kennen uns doch kaum". Rowohlt; 288 Seiten; 9,99 Euro.
"Bestimmt würde bald eine Studie belegen, dass Geisteskranke eigentlich viel attraktiver waren als andere Leute. Der Beweis lag im Datingverhalten!" Zu dieser ernüchternden Einsicht kommt Ira ziemlich schnell, als er nach seiner Scheidung mit dem einzigen weiblichen Single des Freundeskreises verkuppelt werden soll. Ganz sicher ist es so, dass Menschen, die zumindest leicht neben der Spur sind, attraktiver für Schriftsteller und ihre Leser sind. Der Beweis liegt in Lorrie Moores Storyband "Danke, dass ich kommen durfte", der von entgleisenden Tischgesprächen und sterbenden Freundinnen handelt und in dem Moore beweist, dass bissiger Humor und Empathie wunderbar zusammenpassen, deutlich besser sogar als Ira und sein Date. mke
Lorrie Moore: "Danke, dass ich kommen durfte". A. d. Amer. von F. Heibert. Berlin Verlag; 208 S.; 19,99 Euro.
Eine "schreibende Hausfrau" nannte sich Alice Munro, Nobelpreisträgerin von 2013, in ironischer Selbstbeschreibung. Das Zitat taucht auch in Doris Dörries neuem Roman auf und führt bei "der Meisterin", einer amerikanischen Starschriftstellerin, zu einer Krise. Alice (!), die Icherzählerin, lernt die Meisterin im Jahr 1984 in Mexiko kennen. Auch Alice will schreiben, weiß aber nicht so recht, was. Als sie tatsächlich etwas erlebt, muss sie später feststellen, dass die Meisterin daraus eine Erzählung gemacht hat, ohne sie, Alice, auch nur zu erwähnen. So sind Schriftsteller: Blutsauger, die anderen ihr Leben nehmen, um selbst eines zu haben. Und auch wenn gerade im Schlussteil so manche Plattitüde über das Wechselspiel von Kunst und Leben fällt – unterhaltsam schreiben kann Dörrie allemal.cs
Doris Dörrie: "Diebe und Vampire". Diogenes; 220 Seiten; 21,90 Euro.
Der Urgroßvater des siebenjährigen Leo war einst ein stolzer jüdischer Schneider in einer heute polnischen Kleinstadt namens Kwidzyn, und weil Leo mehr von ihm wissen will, machen sich hier drei männliche Mitglieder einer schwedischen Bilderbuchfamilie auf die Suche nach den Spuren des toten Ahnen. Der Autor Danny Wattin skizziert in groben Strichen eine Abenteuerreise in eine Landschaft, aus der die Nazis einst Millionen Juden verschleppt und ermordet haben; er lässt Leos Vater und Leos Großvater lustig miteinander zanken; und er berichtet über seine lebende und tote jüdische Verwandtschaft. Nett, sonnig und bei aller Leichtigkeit ein bisschen schwerfällig ist dieser kurze Roman, der im Plauderton von einer finsteren Vergangenheit erzählt.höb
Danny Wattin: "Der Schatz des Herrn Isakowitz". A. d. Schwedischen v. Susanne Dahmann. Eichborn; 240 S.; 19,99 Euro.

KulturSPIEGEL 6/2015
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