28.12.1998

Der eiskalte Bengel

Gestern noch namenloser Schauspielschüler, heute bei Zadek auf der Bühne und Hauptdarsteller im Kinoereignis „23": August Diehl spielt den Wahnsinn mit Ökonomie und Leidenschaft.
Ein hübsches, großes Kind, dieser August Diehl. Wache Augen, tadellose Manieren, offenes Lachen. Doch wenn der junge Schauspieler seine Phantasie von der Leine läßt, gehen die Kollegen in Deckung.
In der Improvisationsklasse seiner Schule sollte er einen Nazi-Lehrer spielen, der den Schülern ein Lied beibringt. Diehl machte aus dem Rollenspiel einen Gewaltmarsch: Er quälte seine Kommilitonen, bis sie ihren Text vergaßen, provozierte Heulkrämpfe und Widerstand bis zur totalen Erschöpfung. Erst nach drei Stunden war der Spuk vorbei. "Es fing ganz harmlos an und wurde zu einem kollektiven Psychotrip", kommentiert August Diehl, 22, und klingt sehr zufrieden.
Noch ist er Azubi an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule in Ost-Berlin, doch derzeit gibt es gleich zwei Chancen, Diehls Psychotrips zu begutachten. In Peter Zadeks Inszenierung "Gesäubert" an den Hamburger Kammerspielen feierte er am 12. Dezember Premiere, neben Susanne Lothar, Ulrich Mühe und Uwe Bohm.
Am 14. Januar läuft der Kinofilm "23" an, produziert von Claussen & Wöbke, die mit dem Vorgänger "Jenseits der Stille" für den Oscar nominiert wurden. In der Hauptrolle: August Diehl. Er spielt Karl Koch, einen Computer-Freak, dem Paranoia und Drogensucht zum Verhängnis werden.
Die Geschichte ist authentisch: Karl Koch war einer der ersten deutschen Hacker, ein Technik-Fanatiker und Weltverbesserer. Mit primitiver Hardware durchforschte er internationale Computernetze, lange bevor vom Internet überhaupt die Rede war. Inspiriert hatte ihn der High-Tech-Fantasy-Roman "Illuminatus!", in dem eine Weltverschwörung beschrieben wird, deren Code die Zahl "23" ist. Karl wollte diese Verschwörung bekämpfen. Aus nächtlichen Surfereien wurde ein riskantes Kräftemessen mit Geheimdiensten und Polizei. Koch knackte die Rechner von Atomkraftwerken, Rüstungsfirmen und militärischen Einrichtungen. Der Phantast wurde zum Spion und verstrickte sich immer tiefer in seine Wahnvorstellungen.
Als seine Clique aufflog, wurde er zum Medienstar. Genützt hat ihm das nichts mehr. Am 1. Juni 1989 fand man Kochs verbrannte Leiche in einem Waldstück bei Gifhorn neben seinem Auto. Es fehlten ein Schuh und der Autoschlüssel; die Polizei rätselte, warum sich der knochentrockene Birkenwald nicht entzündet hatte. Selbstmord, hieß es offiziell, denn Kochs labile Psyche war aktenkundig. Mord, vermuteten ehemalige Mithacker, denn Koch wußte viel und redete noch mehr.
Die Rolle des verrückten Hackers wird den Anfänger Diehl zu einem der begehrtesten Schauspieler in Deutschland machen. Entdeckt hat ihn der "23"-Regisseur Hans-Christian Schmid, der bis kurz vor Drehbeginn nach einem Hauptdarsteller fahndete. Als Diehl beim Casting vorsprach, spielte er im Gorki-Theater ein frisch entlaustes Straßenkind mit rasiertem Schädel. Sein energisches Auftreten gefiel Schmid. "August weiß, daß er etwas Besonderes ist", sagt er. "Der buhlt nicht um Sympathie."
Es war trotzdem Liebe auf den ersten Blick. Gierig saugte der Schauspieler auf, was ihm der Regisseur bot: Gesprächsprotokolle, die "Illuminatus!"-Romane, Treffen mit einem Drogenarzt, der ihm das Krankheitsbild Paranoia erklärte. Karls Foto trug er wochenlang mit sich herum und sezierte jedes Detail. "Die Haltung war so leicht verklemmt: zerbrechlich und bisexuell." Er besuchte den Chaos-Computer-Club und ließ sich die Philosophie der Computer-Piraten erklären: "Das ganze Leben funktioniert wie ein Hack. Es geht darum, aufzumachen, ohne zu zerstören."
In den Sommerferien '97 wurde August Diehl zu Karl Koch. Er telefonierte nicht mehr mit seinen Berliner Freunden, und wenn eine Frohnatur wie sein Kollege Dieter Landuris zu einem Bier einlud, wollte der Hauptdarsteller lieber die Szenen für den nächsten Tag proben. Nach 55 Drehtagen war er fertig. "Als er den kaputten Karl spielte, erlosch der Glanz in seinen Augen", erzählt der Regisseur.
Diehls Ernsthaftigkeit wirkt wie eine Antithese zum neuen deutschen Kino, das in Zitierwut und Travestie schwelgt: Til Schweiger produziert sich in "Der Eisbär" als ballernder Epigone amerikanischer Idole, Thomas Jahn betreibt in "Kai Raabe gegen die Vatikan Killer" Klischee-Sampling mit Steffen Wink, Moritz Bleibtreu gibt in "Liebe Deine Nächste!" die Karikatur eines Controllers. Allen gemeinsam: Ironie und Distanz zur eigenen Rolle.
August Diehl arbeitet anders. Er spielt voller Wucht und ohne Hintergedanken, aber mit einer erschreckenden Ökonomie. "Ich will dem Zuschauer immer ein bißchen zuwenig geben", erklärt er die frostige Aura seiner Figur. Durch Kälte gebändigter Wahnsinn - das erinnert an Alain Delon in "Der eiskalte Engel" oder Christopher Walken in "Deer Hunter - Die durch die Hölle gehen". Beide große Psychopathen-Darsteller, bevor sie zu Abziehbildern vereisten. Im deutschen Film gab es das bisher nicht: einen Techniker, der vor Ehrgeiz brennt.
Bis er sieben Jahre alt war, lebte August Diehl auf einem Bauernhof in der Auvergne, zwischen Ziegen, Puten und zwölf Katzen. Mit seinem kleinen Bruder streifte er durch die Wälder, badete in der Loire und gab jedem Stein am Wegesrand einen Namen. Später zog die Familie nach Prien am Chiemsee, nicht ganz so märchenhaft, aber ebenso beschaulich. Zuviel Idylle weckt dunkle Sehnsüchte. Augusts Vater ist Schauspieler, und schon früh beobachtete ihn der Sohn bei den Proben, fasziniert von dessen Verwandlung und dem Flair des Theaters: "Das war wie in der Kirche." Gewalttätige Stücke gefielen dem Jungen am besten; dann stöberte er in den Requisiten, untersuchte Kunstblut, Wunden oder abgetrennte Gliedmaßen und malte sie zu Hause nach. Sofort nach dem Abitur verließ er die bayerische Provinz: "Mir kam es vor als würden die Menschen dort nur vegetieren. Ich wäre dort krank geworden."
In Berlin führt er ein schnelles Großstadtleben: Partys, Kino, Fast food, Schule, Nebenjobs. Seine Wohnung am Prenzlauer Berg hat er noch nicht eingerichtet - keine Zeit. Einen Videorecorder hat der Filmfreak noch nicht gekauft - kein Geld. Eine feste Beziehung hat er nicht - kein Kommentar. Am glücklichsten ist er im Morgengrauen, wenn er nach einer Party im Nachtbus sitzt, seine Augen zufallen und ihn nur noch das Rattern des Busses am Leben hält. Ganz normal für einen jungen Mann, für einen Schauspieler ist es nicht genug. Wenn das Leben nicht schillert, hilft die Interpretation: "Berlin ist so schön wie eine eitrige Wunde. Viele Fliegen, viel Blut."
Bei einem Senkrechtstarter wie August Diehl sind Widersprüche sytem-immanent. Er ist frühreif, aber nicht fertig. Er weiß genau, was er will, aber festlegen möchte er sich nicht. Er läßt keine Vorbilder gelten, aber vertieft sich nächtelang in Filme von Martin Scorsese und Francis Ford Coppola, spult immer wieder zurück auf der Suche nach Wahrhaftigkeit: "In ,Der Pate 2' gesteht Diane Keaton ihrem Mann Al Pacino, daß sie das gemeinsame Kind abgetrieben hat. Al Pacino spielt den Zorn nicht. In diesem Augenblick will er die Frau töten."
Sieben Tage vor der Premiere des Stücks "Gesäubert" haderte der Schauspieler noch mit sich selbst. Er spielt einen zurückgebliebenen Jungen, der unglücklich liebt und sich schließlich erhängt. Die Bühnenrolle, glaubte Diehl, habe er im Griff. "Aber wenn ich weder Schmerz noch Selbstüberwindung spüre, habe ich das Gefühl, das Leben ist aus."
Halb so wild. Nach der Premiere lobten die Rezensenten die Leistungen der Altkräfte Mühe und Lothar, die "Entdeckung" August Diehl aber wurde als "unverschämtes Bühnentalent" gefeiert. In aller Bescheidenheit stahl der Newcomer seinen Kollegen die Schau: "Das Spannende am Theaterspielen ist der Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer."
Karl Kochs Tod wurde nie aufgeklärt, auch im Film bleibt das Ende offen. Sein Darsteller glaubt an eine Hinrichtung, die Rolle aber legte er als Selbstmord an, denn das gab für ihn als Schauspieler mehr her. Der Hacker hatte keine Wahl, er war seinem Wahnsinn ausgeliefert. August Diehl hat Glück: Für ihn ist es nur das Spiel seines Lebens.
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"Gesäubert" läuft vom 19.1. bis 13.2. an den Hamburger Kammerspielen, Karten: Tel. 040/41 33 44 44.

KulturSPIEGEL 1/1999
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