27.09.1999

MusikNEUE CDs

POP
GROLLEND: Iggy Pop ist nun auch schon 52 Jahre alt und hat den überwiegenden Teil davon turbulent gestaltet. Immerhin hat er mittlerweile Ordnung in sein Leben gebracht, eine zerrüttete Ehe beendet, seine Lieblingsstadt New York verlassen und Lieder über all das geschrieben. Auf seiner neuen CD "Avenue B" gebärdet sich der betagte Punk so friedfertig wie nie zuvor: Statt lauter Gitarren gibt's Streicher und Jazz, dazu erzählt er grollend Geschichten über Ex-Freundinnen, Spanischkurse für neue Freundinnen und andere Momente aus turbulenten Tagen.
Iggy Pop: "Avenue B" (Virgin) %
ERSCHÜTTERND: Entertainer, die in die Jahre kommen, heuern gern mal Nachwuchskräfte an, um ihr Image aufzufrischen. Tom Jones ist da ein Experte. Auch auf "Reload", seiner neuen CD, faucht der Tiger mit Unterstützung von Robbie Williams und den Cardigans Popklassiker wie "Burning Down The House" oder "She Drives Me Crazy". Das mag Puristen erschüttern, Las-Vegas-Freunde werden es genießen.
Tom Jones: "Reload" (Gut Records/ V2/Zomba) %
AUFKRATZEND: Seit Jahren pflegen die Tindersticks die Kunst der Melancholie und besingen das Leben in Moll. Auf ihrem neuen Album "Simple Pleasures" aber scheinen die Briten die gute Laune entdeckt zu haben: Die Gitarren klingen beschwingt und mediterran, und nun ist sogar die Stimme des ansonsten notorisch nuschelnden Sängers Stuart Staples gut zu verstehen. Fazit: aufgekratzte Schwermut.
Tindersticks: Simple Pleasures (Mercury) %
IRRITIEREND: Das Duo Mouse On Mars galt in Fachkreisen als Vorreiter der rheinischen Elektro-Szene. Die Musikerkarriere begannen sie als Produzenten von Jingles und Musiken für den Kölner Privatsender Vox. Inzwischen klingen ihre Elektro-Sounds so abenteuerlich, dass der Fernsehsender, der diese Songs spielen kann, erst noch erfunden werden muss.
Mouse On Mars: "Niun Niggung" (Our Choice/Sonig/Zomba) %
Christoph Dallach
JAZZ
ÜBERRASCHEND: Mit dem satten, präzisen Sound der Basie-Truppe darf man diese Big Band nicht vergleichen. Hier klingt es oft wie das organisierte Chaos, überraschend und manchmal schön grell. Saxofonist Rivers lässt seinen Leuten viel Raum für Improvisation. Wer swingende Bands schon immer mochte und über offene Ohren verfügt, wird Spaß dran haben.
Sam Rivers: "Culmination" (RCA Victor/ BMG Ariola Classics) %
FETZIG: Der Schwede mit der roten Posaune liebt es heiß und heftig. Er hat diesmal ein paar Gäste eingeladen, denen es hörbar Vergnügen macht, Landgrens fetziger Funk Unit ein paar hübsche Tupfer zu verpassen. Die Trompeten-Asse Roy Hargrove und Till Brönner spielen in dieser Besetzung, als gehörten sie seit eh und je dazu.
Nils Landgren Funk Unit: "5000 Miles" (Act/Edel Contraire) %
MUNTER: Roy Eldridge soll gesagt haben, er hätte nie geglaubt, dass ein junger Saxofonist mit einem Sound wie Ben Webster oder Don Byas spielen könnte. Er meinte Scott Hamilton, und er hatte Recht. Inzwischen ist Scott ein paar Jahre älter, doch keineswegs müde. Mit seinen Freunden swingt er so munter drauflos, dass mancher coole Avantgardist vielleicht die Nase rümpfen wird. Selbst eine Schnulze wie "Answer Me" bringt ihn nicht aus der Fassung.
Scott Hamilton & Friends: "Blues, Bop & Ballads" (Concord/Edel Contraire) %
ATEMBERAUBEND: Von Jimmy Smith hat sie anfangs, wie viele andere, eine Menge gelernt. Inzwischen aber hat Barbara Dennerlein auf der Hammond-Orgel längst ihre eigene Welt geschaffen. Selbst wenn sie manchmal mit atemberaubender Geschwindigkeit über Tasten und Fußpedale jagt, swingt ihre B3, dass sich die Dielen biegen. Eine beachtliche Schar junger Musiker - unter anderen Don Alias und Antonio Hart - macht begeistert mit. Fast alle Kompositionen sind von Dennerlein, nur "Satisfaction" nicht. Satisfaction aber ist hier garantiert.
Barbara Dennerlein: "Outhipped" (Verve/ Universal) % Peter Bölke
KLASSIK
FRECH: Im Berlin der zwanziger Jahre war Rudolf Nelson eine Berühmtheit. Seine frechen, schlüpfrigen Lieder wurden in den Kabaretts gesungen und auf den Straßen gepfiffen. Er hat mit Kurt Tucholsky zusammengearbeitet und mit Friedrich Hollaender. Claire Waldoff ist in seinem Kabarett aufgetreten und Marlene Dietrich. Der "Rudi" war der Berliner Megastar der leichten Muse. Jetzt sind einige seiner Hits in historischen Aufnahmen erschienen. Die knistern zwar ein bisschen, doch die amüsierfreudige Atmosphäre kommt bestens rüber.
"Und Rudi macht Musik dazu": Rudolf Nelson - ein musikalisches Porträt (Edel Records 0014602 TLR) %
GLÄNZEND: Das Johann-Sebastian-Bach-Jubiläum 2000 steht vor der Tür, mehrere Labels basteln an voluminösen Editionen. Einige hundert Bach-Musik-Stunden kommen auf den Markt, doch nicht jede Aufnahme ist musikalisch überzeugend. Manche Perlen gibt es schon jetzt zu entdecken, zum Beispiel die Goldberg-Variationen mit Evgeni Koroliov. Der in Hamburg lebende russische Pianist artikuliert das Werk bestechend klar: Virtuos und mit feinem Understatement tastet er sich durch die strenge Ordnung der "Clavier Übung". Bachs Variationen klingen bei Koroliov wie Improvisationen.
Evgeni Koroliov: "Goldberg-Variationen" (Hänssler 92.112) %
MARKANT: Wolfgang Amadeus Mozart hat als Kind seine Zuhörer auf dem Klavier und mit der Geige beeindruckt. Also ist die Idee nahe liegend, Mozarts Geige, die er als Junge gespielt hat und die vor einigen Jahren restauriert wurde, wieder von einem Kind spielen zu lassen. Die hochtalentierte zwölfjährige Maria-Elisabeth Lott geht mit Verve an die Tonarbeit. Sie spielt drei Violinsonaten und das Rondo KV 269 von Mozart mit forschem Strich. Ihr "originaler" Mozart-Kindergeigenton ist markant und tragfähig. Sontraud Speidel am Klavier und das Mozarteum Orchester Salzburg mit dem Dirigenten Markus Tomasi begleiten die junge Geigerin mit gebührender Zurückhaltung.
Maria-Elisabeth Lott: Mozarts Kindergeige (EMI Classics 5568722) %
Eckhard Roelcke
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 10/1999
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