27.09.1999

LiteraturNeue Bücher

BELLETRISTIK
SCHÖNE ALTE WELT: Joseph Watson hat sich in seinem Winkel gut eingerichtet. Er arbeitet als Computerrechercheur in einer angesehenen Anwaltskanzlei. Seine Wachphase verbringt er vornehmlich vor dem Schirm, die Welt an sich nimmt der Mann nicht zur Kenntnis. Dann aber wird er als Pflichtverteidiger in einem Mordfall bestellt und mit der verlogenen Wucht der Wirklichkeit konfrontiert - mit falschen Liebesschwüren und Korruption, mit durchgeknallten Richtern und schwelendem Rechtsextremismus. Richard Dooling, 45, hat nicht nur einen trickreichen und furiosen Krimi geschrieben, er hat auch ein ziemlich vollständiges und intelligentes Kompendium des modernen Amerika geliefert. Und ist dabei auch noch ziemlich witzig.
Richard Dooling: "Watsons Brainstorm". Aus dem Amerikanischen von Giovanni und Ditte Bandini. Zsolnay Verlag, Wien; 552 Seiten; 45 Mark. %
Claes Cloppenburg
KINDHEITSMUSTER: Ein Satz sagt mehr als tausend Worte. Zumindest wenn man ihn so pointiert präsentiert wie die in der Schweiz lebende Rumänin Aglaja Veteranyi, 37, in ihrem autobiografischen Romandebüt "Warum das Kind in der Polenta kocht". Manche Seiten des ungewöhnlichen Buchs sind sehr weiß, dort steht zum Beispiel nur: "Zuerst kam ich ins Spital. Dann kam meine Mutter und holte mich zurück." Trotzdem wird eine Geschichte erzählt: die einer Zirkusfamilie auf ihrem Weg in den Westen. Die Mutter hängt von Berufs wegen an den Haaren, der Vater ist Clown, die Tochter soll Filmstar werden. Alle sehnen sich nach einer besseren Zukunft, aber die entpuppt sich als Scheinwelt. Je schrecklicher die Umstände, desto erschreckender werden auch die Märchen, die sich das Artistenkind ausdenkt - Variationen davon, warum Kinder in Maisgrütze brodeln. Eine starke und zugleich anrührende Text-Komposition.
Aglaja Veteranyi: "Warum das Kind in der Polenta kocht". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 190 Seiten; 29.80 Mark. % Martina Hinz
TASTVERSUCHE: Eine der reizvollsten Neuerscheinungen dieses Herbstes: Joachim Lottmann, 44, lässt seinen autobiografischen Ich-Erzähler durch das Berlin des Jahres 1995 stolpern. Irgendjemand hat ihm den Auftrag erteilt, den großen Wiedervereinigungsroman zu schreiben. Schon die Vorstellung dieser Mission lässt ihn schlagartig müde werden. Nur die Frauen, die seinen Weg kreuzen, bewirken zumindest kurzfristige Wachzustände. Danach schleicht er wieder schlaftrunken durch die Berliner Wirklichkeit und schreibt über ein Konzert von Courtney Love, über Red Bull und seine Nächte mit Rafael Seligmann. Und zwar so, dass es möglichst schlecht klingt: "Ich schreibe gern schlecht, denn schließlich leben wir in einer schlechten Zeit, da darf man keine guten Texte fabrizieren, das wäre ja absurd." In diesem Buch erfährt der Leser mehr über den nur dunkel zu erahnenden Weg in die Berliner Republik als in allen Berlin-Romanen der vergangenen Jahre.
Joachim Lottmann: "Deutsche Einheit". Haffmans Verlag, Zürich; 384 Seiten; 39 Mark. % Nils Minkmar
HITZEWALLUNGEN: Der erste Satz verrät alles und nichts zugleich: "Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank." Der 15-jährige Erzähler verbringt wie jedes Jahr die Ferien mit seinen Eltern auf Bone Island. Nur dass diesmal die mondäne Mrs. Mertz und ihre schöne Tochter Zina im benachbarten Strandhaus wohnen. Und obwohl alle lethargisch durch die heißen, ereignislosen Tage taumeln, passiert schrecklich viel, so viel, dass die Welt für den Jungen aus ihrer Umlaufbahn getragen wird: Lügen und Geheimnisse, die er spürt, aber nicht durchschaut; ein Flirren und Sirren, an dem nicht nur die Wärme und die Wodka-Cocktails schuld sind. Charles Simmons, 55, hat sich von Turgenjews Novelle "Erste Liebe" zu diesem Roman inspirieren lassen. Meisterlich fängt er den Schwebezustand eines Sommers ein, nach dem das Kind kein Kind mehr ist.
Charles Simmons: "Salzwasser". Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Verlag C. H. Beck, München; 136 Seiten; 34 Mark. % Claudia Voigt
SACHBÜCHER
OPTIMISTISCHE TRAGÖDIE: Ein Dauerstau vor einem Loch in der Straße zur nigerianischen Stadt Onitsha verwandelt einen verschlafenen Ort in ein pulsierendes Geschäftszentrum: Lastträger, Mechaniker, Schneider, Schuster, Friseure und Kräuterdoktoren bieten ihre Dienste an. Frauen errichten Garküchen, Anwohner vermieten "Hotel"-Zimmer. In eindringlichen Episoden beschreibt Ryszard Kapuscinski, 65, dass Afrika durchaus kein Kontinent von apathischen Hungerleidern ist. Der Reporter aus Polen erlebte Staatsgründungen, Putsche und Bürgerkriegsmassaker - aber darüber ist er nicht zum Afro-Pessimisten geworden, sondern liefert eine Sammlung höchst lesenswerter Texte.
Ryszard Kapuscinski: "Afrikanisches Fieber". Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Eichborn Verlag, Frankfurt/M.; 324 Seiten; 49,50 Mark. %
Hans Hielscher
AUFGETISCHT: Gegen Genusssucht kämpfen Götter selbst vergebens. Was aber taten die alten Griechen, die beispielsweise auf Bratfisch so versessen waren, dass sie darüber oft schon Witze rissen? Sie zügelten den Heißhunger mit Benimm-Regeln. Homers Helden vor Troja dürfen keine Hundshaie oder Edel-Aale aus der Straße von Messina schmausen; auch der Philosoph Platon erwähnt Fisch fast nie - denn der galt als niederes Vergnügen. Unzählige solcher leckeren, lehrreichen Details versammelt James Davidsons Schmöker über "Die verzehrenden Leidenschaften im klassischen Athen" (Untertitel). Viel Rohstoff für das sorgsam angerichtete Buffet lieferte der Spätgrieche Athenaios, der sein Wissen in einem der unverdaulichsten Bücher der Antike, dem "Sophistenmahl", verwurstete. Ganz anders Davidson: Sein klassisches Menü, gewürzt mit Hinweisen auf Baudelaire oder Thomas De Quincey, macht Kulturgeschichte zum Festmahl feiner Unterschiede.
James N. Davidson: "Kurtisanen und Meeresfrüchte". Siedler Verlag, Berlin; 416 Seiten; 49,90 Mark. %
Johannes Saltzwedel
Von Claes Cloppenburg

KulturSPIEGEL 10/1999
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