25.10.1999

MusikNEUE CDs

POP
HILFSBEREIT: Einst machten sich die Pet Shop Boys als Produzenten einen Namen, indem sie bedrohte Künstler wie Liza Minelli und Dusty Springfield vor dem Absturz retteten. Nun sind auch Neil Tennant und Chris Lowe in die Jahre gekommen und haben sich von alten Freunden bei ihrem neuesten Album "Nightlife" unter die Arme greifen lassen: von Disco-Fachmann David Morales und Faithless-Fadenzieher Rollo. Es hat sich gelohnt.
Pet Shop Boys: "Nightlife" (EMI) %
HOFFNUNGSVOLL: Punkrock und Charts-Erfolg - das verträgt sich nicht, fand Joe Strummer und löste seine legendäre Band The Clash auf dem Höhepunkt des Erfolgs auf. Danach ging er für mehr als ein Jahrzehnt in Deckung, was den Mythos um die Punkrock-Legende nur weiter anheizte. Nun erscheint plötzlich ein Live-Album von Clash mit Punkrock-Hits am laufenden Band. Strummer aber hat, um keine falschen Hoffnungen für eine Wiedervereinigung aufkommen zu lassen, eine eigene neue Band gegründet: Mescaleros nennt er sie - und Oberideologe Strummer sollte auch diesmal vorsichtig sein: Seine neuen Songs sind fast so gut wie die alten.
Joe Strummer & The Mescaleros: "Rock Art and the X-Ray Style" (Mercury) %
TRAURIG: Die norwegische Band Midnight Choir pflegt nordische Tristesse. Auch auf ihrem inzwischen dritten Album besingen sie die ewigen Herbstgefühle. Verhuscht erklingen Klavier, Orgel und Gitarren. Aufgenommen wurde das Werk übrigens im sonnigen Portugal.
Midnight Choir: "Amsterdam Stranded" (Glitterhouse/TIS/eastwest) %
TRAUMHAFT: Vor zehn Jahren starteten zwei Briten die Plattenfirma Warp und veröffentlichen seitdem elektronische Musik von Stubenhockern für Tagträumer. Entstanden sind dabei die aufregendsten Platten der neunziger Jahre. Zum Jubiläum erscheinen gleich drei erstklassige Doppel-CDs mit Remixen und Raritäten, die auch heute noch so unglaublich klingen wie vor zehn Jahren.
"Warp 10+1+2+3" (Warp/Zomba) %
Christoph Dallach
JAZZ
GÖTTLICH: Jazzfans blutete das Herz, wenn Michel Petrucciani bei seinen Fernsehauftritten sein Spiel nach wenigen Minuten schon wieder abbrechen musste. Ungebremst zu erleben ist er jetzt auf einem Mitschnitt aus dem Jahr 1997. Der vor Energie schier explodierende Musiker war manchen Kollegen geradezu unheimlich; dem Saxofonisten Charles Lloyd erschien Petrucciani als "göttliches Wesen". Die neue CD ist eine Hommage an den im Januar im Alter von 36 Jahren verstorbenen Franzosen.
Michel Petrucciani: "Trio in Tokyo" (Dreyfus Jazz/ACT/Edel Contraire) %
VITAL: Eindrücke einer Tournee von Äthiopien bis zum Kap der Guten Hoffnung inspirierten Aldo Romano (Drums), Louis Sclavis (Klarinette/Saxofon) und Henri Texier (Bass) zu einem musikalischen Reisetagebuch. Zur CD des Trios - vitaler Jazz ohne falsche Folkloreanleihen - gehört ein Booklet des Magnum-Fotografen Guy Le Querrec (Leica).
Romano, Sclavis, Texier, Le Querrec: "Carnet de Routes - Suite Africaine" (Label Bleu/Efa Medien) %
TANZBAR: So wie heute Buena Vista Social Club haben Kubaner schon in den dreißiger Jahren die Musikszene aufgemischt. Mario Bauza und andere Einwanderer von der Zuckerinsel bereicherten das Instrumentarium amerikanischer Bands mit Rasseln, Congas und Bongotrommeln. Jetzt arrangierte der Saxofonist Paquito D'Rivera afro-kubanische Hits für das Orchester des 1993 gestorbenen Bauza. Mit Rudy Calzado singt ein Altstar der Latino-Szene.
Rudy Calzado and Cubarama: "A Tribute to Mario Bauza" (Connector Music/Efa Medien) %
DRAMATISCH: Weil wir kein Arabisch verstehen, wissen wir nicht, was Dhafer Youssef singt. Aber wie er singt und sich dabei auf der arabischen Laute begleitet - das jagt auch westlichen Hörern Schauer über den Rücken. Weltmusik mit Tiefenwirkung! Eine Beziehung des Tunesiers zum Jazz offenbart sich im Zusammenspiel mit dem Trompeter Markus Stockhausen.
Dhafer Youssef: "Malak" (Enja Records / Edel Contraire) % Hans Hielscher
KLASSIK
PHÄNOMENAL: Als vor einem Jahr Peter Konwitschny in Hamburg Alban Bergs "Wozzeck" inszenierte, machte die Aufführung wegen ihrer unterkühlten Regie und hervorragenden musikalischen Interpretation Furore. Auch auf CD fesselt dieser neue hanseatische "Wozzeck", den Hamburgs Musikchef Ingo Metzmacher dirigiert. Das Philharmonische Staatsorchester spielt äußerst plastisch und beredt, die Solisten singen und "sprechsingen" phänomenal. Angela Denoke ist als Marie ebenso eine Traumbesetzung wie Bo Skovhus als Wozzeck und Chris Merritt als Hauptmann: "Er läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt, man schneidet sich an ihm!"
Ingo Metzmacher: "Wozzeck" (EMI Classics 556865 2) %
DRIVE: Als Youngster hat er bei Simon Rattle und Claudio Abbado assistiert, mit 21 Jahren dirigierte der Brite Daniel Harding bereits die Berliner Philharmoniker. Jetzt ist der Shooting-Star der Dirigentenszene Chef der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen geworden. Die ersten Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen dem Briten und den Bremern sind Beethovens Ouvertüren, und die lassen sich auf CD hören: eine forsche Interpretation mit Drive und Virtuosität. Die Bläser brillieren mit markigen Attacken und weichen Kantilenen, die Streicher schlängeln und schmeicheln sich durch die diversen Leonoren-Ouvertüren. Ein Auftakt nach Maß!
Daniel Harding: "Beethoven Overtures" (Virgin Classics 545364 2) %
SCHRILL: Es gibt viele gute Aufnahmen der "Dreigroschenoper", doch HK Gruber und das Ensemble Modern setzen neue Maßstäbe. Schrill und ironisch klingt bei den Frankfurter Musikern das geniale Werk von Kurt Weill, auch die Besetzung ist stark: Nina Hagen krächzt die "Ballade von der sexuellen Hörigkeit", Max Raabe schnulzt den Mackie Messer, Sona MacDonald trällert die Polly. Fabelhaft fies ist auch Dirigent Gruber als Peachum: "Wach auf, du verrotteter Christ!"
Ensemble Modern, HK Gruber: "Dreigroschenoper" (BMG 66133 2) %
Eckhard Roelcke
Von Christoph Dallach

KulturSPIEGEL 11/1999
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KulturSPIEGEL 11/1999
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