29.11.1999

MusikNEUE CDs

POP
MISSGLÜCKT: Der Entertainer George Michael hat seinen Ruhm der vergangenen Jahre zu gleichen Teilen einem Rechtsstreit mit seiner alten Plattenfirma, dem missglückten Besuch einer öffentlichen Herrentoilette in Los Angeles und, nicht zu vergessen, seinen meist meisterlichen Balladen zu verdanken - auch wenn bei seinen Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren ein paar Nullrunden darunter waren. Auch diesmal legt Michael eine kreative Pause sein. Er singt das Liedgut alter Großkomponisten wie Johnny Mercer und Rodgers & Hart, deren Songs schon Sänger wie Frank Sinatra, Nina Simone oder Billie Holiday zu Stars machten. Deren Interpretationen kann er nichts hinzufügen.
George Michael: "Songs from the Last Century" (Virgin). Erscheint am 6.12. %
SCHLAU: Seit Jahren bewahrt sich Beck Hansen den Ruf als Vorzeige-Genie. Egal ob HipHop, Funk, Soul, Indie-Rock oder Bergarbeiter-Folklore - der Kalifornier beherrscht das Spiel mit den Genres. Auch auf seinem neuen Album "Midnite Vultures" fummelt er allerhand Versatzstücke geschickt zusammen. So schlau und genial hört sich das an, dass manchmal ein bisschen weniger Genie auch reichen würde.
Beck: "Midnite Vultures" (Motor Music/ Universal) %
LEIBHAFTIG: Zum Ende des Millenniums scheint der größte "Bitte melde dich!"-Fall im Rock'n'Roll-Universum gelöst: Axl Rose lebt! In der Ewigkeit, die seit den letzten Veröffentlichungen seiner Band Guns'N'Roses vergangen ist, hat sich der singende Wüterich den Bandnamen gesichert und lässt seitdem das Personal-Karussell rotieren. Als Lebenszeichen gibt es nun ein neues Techno-Rock-Lied auf dem Soundtrack zum neuen Schwarzenegger-Film "End of Days" und zur Erinnerung an aktivere Tage alle alten Guns'N'Roses-Breitwand-Rock'n'Roll-Hits auf einer Live-Doppel-CD: Welcome back!
Diverse: "End Of Days" (Soundtrack) (Motor Music/Universal) %
Guns'N'Roses: "Live Era 87-93" (Motor Music/Universal). Erscheint am 6.12. % Christoph Dallach
JAZZ
AFROBLUE: Seine Fingerfertigkeit auf der Gitarre und seine Stimme erinnern an den Blues-Barden John Lee Hooker - Ali Farka Toure ist der jazzigste unter den Musikern aus Mali. Aufgenommen wurde sein neuestes Album in einem mobilen Studio in Toures Heimatort Niafunké am Niger, dem Mississippi des Schwarzen Kontinents.
Ali Farka Toure: "Niafunké" (World Circuit/TIS/eastwest) %
FAMOS: "Wenn man überlegt, was mit Bach schon verbrochen worden ist, dann stehen wir ganz gut da", sagt der Saxofonist Rolf Römer. Das ist untertrieben: Der Altmeister lebt in den Aufnahmen von Römers Quartett (mit Bill Dobbins, Piano, John Goldsby, Bass, und Danny Schröteler, Drums). Die vier "verjazzen" nicht Bach, sondern nutzen sein Werk als Inspiration zu eigener Musik. Dabei erweist sich Römer - nach Jahrzehnten in der Anonymität der Big Bands von SFB und WDR - als famoser Solist auf dem Tenor- und Sopransaxofon.
Rolf Römer-Bill Dobbins Quartet: "A Tribute to B.A.C.H." (Edition Collage/Fenn Music) %
BETÖREND: Seinen fünfsaitigen Bass streicht Renaud Garcia-Fons mit dem Feuer eines Teufelsgeigers; und Jean-Louis Matiniers Akkordeon klingt majestätisch wie die Orgel einer Kathedrale. Tonmeister Walter Quintus hat einige Kompositionen der beiden Franzosen raffiniert mit Hall und Playback aufgenommen, andere ganz einfach. Manchmal erkennt der Hörer Fragmente von Flamencos, dann Musette-Walzer, Tangos und Melodien aus Afrika. "Für uns", sagt Garcia-Fons, "ist das Duo ein Symphonieorchester."
Renaud Garcia-Fons & Jean-Louis Matinier: "Fuera" (Enja Records/Edel Contraire) %
LOCKER: Coles samtweich-raspelige Stimme erinnert an seinen 1965 verstorbenen älteren Bruder Nat. Zum "King" hat Freddy es nicht gebracht. Dass auch er locker singt und swingt, unterstreicht seine CD mit Musik von Michel Legrand.
Freddy Cole: "Le Grand Freddy" (Fantasy/ZYX) % Hans Hielscher
KLASSIK
AUSGEZEICHNET: Seit 25 Jahren gibt es die "Junge Deutsche Philharmonie", zum Jubiläum ist nun eine CD-Edition erschienen, die einen treffenden Querschnitt durch das Repertoire des Ensembles bietet. Mit Kirill Kondraschin musizieren die Jungphilharmoniker Strawinski und Schostakowitsch voller Virtuosität und Feuer. Pierre Boulez hat mit ihnen ein Werk von Debussy klangfein einstudiert. Die sorgfältig edierten CDs gehören in jede gute Plattensammlung.
Junge Deutsche Philharmonie: "Jubiläums-Edition" (Berlin Classics 21472/ Edel Classics) %
EINDRINGLICH: Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach waren wohl immer wieder erschrocken, wenn sie seine "Matthäus-Passion" hörten. Da klingt zum Beispiel eine zarte Arie ruhig aus, und ein heftiger Akkord unterbricht die Stimmung: "Lass ihn kreuzigen", ruft der Chor. Diese dramatischen Stellen verfehlen auch heute nicht ihre Wirkung, wenn Bachs Musik transparent und rhythmisch akkurat musiziert wird. Philippe Herreweghe und dem Collegium Vocale Gent gelingt diese Balance zwischen Besinnlichkeit und Dramatik, Trauer und Zuversicht. Ian Bostridge ist als Evangelist glänzend besetzt. Auch Andreas Scholl, Werner Güra und die weiteren Gesangssolisten überzeugen mit klarer Artikulation und schlanker Phrasierung.
Philippe Herreweghe: "Matthäus-Passion" (Harmonia Mundi HMC 951676.8) %
HARMONISCH: Wenn Kinder im Familienkreis musizieren, gibt es immer mal wieder Krach. Doch Geschwister können auch fabelhaft harmonieren und gemeinsam zu einer Profikarriere durchstarten. Die Zwillinge Güher und Süher Pekinel sind ein gutes Beispiel. Die zwei in Istanbul geborenen Pianistinnen gehören als Klavierduo zur Weltspitze, was sie nun mit Sir Neville Marriner, dem Philharmonia Orchestra und Konzerten für zwei Klaviere von Mozart, Bruch und Mendelssohn demonstrieren: ein brillantes und temperamentvolles Tastenspiel.
Güher und Süher Pekinel: "Mozart, Mendelssohn, Bruch" (Chandos CHAN 9711/Koch International) %
Eckhard Roelcke
Von Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 12/1999
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