27.12.1999

KunstMarina Abramovic

Ohnmacht, Trance, Schmerz: Seit fast 30 Jahren bekämpft die Künstlerin in ihren Performances den eigenen Körper.
Salbeischwaden zogen durch den Raum, die Zuschauer flüsterten ehrfürchtig, und im gleißenden Licht der Schweinwerfer schwebte eine nackte Frau im Raum. Eigentlich hatte Michael Naumann zur Eröffnung der Kunst-Werke in Berlin eine Rede halten wollen, doch die Performance-Kunst von Marina Abramovic war sogar für einen Politiker im Wahlkampf zu viel. Michael Naumann schwieg - und ging.
Zweieinhalb Stunden lang hat Abramovic, 53, an diesem Abend in fast drei Meter Höhe ausgeharrt - der Salbei hilft ihr, sich in hypnotische Trance zu versetzen, das Publikum gibt ihr die Kraft, die Strapazen durchzustehen, und dass es dem Minister die Sprache verschlug, ist ihr vermutlich egal.
Ihr Wille, die Welt nach eigenen Vorstellungen künstlerisch neu zu gestalten, treibt sie schon seit ihrer Kindheit an. Als 12-Jährige begann sie zu malen, mit 27 debütierte sie als Performance-Künstlerin in Belgrad. Sie begoss einen kommunistischen Stern mit 100 Litern Benzin, legte sich hinein, ließ ihn anzünden - und wurde ohnmächtig, weil das Feuer allen Sauerstoff verbrauchte. "Ich realisierte, dass die Grenzen des Körpers das Grundthema meiner Arbeit bilden mussten."
Damals glaubte sie sogar, "dass die Kunst eine Frage zwischen Leben und Tod sei", und natürlich waren all ihre Arbeiten "Ausdruck einer Rebellion". In ihren Performances ritzte sie sich den Körper auf, peitschte sich aus, schrie sich heiser, legte sich auf Eisblöcke oder ließ Schlangen über ihren Körper kriechen.
Und doch verliert Abramovic nie die Kontrolle - auch nicht in Trance oder im Schmerz. Sie will die Überlegenheit des Willens demonstrieren. "Es geht nicht um Schmerz", sagt sie, "es geht um Entschlusskraft."
13 Jahre lang trat sie zusammen mit Performance-Künstler Ulay auf. Das Traumpaar der Kunstszene schrieb Kunstgeschichte, ihre Aktionen auf der Documenta 6 und 7 sind längst Legende.
Nach ihrer Trennung von Ulay 1988 machte Abramovic ein Jahr lang Pause. Nach einem Ausflug in die Esoterik ist sie längst wieder zum eigentlichen Gegenstand ihrer Kunst zurückgekehrt und beschäftigt sich mit dem eigenen Körper, dem Leben und dem Tod. In Venedig schrubbte sie 1997 wie in Trance blutige Knochenberge und gewann für diesen Protest gegen den Krieg in ihrer Heimat den Biennale Kunstpreis.
Immer noch beharrt sie darauf, "dass Kunst etwas zu sagen hat". Im Großen und im Kleinen. In einer anderen Performance saß sie einfach nur jammernd da, aß eine Zwiebel samt Schale und sagte: "Ich will nicht mehr wollen." Da wäre vielleicht auch Herr Naumann geblieben. Ingeborg Wiensowski
Ausstellung siehe Hannover.

KulturSPIEGEL 1/2000
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