22.04.2000

„ICH BIN EIN MISERABLER FOTOGRAF“

Lord Snowdon hat es trotzdem weit gebracht: Er ist der Hof fotograf des englischen Königshauses, war mit Prinzessin Margaret verheiratet und hat auch sonst alle vor die Kamera bekommen, die so berühmt sind wie er selbst.
VON ANUSCHKA ROSHANI
Er ist einer von denen, die einem Angst einjagen können, ohne es zu wollen. Die Fülle seiner Talente reicht. Dazu noch die wohl formulierten Worte einiger Weggefährten, und schon überkommt einen das Gefühl, ihn bestimmt mit jeder Bemerkung entweder entsetzlich zu verärgern oder bestenfalls nur zu langweilen.
Er habe Röntgenaugen, diagnostizierte etwa sein guter Freund (der bedeutende Bühnenbildner) Carl Toms: Er durchleuchte sein Gegenüber so lange, bis es auf ein unsicheres Nichts zusammengeschrumpft sei. Zudem besitze er eine spitze Zunge, mit der er pfeilscharfe Sätze forme, die für jene ungemein amüsant sind, die ums Ziel herumstehen.
Lord Snowdon scheint alles zu können: Er hat eine Unterwasserkamera gebaut, ein inzwischen denkmalgeschütztes Vogelhaus im Londoner Zoo, Theaterkulissen und Möbel. Er hat Damen-Skianzüge entworfen, Gärten, Uhren, Broschen, Rollstühle und eine Alarmanlage für den Lebensmittelschrank sowie 22 Bücher herausgebracht und 12 Filmdokumentationen. Außerdem saß er 1950 bei der Ruderregatta auf der Themse als Steuermann im Siegerboot von Cambridge (mit dreieinhalb Längen Vorsprung), und seit 1972 sitzt er im "House of Lords", dem englischen Oberhaus.
Er hat ein Mann zu sein, der alles kann: Prinzessin Margaret, die jüngere Schwester der Queen, nach ein paar Fotositzungen geheiratet, sich von ihr knapp 20 Jahre später wieder scheiden lassen, kurz darauf seine Assistentin geehelicht, sich von ihr getrennt, und schließlich, bis jetzt, mit drei verschiedenen Frauen vier Kinder gezeugt. Das jüngste vor zwei Jahren.
Und natürlich hat er für all das nicht nur den britischen Adelstitel "Earl" verliehen bekommen, sondern auch eine Menge Preise gewonnen, unter anderem zwei amerikanische TV-Emmys.
Berühmt allerdings ist er für seine Fotografien, besonders für diejenigen, die seine Verwandtschaft zeigen, die Royal Family. Sie sind nun, zusammen mit Veröffentlichungen aus der "Vogue", aus "Life", aus dem "Sunday Times Magazine" und "Vanity Fair", als Gesamtschau in der Londoner National Portrait Gallery zu sehen - anlässlich seines 70. Geburtstags. Die Ausstellung nennt sich "Photographs by Snowdon: A Retrospective", so als wäre dies das Ende, so als würde es nicht weitergehen mit ihm.
Verwirrt von so viel Begabung, wünscht man, dass sich Lord Snowdon als ganz normaler Mensch entpuppt, betritt hoffend sein Studio in Kensington und findet einen fast beunruhigend charmanten Mann. Mit anderen Worten: Den kann es nicht wirklich geben, gäbe es ihn nicht wirklich.
Tröstend ist allein der Anfang seiner Geschichte. Der war nicht königlich und schien auch kaum in diese Richtung zu weisen. Geboren als Antony Armstrong-Jones musste der spätere Lord Snowdon mit 13 in seinem Zeugnis lesen: "Armstrong-Jones mag wohl für irgendetwas geeignet sein, es ist aber nichts, was hier an der Schule unterrichtet wird." Dem gab er Recht, indem er die Schule verließ.
Er ging nach Eton, wo er sich mit Maschinenbau befassen sollte, statt dessen aber Spazierstöcke bastel- te, die nicht einfach Krücken waren, sondern zugleich Detektoren und Taschenlampen. Dann ging er nach Cambridge, versuchte es erst zehn Tage lang mit Naturwissenschaften und wechselte dann zur Architektur.
Als Teenager erkrankte er an Kinderlähmung. Ein Jahr lang lag er in Liverpool im Krankenhaus, "einem grauenhaften Ort". Seine Mutter schenkte ihm seine erste Kamera, aber noch packte ihn die Fotografie nicht; lieber schraubte er weiter an seinen "albernen Apparaten" herum. Zum Beispiel an einem U-Boot aus einer alten Zahnpastatube, das er in einer seiner vielen verkramten Schubladen aufbewahrt und das, sagt er, noch heute einen ganzen Swimmingpool durchqueren könne - "was ziemlich gut ist".
Auf alles ist Lord Snowdon stolzer als auf seine Fotografie, über alles redet er mehr. (Weniger nur noch über seine Bekanntschaft mit den Königlichen und Prinzen Englands.) Gerade war Henri Cartier-Bresson zum Lunch bei ihm, sein Freund und einer der ganz großen Fotografen, den er sehr bewundert. Kein Wort fiel während des Mittagessens zu ihrer beider Profession, betont er fröhlich.
"Fotografie ist doch keine Kunst", sagt Lord Snowdon, "und ein Fotograf ist völlig unwichtig. Was dabei überhaupt zählt, ist der vor der Linse - und eine Kamera, die nicht kaputtgeht."
Wenn er aber genötigt wird, über seine Arbeit zu sprechen, dann tut er es so kurz und bescheiden, wie es seiner Meinung nach der Sache angemessen ist. Und schafft es mühelos, auf ganz andere Themen zu kommen. Oder schindet Zeit, indem er seine Assistentin eine Viertelstunde lang nach seinem einzigen Handy suchen lässt. "Carla, das aus Plastik, die Attrappe vom Frankfurter Flughafen, wo die Süßigkeiten drin waren."
Mit großem Ernst behauptet er, genau wie alle anderen seiner Generation nur deshalb zu fotografieren, "weil ich schlecht zeichnen kann und durch mein Architektur-Examen geflogen bin". Mit 21 beschloss er, nach abgebrochener Fotolehre in Zukunft als Fotograf durchs Leben zu gehen. "Stimme Deinem Vorschlag zum Berufswechsel nicht zu. Rufe heute abend an. Alles Liebe. Mutti", schrieb sie ihm damals in einem folgenlosen Telegramm.
"Er ist ein moderner Exzentriker, mit der für Exzentriker typischen Eigenart, seine Vorstellungen unter allen Umständen durchsetzen zu wollen, was manche schon zu Mordgelüsten provoziert hat", sagt sein Freund Carl Toms, "doch sein Charme, der sogar ein beutehungriges Tier bezähmen könnte, hat sie davon abgehalten."
Die Schauspieler Richard Harris und Peter O'Toole setzte er in sehr bri-tischen Anzügen und mit strähnigem Haar in eine pompöse Suite des Dorchester Hotels, die sein Urgroßonkel Alfred Messel, ein bekannter Architekt, gebaut hat. Beide scheinen viel Spaß daran zu haben, aber man kann sicher sein, nichts anderes wäre für Lord Snowdon in Frage gekommen.
Den Hollywood-Star Meryl Streep ließ er in eine Baumkrone klettern - "ich weiß nicht mehr, wie ich sie da eigentlich hochgekriegt habe" -, wo sie dann thront wie eine verirrte Meerjungfrau. Und Marlene Dietrich ließ er für die "richtige Cabaret-Atmosphäre" von drei Männern bepaffen, die rauchend unter ihrem Klavier hockten.
Sie muss noch sturer als der Lord gewesen sein; nachts um drei, als er ihr die ersten Abzüge zeigte, bestand sie darauf, ihr Gesicht auf dem einen Foto mit dem Hintergrund eines anderen zusammenzufügen. "No, it's not difficult, dear boy", sagte sie und erklärte ihm genau, wie es gehen würde. Heute hängt sein (ihr) Bild von Marlene im Flur seines Hauses, darunter die Widmung der Diva: "I am still looking at you."
Das wahrscheinlich meistgedruckte Foto ist das von Prince Charles, Princess Diana und ihren Söhnen William und Henry von 1991, als diese noch wie eine wahre Familie posierten. "Das ist kein besonders gutes Bild", sagt Lord Snowdon und meint es wieder mal sehr ernst, "reines Theater, pure Phantasie und Eskapismus; mit dem, was Fotografie ist oder sein sollte, hat es nichts zu tun." Er habe dafür nur seine Gartenbank, sein Tischchen und ein wenig mehr Kram in sein Auto laden und in Highgrove aufbauen müssen.
Besser gefallen ihm Schnappschüsse oder wenigstens Schüsse, die wie Schnappschüsse aussehen. "Fotos sollten technisch einfach und leicht zu erfassen sein. Sie sollen die Leute zum Lachen bringen oder dazu, etwas zu sehen, was sie bis dahin nie bemerkt haben. Sie sollen die Leute berühren, aber sie nie zusammenzucken lassen."
Ihm ist es geglückt, ganz unterschiedliche Aufnahmen zu machen: "Ich habe keinen Stil, ich möchte ein Chamäleon sein." Sie rühren einen an, ohne zu schocken. Schwarzweißbilder von Kindern im Elend, einsamen Alten oder von Patienten in psychiatrischen Kliniken, Kranken, die auf der Heizung kauern oder stumm vor ihrem Brei und denen es als Menschen doch gelingt, ihrer Krankheit zu trotzen.
Um sie geht es ihm mehr als um Glamour; er hat diese Bilder, damit sie den Besuchern im Gedächtnis hängen bleiben, in den letzten Raum seiner Ausstellung gehängt und darauf geachtet, dass auch Rollstuhlfahrer bequem hineinkommen. Er engagiert sich für verschiedene Behindertenorganisationen, vielleicht weil ihm selbst das Laufen schwerfällt.
Gerade feilt er wieder an einem Vortrag über die Schwierigkeiten der Behinderten, sich durch die Welt der Gesunden zu bewegen. Obwohl er das öffentliche Reden hasst. "Es hat sich wenig geändert", stellt er fest; zehn Minuten lang ließ man ihn vor ein paar Tagen bei einem Anruf im Bahnhof Victoria auf die Antwort warten, wie einem als Rollstuhlfahrer dort in den Zug geholfen wird. Dann kam die Auskunft, man sei zu beschäftigt, und es wurde aufgelegt. Das ist unglaublich, sagt er, freut sich aber doch ein bisschen, weil damit der Anfang seiner Rede steht.
Er ist den Menschen nah, nicht nur denen, die er porträtiert. Zu nah für einen Profi, finden manche. Als er 1955 bei den 24 Stunden von Le Mans war, passierte vor seinen Augen der schlimmste Unfall in der Geschichte des Automobilsports. Über 80 Tote. Er legte seine Kamera zur Seite und half, Verletzte in die Rettungswagen zu schleppen. Am Tag darauf rief ein Redakteur an und fragte nach Crash-Fotos. "Ich habe keine gemacht", antwortete er und ließ ihn am Telefon toben. "Das beweist", sagt Lord Snowdon lächelnd, "was für ein miserabler Fotograf ich bin."
Bevor es womöglich ernst wird, schweift er schnell wieder ab. Und erzählt von dem knallroten Plastikhummer, der im Teich seines Vorgartens schwimmt. "Viele Japaner gucken über den Zaun und wundern sich. Die kapieren nicht, dass lebende Hummer gar nicht rot sind." Niemanden freut das mehr als ihn.
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"Photographs by Snowdon: A Retrospective". National Portrait Gallery, London. Tel. 0044/171/306 00 55. Bis 4. Juni 2000.
Buch zur Ausstellung: teNeues Verlag, Kempen; 240 Seiten; 128 Mark.
Von ANUSCHKA ROSHANI

KulturSPIEGEL 5/2000
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