27.11.2000

MusikNEUE CDs

POP
GEWALTIG: Dass im Pop die Zeit bekanntlich in Lichtgeschwindigkeit gemessen wird, merkt man wieder daran, dass es eine Ewigkeit her zu sein scheint, seit die Briten ihre lustige Inszenierung namens Britpop aufführten. Als Haupt-Kasper hieben Blur und Oasis damals aufeinander ein und sorgten so für gewaltige Plattenumsätze; aber weil die Jungs von Oasis einige Millionen mehr machten, galten sie schließlich als Sieger. Wenn nun beide Bands Bilanz ziehen, ist es eher ein respektvolles Patt der Konkurrenten. Blur, die geschmähten Kunststudenten, beweisen mit einer eindrucksvollen Zusammenstellung ihrer Hits, dass sie eine der größten und abenteuerlustigsten Single-Bands der letzten Jahre sind. Oasis, deren Mitglieder sich nun untereinander erfolgreich befehden, belegen nach zwei öden Alben mit einem Greatest-Hits-Konzertmitschnitt, dass Liam Gallagher tatsächlich der größte Rock-Sänger seiner Generation ist und dass sie auf der Bühne wohl jede Schlacht gewinnen.
Blur: "The Best Of" (EMI); %
Oasis: "Familiar To Millions" (Epic/ Sony) %
GLITZERND: Allein Chrissie Hyndes Lebenslauf ist großes Entertainment: Kinks-Chef Ray Davies und Simple Mind Jim Kerr sind die Väter ihrer Kinder, Linda McCartney war ihre Mitstreiterin in Sachen Tierschutz, und mit ihrer Band The Pretenders fabrizierte Hynde in den vergangenen 20 Jahren glitzernden Autoradio-Rock'n'Roll. Nur ihre Kollaborationen mit den Reggae-Clowns UB 40 beweisen, dass Frau Hynde auch öde Momente hat.
The Pretenders: "Greatest Hits" (WEA) %
GROSSARTIG: Schon seit einiger Zeit wird in Deutschland ein lässig ausgefeilter Elektro-Jazz produziert, der im Rest der Welt sehr gefeiert wird. Großen Anteil daran hat das Berliner Kollektiv Jazzanova. Ihnen anvertraute Songs veredeln sie so großartig, dass sie zu ihren eigenen werden. Jazzanovas nunmehr gesammelte Arbeiten der vergangenen drei Jahre werden weltweit für Freude sorgen.
Jazzanova: "The Remixes 1997-2000" (Compost/PP Sales Forces) %
Christoph Dallach
JAZZ
KNALLHART: Doldinger ist auch einer von denen, in deren Wörterbuch der Begriff Ruhestand gar nicht vorkommt. Im nächsten Jahr wird er 65, aber wenn er das richtige Publikum vor sich hat, verausgabt er sich noch immer wie vor 30 Jahren. Es war höchste Zeit, dass Doldinger einige der besten Live-Auftritte der letzten Jahre auf einer CD verewigte. Wer seine Truppe Passport mag, kann sie hier in Bestform hören - gut gelaunt, knallhart und swingend. Überraschen werden manchen die bekannten Titelsongs zu "Tatort" und "Liebling Kreuzberg", die bisher in dieser Version nicht zu hören waren.
Klaus Doldinger: "Passport Live" (WEA) %
EINFÜHLSAM: Unter den vielen Sängerinnen, die in jüngster Zeit um die Gunst der Fans werben, fällt Jane Monheit nicht nur deshalb auf, weil die Marketingleute ihre sinnliche Weiblichkeit allzu effektvoll zu nutzen verstehen. Die 23-Jährige beeindruckt vielmehr durch die Art, in der sie - einfühlsam und wie selbstverständlich - jazzige Balladen singt. Mit hörbarem Vergnügen haben erfahrene Freunde wie Kenny Barron (Piano), Ron Carter (Bass) und David "Fathead" Newman mit seinem Tenorsaxofon das junge Talent bei seinem Debüt begleitet.
Jane Monheit: "Never Never Land" (N-Coded/Edel Contraire) %
ENTSPANNEND: Für alle Freunde guter Songs, lässig und unprätentiös gespielt, ist Pretschner am Solopiano genau der Richtige. "Stella by Starlight" wirkt entspannend auf "Body and Soul".
René Pretschner: "Story of a Jazz Piano" (Greenhouse Music/SMD) %
VERBLÜFFEND: Mehr als zwei Jahre hat Dreyfus daran gearbeitet, 20 herausragende Jazzmusiker mit vielen ihrer bekanntesten Aufnahmen in einer Serie zu präsentieren. Natürlich sind Louis und Ella dabei, Django und Dizzy, Fats und Hawk, aber auch Basie oder Garner. Die Aufmachung ist hübsch, die Tonqualität oft verblüffend - auch wenn es bisweilen scheint, als sei auf einer alten Schellack-Scheibe das pralle Leben besser eingefangen.
Diverse: "Jazz Reference" (Dreyfus Jazz/Edel Contraire) % Peter Bölke
KLASSIK
ELEGISCH: Leonard Bernstein war ein genialer Dirigent, ein begnadeter Kommunikator und auch als Musical-Komponist ("West Side Story") erfolgreich. Der Sinfoniker Bernstein taucht in den Konzertsälen selten auf. Völlig zu Unrecht, wie der Dirigent Dmitri Sitkovetsky, der Pianist Marc-André Hamelin und das Ulster Orchestra mit der 2. Sinfonie beweisen. Bernstein hat das Werk nach dem Gedicht "The Age of Anxiety" von Wystan Hugh Auden komponiert. Das größtenteils elegische Opus für Klavier und Orchester gipfelt in einem furiosen, jazzigen "Maskenspiel". Ein starkes Stück.
Leonard Bernstein: "The Age of Anxiety" (Hyperion CDA 067170/Koch International) %
KLAR: Die amerikanische Geigerin Michelle Makarski braucht nicht viele Töne. Mit wenigen Takten aus der "Sonate Nr. 7" des Barockkomponisten Giuseppe Tartini schafft sie eine Klangsphäre voller Klarheit und Schönheit. Fast bruchlos lässt sie die "Due Studi" von Luigi Dallapiccola (1904 bis 1975) folgen. Die barocken und modernen Geigenklänge harmonieren vortrefflich, auch die neueren Werke von Goffredo Petrassi, Luciano Berio, George Rochberg und Elliott Carter passen zum alten Tartini. Am Ende spielt Makarski das "Lamento di Tristano" aus dem 14. Jahrhundert: eine ferne, schöne Weise.
Michelle Makarski: "Elogio per un'ombra" (ECM New Series 1712/Universal) %
EMPFINDSAM: Wenn Komponisten Neuland betreten, werden sie von der Nachwelt oft als Avantgardisten gelobt. Über die Nachzügler, die auf dem Terrain ein wenig verweilen, wird dagegen meist milde gelächelt. Der Gambist Franz Xaver Hammer (1741 bis 1817) war solch ein Musiker. Er hat Stücke für die "Viola da Gamba" komponiert, als das Instrument schon vom Violoncello abgelöst war. Die Gambistin Simone Eckert und das Ensemble Hamburger Ratsmusik haben nun einige Sonaten des fast vergessenen Musikus eingespielt. Mit ihrem empfindsamen Spiel gelingt Simone Eckert eine Ehrenrettung für den "letzten Gambisten".
Franz Xaver Hammer: "Sonaten für Viola da gamba" (Christophorus 77223/Note 1) % Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 12/2000
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