29.01.2001

Mit 17 hat man noch Träume„Aber schöne Füße hat er“

Der Schauspieler Bruno Ganz, 59, über seinen Weg zum Theater, seine Schüchternheit und wie die Frauen sie überwanden.
kulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Ganz: Die hatten sicher mit Frauen zu tun. Jeanne Moreau in "Fahrstuhl zum Schafott" zum Beispiel, dieses Gesicht hat sich mir eingeprägt. Und ich schwärmte für den französischen Schauspieler Gérard Philipe. Der hatte eine Leidenschaftlichkeit und eine Hingabe an seine Kunst, die mich tief beeindruckt haben. Ich habe das später nur noch einmal so gesehen, bei Robert De Niro.
kulturSPIEGEL: Hatten Sie damals schon eine Leidenschaft fürs Theater?
Ganz: Ich wollte schon zum Theater, mir war nur noch nicht klar, wie das gehen soll. Schauspieler werden - in der kleinbürgerlichen Sphäre, aus der ich komme, streifte das die Grenze zum Unmöglichen. Aber ich kannte einen Beleuchter am Zürcher Schauspielhaus, der bediente aus den vordersten Logen die Verfolger. Und hinter ihm gab es noch einen Platz. So konnte ich dort alles sehen. In Zürich waren zu der Zeit ja die besten deutschsprachigen Schauspieler versammelt - Therese Giehse etwa hat mich tief berührt mit ihrer Kunst.
kulturSPIEGEL: Und wie kamen Sie selbst ans Theater?
Ganz: Auf etwas verschlungenen Wegen. Von der Schule ging ich ab, als ich ein Jahr hätte wiederholen müssen. Ich habe dann tagsüber in einem Kaufhaus Bücher verkauft und abends eine Schauspielschule besucht. Schließlich bekam ich ein Engagement am Jungen Theater Göttingen. Dort habe ich vor allem gelernt, meine übergroße Schüchternheit auf der Bühne zu überwinden.
kulturSPIEGEL: Und dann begannen Sie, von größeren Häusern zu träumen?
Ganz: Ich habe natürlich brav "Theater heute" gelesen, über Berlin, über Zadek, den ich toll fand, und die Münchner Kammerspiele. Dort habe ich mit dem Beleuchter, den ich aus Zürich kannte, einmal eine Woche lang alles gesehen, was es da gab - Schauspieler wie Robert Graf oder Romuald Pekny, die spielten Dostojewski und so n' Zeug - das fand ich gigantisch. Daraufhin habe ich mehrere Bewerbungen geschrieben, aber nur von Zadek in Bremen eine Einladung zum Vorsprechen bekommen.
kulturSPIEGEL: Das war der Durchbruch?
Ganz: Na ja, erst mal ist mir unterwegs bei Glatteis das Auto, das ich mir extra geliehen hatte, von der Straße gerutscht. Ein Lkw hat mich schließlich aus dem Graben gezogen, und ich habe Zadek trotzdem vorgesprochen. Nur war er sich nicht sicher und hat mich noch zu Kurt Hübner nach Hause geschickt. Der lag mit Fieber im Bett, und so machte ich bei ihm im Schlafzimmer den "Prinz von Homburg". Schließlich haben sie mich engagiert, für 650 Mark. In Göttingen hatte ich 200 verdient - ich war gerettet. Von da an ging's steil aufwärts. Eineinhalb Jahre später spielte ich Hamlet.
kulturSPIEGEL: Auch als Homburg hatten Sie später großen Erfolg ...
Ganz: Ich erinnere mich noch, wie wir den hier in Berlin gespielt haben, ich hatte da eine Szene, in der ich so somnambul auf und ab wanderte, barfuß auf blauem Samt, und von Natalie träumte. Und plötzlich hörte ich vor mir ganz deutlich einen Zuschauer in der ersten Reihe: "Also ein Prinz ist er nicht, aber schöne Füße hat er." So ist das, wenn ein Schweizer einen preußischen Prinzen spielt.
kulturSPIEGEL: Bei allen Theaterträumen haben Sie doch sicher auch für reale Frauen geschwärmt - oder war Ihnen Ihre Schüchternheit privat auch im Weg?
Ganz: Irgendwie mochten mich die Frauen immer. Die haben meine anfängliche Schüchternheit überwunden.
kulturSPIEGEL: Wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären, was wäre dann aus Ihnen geworden?
Ganz: Keine Ahnung. Ich wäre gern Maler. Aber mit dieser Gabe bin ich leider nicht gesegnet.
kulturSPIEGEL: Malen Sie im stillen Kämmerlein?
Ganz: Nein, da habe ich klare Grenzen. Das wäre doch eine Beleidigung der wirklichen Meister, wenn ich da herumdilettieren würde.

KulturSPIEGEL 2/2001
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