30.04.2001

MusikNEUE CDS

POP
BEGEISTERND: Der Typ, den sie "Boss" nennen, ist nicht nur der größte Soul-Man des Rock'n'Roll, er ist auch ein Traditionalist und ein Moralist - und trotzdem und deswegen lieben ihn alle. Und so war die Begeisterung groß, als Bruce Springsteen im vorletzten Jahr nochmals seine altbewährte E-Street Band für eine Tournee zusammentrommelte. "Live in New York City" ist bereits sein drittes Konzert-Album, aber trotzdem ein Ereignis: große, überwiegend ältere Songs über die elementaren Dinge des Lebens. Und dass Springsteen sogar eine faszinierende Version seines "Born In The U.S.A" gelingt, ist der wahre Coup der Platte.
Bruce Springsteen and the E-Street Band: Live in New York City" (Columbia/Sony) %
HIMMLISCH: Jungen Briten, die heutzutage eine Gitarre in die Hand nehmen, fällt erstaunlich wenig dazu ein. Auch der Nachwuchs von Ash trägt den Rock'n'Roll nicht in eine neue Dimension, aber mit ihrem neuen Album fügen sie ihm immerhin einen Satz fabelhafter Melodien hinzu: himmlischer Hochgeschwindigkeits-Bubblegum-Rock'n'Roll.
Ash: "Free all Angels" (Infectious Records / Edel) %
ZEITLOS: Ladytron sind zu jung, um den Pop der achtziger Jahre bewusst erlebt zu haben. Dafür haben sie sich einen Haufen Keyboards vom Flohmarkt besorgt. Darauf programmieren sie herzzerreißende Techno-Chansons. Und mixen Abba-Melodien mit den Beats der Human League zu einem zeitlos schönen Debüt.
Ladytron: "604" (Labels Germany / Virgin) %
ANGEKETTET: In Amerika pappen sie Sticker auf Plattenhüllen, um vor Texten zu warnen. Das Cover zu Billie Ray Martins neuem Werk, das die Künstlerin angekettet im Klo zeigt, könnte den Hinweis vertragen, dass die Musik trotzdem gut ist. Souverän singt Martin den Soul zu cooler Elektronik. Als Gast tritt die legendäre Ann Peebles auf.
Billie Ray Martin: "18 Carat Garbage" (Sonnenstahl Records / Edel Contraire). Erscheint am 7.5. %
Christoph Dallach
JAZZ
ERHABEN: Ralph Towner hatte bereits jahrelang als Jazzpianist gearbeitet, als er mit 23 das Studium der klassischen Gitarre begann. Für dieses schwierige Instrument entwickelte Towner einen einzigartigen Stil: Komplizierte Piano-Akkorde übertrug er auf die akustische Gitarre und schuf einen erhabenen, herb-schönen Sound. Das Solo-Album "Anthem" zu Towners 60. Geburtstag enthält neben eigenen Stücken Charles Mingus' Titel "Goodbye, Pork-Pie Hat".
Ralph Towner: "Anthem" (ECM / Universal) %
LEBENSFROH: Latinos hätten "dem Jazz die Lebensfreude zurückgegeben", behauptet der spanische Regisseur Fernando Trueba. Dass er Recht hat, beweisen die Musikaufnahmen für sein Filmprojekt "Calle 54": Die Saxofonisten Paquito D'Rivera (Kuba), Gato Barbieri (Argentinien), die Pianistin Eliane Elias (Brasilien) und zwei Dutzend weitere Musiker mit Latino-Wurzeln erfüllen das Sony-Studio in New Yorks 54. Straße zeitweilig mit Karnevalsatmosphäre.
Gato Barbieri u.a.: "Calle 54" (Chrysalis / EMI). Erscheint am 17.5. %
COOL: Unter dem Künstlernamen "Randroid" outet sich der Trompeter Randy Brecker als Rapper: Er erzählt Geschichten aus dem Musikerdasein ("Manches ist autobiografisch, anderes hab ich erfunden"), und seine Stimme klingt fast so cool wie sein Horn. Randys Bruder Michael (Tenorsaxofon) und gestandene Jazz-Rocker wie Dean Brown und Richard Bona sorgen für die Grooves.
Randy Brecker: "Hangin' in the City" (ESC / EFA-Medien) %
WEHMÜTIG: Seit sie sich 1986 in Havanna kennen lernten, arbeiten der amerikanische Bassist Charlie Haden und der kubanische Pianist Gonzalo Rubalcaba zusammen - ihre CDs entstehen wegen des US-Embargos kubanischer Künstler in Kanada, Frankreich und Spanien. Nun produzierten die beiden in New York die CD "Nocturne", eine Auswahl von wehmütigen Boleros und wunderbaren Melodien.
Charlie Haden featuring Gonzalo Rubalcaba: "Nocturne" (Verve / Universal). Erscheint am 14.5. % Hans Hielscher
KLASSIK
KÖNIGLICH: Prächtig schmettern die Trompeten, satt klingen die Streicher, elegant windet sich die Sologeige: Jean-Baptiste Lully wusste, wie er seinen Freund, den König Ludwig XIV., begeistern konnte. Der Hofkomponist hat zahlreiche Ballette zur Erbauung des Sonnenkönigs komponiert. In dem farbenfrohen Film "Der König tanzt" von Gérard Corbiau kann man die Tanzbesessenheit des Monarchen bewundern. Die Musik zum Film haben Reinhard Goebel und sein Ensemble Musica Antiqua Köln brillant und klangsinnlich eingespielt: barocke Tanzmusik von Lully, Jacques Cordier und Robert Cambert. Très bien!
Jean-Baptiste Lully: "Der König tanzt" (Deutsche Grammophon 471 142-2) %
KLANGVOLL: György Ligeti gehört zu den phantasievollsten Komponisten der Gegenwart. Die Werke des vielfach ausgezeichneten Musikers und Kosmopoliten werden auf der ganzen Welt aufgeführt, seine Oper "Le Grand Macabre" gehört zu den Standards des modernen Musiktheaters. Jetzt setzt das Label Teldec eine Gesamtaufnahme der Werke Ligetis fort, die die Kollegen von Sony begonnen haben. Auf der ersten CD dieses "Ligeti Projects" musiziert Reinbert de Leeuw mit dem Schönberg Ensemble, dem Asko Ensemble und dem fabelhaften Pianisten Pierre-Laurent Aimard unter anderem die "Melodien für Orchester" und das Klavierkonzert.
"The Ligeti Project I" (Teldec 8573-83953-2) %
VIRTUOS: Wer normalerweise beim Klang einer Blockflöte an seine Kindheit erinnert wird, muss bei Michala Petri seine Meinung über das vermeintliche Kinderinstrument revidieren. Die dänische Flötistin spielt dieses kleine Holzblasinstrument mit unübertroffener Virtuosität. Petri demonstriert, dass auch Hits wie Massenets Meditation aus der Oper "Thaïs" oder "Schön Rosmarin" von Fritz Kreisler auf der Blockflöte bestens klingen. Lars Hannibal begleitet die "dänische Nachtigall" ("Neue Musikzeitung") auf der Gitarre.
Michala Petri: "Kreisler Inspirations" (RCA Red Seal 74321 75479 2 / BMG Classics) % Eckhard Roelcke

KulturSPIEGEL 5/2001
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