30.04.2001

Mit 17 hat man noch Träume„Blonder ging's nicht“

Die „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman, 42, über dumme Fragen, große Tränen und ihr Debüt als Roman-Autorin
kulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich, welche?
Herman: Das war keine gute Zeit. Ich hatte die Schule geschmissen mangels Engagement, Freude und vielleicht auch Intelligenz und haderte mit meinen Eltern, die mich in eine Lehre im Hotelgewerbe stecken wollten.
kulturSPIEGEL: Was wollten Sie?
Herman: Ich war interessiert an allem Künstlerischen, ich liebte Musik und Schauspiel und fühlte mich dafür geschaffen. Das Einzige in meiner kleinen Welt, was mich dort hinführte, war meine Gitarre, mit der ich mich spielend und singend durch die Welt träumen konnte.
kulturSPIEGEL: Die Lehre haben Sie trotzdem gemacht?
Herman: Ja, weil ich es dann auch wollte. Ich sah mich schon als Hoteldirektorin, etwas Geringeres kam gar nicht in Frage. Gleichzeitig sehnte ich mich in meinen Träumen in diese andere Welt. Insgeheim wollte ich es allen zeigen, vor allem meinen Eltern. Das trieb mich an.
kulturSPIEGEL: Wie entkamen Sie der Gastronomie?
Herman: Durch Schauspielerei.
kulturSPIEGEL: Wie das?
Herman: Ich arbeitete damals in einem Hotel in St. Moritz. Es war grässlich - man nahm mir den Pass ab, und ich musste 16 Stunden arbeiten - wie in einer Sekte. Ich wusste, dass die Chefin meine Telefonate abhörte. Also habe ich meine Mutter gebeten, mich im Hotel anzurufen und zu erzählen, dass meine Tante im Sterben läge. Als ich dann bei meiner Chefin um Urlaub bat, konnte ich endlich weg. Ich bin nie wieder zurückgekehrt.
kulturSPIEGEL: Dann kamen Rundfunk und Fernsehen.
Herman: Ich wollte lernen. Und wer kann mehr über die Welt lernen als ein Journalist? Also zog ich nach München und bewarb mich beim Bayerischen Rundfunk, ohne jede Ausbildung oder Erfahrung. Ich hatte damals ein sehr sonniges Gemüt. Ich erinnere mich noch an ein Interview mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt München. Mein Gott, hab ich die einen Mist gefragt! Blonder ging's nicht.
kulturSPIEGEL: Sie träumten davon, Fernsehansagerin zu werden?
Herman: Als kleines Mädchen. Ich war sieben, als wir unseren ersten Schwarzweißfernseher bekamen. Die Ansagerin erschien mir unendlich schön.
kulturSPIEGEL: Nun hat sich Ihr Traum erfüllt.
Herman: Schon lange eigentlich. Es gibt nicht mehr viel für mich zu erreichen im Fernsehen. Die "Tagesschau" ist der Olymp der Information, ich moderiere eine Talkshow, ich mache Shows. Eine unübliche Bandbreite.
kulturSPIEGEL: Jetzt sind Sie auch noch Schriftstellerin. Sie haben einen autobiografisch fundierten Roman geschrieben.
Herman: Ich war von meinem Mann verlassen worden, eine Situation, die ich nicht kannte, tief traurig und schmerzvoll. Irgendwann eines Abends, die Tränen liefen, habe ich angefangen, mein Elend einfach aufzuschreiben. Am nächsten Morgen habe ich es wieder gelesen und bog mich vor Lachen, so irrwitzig erschien mir mein Selbstmitleid. Ich kam mir vor wie eine Figur aus einem Woody-Allen-Film. Meine Freundin hat mich ermuntert, daraus einen Roman zu machen. Also nahm ich Konkretes zu meiner Person raus und machte eine fiktive Geschichte daraus, aber der emotionale Hintergrund blieb.
kulturSPIEGEL: Jetzt geht es Ihnen besser?
Herman: Immerhin will ich meinen Mann heute nicht mehr umbringen.
kulturSPIEGEL: Haben Sie während Ihrer Krise trotzdem vor der Kamera gestanden?
Herman: Ich habe den Schirm ein paar Wochen lang gemieden. Ich wollte nicht, dass die Leute das in meinem Gesicht lesen.
kulturSPIEGEL: Spielen Sie noch auf Ihrer alten Gitarre?
Herman: Nur noch, wenn ich mit meinem Sohn singe. Aber meistens fährt er mit seinen Modellautos darauf herum, und ich muss sie dann später wieder aus dem Schallloch fummeln.

KulturSPIEGEL 5/2001
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