25.06.2001

Zwei Egos müsst ihr sein

Das Düsseldorfer Avantgarde-Duo Neu! hätte die wichtigste deutsche Rockband aller Zeiten werden können. Doch daraus wurde nichts: zu viel Streit, zu viel LSD. Nun will Herbert Grönemeyer, inzwischen auch Besitzer einer Plattenfirma, die beiden Genies nach fast 30 Jahren wieder zusammenbringen.
VON CHRISTOPH DALLACH
Es ist nicht so, dass wirklich Schlimmes zu erwarten gewesen wäre. Keine Schlägerei beispielsweise und auch kein lauter Streit. Trotzdem wollten die Verantwortlichen der Kölner Plattenfirma, als sie Anfang Mai Journalisten eingeladen hatten zu Interviews mit dem deutschen Avantgarde-Duo Neu!, jedes Risiko vermeiden. Also setzten sie den einen Musiker in den achten Stock, den anderen in den sechsten. Sicher ist sicher.
Beispielsweise Klaus Dinger, 55, die eine Hälfte von Neu!: einerseits eigentlich ein netter Zeitgenosse; andererseits fühlt er sich öfter mal ungerecht behandelt. Dann sieht er sich von Menschen umzingelt, die ihn übervorteilen wollen und "mit einer Schmutzkampagne überrollen - das finde ich Scheiße". Ganz besonders schlimm findet er, dass "der, der immer vor Neu! und unserem Erfolg davongelaufen ist, nun so hochgejubelt wird".
Michael Rother, 50, ist die andere Hälfte von Neu! und sitzt derweil zwei Stockwerke tiefer und gibt sich, Typ Religionslehrer, den Anschein, als wüsste er noch nicht mal das Wort Streit zu buchstabieren - was Dinger erst recht auf die Palme bringt. So still Rother auch wirkt, in einem scheint er wild entschlossen: Er wolle sich von dem "egozentrischen" Dinger nicht mehr länger auf der Nase herumtanzen lassen. Zusammen mit ihm in einem Raum Interviews zu geben, das kann sich Rother genauso wenig vorstellen wie Dinger. Immerhin ringt Rother um versöhnliche Worte: "Klaus sagt leider viele ärgerliche Dinge, aber es ist doch ein Ereignis, dass unsere drei Neu!-Platten nun wieder regulär zu haben sind."
Denn die Neuauflage und Wiederentdeckung der Musik des Düsseldorfer Avantgarde-Rock-Duos Neu! gilt allen Zwistigkeiten zum Trotz als musikhistorische Sensation. Ein freudiges Ereignis, das von Feuilletonisten und Musikern von New York bis Berlin gefeiert wird; vor allem in England und den USA gelten Dinger und Rother als Helden und Pioniere und die Musik, die sie in der ersten Hälfte der Siebziger aufnahmen, als Blaupause für modernen Rock'n'Roll.
Neu!s "enormen Einfluss auf die Entwicklung der Popmusik" ("The Independent") bestätigen euphorisch all die Musiker, die heute als kreative Elite des Genres gelten: Der US-Musiker Beck lobt die "zeitlos aufregende Musik"; Thom Yorke, Sänger der britischen Band Radiohead, fühlt sich, wenn er Neu!-Songs hört, als fahre er "eine brandneue Autobahn entlang"; und David Bowie hatte schon 1975, nachdem er seine erste Neu!-Platte gekauft hatte, keinen Zweifel mehr: "Die Musik der Zukunft kommt aus Deutschland."
"Krautrock" tauften Engländer durchaus höhnisch die avantgardistische Musik, die Anfang der siebziger Jahre eine junge Musikergeneration in Deutschland produzierte - Bands wie Can, Amon Düül, Kraftwerk, Faust und eben Neu!. Eine vernetzte Szene, die sich vor 30 Jahren in Deutschland dranmachte, gemeinsam die Rockmusik neu zu erfinden, wie es sich ausländische Journalisten gern mal ausmalen, hat es nie gegeben, die Bands hatten kaum etwas gemeinsam - außer ihrer Lust auf musikalische Abenteuer. "Wenn ich heute immer wieder gefragt werde", sagt Rother, "was damals so in anderen deutschen Städten wie Berlin musikalisch los war, kann ich nur antworten: keine Ahnung." "Wir hatten nie etwas mit den anderen Bands zu tun", sagt Dinger, "wir hatten ja schon als Neu! nichts miteinander zu tun."
Dinger, laut selbst verfasstem Lebenslauf ein "Total Artist", hat in den Sechzigern in Krefeld Architektur studiert, in Düsseldorf eine Werbeagentur (zumindest auf dem Papier) gehabt und Schlagzeug in verschiedenen Bands gespielt wie etwa bei Kraftwerk, wo er auf der zweiten Seite ihres Debüt-Albums trommelte. Michael Rother, in Hamburg geboren und über England und Pakistan in Düsseldorf angekommen, war damals, Anfang der Siebziger, gerade Zivildienstleistender an einem Krankenhaus, als er eingeladen wurde, auf einer Kraftwerk-Session Gitarre zu spielen.
Eine Freundschaft sei damals nicht entstanden, sagt Dinger. Das sei korrekt, sagt Rother. Aber als Musiker und Künstler waren sie durchaus voneinander beeindruckt: Dinger, der leicht wahnwitzige, aber sagenhaft präzise und erfindungsreiche Schlagzeuger (Brian Eno hält ihn für einen der drei besten Schlagzeuger der siebziger Jahre), und Rother, der eher disziplinierte, aber phantasievolle Gitarrist, mit dem sogar David Bowie zusammenarbeiten wollte.
Die drei Alben, die Neu! in den folgenden Jahren mit dem legendären Produzenten Conny Plank einspielte, überwiegend instrumentaler minimalistischer Avantgarde-Rock, klingen auch 2001 immer noch so seltsam losgelöst wie in den Siebzigern. Eine Musik, der man den Willen zum radikalen Neuanfang anhört, anstatt wie damals der Rest der Welt die Bestseller und Ikonen des Rock nachzuäffen. Dabei haben die beiden "nie groß theoretisiert, aber nachdem auch ich durch die Beatles-Schule gegangen war, hatte ich nicht das Bedürfnis, diese angelsächsische Geschichte fortzusetzen", sagt Dinger. "Ich wollte alles Gelernte über Bord werfen, um endlich eine eigene musikalische Identität zu schaffen", sagt Rother. Die Abkehr von Blues und Beat fand statt unter dem Einfluss von 68. "Das hat mich geprägt und beschäftigt", sagt Rother.
Die Neu!-Musik sei jedenfalls unter irrem Druck entstanden, sagt Dinger. Zu viel Streit, zu viel Ego, zu viel LSD. "Bestimmte Elemente unserer Musik würden ohne LSD fehlen", sagt Dinger, "und Leute wie Rother, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, sind eben ganz andere Menschen." "Ich amüsiere mich über die Anmaßung von Klaus, sich über meine Drogenerfahrungen zu äußern", sagt Rother, "das geht an der Wirklichkeit vorbei!"
Die drei Alben von Neu! verkauften sich in Deutschland anständig und wurden sogar in England wahrgenommen. Doch 1975 beendeten Dinger und Rother ihre Zweckgemeinschaft: Dinger hatte danach mit seiner neuen Band La Düsseldorf größeren kommerziellen Erfolg, Michael Rother mit Soloplatten wie "Flammende Herzen" und "Sterntaler". Neu! aber war in Deutschland schnell vergessen - und ist bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Das musste auch David Bowie feststellen, als er das Saalpublikum einer "Wetten, dass ...?"-Sendung fragte, ob sie je von Neu! gehört hätten, und kaum Resonanz erhielt. Das "Hamburger Abendblatt" erklärte die Düsseldorfer Veteranen zur "Nachwuchsband". "Je weiter man von Deutschland wegkommt", sagt Rother, "desto größer ist die Wertschätzung für diese Art von Musik aus den Siebzigern."
Mitte der Achtziger ging das Duo Dinger/Rother erstaunlicherweise doch noch mal ins Studio. Aber weil das Interesse der Musikindustrie an einer vierten Neu!-Platte bei null lag - es gab laut Rother nur "ein armseliges Angebot, das man nicht ernst nehmen konnte" -, wurde das Projekt begraben.
Wahrscheinlich waren die beiden nur ein paar Jahre zu früh dran, denn mit Beginn der neunziger Jahre hatte sich die Lage im Musikuniversum radikal verändert. Eine junge Szene von Techno- und Elektromusikern schuf nicht nur ein neues europäisches Selbstbewusstsein, sondern sorgt bis heute von Barcelona bis Helsinki für überraschend hohe Umsätze. In Deutschland sind es Bands und Musiker wie To Rococo Rot, Mouse On Mars oder Oval, die gut gelaunt das weiterführen, was die so genannten Krautrocker vor 30 Jahren begonnen haben. "Die personellen Möglichkeiten für aufregende Musik", sagt Dinger, der auch schon mit Musikern der jungen Düsseldorfer Band Kreidler zusammengearbeitet hat, "sind heute besser denn je!"
Seit 1990 wurde so auch mit den beiden immer wieder über Neuauflagen der Klassiker verhandelt. Das Ergebnis: ein wahnwitziger Streit zwischen Dinger und Rother um Geld und Eitelkeiten, eine Tragikomödie, die bis heute kein Ende gefunden hat. Währenddessen überschwemmten illegale Raubkopien den Markt oder wurden die Originale für horrende Summen auf Flohmärkten und Plattenbörsen gehandelt.
Bis dann im vergangenen Jahr der Sänger Herbert Grönemeyer einen kaum für möglich gehaltenen Waffenstillstand erreichte. Grönemeyer, der die Musik von Neu! vor einigen Jahren in dem Studio eines Londoner Fotografen erstmals hörte, überzeugte Dinger und Rother in langen Verhandlungen, ihre legendären Platten auf seinem Label Grönland ein zweites Mal zu veröffentlichen.
Und wenn es überhaupt etwas gibt, auf das sich Dinger und Rother einigen können, dann ist es ihr Respekt für Grönemeyer. "Herbert", sagt Dinger, "ist selbst Musiker, versteht unsere Sicht der Dinge und hat damit bessere Voraussetzungen als jeder Plattenmanager." "Herbert", sagt Rother, "kann zwischen uns vermitteln, weil er für Klaus und mich gleichermaßen glaubwürdig ist und weil er nicht im Verdacht steht, der einen Seite näher zu sein als der anderen."
Inzwischen hat Grönemeyer den beiden sogar ein sehr anständiges Angebot für ein neues Neu!-Album gemacht. Rother, sechster Stock, still, vorsichtig, ist interessiert, will aber erst mal abwarten, wie sich der Zwist weiterentwickelt. Dinger, achter Stock, temperamentvoll, unberechenbar, sagt: "So ein Album machen wir in vier Tagen und dann: Feierabend."
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Die Alben "Neu!", "Neu! 2" und "Neu! '75" sind bei Grönland/EMI erschienen.
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 7/2001
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