30.07.2001

Schicker kicken

Die Künstlerin Ingeborg Lüscher schickte für ihr Video „Fusion“ zwei Schweizer Profiteams in Designer-Anzügen auf den Platz - und enthüllt den wahren Charakter des Spiels.
VON MARC FISCHER
Man darf sich nicht wundern, dass man den Ball verliert, wenn man das Spiel so aufzieht wie der FC St. Gallen, so wirr, so irre: Da müsste auch mal ein langer Pass kommen - so aber landet der Ball direkt vor den Füßen der Abwehr der Grasshoppers aus Zürich, die ihn schnell weiterleitet an ihren Stürmerstar Stéphane Chapuisat, der zu einem Sprint ansetzt - bis ihn St. Gallens Marco Walker wieder nur durch Anzugreißen und Krawattenziehen stoppen kann. Freistoß, klar, und eigentlich könnte der Schiri jetzt auch mal die Gelbe rausholen, ist ja nicht das erste Mal, dass Walker die Sache so regelt.
Anzug? Krawatte?
Dass sich Fußballer schick machen vor und nach dem Spiel, kommt häufiger vor - dass sie aber während eines Spiels in Maßanzügen der italienischen Modefirma Trussardi herumrennen statt in Trikots und kurzen Hosen, ist eher selten. Was also ist hier geschehen, auf dem Rasen des Fußballstadions in Winterthur? Warum sehen wir auf einmal den Kicker als Dandy zurechtgemacht - ist das die endgültige Professionalisierung des Sports? Trägt der FC Bayern demnächst Gucci-Loafers statt Stollenschuhe?
Es ist kein echtes Spiel, das wir in "Fusion" zu sehen bekommen, dem 15-minütigen Video der in Berlin aufgewachsenen Künstlerin Ingeborg Lüscher. Zwar sind die Spieler der beiden Schweizer Erstligisten-Teams aus Zürich und St. Gallen allesamt Profis, zwar pfeift der Fifa-Schiedsrichter Urs Meier das Match, und Beni Thurnheer, Moderator der Schweizer Sportsendung "Sportpanorama", kommentiert wie bei einem Meisterschaftsfinale - doch beim Spiel selbst, das Ende Oktober vergangenen Jahres stattfand, ging es nicht um Pokal, Abstieg oder Champions League, nicht um die wirklich ernsten Dinge also: Es ging nur darum, mal zu sehen, was passiert, wenn man Fußballer in Anzüge steckt, sie spielen lässt und das Ganze mit zehn Kameras filmt.
Es muss vorausgeschickt werden, dass Lüscher, 65, keine Ahnung vom Fußball hat: Im Tessin, wo die Künstlerin seit über 30 Jahren lebt, reden die Leute - wenn sie reden - eher über das Wetter, die Blumen oder die vielen Touristen, die im Sommer an den Lago Maggiore strömen. Lüscher weiß nicht, wer bei Hertha BSC im Sturm spielt; Zinedine Zidane könnte für sie genauso gut ein neues Parfum sein; und beim "Wunder von Bern" denkt Lüscher nicht an den WM-Sieg der Deutschen 1954, sondern eher an den Geburtsort ihres Ehemannes Harald Szeemann, Direktor der venezianischen Kunst-Biennale, wo das Video unter großem Beifall auch zu sehen war.
Wie viele Frauen (und Künstler) hielt Lüscher den Fußball also für eine Zeitverschwendung, bis sie vor knapp zwei Jahren mal zufällig die Übertragung eines Spiels im Fernsehen sah - und das, was passiert, wenn ein Tor fällt: Den Jubel des Schützen und seiner Mannschaft und den Schmerz des Torwarts - das also, was die meisten Männer schon kennen und was Sportreporter eben "die Emotionen des Fußballs" nennen. Auf einmal, so Lüscher, habe sie die "Shakespeareschen Dimensionen des Spiels" entdeckt - "die Leidenschaft, den Kampf". Als Lüscher etwas länger hinsah, entdeckte sie noch eine Dimension, nämlich "die große Ähnlichkeit des Spiels und seiner Rituale mit der heutigen Wirtschaft".
Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Ausdauer, Siegeswillen, Disziplin und Härte - die Qualitäten, die im Fußball zählen, zählen genauso in der Geschäftswelt. Manager und Spieler sind ihre eigene Firma, müssen aber auch im Team zurechtkommen, sind also Star und Sklave zugleich; und der abgeschlossene Vertrag eines Managers über einen Millionendeal unterscheidet sich vom Siegestor des Spielers nur dadurch, dass ein Ball schwerer zu zerreißen ist.
So also kamen die Fußballer zu ihren Anzügen.
Zweimal 25 Minuten spielten die Teams an diesem Tag, und sie taten, was sie immer tun: passen, rempeln, grätschen, köpfen, kicken und sprinten, während Lüscher aufgeregt am Spielfeldrand stand, immer noch völlig fassungslos darüber, dass Vereinspräsidenten, Trainer und Manager zugestimmt hatten und nach der Absage der Modefirma Armani, die ihre Anzüge vielleicht nicht mit Grasflecken beschmutzen lassen wollte, eben Trussardi als Sponsor einsprang. Die Grasshoppers trugen Grau, die St. Gallener Dunkelblau, und nachdem sich die Spieler anfangs noch etwas ungelenk bewegten wie Kinder, die man in Zwangsjacken gesteckt hat, schonten sie die Anzüge im Verlauf des Spiels immer weniger - Ärmel wurden abgerissen, Krawatten gezogen, und manchmal mussten auch Knöpfe und Revers dran glauben: Die Jungs nahmen ihren Job ernst, auch wenn ihnen die Trainer natürlich verboten hatten, sich so hart für die Kunst einzusetzen, dass sie sich verletzten.
Um den Vergleich mit der Wirtschaft zu betonen, hat Lüscher ein paar Szenen in das Spiel geschnitten, in denen sich die Kicker auch mal ein Handy zuspielen oder ein Laptop ins Tor fliegt, dazu läuft im Hintergrund eine Rede zur Lage der Weltfinanzen von George W. Bush - das wäre gar nicht nötig gewesen, denn die Reibung und die Bilder, die sich aus dem Kicken und den Anzügen ergeben, sagen schon genug: Manchmal wirken die Spieler wie eine Gruppe Banker, die nach einem gelungenen Aktientransfer im Champagner-Rausch auf irgendeinen Rasen stürmen, um wieder ein bisschen von dem Spaß zu haben, den sie früher auf dem Bolzplatz hatten; mal haben sie etwas von einem Haufen tobender Glamour-Jungs, die sich untereinander vergnügen, weil ihnen das Geplapper ihrer Model-Freundinnen auf die Nerven geht; und manchmal erinnert eine Zeitlupe zweier nach dem Ball jagender Spieler mit Schweißflecken auf den Hemden an die großformatigen Zeichnungen von miteinander kämpfenden Geschäftsmännern, die der amerikanische Künstler Robert Longo Anfang der Achtziger herstellte.
Es ist also alles drin, was die Welt des Fußballs von heute ausmacht: Geld, Sex, Ruhm, Kampf und Arbeit.
Fast immer aber ist den Profis der Spaß anzumerken, mit dem sie die Anzüge umdeuten und ihnen die Steifheit nehmen - auf dem Rasen wird die Business-Uniform zum Strampelanzug: Die Spieler ironisieren sich selbst in ihrer Rolle als Unternehmer.
Und dass sie keinesfalls so satt sind, wie immer behauptet wird, beweist die Tatsache, dass beide Mannschaften nur zu dem Spiel bereit waren, weil sie die Anzüge danach behalten durften und noch ein paar Trussardi-Pullover dazu bekamen, selbstverständlich auch für die Jungs auf der Reservebank.
Es ist lustig, dass Lüscher, die Fußballnaive, trotz ihres Hinweises auf die Geschäftswelt in ihrem Video "Fusion" den wahren Charakter des Spiels zeigt: Dass die Seele des Fußballs trotz der Markenkriege zwischen Nike und Adidas, trotz des Riesengeschäfts mit Zidane, Figo und Beckham und allem WM-Gemauschel, nicht zu zerstören ist, weil ja auch der Vertragsmillionär irgendwann halb nackt auf dem Feld steht und seine Kunst vorführen muss - mit dem Ernst und der Liebe zum Spiel, die er früher als Kind hatte, so wie Nietzsche das von jedem Mann forderte.
Hübsch wäre es, wenn Lüscher nun mal den Umkehrschluss ausprobieren und echte Manager, Werber und Banker an der Börse und in ihren Konferenzräumen in kurze Hosen und Trikots stecken würde, mit den jeweiligen Firmenlogos auf dem Rücken. Vielleicht würden die Banker ja mit Euroscheinen um sich werfen und ihre Budapester-Schuhe zu Frisbees umfunktionieren?
Das Spiel fürs Video endete 3:2 - nur für wen, das wurde nicht ganz klar, weil die Spieler von Team zu Team wechselten und irgendwann auch Schieds- und Linienrichter mitspielten. "Ein ähnliches Personal-Durcheinander wie bei den multinationalen Konzernen", sagt Lüscher.
Ende Mai spielten dieselben Mannschaften tatsächlich im Kampf um die Schweizer Fußballmeisterschaft. Ohne Anzüge gewannen die Grasshoppers mit 4:0 und wurden Meister. Fußball ist oft doch härter als alle Kunst, alle Wirtschaft und alles Leben. Aber das ist eigentlich keine große Überraschung.
Von MARC FISCHER

KulturSPIEGEL 8/2001
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