30.07.2001

MusikNEUE CDS

JAZZ
UNGEBROCHEN: "Als Clark Terry zu mir sagte, dass ich Scheiß spiele, Mann, das nahm ich ernst", schrieb Miles Davis in seinen Memoiren. Der selbstbewusste Jazzprinz hat keinen Trompeter so verehrt wie den Freund und Kollegen aus St. Louis. Terry glänzte in den Orchestern von Count Basie und Duke Ellington. Als er im Mai 1998 mit der SWR Big Band in Stuttgart auftrat, musste sich der inzwischen 77-Jährige auf einem Hocker niederlassen. Aber Terrys Spiel auf der Trompete und dem Flügelhorn klingt ungebrochen kraftvoll. SWR Big Band: "Clark Terry" (Faszination Musik/Naxos)
MALERISCH: Ihre Komposition "Jimmy's Walk" widmet Barbara Dennerlein dem Stammvater aller Hammond-Organisten; und wie Jimmy Smith lässt sie den Rhythmus wie ein Uhrwerk laufen. Auf anderen Titeln ihrer neuen CD dagegen wechselt sie die Taktarten und Tempi und erzeugt mit Synthesizern ungewohnte Sound-Effekte. Unterstützt wird die deutsche Jazzlady von dem argentinischen Perkussionisten Daniel Messina. Barbara Dennerlein: "Love Letters" (Bebab/BMG)
REIZVOLL: Von der tödlichen Aids-Seuche und vom Baby Rosita, das während der großen Überschwemmung auf einem Baum geboren wurde, erzählt die Gruppe Mabulu aus Mosambik. Sie verbindet einheimische Folklore mit südafrikanischer Kwela-Musik und HipHop. Der Saxophonist Moreira Chonguiça belebt die reizvolle Melange mit flüssigen Jazzimprovisationen. Mabulu: "Soul Marrabenta" (Riverboat/TIS)
GLÄNZEND: Als "neuen vokalen Stern am Firmament" feiert das Fachblatt "Jazz Podium" Anne Ducros. Der Geiger und Trompeter Didier Lockwood stellt die junge Sängerin in seiner Serie unbekannter Talente vor. Begleitet wird die glänzend swingende Französin außerdem von Gordon Beck (Piano), Sal La Rocca (Bass) und Bruno Castellucci (Drums). Anne Ducros: "Purple Songs" (Dreyfus Jazz/Edel Contraire)
KLASSIK RADIKAL: Als der Franzose Edgard Varèse 1915 in die USA übersiedelte, war er fasziniert von den Geräuschen in New York. Da der Komponist ein genialer Klangtüftler war, hat er seine Eindrücke in dem Werk "Amériques" klang- und phantasievoll ausgedrückt. Im groß besetzten Orchester spielen unter anderem 9 Schlagzeuger auf 27 Instrumenten. Pierre Boulez, Altmeister der Neuen Musik, musiziert mit dem Chicago Symphony Orchestra auch Varèses "Arcana", "Déserts" und "Ionisation". "Boulez conducts Varèse" (Deutsche Grammophon 471137-2)
ERSTAUNLICH: Als Europäer im 18. Jahrhundert in die USA einwanderten, gab es dort keine Könige oder Fürsten, die sich eine Hofkapelle leisteten. Entsprechend klein war die E-Musik-Szene. Doch unter den Einwanderern waren viele Musiker, die an der Ostküste ihre Tonkunst verbreiteten. Der vielfach ausgezeichnete französische Cembalist Olivier Baumont hat nun Werke eingespielt, die während der Aufklärung in der Neuen Welt entstanden und in der Alten Welt nahezu unbekannt geblieben sind. Die virtuose Sonate in D-Dur eines Mr. Newman etwa, über den die Forscher fast nichts wissen. Oder die Variationen über die Melodie "Yankee Doodle" von James Hewitt. Diese Cembalowerke sind keine Kuriositäten, sondern hervorragende Kompositionen. Olivier Baumont: "The Enlightenment in the New World" (Erato 8573-85800-2). Erscheint am 20.8.
TRICKREICH: Wenn ein Hornist mit der halb geöffneten Hand in den Schalltrichter seines Naturhorns greift, kann er einzelne Naturtöne "drücken" und so viele neue Töne gewinnen. Ludwig van Beethoven kannte dieses "Stopfen" und setzte die Technik in der Sonate für Horn und Pianoforte opus 17 virtuos um. Thomas Müller bläst dieses anspruchsvolle Stück mit schönem Ton und schlanker Phrasierung. Edoardo Torbianelli begleitet ihn dabei kongenial auf dem Hammerklavier. Die beiden überzeugen auch mit Sonaten von Ferdinand Ries und Franz Danzi. Thomas Müller: "Beethoven, Danzi" (Harmonia Mundi France HMC 905250)
POP
MODERN: Vor 20 Jahren galten Human League als modern, weil sie Elektro-Pop-Melodien wie "Don't You Want Me" programmierten. Bald schon galt für die meisten Größen der achtziger Jahre Sippenhaft. Nun, da hippe Nachwuchsbands Loblieder auf sie anstimmen, meldet sich das Trio nach langer Pause mit einem neuen Album zurück, das so auch vor 20 Jahren hätte erscheinen können. Human League: "Secrets" (Roadrunner/Edel)
EXPLOSIV: Von der Comic-Serie "Josie and the Pussycats" hat hier zu Lande kaum einer gehört, und der darauf basierende Hollywood-Film ist trotz Starbesetzung gerade abgeschmiert. Der Soundtrack zu den fiktiven Abenteuern einer Rock'n'Roll-Girl-Group ist trotzdem Klasse. Profis wie Matthew Sweet und der hoch begabte Adam Schlesinger haben den Film mit einem Satz explosiver Mitpfeiffmelodien versorgt, die selbst die Ramones umgehauen hätten. Josie and the Pussycats: "Music From the Motion Picture" (Epic/Sony). Erscheint am 20.8.
VERSCHOLLEN: Der Sohn des Bluesmusikers Johnny Otis stand 1959 im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal im Studio, spielte später mit Zappa und gab den Rolling Stones einen Korb. Stattdessen nahm er Anfang der siebziger Jahre zwei sensationelle Soulalben auf, die fast alles ausstechen, was in diesem Genre auch heute noch als jung und modern gehandelt wird. David Byrne hat für die Wiederveröffentlichung gesorgt. Shuggie Otis: "Inspiration Information" (Virgin)
VERSCHWÄGERT: Über den Madonna-Hit "Don't Tell Me" wird sich auch ihr Schwager Joe Henry sehr gefreut haben - schließlich hat der Ehemann von Madonna-Schwester Melanie Ciccone den Song mit geschrieben. Seit einer Ewigkeit schon produziert Henry aufwendige Singer-Songwriter-Platten. Für sein neues Werk hat er sich Gäste wie die Jazzer Ornette Coleman und Brad Mehldau eingeladen. Ob's ein Hit wird, kann ihm, Madonna sei dank, egal sein. Joe Henry: "Scar" (Edel)

KulturSPIEGEL 8/2001
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