27.08.2001

„Worte sind Waffen - und Männer wissen das sehr genau“

Auf ihrem neuen Album „Strange Little Girls“ covert die US-Sängerin Tori Amos berühmte Songs von Männern über Frauen. Ein Gespräch über den Krieg der Geschlechter und die Vormacht der Männer - im Rock'n'Roll und auch sonst.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH
kulturSPIEGEL: Ms Amos, wollten Sie jemals ein Mann sein?
Amos: In meiner Jugend. Erst Jimi Hendrix, dann Jimmy Page. Beide spielen Gitarren und waren für mich die totale Verkörperung der Coolness - begabt, gefährlich, sagenhaft sexy. Aber dann besorgte ich mir selbst eine Gitarre. Danach wollte ich nie wieder jemand anderes sein.
kulturSPIEGEL: Ist Rock'n'Roll eine maskuline Kunstform?
Amos: Das steht ja wohl außer Frage. Der Mann dominiert den Rock'n'Roll.
kulturSPIEGEL: Für Ihr neues Album "Strange Little Girls" haben Sie zwölf berühmte Songs, die Männer wie Neil Young, Tom Waits oder Eminem über Frauen geschrieben haben, neu aufgenommen. Warum?
Amos: Ich wollte herausfinden, wie Männer Frauen sehen und was sie über ihre Beziehungen zu Frauen denken. Ich habe versucht, mich in die besungenen weiblichen Charaktere hineinzuversetzen und die Texte aus ihrer Perspektive zu betrachten. Aber damit wir uns richtig verstehen: Das habe ich nicht aus Frust oder Wut heraus getan. Ich will niemanden anklagen, das wäre billig. Mich trieb allein die Faszination.
kulturSPIEGEL: Wie nähert man sich einem fiktionalen Charakter?
Amos: Ich habe mir Gedanken über diese Frauen gemacht: Wo kommen sie her? Was macht ihnen Spaß? Was denken sie? Am Ende war das Bild von diesen Frauen sehr konkret: Ich konnte mir sogar vorstellen, wie sie aussehen, und habe mich für das Booklet in den verschiedenen Rollen fotografieren lassen.
kulturSPIEGEL: Singen Sie die Originaltexte?
Amos: Ich habe nur hier und da mal ein paar Wörter weggelassen, mehr nicht. Die Originale sind aussagekräftig genug.
kulturSPIEGEL: Nach welchen Kriterien haben Sie die Songs ausgewählt?
Amos: Es sollten Songs sein, die Geschichten über Frauen erzählen. Und wenn ich ein Gefühl für diese Frauen hatte, nahm ich die Fährte nach diesem Menschen auf.
kulturSPIEGEL: Kann man als Frau verstehen, was Männer über Frauen singen?
Amos: Ich hatte ein männliches Kontroll-Team, das mir immer wieder erklären musste, was ihnen bestimmte Songs oder Zeilen bedeuten.
kulturSPIEGEL: Frauen haben Sie nicht konsultiert?
Amos: Doch, aber glauben Sie nicht, dass es so was wie eine feminine Einigkeit gibt. Der Satz, der wohl am häufigsten fiel, war: "Findest du? Ich glaube, das hast du komplett missverstanden ..." Egal. Was am Ende übrig blieb, waren Songs, die für mich moderne Mythen repräsentieren.
kulturSPIEGEL: Könnte es sein, dass Sie die Macht von Songtexten überschätzen?
Amos: Nein. Worte können verletzen, sie können heilen. Ihre Macht wird unterschätzt. Immer wieder höre ich: Ach, das sind doch nur Worte, das ist alles nicht so gemeint. Aber Worte sind Waffen. Und Männer wissen das sehr genau. Sie schreiben, was sie wollen, aber sie übernehmen nur selten dafür die Verantwortung.
kulturSPIEGEL: Welche Texte ärgern Sie?
Amos: Ich mag es nicht, wenn jemand versucht, mit rüden und kontroversen Texten eine schnelle Mark zu machen, um dann später zu behaupten: Hey, war doch nicht so gemeint. Das ist verlogen, jämmerlich und schwach, und damit habe ich wirklich ein Problem.
kulturSPIEGEL: Warum haben Sie den Song "97' Bonnie & Clyde" des Skandal-Rappers Eminem für Ihr Album ausgewählt, in dem der Erzähler seine von ihm ermordete Frau in einem See versenkt?
Amos: Auf keinen Fall, um Journalisten den Gefallen zu tun, Eminem anzuprangern. Das Lied hat mich eher als Phänomen beeindruckt. Erschreckender als den Text finde ich, dass überall auf der Welt Menschen zu solchen Worten tanzen.
kulturSPIEGEL: Ihre Erklärung?
Amos: Ich habe oft gehört, dass Männer sagen: Hey, Eminem ist irre, aber auch sehr lustig - die Schlampe hat ihm halt arg zugesetzt, kein Wunder, dass er da mal ausrastet.
kulturSPIEGEL: Und das ist typisch männlich?
Amos: Das habe ich nicht gesagt. Einige männliche Musiker haben sich geweigert, diesen Song mit mir aufzunehmen. Ich sagte nur, Jungs, kein Problem, beruhigt euch, ich rufe wieder an, wenn Neil Young dran ist.
kulturSPIEGEL: Und warum mussten Sie das Lied nun aufnehmen?
Amos: Es ist ein gutes Beispiel für die Verharmlosung der Gewalt in den Familien. Mein Vater, ein Priester, hat gerade an einer Konferenz teilgenommen, auf der eine Uno-Studie vorgestellt wurde, laut der weltweit jede Minute eine Frau misshandelt wird. Das ist doch grauenhaft. An dem Eminem-Song hat mich die Figur dieser misshandelten Frau interessiert. Was war sie für ein Typ? Wer waren ihre Freundinnen? Wie hat sie sich gefühlt?
kulturSPIEGEL: War es schmerzhaft, in die Charaktere zu schlüpfen?
Amos: Im Falle Eminem ja. Auf der Suche nach all diesen Figuren habe ich aber vor allem eine Menge über mich herausgefunden.
kulturSPIEGEL: Herrscht Krieg zwischen Männern und Frauen?
Amos: Ich sehe das eher als ein großes Pingpongspiel der Geschlechter. Aber dass wir uns hier richtig verstehen, Pingpong kann man sehr brutal spielen. Man kann die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auch wie ein Schachspiel betrachten, in dem den einzelnen Figuren immer wieder neue Positionen und Bedeutungen zukommen. Genau darum muss es Frauen heute gehen: Sie müssen bestimmte Machtpositionen immer wieder in Frage stellen. Wenn es etwas gibt, das diese Platte zusammenhält, sind es die diversen Konstellationen der Macht. Nur in Hollywood bleibt es immer dasselbe. Da ist es Gesetz, dass alte Knaben wie Sean Connery mit jungen Frauen wie Catherine Zeta-Jones ins Bett steigen. Aber einen jungen Beau wie Billy Crudup möchte niemand beim Sex mit Meryl Streep sehen.
kulturSPIEGEL: Aber Hollywood produziert doch nur Märchen ...
Amos: ... die erschreckend viele Menschen mit dem wahren Leben verwechseln. Männer sind sich ihrer nur sicher, wenn sie Macht haben - zum Beispiel als Ernährer, der das Geld nach Hause bringt. Mit einer Frau, die Karriere macht, halten es die wenigsten aus. Ich habe viele Beziehungen erlebt, die zerbrachen, weil die Frau schneller aufstieg als der Mann.
kulturSPIEGEL: Glauben Sie, dass ein Backlash stattgefunden hat? Junge Rock- und HipHop-Gruppen präsentieren sich in sexistischen Videos, die Porno-Industrie boomt.
Amos: Natürlich. Aber um ehrlich zu sein: Gute Pornografie und Erotika stören mich nicht im Geringsten.
kulturSPIEGEL: Was ist gute Pornografie?
Amos: Wenn ich darin Sinnlichkeit und Leidenschaft erkennen kann. Es passt zu unserer Zeit, dass Brutalität in diesem Genre immer populärer wird. Vergewaltigungen zu glorifizieren - das ist doch grauenhaft. Man sollte einen leeren Magen haben, wenn man sich solche Machwerke anschaut. Ich weiß, wovon ich spreche.
kulturSPIEGEL: Die Menschen haben sich schon immer an abseitigen Dingen erfreuen können. Sind es nicht die modernen Medien, die heutzutage nur für mehr Transparenz sorgen?
Amos: Ich glaube schon, dass die Nachfrage nach harter Pornografie in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Brutalität ist nur ein weiteres Produkt, das gerade en vogue ist. Und sie wird von der breiten Masse als normal rezipiert - sie konsumieren Pornografie wie das tägliche Brot.
kulturSPIEGEL: Aber die harten Zeiten haben auch harte Frauen hervorgebracht. Eine globale Entertainerin wie Madonna mit scheinbar grenzenloser Macht und unendlichem Selbstbewusstsein wäre vor 20 Jahren kaum vorstellbar gewesen.
Amos: Nein, das glaube ich auch nicht. Aber es hat immer Ausnahmefrauen gegeben, geändert hat sich jedoch nichts. Wussten Sie, dass die Radiostationen in den USA fast nur Musik von Männern spielen? Frauen sind da generell auf der schwarzen Liste.
kulturSPIEGEL: Entschuldigung, aber das klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie.
Amos: Ich kann Ihnen jederzeit Redakteure nennen, die das bestätigen.
kulturSPIEGEL: Aber warum sollten die Radiostationen das tun?
Amos: Weil Frauen aus diesem Männerrevier Rock'n'Roll ausgesperrt werden sollen. Darum. Madonna an der Spitze der Popmusik ist ja toll, aber was sich an der Basis an Boykotten und Diskriminierungen abspielt, ist fürchterlich.
kulturSPIEGEL: Hat Ihre Karriere auch darunter gelitten?
Amos: Ich kann mich nicht beklagen. Ich bin so lange dabei, dass ich eine treue Fangemeinde habe. Mir geht es gut, weil ich unabhängig vom Radio und anderen Medien bin.
kulturSPIEGEL: Werden einige der Charaktere, die Sie in diesen fremden Liedern aufgespürt haben, in Ihren eigenen weiterleben?
Amos: Ich habe diese Frauen ausfindig gemacht, aber deshalb habe ich noch keine Kontrolle über sie. Ich bin selbst gespannt, ob sie auf meinen nächsten Platten auftauchen.
Zwölf Songs, die Männer über Frauen geschrieben haben, hat Tori Amos, 38, für ihr Album "Strange Little Girls" (Eastwest, ab 17.9. im Handel) neu aufgenommen. Klassiker wie Neil Youngs "Heart of Gold", 10 CCs "I'm Not In Love", "Happiness Is A Warm Gun" von den Beatles sowie jüngere Hits wie Depeche Modes "Enjoy the Silence" und Eminems "97' Bonnie & Clyde". Die Texte blieben unverändert, die Musik ist neu arrangiert: TripHop, Walzer, Balladen.
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 9/2001
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