27.08.2001

MusikNils Landgren

Er spielte einen Mörder im Fernsehen und tanzte im Musical. Jetzt leitet der Mann mit der roten Posaune das Berliner JazzFest.
Wenn Schweden als schwermütig gelten, verkörpert er den Prototyp des Anti-Schweden. Zwar kann Nils Landgren auch die traurigen Volkslieder seiner Heimat mit zu Tränen rührender Innigkeit spielen - etwa im Duo mit dem Pianisten Esbjörn Svensson. Aber richtig zu Hause fühlt sich der 45-Jährige eher in seiner Funk Unit: einer groovenden Truppe, die junge Leute zu Tanz-Ekstasen animiert und die auch von ergrauten Jazz-Snobs ernst genommen wird.
Denn zu modischen Rap- und Synthesizer-Sounds überraschen Landgrens Funk-Musikanten mit zeitlos mitreißenden Improvisationen. Die vitalsten Soli kommen aus der metallicrot lackierten Posaune des Chefs. Der hatte in den achtziger Jahren die Firma Yamaha um ein solches Instrument gebeten, weil er sich von allen Posaunisten der Welt unterscheiden wollte. Landgren erhielt sein Unikat, und heute steht die Einmaligkeit von "Mr. Red Horn" außer Frage: Welcher Musiker hat schon in einem Fernsehdrama einen Auftragskiller gespielt, die Erkennungsmelodie für die TV-Nachrichten komponiert oder in einem Musical als Tänzer mitgewirkt? Und Landgrens Posaune ist inzwischen nach eigener Schätzung auf mindestens 500 Platten zu hören - mit Weltstars wie Abba, Randy Crawford, den Crusaders oder Herbie Hancock. "Ich bin", sagt er, "für alle Arten von Musik offen."
Nach dem Musikstudium in Stockholm engagierte ihn der US-Trompeter Thad Jones für seine Band. Eine Zeit lang mischte Landgren in der Free-Jazz-Szene der Niederlande mit. "Da bin ich abgehauen, weil es zu strenge Regeln gab", sagt er, "wer mal 'ne Melodie spielte, machte sich unbeliebt." In drei Jahren bei der NDR Bigband konnte der Schwede seine Funk Unit weiterführen - Hamburg wurde zu seiner zweiten Heimat.
Als Sohn einer Pastoren-Sippe hörte Landgren von Kindesbeinen an Kirchenmusik - und Jazz: Sein 84-jähriger Vater bläst bis heute in einer Dixieland-Band Kornett. Nils entdeckte die Posaune, als er 13 war: "Da habe ich sofort gespürt, dass ich dabei bleiben würde." Inzwischen spielt er zudem Flügelhorn. Und die "Frankfurter Allgemeine" bescheinigt ihm "auch als Sänger hypnotischen Charme". Seine leicht gebrochene Stimme erinnert an Chet Baker. Landgrens Kompetenz als Musiker und seine unkomplizierte Art prädestinieren ihn für eine neue Aufgabe: Er übernahm - als Nachfolger von Albert Mangelsdorff - die künstlerische Leitung des traditionsreichen Berliner JazzFestes im November. Unter dem Titel "Round about Nils Landgren" bekommt der vielseitige Schwede vor Berlin noch sein eigenes Drei-Tage-Festival in Hamburg. Hans Hielscher
CD: "Fonk da World" (Act/Edel Contraire), erscheint am 24.9. Festival in Hamburg (s. Seite 37).

KulturSPIEGEL 9/2001
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