24.09.2001

Jenny Erpenbeck

Die Ost-Berlinerin mag Opern und neue Literatur. Beides bedingt einander, findet sie und schreibt am liebsten über die Lüge.
Es sind klassische Opern und Musicals, mit denen sie sich auskennt. Vier Jahre lang hat sie gelernt, wie man sie auf der Bühne in Szene setzt; heute verdient sie ihr Geld damit. "Eine Herausforderung", sagt Jenny Erpenbeck, erfolgreiche Musiktheaterregisseurin in Graz und Berlin, sei "diese völlig verrückte Idee, dass Figuren nicht miteinander sprechen, sondern singen. Dass immer dann die Musik einsetzt, wenn sie am tiefsten berührt sind - als ob Sprechen allein nicht genüge".
Nun sind es aber auch die Worte, mit denen sie sich auskennt. In den Geschichten von Jenny Erpenbeck, Autorin des hoch gelobten Debütromans "Geschichte vom alten Kind" (1999), sperren sich die Töne, Stimmungen und Bilder gegen die Wirklichkeit. "Meine Figuren verschweigen viel, während sie sprechen", sagt sie. "Ich beschreibe die Wände - nicht den Raum, in dem sie sich befinden." Den Raum ausschreiben solle der Leser.
Jenny Erpenbeck, 34-jährige Regisseurin und Autorin aus Ost-Berlin, will sich nicht entscheiden zwischen ihrem Schreiben und der Musik. Beides bedinge einander. Eine "Luxusinszenierung pro Jahr" aber wünsche sie sich dennoch, später einmal, und der Rest solle Schreiben sein. Ihr anhaltender Erfolg, könnte man meinen, wird es wohl möglich machen.
Die Lüge ist Erpenbecks liebstes Thema. Und der Versuch zu beschreiben, wie es sich mit den Brüchen in der Biografie leben lässt. So war es im ersten Roman. Und so ist es jetzt wieder, in Erpenbecks neuem Erzählungsband "Tand". "Sibirien", eine ihrer wundersam melancholisch und sprachlich virtuosen Geschichten daraus, wurde gerade in Klagenfurt mit dem "Preis der Jury" ausgezeichnet.
Sie hätten alles versucht, sagte Erpenbecks Großmutter, Hedda Zinner, eine bekannte DDR-Schriftstellerin, aber es sei zu wenig gewesen. Sie sagte diesen Satz nach der Wende, als kaum noch jemand etwas auf ihre Stimme gab, als ihr Verlag dicht- machen musste, und sie begann, verrückt zu werden darüber.
Die Enkelin, die ihren Weg zur Literatur wohl auch über die Musik suchte, weil schon Großvater, Vater und Mutter Wortkünstler sind, musste diesen Satz sehr weit wegrücken von sich. Weil er ihr so nahe ging. Sie erfindet eine Geschichte, die ausloten will, wie viele Deckmäntelchen, wie viele Schichten aus Lügen sich jemand zulegen kann und ob sich darunter noch ein Kern verbirgt. Und sie schreibt von einer Frau, die die Geliebte ihres Mannes an den Haaren aus dem Haus zerrt und nicht einsehen kann, dass Gewalt keine Lösung ist. Den Vorwurf einiger Kritiker, "Sibirien" sei eine perfekt gebaute, leidenschaftlose Häkelarbeit, findet Jenny Erpenbeck einfach nur dumm. Fiona Ehlers
"Tand". Eichborn Verlag, Frankfurt/ M.; 120 Seiten; 32 Mark.

KulturSPIEGEL 10/2001
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